02.09.1985

PRESSESagen wir, 40 Millionen

Eduard Rhein, einst gefeierter Autor vielgelesener „Hörzu“-Romane, hat späten Ärger mit seinen Ghostwritern. *
Er war ein "König der Chefredakteure", der "größte Auflagenmacher der Pressegeschichte", "diabolisch-genial" - schon zu Lebzeiten eine Legende für Festredner und Biographen. In knapp zwei Jahrzehnten, von 1946 bis 1965, machte er als Redaktionschef Axel Springers "Hörzu" (mit damals rund vier, heute 3,3 Millionen Auflage) zur größten Programmzeitschrift Europas: der Journalist, Schriftsteller und Erfinder Eduard Rhein.
Mecki, den Redaktionsigel der Fernsehzeitschrift, hätschelte er als Maskottchen, das ganz Deutschland kannte. Und die sensationell erfolgreichen "Hörzu"-Romane der Nachkriegszeit, veröffentlicht unter den Autorennamen Hans Ulrich Horster, Klaus Hellmer und Adrian Hülsen, habe der erfolgreiche Blattmacher, wie Fernseh-Unterhalter Werner Baecker vor Jahren enthüllte, in Wahrheit selber verfaßt.
Als der Gefeierte, dekoriert mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern, in diesen Tagen 85 wurde, gab es beim Geburtstagsempfang in Hamburg, in Interviews und zwei ausgiebigen TV-Sendungen das übliche Schwelgen in Rhein-Kultur: Toasts auf den frühen Ruhm des populärwissenschaftlichen Autors ("Wunder der Wellen"), auf seine Kampagnen gegen Schleichwerbung im Fernsehen (ein von ihm propagiertes Wort) und die millionenträchtige Idee, die Rillen auf den Schallplatten dichter zu pressen - der technische Durchbruch für die Langspielplatte.
Ben Witter, an dessen Seite die Prominenten spazieren, sprach für die "Zeit" mit dem "Mann, der Springer reich machte". Und der Jubilar, selbst Multimillionär, wendete die Story vom Rhein-Gold ("Durch mich hat Axel Springer Milliarden gemacht") gekonnt ins Tragische. Rhein: "Weshalb ich 1965 gehen mußte? Das weiß ich bis heute nicht ... In dem Verlag darf keiner zu groß werden."
Eduard Rhein war in der Branche ein Großer und, nach eigener Einschätzung, ein großer Schreiber dazu. "Da ich keine Romanschreiber fand", gab er Ben Witter zu seinem Geburtstag zum besten, "schrieb ich die Romane selbst" - "Ein Herz spielt falsch", "Suchkind 312", "Eheinstitut Aurora" und acht bis neun andere. Gesamtauflage: "Sagen wir, 40 Millionen."
Alles hätte so bleiben können. Eduard Rhein wäre das ewig unumstrittene Multitalent ("Jedes Jahr schrieb ich ein Mecki-Buch") - hätte nur der Hamburger Informationsdienst "Text intern" nicht die famose Idee gehabt, ein ganzes "Text-intern-Festival für Eduard Rhein" zu veranstalten, eine von früheren Rhein-Mitarbeitern bestrittene Erinnerungsserie unter dem Motto "Eine Legende wird 85".
Was da als Plauderei begann, in aller Ehrerbietung für den alten Chef mit seiner unentwegt "dynamischen Wirkung", wurde zu der Enthüllung seines Berufslebens, trübte die Festfreude des Jubilars, der, wie Springer-Biograph Hans Dieter Müller schon vor gut anderthalb Jahrzehnten verriet, "emotionell exponiert und schwierig, kein beliebter Chefredakteur" war.
