04.11.1985

Hessen-Koalition: „Wie Willy wollte“

Er ist noch nicht im Amt, doch schon fürchtet die hessische Wirtschaft ihn als Industrieschreck: Der Grüne Joschka Fischer wird Umweltminister in der ersten rot-grünen Landeskoalition. Der Realo mit dem Clochard-Image hat eine wirre Politkarriere hinter sich - vom schwäbischen Metzgersohn zum intellektuellen Rowdy. Der Sponti aus der Hausbesetzerszene über sein neues Amt: „Das Risiko zu scheitern ist groß.“
Er kommt auf leisen Sohlen, in Turnschuhen aus dem Supermarkt. Die Blue jeans sind abgewetzt, das Sweatshirt, rot, ist verwaschen, die Lederjacke schmuddelig. Der Mann sieht aus wie eine Mischung aus Roadie und Rowdy. Dagobert, sein Hund, umschwänzelt ihn.
Das bleiche, etwas aufgedunsene Gesicht trägt graue Schatten unter rotgeäderten, wachen Augen. Die dunklen, wuscheligen Haare sind ungekämmt, nur einmal in der Woche rasiert er sich, montags. _(Das Titelphoto wurde am Montag letzter ) _(Woche aufgenommen. )
Er ist ein fanatischer Dauerdiskutierer, ein Agitator, spricht mit heller, durchdringender Stimme und leichtem Frankfurter Akzent - seine Reden sind gespickt mit meist herausfordernden Gedanken. Wenn er Gegner schmäht und beleidigt, dann mit Wollust.
Da ist nichts an Joseph ("Joschka") Fischer, 37, was nicht dem Bild des braven Bürgers vom Ausgeflippten, vom Revoluzzer entspräche. Und wenn demnächst vor der hessischen Staatskanzlei der Dienstwagen des Umweltministers vorfährt, dann könnte es schon zu Verwechslungen kommen: Der distinguierte Herr im grauen Anzug und mit Krawatte - das ist der Chauffeur. Der Kerl im Fond, der aussieht wie die Typen, die dem Ruhrpott-Schläger Schimanski Spitzeldienste leisten - das ist der Minister.
Es ist für manche kaum zu fassen: Ein Sponti der Frankfurter Hausbesetzerszene, ein Realo-Grüner mit kernigem Proletengehabe, ein ehemaliger Vorbestrafter und Drogenkonsument, ein Mann im Schlabberlook nimmt Platz am Kabinettstisch - als Minister für "Umwelt und Energie".
Seit die hessischen Grünen dem Regierungsbündnis mit Holger Börner (SPD) zustimmten und damit die erste ökosoziale Koalition in einem Bundesland besiegelten, hat sich das politische Klima in Deutschland verändert. Unternehmer, konservative Politiker und Leitartikler formieren sich, als gelte es, einen Staatsstreich abzuwehren.
Industriemanager qualifizieren den designierten Minister als Industrie-Schreck ab. Sie drohen mit Investitionsstopp in Hessen und kündigen die Flucht von Unternehmern in benachbarte Bundesländer an. Mit Joschka Fischer, begründet Hans Joachim Langmann, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie und Chef des Darmstädter Chemiekonzerns Merck, die Angst des Kapitals vor dem Grünen, komme "jemand an die Schalthebel der politischen Macht, der sich bisher in allen seinen Äußerungen wirtschafts- und industriefeindlich gezeigt" habe.
Bundeskanzler Helmut Kohl wollte nicht einmal den Namen des Minister-Kandidaten in den Mund nehmen. Er sei "sehr gespannt", höhnte der Regierungschef, "wie sich dieses Bundestagsgenie, wie heißt er doch gleich", als Minister machen werde. Das hessische Modell, auf Bonn übertragen, prophezeite CDU-Generalsekretär Heiner Geißler, werde zum "Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft" führen.
"Hessen", schrieb die "Frankfurter Allgemeine", sei "nicht nur in Gefahr, die Gegenwart _(Mit Nuckelflasche in der Brusttasche. )
zu verspielen, sondern vor allem auch die Zukunft". "Bild" jammerte: "Wir haben Angst um Hessen."
Skepsis selbst bei Roten und Grünen: NRW-Ministerpräsident und Kanzlerkandidat Johannes Rau, ein erklärter Gegner der Alternativen, beschwerte sich, Börner habe ihm das Wahlkampfkonzept vermasselt. SPD-Gewerkschafter Hermann Rappe warnte, der neue Bündnispartner sei "auf Dauer für die Arbeitnehmer schädlich".
