29.04.1985

LUFTREISEN Unter Brüdern

Der Ost-Berliner Flughafen Schönefeld, Dorado für Billigflüge, wird „tüchtig und gescheit“ gemanagt. *
Wer die gründliche Leibesvisitation hinter sich hat, gelangt auf altväterliche Weise zum Flugzeug: im Gänsemarsch übers Feld, vorneweg gelegentlich ein Uniformierter.
Sehr ordentlich und ziemlich miefig geht es zu auf dem Ost-Berliner Flughafen Schönefeld - und sehr preiswert. Das Bier kostet nur einsfuffzig und der Flug
nach Tel Aviv mindestens ein Drittel weniger als von West-Berlin aus.
Der "Zentralflughafen" der DDR, zwanzig Kilometer vom West-Berliner Flugsteig Tegel entfernt, wird denn auch von Westreisenden zunehmend frequentiert. Die Berliner Landespolizeidirektion zählte 1984 an der Waltersdorfer Chaussee, Hauptzugang von West-Berlin nach Schönefeld, in beiden Richtungen 365 897 Durchreisende: Ausländer, Bundesbürger, West-Berliner - 3,5 Prozent mehr als 1983.
Die Hälfte der Fluggäste, die im Westen wohnen und mit dem Osten fliegen, hat nach Senatsschätzungen Flugziele, die auch von Tegel aus bedient werden. Einstimmung erfährt die Schönefeld-Kundschaft allein in West-Berlin durch 39 auch auf DDR-Tickets spezialisierte Reiseagenturen sowie im Ost-Bahnhof Friedrichstraße auf einem für Westler unkontrolliert zugänglichen Zwischensteig im neuen Interflug-Verkaufsbüro.
Dieses Vertriebsnetz sichert Okkasionen in alle Himmelsrichtungen - mal im Direktflug, mal per Umsteiger: Lima mit Cubana oder Aeroflot ab 1808 Mark (Tegel-Linienticket: ab 4839 Mark); Bangkok mit Aeroflot, Tarom, LOT oder Balkan zwischen 1495 und 1535 Mark (Tegel: 5006 Mark); Larnaka mit Interflug, CSA, Malev, Tarom, Balkan ab 554 bis 620 Mark (Tegel: 2832 Mark).
Solcher Preisknüller wegen nehmen die Passagiere die Schönefelder Unbequemlichkeiten in Kauf. Die Reise beginnt rumpelnd im Ikarus-Bus, ab Funkturm etwa drei Stunden vor dem Start. Spätestens eine Stunde vor Abflug heißt es am Schalter sein, denn nicht selten stauen sich die Paxe vor dem Buchungscomputer Marke Robotron. Wer nachts in Schönefeld landet, muß damit rechnen, daß es gelegentlich an Bussen für den Rücktransport fehlt.
Mindestens dreimal pro Woche steuern Interflug-Maschinen Athen an, billigster Tarif: 460 Mark, und haben jeweils weitere Schönefeld-Linien im Schlepp. Die bieten, von Malev bis LOT, mit Zwischenstopp in Budapest, Belgrad, Sofia, Warschau oder Prag, zusammen weitere 14 Flüge an, der günstigste zu 415 Mark - ein normaler Linienflug mit einer westalliierten Gesellschaft ab Tegel würde fast das Fünffache kosten; selbst ein verbilligter Sondertarif wäre mit 1466 Mark noch dreimal so teuer.
In West-Berlin zeitigt das Wettbewerbswirkung. Im Deutschlandverkehr gebärden sich die alliierten Gesellschaften Pan Am, British Airways und Air France, die sich gerade wieder eine 2,4prozentige Tariferhöhung genehmigen ließen, zwar wie Monopolisten. Im Auslandsverkehr aber verstehen sie sich, zusammen mit drei weiteren Westlinien, unter dem Druck der Ostkonkurrenz gelegentlich zu Kampfpreisen. Stand-by-Tarif und Familienabschlag gibt es hin und wieder auf der Linie, "Schnupperpreise" beim Charter. Beispiel Rom: Der billigste Linienflug kostet 1210 Mark, montags hin und freitags zurück gibt es nun Charterflüge ab Tegel für 449 Mark, 46 Mark unter Interflug-Preis.