Rheins einstige Adepten, darunter mittlerweile ausgediente Chefredakteure der Zeitschriften "Petra" und "Neue Revue", machten öffentlich, warum: Eduard Rhein war demnach ein Könner und kleinlicher Despot zugleich, der - so die Darstellung seiner Leute - unter falschen Absendern schmissige Leserbriefe für sein Blatt erdichtete, die Namen ihm mißliebiger Funk- und Fernsehmitarbeiter im "Hörzu"-Programmteil absichtlich verunstaltete (etwa Fernsehkoch Clemens Wilmenrod als "Wilmenrotz") und ein Horoskop manipulierte, um seine sternengläubige Haushälterin von der geplanten Kündigung abzubringen: "Auf keinen Fall sollten Sie jetzt Ihren Arbeitsplatz wechseln."
Vor allem aber, berichteten die ehemaligen Kollegen, habe er seine "Hörzu"-Mitarbeiter ausgenutzt, um sich die Rhein-Romane von anderen schreiben zu lassen.
Einer von ihnen, Bernhard ("Ben") Löschenkohl, habe dem "Überdruck" der allwöchentlichen "elenden Schinderei" nicht standgehalten und sei, wie sich Ex-"Petra"-Chefredakteur Wolfgang Huwe erinnert, immer wieder auf tagelangen Kneipentouren ausgebüxt. "Das waren schwere Zeiten für Eduard Rhein", bedauert Huwe süffisant, denn ohne Löschenkohl sei "Hans Ulrich Horster", so das erste der Rhein-Pseudonyme, aufgeschmissen gewesen.
Kollegen mußten den zechenden Ghostwriter mühsam zur "Rückkehr an die Schreibmaschine überreden" (Huwe), damit die von Rhein vorgegebene Romanidee mit "Liebesleid und Liebesfreud" ihren Fortgang nehmen konnte. Huwe: "Die Arbeit belastete die Redaktion außerordentlich."
Löschenkohls Nachfolger Reinhart Stalmann, der später unter dem Pseudonym Stefan Olivier zum hochbezahlten Illustrierten-Autor avancierte ("Geliebte Genossin"), ließ sich, wie er selbst erzählt, als mittelloser junger Mann mit einem Vergütungsvertrag über 1000 Mark Monatsgehalt und 250, später 500 Mark Honorar pro Roman-Fortsetzung abspeisen. Die Film- und Buchrechte sicherte sich Rhein, später erleichterte er Stalmann gegen 2000 Mark auch noch um die Nachdruckrechte für Zeitungen und Zeitschriften.
Unter den Rhein-Pseudonymen Klaus Hellmer und Hans Ulrich Horster habe Stalmann, wie er in seinen geplanten Memoiren behauptet, fortan weitere Auflage- und Tantieme-Millionen für den Chef zusammenfabuliert. Eduard Rhein verordnete ihm jeweils die Romanidee und den Titel; der erste hieß: "Der Engel mit dem Flammenschwert". Rheins Beiträge "für den Fortgang der Handlung" seien dann "überraschend mager" ausgefallen.
"Wenn er heute von sich behauptet, er habe aus Mangel an Autoren die 'Hörzu'-Romane selber geschrieben", so Stalmann, "entspricht das, gelinde gesagt, nicht den Tatsachen. Während meiner Vertragszeit jedenfalls hat er nicht eine einzige Zeile geschrieben." Daß Eduard Rhein "fast alles" konnte, gesteht ihm Stalmann zu. "Nur eins konnte er nicht: Romane schreiben."
Das sieht der einstige "Hörzu"-Chef aus der Erinnerung anders. Er habe diese Romane geschrieben, sagt Rhein, und nur um das pünktliche Erscheinen der Fortsetzungsstories zu garantieren, habe er seine Romanredakteure herangezogen, "abschnittweise zur Sicherheit sechs verschiedene Mitarbeiter". Rhein: "Sämtliche Originalmanuskripte liegen bei mir" - und die Korrekturen sind, klarer Fall, "fast ausschließlich meine Handschrift".
Die Zweifel an seiner Autorenschaft rühren den Pensionär nicht an, schließlich sind "diese Romane in der 'Hörzu' das unbedeutendste Nebenprodukt meiner Lebensarbeit".
Aber nehmen läßt er sich's von Stalmann auch nachträglich nicht: "Wie kann er diese Dinge beweisen, wie kann ich das Gegenteil beweisen?"

DER SPIEGEL 36/1985
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