Grünen-Vorsitzender Rainer Trampert, ein Fundamentalist, sagte den "Bruch" seiner Partei "mit Teilen der sozialen Bewegung" voraus. An der Frankfurter Uni bewarfen Autonome die koalitionswilligen Alt-Linken Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer mit Eiern und stellten sie in eine Reihe mit dem hessischen Innenminister Horst Winterstein, dem sie die Schuld am Tod des Demonstranten Günter Sare geben: "Fischer, Bendit, Winterstein - eins ist wie das andere Schwein."
Fischers politisches Geschick bestimmt fortan auch den Weg der Grünen. Weist der erste alternative Minister der Republik nach, daß grüne Umweltpolitik im Regierungsalltag umsetzbar ist, kann seine Partei mit neuem Zulauf rechnen. Geht Fischer unter, könnte sich der Niedergang der Alternativen, die zuletzt im Saarland (2,5 Prozent) und in Nordrhein-Westfalen (4,6 Prozent) gescheitert waren, noch beschleunigen.
Ein Straßenkämpfer, der sich zum Realpolitiker gewandelt hat, der erst Bundestagsabgeordneter und dann Minister wird, das ist nach jahrelanger Ämterverweigerung auch ein Indiz für den Reifungsprozeß der jüngsten westdeutschen Partei. Sechs Jahre nach ihrer Gründung hat sich die "Antipartei-Partei" (Petra Kelly) dazu durchgerungen, aus der rechnerischen "Mehrheit diesseits der Union" (Willy Brandt) auch eine politische zu machen.
Der Nutznießer ist Holger Börner ("Diese Geschichte bringt mir 50 000 Jungwähler"), den der SPD-Vorsitzende am vergangenen Montag im Parteipräsidium mit demonstrativer Herzlichkeit begrüßte. "Ich bin der einzige", deutete der Hesse den freundlichen Empfang, "der es so gemacht hat, wie Willy wollte." Wie Brandt visiert auch Börner das Nahziel an, im Frühjahr mit einem SPD-Ministerpräsidenten in Niedersachsen die Bundesratsmehrheit der Union zu knacken, um Kohl das Regieren schwerer zu machen (siehe Seite 43).
Zwar will der niedersächsische Spitzenkandidat Gerhard Schröder das Hessen-Modell noch nicht übernehmen. Aber andere führende Sozialdemokraten unterstützen Börners Kurs. SPD-Präside Erhard Eppler verteidigt das rot-grüne Bündnis mit dem Hinweis auf den saarländischen SPD-Umweltminister Josef Leinen, der wie Fischer Ökonomie und Ökologie auf einen Nenner bringen will (siehe Seite 59): "Warum ist eigentlich ein Joschka Fischer in Hessen etwas anderes als ein Jo Leinen im Saarland?"
Der Unterschied liegt in der Biographie. Im Handbuch des Bundestages, in dem die Abgeordneten gern ausführlich darlegen, wie viele Ämter sie haben und was sie alles können, kam Fischer, bis März 1985 Grünen-MdB, mit zwei Zeilen aus: "Geboren am 12. April 1948. Mitglied des Bundestages seit 1983."
Das liest sich, als sei in den Jahren dazwischen nicht viel gewesen und als _(Links: Fischer (vorn, 2. v. 1.) bei der ) _(Blockade eines Depots der U.S. Army in ) _(Frankfurt-Hausen; unten: bei einer ) _(Frankfurter Demonstration nach dem ) _(Attentat auf Apo-Führer Rudi Dutschke, ) _(mit Ehefrau Edeltraud. )
wolle sich da einer von seinem Leben distanzieren. Fischer aber bekennt sich zu seiner Biographie: "Von dem, was in meiner Akte beim Verfassungsschutz liegt, mal abgesehen, habe ich nichts zu verbergen. Ich stehe zu meiner Geschichte." Joschka, aufgewachsen im streng katholischen Fellbach am Stadtrand von Stuttgart, stammt "aus einem Metzgergeschlecht". Vater und Großvater waren Fleischhauer, "hauptberuflich", und beide natürlich "Katholiken". Zum braven Ministranten im rot-weißen Hemdchen taugte Joschka allerdings nicht, er wurde Radrennfahrer.
