07.10.1985

„Da kriegst du alles, was es nicht gibt“

Wie die SED den DDR-Schwarzmarkt auf Kosten ihrer Bürger organisiert An der Mangelgesellschaft DDR verdient sich die ostdeutsche Staatspartei eine goldene Nase: Fast 200 Millionen West-Mark fließen jährlich über die SED-Firma Genex am DDR-Staatshaushalt vorbei direkt in die Kassen der SED-Führung - auf Kosten der Bürger. Der Mann im Hintergrund, der den Profit für die Genossen maximiert, ist ein guter Bekannter des Bayern Strauß: DDR-Staatssekretär Alexander Schalck-Golodkowski. *
Das Haus in der Ost-Berliner Mauerstraße 86-88, direkt neben dem Checkpoint Charly, sieht noch trister aus als die schäbigen Gebäude ringsum, von denen seit Jahren der Putz blättert. Ein Schild an der schmutziggrauen Fassade verkündet, daß hier die staatliche Dolmetscher-Vermittlung "Intertext" zu finden ist.
In dem verwinkelten Bau in der Sackgasse dicht an der Mauer ist, ganz diskret, noch ein anderes, der Sozialistischen Einheitspartei weitaus teureres Unternehmen untergebracht: Die Firma, deren Büros einen wesentlichen Teil der vier Etagen füllen, tut ihre Existenz nur durch ein unauffälliges Pappschild im Türrahmen kund. Sie betreibt ihre Geschäfte lieber in der Stille - nach der Devise ihres Chefs: Publizität am falschen Ort schadet dem Umsatz.
Wohl auch der Reputation der SED. Zuviel Öffentlichkeit nämlich könnte den Neid jener DDR-Bürger befördern, die Dr. Heinz Smietana, 61, Generaldirektor der "Genex-Geschenkdienst GmbH", auf keinen Fall als Klientel wünscht - die große Mehrheit der Deutschen-Ost, die nur in der Landeswährung zahlen können.
Der Genex-Geschenkdienst des Genossen Smietana ist für andere Kunden da: Hier können vermögende Westler schnell und gegen harte Währung ihren armen Verwandten in der DDR fast alles spendieren, was die in ihrem Staat gegen Landeswährung gar nicht oder nur nach langer Wartezeit bekommen - vom Bosch-Kühlschrank über japanische Motorräder bis zum VW Golf, von der Schrankwand made in DDR bis zum Eigenheim, vom Trabi oder Wartburg bis zum Fahrschulkurs und der Reise nach Bulgarien. Hier auch werden die westdeutschen Kirchen bedient, die über Genex ihre ostdeutschen Gemeinden mit Autos und Benzin versorgen. "Da kriegst du alles", schwärmt einer, der sich auskennt, "was es nicht gibt."
Über Genex organisiert die SED zugleich einen staatlich gelenkten "Schwarzmarkt" für chronische Mangelwaren im eigenen Land, um an gutgehütete Devisenvorräte ihrer Landsleute zu gelangen. Zugang zum Schlaraffenland der Firma Genex haben auch jene DDR-Bürger, die über West-Mark-Guthaben in der Bundesrepublik verfügen. Zwei bis drei Milliarden D-Mark von Ost-Deutschen liegen nach Angaben der Bundesbank auf Sperrkonten westdeutscher Geldinstitute. Bis zu 12 000 DM pro Jahr dürfen die einzelnen Konto-Inhaber laut deutsch-deutscher Absprache offiziell abheben, bei Genex-Geschäften ist die Bundesbank kulanter: bis zu 20 000 D-Mark im Regelfall, auf Antrag sogar unbegrenzt.
Was auf diesem Markt für die SED zu holen ist: 180 Millionen West-Mark brachte Genex 1983 herein, 1985 dürften es, schätzen Fachleute, bereits 220 Millionen sein - mehr, als Bonn jährlich der DDR als Postpauschale zahlt. Der Kundenstamm umfaßt nach Angaben von Insidern etwa 350 000 Adressen.