So hat sich die jahrelang stagnierende Passagierziffer in letzter Zeit erhöht - auf 4,3 Millionen Beförderungen pro Jahr. Von den 14 Tegeler Flugsteigdocks werden inzwischen rund 550 000 Charterflieger abgefertigt - was gewiß an den Preisen, weniger an verstärkten PR-Kampagnen ("Ick flieje von Tegel") oder am Appell des Bundesverkehrsministers Werner Dollinger liegen dürfte, aufrechte West-Berliner möchten denen da drüben doch "unmißverständlich zu erkennen geben, welchen Flughafen sie als den ihren betrachten".
Der andere, der Zentralflughafen der DDR, wird mittlerweile von 18 Liniengesellschaften und 82 Charterunternehmen angeflogen. Der volkseigene Luftbetrieb Interflug gilt, mit rund 50 Maschinen zumeist sowjetischer Produktion und 1,4 Millionen Beförderungen pro Jahr, als zuverlässig und leistungsstark.
Die Interflug-Piloten sind ausnahmslos Offiziere der DDR-Luftstreitkräfte - wie auch Interflug-Generaldirektor Klaus Henkes, zugleich Vizeverkehrsminister, Schönefeld-Kommandant, Generalleutnant und Absolvent der sowjetischen Militärakademie J. Gagarin, akademischer Grad Dr. rer. mil.
Im Urteil von Heinz Ruhnau, dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Lufthansa, ist der Ost-Kollege "zweifelsfrei ein sehr tüchtiger und gescheiter Flugmanager". Das von ihm praktizierte und mehrfach abgestufte Tarifsystem weist ihn als gewieften Taktiker aus.
So machen sich die Ostblock-Gesellschaften untereinander lediglich dann Preis-Konkurrenz, wenn sie sich um devisenbringende westliche Passagiere bemühen. Bei Flügen in sozialistische Länder gelten unter den Gesellschaften der Ostblock-Staaten Einheitstarife.
Die Hin- und Rückreise auf der Interflug-Hauptroute Schönefeld-Moskau, der "Fluglinie der Freundschaft", kostet so bei der Interflug wie der sowjetischen Aeroflot einheitlich 844 Mark. Der Interflug-Trip nach Hanoi kommt unter Brüdern auf mindestens 1920 Mark, der Hin- und Rückflug ins revolutionäre Mosambik auf 1635 Mark.
Alle übrigen Tarife werden zwar in Anlehnung an die Vorgaben des Internationalen Lufttransport-Verbandes (Iata) erstellt, doch durch das Nichtmitglied DDR mal mehr, mal weniger streng eingehalten.
Aufgrund sogenannter Interline-Abkommen landen im Europaverkehr auch die Finnair, die türkische THY, die niederländische KLM wie die Austrian Airlines in Schönefeld und bedienen gemeinsam mit den Ost-Wettbewerbern ihren Heimatmarkt. Schönefeld-Wien und retour kostet im West-Berliner Reisebüro, bei Interflug wie bei den Österreichern, 445 Mark. Der Tegelflug kommt, mit Umsteigen, auf 704 Mark.
Kampfpreise setzt es erst bei all jenen Flügen, bei denen Interflug oder deren sozialistische Soziusse ohne nationale Mitbewerber niedergehen können. Aus Sicht der Passagiere sind denn auch die östlichen Linienverbindungen nach Griechenland oder Italien, in die Hauptstädte Athen oder Rom, die wahren Sparflüge.
Bei den konkurrenzlosen Sondertarifen nutzen die Ostgesellschaften, die nicht wie Iata-Gesellschaften an penible
Differenzierung zwischen Linien- und Charterflügen gebunden sind, zudem das Kursgefälle zwischen West- und Ost-Mark. Die von der DDR gern als "Schwindelkurs" apostrophierte Mark-Parität ist zumindest in Teilbereichen Kalkulationsgrundlage der Interflug-Preisbrecher.
Während die DDR-Fluggesellschaft beispielsweise ihren Trip in die Ewige Stadt durch westliche Reisebüros für 495 West-Mark anbieten läßt, verlangt sie von den eigenen Bürgern, denen das Fliegen "ein Grundbedürfnis" sein darf (Interflug-Henkes), einen ganz anderen Preis: mindestens 1119 Mark der DDR.

DER SPIEGEL 18/1985
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