In der zehnten Klasse hatte er vom Gymnasium genug und begann "mit viel Spaß" eine Photographenlehre. Der Spaß währte ein Jahr. Angetörnt von Bob Dylan und den Beatles, frönte er "dem neuen Lebensgefühl" der sechziger Jahre und entfloh mit sechzehn dem "engen Zuhause, dem Dorf und der Lehre".
In Hamburg schnappte ihn die Polizei und karrte ihn ins Schwäbische zurück. Beim zweiten Versuch seiner "Europa-Tournee" (Fischer) kam er bis Kuweit - ein Aussteiger der frühen Jahre.
Wieder daheim, jobbte Run-away-Joschka kurzzeitig als Hilfssachbearbeiter beim Arbeitsamt, Abteilung Kindergeldkasse. Auch ein zweiter Anlauf als Photo-Lehrling scheiterte.
Das war zu der Zeit, als Ludwig Erhard noch Kanzler war und Intellektuelle, die ihn verhöhnten, als "Pinscher" beschimpfte. Joschka las Jack Kerouac, den Literateten der "beat generation", und verliebte sich "unsterblich" in Edeltraud, eine 17jährige Schwäbin. Die beiden heirateten 1967, noch nicht volljährig, im schottischen Gretna Green.
Fasziniert von den Studentenprotesten gegen den Vietnamkrieg und voller Wut über den Tod des Demonstranten Benno Ohnesorg und den Mordanschlag auf Rudi Dutschke (Fischer: "Die Schüsse in Berlin haben mich aufgeweckt"), zogen die Jungvermählten nach Frankfurt. Dort, in einer der Metropolen des studentischen Aufruhrs, wollte der Gymnasiast ohne Abschluß und ohne Ausbildung das Abitur nachmachen, um an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Kant, Marx und Hegel studieren zu können.
Doch auf dem zweiten Bildungsweg lief nichts. Fischer, der es als Proletarier unter dem akademischen Nachwuchs schwer hatte, "büffelte wie ein Ochse". Er quälte sich "zweimal durch Hegels ''Phänomenologie des Geistes''" und fing immer wieder von vorne an, weil er nichts verstanden hatte. An der Uni wurde Nichtabiturient Fischer bald Stammgast in den Seminaren der "Frankfurter Schule", hörte Adorno und Habermas.
Rasch geriet der schwäbische Außenseiter ins Zentrum der linksliberalen Szene am Main. Mentor des Metzgersprößlings wurde der SDS-Führer Hans-Jürgen Krahl, und die revolutionäre Perspektive
vermittelten Genossen wie der De-Gaulle-Herausforderer Daniel Cohn-Bendit, der Sexualforscher Reimut Reiche, die SDS-Anführer Frank und K. D. Wolff, Mathias Beltz (heute "Vorläufiges Frankfurter Fronttheater") und Bankierssohn Tom Koenigs, jetzt Stadtverordneter in Frankfurt und demnächst Fischers Haushaltsexperte im Umweltministerium.
Mit anderen Aktivisten gründeten diese Spontis eine militante Gruppe, den "Revolutionären Kampf" (RK). Fischer, dessen rhetorisches Talent bei den Studierten aufgefallen und gefragt war, wurde einer ihrer Wortführer. "Joschka", erinnert sich der ehemalige SDS-Führer und RK-Fighter Frank Wolff, "traf den Ton am besten", außerdem "umgab ihn eine gewisse proletarische Aura".
Der schwäbische Rebell mischte in der "schlimmen Zeit der offenen Revolten", von 1968 bis 1975, immer in vorderster Front mit. "Da gingen sämtliche Etappen ab bis zur harten Randale", und Joschka war "der Kriegshäuptling" der Frankfurter Straßenschlachten, flink mit der Zunge und flott auf den Beinen.
Demonstrationen und Straßenkämpfe brachten ihm 1969 sein erstes politisches Strafverfahren: "Sieben Wochen ohne Bewährung wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt und Verletzung der Bannmeile", alsbald wurde er amnestiert.
"Sieg im Volkskrieg", "Klassenkampf im eigenen Land", skandierten die Demonstranten, Steine flogen, Barrikaden brannten, Autos gingen in Flammen auf. "Mein Gott", stöhnt Fischer heute noch, "was bin ich da verdroschen worden."
Der "kurzsichtige Joschka", weiß Mitkämpfer Koenigs, "war immer von seiner dicken Hornbrille behindert. Flog die weg, stand er im Dunkeln". Die Genossen rieten zu Kontaktlinsen, die Fischer seither trägt.
Mit rund hundert Aktivisten vom "Revolutionären Kampf" heuerte Joschka 1971 bei Opel in Rüsselsheim an. Doch bevor auch nur ein Arbeiter aufgewiegelt werden konnte, saß der Werktätige Fischer bereits wieder auf der Straße. Bei einer Betriebsversammlung hatte er zum Streik aufgerufen, Grund zur fristlosen Entlassung.
Arbeit gab es auf der Straße reichlich. Der drahtige Sponti organisierte Hausbesetzungen im Frankfurter Westend, lieferte sich "Schlachten mit den Bullen". Er trainierte die "Putz-Truppen" im Kampf Mann gegen Mann: "Von uns", berichtet er stolz, "ist nie einer geschnappt worden." Damals schon kannte er "keine Berührungsängste" mit den in der Stadt regierenden Sozialdemokraten: "Wir haben wegen der besetzten Häuser mit der SPD verhandelt und gleichzeitig zugehauen."
Den menschenvernichtenden Terror der Baader/Meinhof-Gruppe identifizierte Fischer allerdings sehr früh als "Irrweg" (Koenigs). Die gesellschaftliche Veränderung herbeizubomben war seine Sache nicht. Der Straßenkämpfer über den Rote-Armee-Fraktions-Führer Andreas Baader: "Ich fand ihn zum Kotzen."
Bei seiner ersten großen Rede nach dem Tod von Ulrike Meinhof rief er auf dem Frankfurter Römerberg im Juni 1976 zum "Bruch mit dem bewaffneten Kampf" auf - kurz nachdem zwei RAF-Bomben im Frankfurter US-Hauptquartier explodiert waren. Fischer damals: "Wir können der Stadtguerilla nicht folgen. RAF-Aktionen bedeuten den Verzicht auf Leben, den Kampf bis zum Tod und damit die Selbstvernichtung."
Der Aufruf des Oberspontis ("Genossen, schmeißt die Bomben weg und nehmt wieder die Steine") markierte so etwas wie den Anfang vom Ende des RAF-Terrors. "Joschka", sagt Koenigs, "hat die Szene von der RAF getrennt."
Als RAF-Terroristen 1977 Generalbundesanwalt Siegfried Buback, Bankchef Jürgen Ponto und Arbeitgeber-Präsident Hanns Martin Schleyer ermordeten, war für den Sponti aus der Frankfurter Subkultur die Frage des bewaffneten Kampfes endgültig beantwortet: "Alles Wahnsinn." Der "Illusionsverlust" (Fischer) von damals, im deutschen Herbst 1977, die vorübergehende Ratlosigkeit der außerparlamentarischen Bewegung, liefert heute die Erklärung, warum Fischer früh eine "Politik der kleinen Schritte" propagierte, warum er schließlich zum profiliertesten Streiter für eine grüne Realpolitik wurde.
"Das ganze Spiel mit der Gewalt war aus", die Alternativen zogen aufs Land, siedelten auf Bauernhöfen, drifteten ab in Sekten.
Joschka Fischer fuhr Taxi, kutschierte als "lonesome hero der Großstadt" nachts "fette Bankdirektoren und andere schräge Gestalten" ins Frankfurter Bahnhofsviertel, das hat ihm "ungeheuer Spaß gemacht". Vier Spontis, darunter auch Bankiersohn Tom Koenigs, der seine Millionenerbschaft dem Vietcong
vermacht hatte, wohnten gemeinsam in einer Taxi-Kommune.
An einen Fahrgast "in den nächtlichen Schluchten der kaputten Steinwüste Frankfurt" erinnert sich Fischer besonders gut, den SPD-Bundestagsabgeordneten Karsten D. Voigt. Ihn, den alten Kontrahenten aus Apo-Zeiten, chauffierte er "als bezahlter Voyeur" oft durchs Milieu, etwa in den linken Club Voltaire. Der geizige Ex-Jusochef "gab fünfzig Pfennig Trinkgeld", so Fischer, "und wünschte knapp ''Frohes Nachtschaffen''." Vor drei Jahren freilich prophezeite Fischer dem verblüfften Genossen: "Wirst sehn, ich werd'' Minister."
Der bildungshungrige Metzgersohn las "ungemein viel und gern", verschlang Alexander Solschenizyn, Andre Glucksmann und "die großen Biographien". Und doch blieb der revolutionäre Kämpe "ratlos, was denn politisch werden sollte".
Dem Ratlosen zu Hilfe kam Walter Wallmann (CDU), der im März 1977 in Frankfurt die Macht übernahm. Während sich viele Linksradikale "hin zur Innerlichkeit wendeten", formulierte Fischer in einem Aufsatz für das Alternativblatt "Pflasterstrand" den für einen Revoluzzer revolutionären Satz: "Vielleicht ist unsere Ablehnung des Parlaments falsch, vielleicht ist es unser Linksradikalismus, der sich irrt."
Ausgerechnet einer der härtesten Streetfighter war einer der ersten, die sich der neu entstehenden sanften grünen Bewegung anschlossen, "für viele ein Schock". Dort sah Fischer plötzlich eine "realpolitische Möglichkeit", aus dem "fortschrittsgläubigen Marxisten und Sponti" wurde ein Grüner.
Fischer brach mit den Spontis ("die waren am Ende"). Nach dem grünen Wahlerfolg bei den hessischen Kommunalwahlen 1981, als im Römer fundamentaloppositionelle Grüne das Sagen hatten, dirigierte Fischer im grünen Kreisverband bald die Fraktion der Realpolitiker: "Wir können nicht lediglich im Parlament predigen, daß es fünf vor zwölf ist, und uns weigern, Verantwortung zu übernehmen."
Die Fundis, die ihn als "Ober-Macker" beschimpften, stachelten seinen Ehrgeiz an. Joschka erkämpfte sich vor der Bundestagswahl 1983 Platz drei der Landesliste, und am Morgen nach der Wahl, sagt er, "bin ich als Abgeordneter aufgewacht". Fischer: "Mein neuer Einstieg in die Wirklichkeit."
Schon nach wenigen Wochen beherrschte Fischer das Bonner Instrumentarium virtuos. Von Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble, damals noch Fraktionsgeschäftsführer der CDU/ CSU, lernte der Grüne den trickreichen
Umgang mit der Geschäftsordnung des Bundestages. "Der Schäuble ist doch einer der wenigen aufgeräumten Köpfe in dem pfälzischen Tohuwabohu", lobt Fischer den pfiffigen Badener, "er war mein Lehrmeister."
Schüler Fischer avancierte schnell zum ebenbürtigen Schlitzohr, ergatterte Redezeiten für Grüne auch dann, wenn zunächst gar keine vorgesehen waren.
Den Bundestag nannte er "eine unglaubliche Alkoholikerversammlung, die teilweise ganz ordinär nach Schnaps stinkt". Mit Zwischenrufen pöbelte er sich in die direkte Nachfolge des Sozialdemokraten Herbert Wehner.
Weil Bundestagsvizepräsident Richard Stücklen ihn wegen unbotmäßiger Sticheleien - im Plenum kamen Flick und die Käuflichkeit der Republik zur Sprache - nervös des Saales verwies, verabschiedete sich der Alternative mit dem Satz: "Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch" - und viele Abgeordnete versicherten ihm hinterher, in der Form habe er zwar daneben, inhaltlich aber durchaus richtig gelegen. Später entschuldigte er sich artig, er habe den Ausdruck in "tiefster emotionaler Erregung" gebraucht.
Glanzlichter setzte Fischer im Bundestag auch als Redner. Seinen Debattenbeitrag zu Wörners Kießling-Affäre, in der er Kohls geistig-moralische Erneuerung als "pfälzisches Gesamtkunstwerk" verspottete, "welches in barocker Opulenz so langsam versumpft", zählt Fischer noch heute zu seinen Sternstunden im Parlament - "Politik als real existierende Satire".
Als Heiner Geißler den Pazifismus der 30er Jahre als Ursache der Nazi-Greuel von Auschwitz denunzierte, schlug Fischer mit geschliffener Rhetorik zurück. Nach dem Tod des Türken Altun, der, um der Abschiebehaft zu entgehen, in den Tod gesprungen war, machte Fischer sich zum Anwalt des Asylrechts. Heinrich Böll nannte die beiden Debattenbeiträge "die besten Reden, die seit Jahren im Bundestag gehalten wurden".
"Als Symbol", so Fischers Marburger Realo-Gefährte Hubert Kleinert, "war er für uns in Bonn ungeheuer wichtig: Einerseits vertrat er, unrasiert und in Jeans, die Lebenshaltung einer großen Gruppe, die bislang in Bonn politisch nicht vertreten war. Andererseits hat er mit seinen Reden das Parlament wiederbelebt, wurde er zur Symbolfigur für linksliberale Intellektuelle."
Schneller als andere Grüne hat sich Fischer in Bonn den Gepflogenheiten der Politiker angepaßt, entwickelte er sich zum Lieblingskind der Medien. Aber er hat ebenso hartnäckig an dem Image gearbeitet, kein Angepaßter zu sein. Die Unions-Abgeordneten bestätigten es ihm mit Zwischenrufen wie "Nadelstreifenrocker", "Lümmel" und "widerlicher Schreihals".
Bisweilen sah man Fischer, Vater von zwei Kindern, mit der Nuckelflasche durch das Regierungsviertel und die Lobby des Bundestages laufen. Das waren die Tage, an denen er auf Tochter Lara, 2, und Sohn David, 7, aufpassen mußte, weil Inge, die Mutter seiner Kinder, in Ferien gefahren war.
"Wenn sich der Präsident darüber beschwert", verkündete er, "werde ich ihm sagen: Bezahlen Sie mir ein Kindermädchen, dann muß ich sie nicht mit mir rumschleppen." Joschka mit dem Schnuller - der Politprofi wußte, daß auch dies in der von einem Feminat geführten Fraktion seinem Image dient.
Von Edeltraud, der Gattin von Gretna Green, war der "Softi" (Fischer über Fischer) nach 17 Jahren Ehe geschieden worden. Auch die zweite Frau Inge lebt inzwischen von ihm getrennt - wegen Claudia, 21, einer blonden, langmähnigen Szenegefährtin, die ihn nach Hessen begleiten wird.
Nichts hat Fischer so zu schaffen gemacht wie die Entscheidung seiner Basis, daß er rotieren müsse. Da merkte er, wie stark er schon am Bonner Tropf hing, wie sehr er auf die Politik angewiesen war. Nach der Rotation fühlte er sich "erst mal in einem tiefen Loch". Alle, die mit ihm wegrotierten, empfanden wie er: "Wir liefen da plötzlich rum wie bestellt und nicht abgeholt."
Auch deshalb ist Fischer froh, von Bonn nach Wiesbaden wechseln zu können. Diesen "50er-Jahre-Stil" der Bundeshauptstadt, "diese Nick-Knatterton-Atmosphäre", kam ihm "irgendwie unwirklich" vor. In Wiesbaden, hofft der designierte Minister, "ist die politische Macht näher am Menschen", und außerdem reizen ihn Jobs, "wo man was Neues unter die Pfoten bekommt".
Als er zum ersten Mal mit den grünen Minister-Plänen konfrontiert wurde, reagierte der Ex-Straßenkämpfer sauer: "Ihr habt se nicht alle." Er habe sich, sagt er, jedenfalls "nicht nach dem Posten gedrängt" - auch hier ganz Realpolitiker.
Sein Freund und Mitstreiter Cohn-Bendit sieht die Sache wohl aufrichtiger: "Früher wollte er wissen, was packt er alles auf der Straße, heute will er wissen, ob er die politisch-intellektuelle Herausforderung packt." Das Ministeramt sei für ihn "eine neue Form von Abenteuer".
Das fängt schon bei den äußeren Insignien der Macht an. Der Sponti steigt von seinem alten Diesel auf eine Staatskarosse um. Besonders reizt ihn am Dienstwagen ("Ohne den bist du in Hessen aufgeschmissen"), Mercedes 280 oder Opel Senator, das Autotelephon:
"Das braucht man. Man muß doch für die Basis immer erreichbar sein."
Modisch wird er der Basis womöglich entrücken, von einer China-Reise hat er sich Seidenkrawatten als Souvenirs mitgebracht. Wenn ihn das Protokoll zum Binder zwingt, will er sich aus diesem Fundus bedienen: "Dann schlage ich zurück - mit echt chinesischer Seide, aber unglaublich geschmacklos."
Keinen Kompromiß will der alternative Aufsteiger bei der Wahl seines Dienstsitzes eingehen. Das Ansinnen, in einen Jugendstil-Altbau zu ziehen und seine 200 Beamten über die ganze Stadt verstreut unterzubringen, lehnt er ab: "Ich zieh'' doch in keine Villa."
Schwieriger als die Suche nach dem Standort des Minister-Schreibtisches wird sich Fischers Vorhaben gestalten, von Wiesbaden aus Öko-Politik zu machen. Der Grüne steckt in einem Dilemma, über das sich der Bonner Umweltminister Friedrich Zimmermann (CSU) schon lustig macht: "Wenn der sich so verhält, wie seine Basis erwartet, wird er erhebliche rechtliche Probleme kriegen, auch mit dem Bund. Wenn er das nicht macht, kriegt er Schwierigkeiten mit der Basis."
Kanzleramtsminister Schäuble setzte noch eins drauf. "Der Joschka Fischer", spottete er, "kann jetzt in Hessen Kläranlagen bauen. Er muß nur jemanden finden, der ihm das Geld dafür druckt."
Fischers Konter: "Bei meinen bekannt guten Beziehungen zur Unterwelt wird es doch wohl nicht so schwer sein, eine Druckerei zu finden."
Zwar hat sich der Grüne vorgenommen, "mit Fleiß" Akten zu studieren, weil er weiß, daß sein Ministeramt "eine schwierige Sache wird, wo man Einzelkämpfer-Qualitäten braucht und das Risiko zu scheitern groß ist".
Doch das älteste Umweltministerium der Republik hat seit 1970 fünf SPD-Minister verschlissen, darunter zwei, die wegen Schlampereien in der eigenen Verwaltung vorzeitig gehen mußten.
Sechs Abteilungen scllen für den Schutz der Umwelt sorgen. Die wichtigsten Aufgaben übernehmen profilierte Grüne und bewährte Verwaltungsexperten: *___Karl Kerschgens, 46, Landtagsabgeordneter und ____ehemaliger Priester, der die Tolerierungsverhandlungen ____mit der SPD erst in Gang gebracht, dann abgebrochen und ____nun die Koalition mit herbeigeführt hat, wird ____Staatssekretär, weil er "die Zusammenhänge kennt" ____(Fischer), *___Klaus Thomsen, 47, Nicht-Grüner und Wunschkandidat ____Fischers, soll als Leiter der "Zentralabteilung" die ____politische Arbeit des Umweltministeriums
koordinieren. Der Ministerialdirektor a. D., bis zur Bonner Wende kreativer Planungschef des FDP-Innenministers Gerhart Baum, war von CSU-Innenminister Zimmermann unverzüglich entlassen worden. *___Wolfgang Ehmke, 39, promovierter Agrarbiologe und ____Öko-Experte der grünen Bundestagsfraktion, der die ____"Grundsatzarbeit" übernimmt, bringt als Referatsleiter ____der Landesanstalt für Umweltschutz in Baden-Württemberg ____langjährige Verwaltungserfahrung mit und wird nach ____eigener Einschätzung mit dem Beamtenapparat "keine ____Schwierigkeiten bekommen".
Ehmke, der den Bundestag zur Auseinandersetzung um das Kohlekraftwerk Buschhaus zwang, soll die technischwissenschaftlichen Grundlagen für Fischers "neue Chemie-Politik" entwickeln, die dann von fünf Fachabteilungen umgesetzt werden soll. Jede einzelne verwaltet genügend politischen Sprengstoff für ein rasches Karriere-Ende.
Die Abteilung "Wasserwirtschaft" etwa muß sich "in den Clinch, den kalten Krieg" (Amtsvorgänger Willi Görlach), mit dem Chemie-Multi Hoechst AG begeben, dem größten privaten Arbeitgeber und Steuerzahler des Landes. Hoechst hat in den vergangenen Jahren in Hessen zwar über eine Milliarde Mark in neue Umwelttechniken investiert, gilt aber immer noch als größter Wasserverschmutzer am Untermain.
Zu den Gepflogenheiten der Chemie-Manager gehörte es bislang, wie Ex-Umweltminister Karl Schneider klagt, Auflagen "zu verzögern" und Vorgänge zwischen Firma und Landesverwaltung "zu verschleppen". Gegen Anordnungen des Regierungspräsidiums legte Hoechst, wie sich aus Akten ergibt, "Widerspruch mit neuen Wünschen" ein. Behördenanfragen beantwortete die "Hoechst AG mit dem Versuch, die Fragen zu entpräzisieren"; typisch auch die "Weigerung" des Unternehmens, Auflagen zu erfüllen oder Informationen herauszugeben.
Ähnlich brisant ist das Konfliktpotential in Fischers künftiger Abteilung "Luftreinhaltung und Immissionsschutz" - mit dem Unterschied allerdings, daß die Grenzwerte der Luftbelastung stärker als beim Wasser vom Bundesgesetzgeber vorgezeichnet sind. Da freut sich Fischer schon auf sein Rederecht im Bundestag: "Mal sehen, wie der Zimmermann von der anderen Seite aussieht."
Die Abteilung "Energie" wurde gestutzt. Aufsicht und Genehmigung für die Nuklearindustrie verbleiben beim SPD-Wirtschaftsminister, die Preisaufsicht über die Großkonzerne der Energieversorgung ebenfalls.
Der grüne Minister entscheidet lediglich über Energiesparprogramme, und in der Abteilung "Naturschutz" bekommt er allenfalls Ärger mit der eigenen Klientel, weil alles nicht schnell genug geht.
Dafür droht ihm mit der Abteilung "Abfallwirtschaft" ein Desaster. Denn außer der Untertagedeponie im osthessischen Herfa-Neurode, zugelassen für kleine Mengen extrem giftiger Stoffe, verfügt Hessen derzeit über keine Sondermülldeponie, muß aber den Giftmüll der Hoechst AG - bis zu 70 000 Tonnen jährlich - loswerden.
Auf der Sondermüllkippe Schönberg in der DDR darf künftig kein Hessen-Dreck mehr landen, weil die grüne Mitgliederversammlung das so beschlossen hat. Und im hessischen Mainhausen, wo eine Sondermülldeponie im Bau ist, haben sich die örtlichen Grünen sogar mit der CDU zusammengetan, um die Giftkippe zu verhindern.
Zu den Hindernissen aus den eigenen Reihen kommen jene Tricks des SPD-Koalitionspartners, die dem Alternativen schon jetzt die Arbeit erschweren.
Zwar hat Landwirtschaftsminister Willi Görlach die 70 Beamten der Wasser- und Naturschutzabteilungen an das Fischer-Ministerium abgeben müssen, nun aber blockt er ab: "Wir kämpfen jetzt um jeden Mann." Görlach will überdies das Showtalent Fischer erst gar nicht zur Entfaltung kommen lassen. "Ich habe den Ärger mit den Bauern, und Joschka macht die große Show mit dem Naturschutz. Dann gibt es Ärger."
Auch der bisherige Sozial- und Umweltminister Armin Clauss, der seine Umweltabteilung den Grünen überlassen muß, versteckt noch einige Stellen in seinem Ministerium und will höchstens noch "einen Drucker und einen Fahrer" zu Fischer schicken.
Mit dem Trio Thomsen, Kerschgens und Ehmke will Fischer "knallharte Umweltpolitik" durchsetzen. Doch jenen Joseph "Bartholomäus" Fischer, den sich Spötter in der "Süddeutschen Zeitung" schon ausmalten, wie er nächstens, "den Dolch im Kittelhemd und die Augen grün unterlaufen", Hessens Unternehmer über die Landesgrenze treibt, den wird es nicht geben.
Als "Anwalt der Umwelt", so Fischer staatsmännisch, werde er sich "nicht mit Anordnungen oder Weisungen durchsetzen, sondern überzeugen" und dabei "auch mit der Wirtschaft so viel wie möglich im Konsens erreichen".
Längst haben sich Fischer und seine Mitstreiter auf eine moderate Gangart im neuen Amt verständigt. "Wir werden nicht auf den Putz hauen", beschwichtigt Grünen-Sprecher Georg Dick. "Alles", sagt Fischer, "geht nach Recht und Gesetz" - was SPD-Wirtschaftsminister Ulrich Steger zu dem Vergleich veranlaßte, gegen Fischer erschienen "selbst Jusos revolutionär".
Doch ein Minister, der sich streng an die Umweltgesetze hält - genau das scheinen die hessischen Industriemanager zu fürchten.
Friedrich Karl Janert, Geschäftsführer des hessischen Chemie-Arbeitgeberverbandes: "Wenn Fischer das Umweltschutzrecht auf Punkt und Komma ausschlachtet, wird es eine Qual."
Das Titelphoto wurde am Montag letzter Woche aufgenommen. Mit Nuckelflasche in der Brusttasche. Links: Fischer (vorn, 2. v. 1.) bei der Blockade eines Depots der U.S. Army in Frankfurt-Hausen; unten: bei einer Frankfurter Demonstration nach dem Attentat auf Apo-Führer Rudi Dutschke, mit Ehefrau Edeltraud.

DER SPIEGEL 45/1985
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 45/1985
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Hessen-Koalition: „Wie Willy wollte“

  • Wilderer in Kamtschatka: Jagd aufs rote Gold
  • Vermisster Fußballer: Mahnwachen für Emiliano Sala
  • Zugefrorener Baikalsee: Glasklar bis auf den Grund
  • Amateurvideo aus Russland: Betrunkener versucht, Flugzeug zu entführen