Bei Genex macht die SED einen goldenen Schnitt: Denn anders als die 200 Millionen D-Mark der Postpauschale fließen die Genex-Einnahmen, an allen Wirtschaftsplänen und Prüfungskommissionen der sozialistischen Bürokratie vorbei, direkt in die Kasse der SED. Der Genex-Geschenkdienst ist ein Parteibetrieb, er untersteht dem Leiter der Abteilung Finanzverwaltung und Parteibetriebe beim Zentralkomitee, Heinz Wildenhain. Der Genex-Gewinn läuft außer Plan. Was die SED-Führung damit anfängt, ist ihre Sache.
Damit ist Genex der Kontrolle der Staatlichen Plankommission und der Fachministerien entzogen, denen die "normalen" Exportbetriebe der DDR
unterstellt sind. Die Devisen-Geschäfte dieser Außenhandelsfirmen sind im Wirtschaftsplan ausgewiesen, ihre Valuta-Einnahmen werden an die DDR-Außenhandelsbank abgeführt, die ihrerseits der Regierung zugeordnet ist. Genex aber liefert sein West-Geld woanders ab: bei der Abteilung "Kommerzielle Koordinierung" (Koko), einem Sonderreferat im Ost-Berliner Außenhandelsministerium, das nicht dem zuständigen Minister Horst Sölle untersteht.
Für die Staatspartei sind die West-Mark-Millionen ein warmer Regen. Denn die meisten Waren, die Genex vertreibt, stammen aus DDR-Produktion, ihre Hersteller werden vom Genossen Smietana in Ost-Mark bezahlt, Genex kassiert beim Kunden in West.
Und auch die Löhne der weit mehr als 100 Mitarbeiter, davon allein 90 in der Ost-Berliner Zentrale, kosten nur einheimisches Geld. Generaldirektor Smietana (Monatssalär: 2200 Mark plus 1000 DDR-Mark steuerfreie Aufwandsentschädigung) fährt privat zwar einen Golf, aber nicht einmal ihm steht ein Valuta-Deputat zu. Er und seine Angestellten sind sogar schlechter dran als die Mitarbeiter der "Intershops". Die erhalten immerhin, je nach Position, bis zu 30 West-Mark im Monat und eine DM-Prämie zum Jahresende.
Doch die Intershops sind auch kein Parteibetrieb. Bei Genex gilt: Für die Partei zu arbeiten ist Ehre genug. Die leitenden Angestellten sind von der SED handverlesen, alle Mitarbeiter vom Ministerium für Staatssicherheit auf ihre Zuverlässigkeit vorgeprüft.
Dem Geschäft schadet das offenbar nicht. Der Ton in der Firma ist zwar ideologisch stramm, zugleich aber unbürokratisch und, so ein Kenner, "ausgesprochen westlich". Ihr Generaldirektor ist in der Kunst geübt, seine Leute - einerseits - auf kapitalistische Profitmaximierung (Motto: Umsatz steigern, kundenfreundlich, kulant) einzuschwören, sie - andererseits - stets mahnend daran zu erinnern, daß sie es mit dem Klassenfeind zu tun haben. Devisen, so Smietana, seien nötig beim Aufbau des Sozialismus, und daher müsse man "ideologische Kompromisse eingehen".
Für das Florieren ihrer Firma haben die SED-Manager ein zwar kompliziertes, aber, wie die steigenden Umsatzzahlen zeigen, erfolgreiches System entwickelt. Da im offiziellen innerdeutschen Handel nur Ware gegen Ware verrechnet wird, mithin kein Bargeld zu holen ist, läuft der Genex-Handel um die Bundesrepublik herum - als Versandhandel nach Neckermann-Art. Genex hat sich mit zwei im Ost-Handel tätigen westlichen Vertreterfirmen zusammengetan, die Aufträge für das DDR-Unternehmen akquirieren: "Jauerfood" in Kopenhagen und "Palatinus" in Zürich. Beide sind selbständig und kassieren, je nach Ware, von jedem Auftrag zwischen vier und acht Prozent Provision.
Einmal pro Woche schicken die Schweizer und die Dänen ihre frischen Auftragslisten per Luftfracht nach Ost-Berlin, auf Disketten gespeichert. In der Genex-Zentrale steht ein moderner amerikanischer Computer, der die Aufträge bearbeitet und ausdruckt - in dreifacher Ausfertigung. Das Gerät findet sich auf der westlichen Embargo-Liste jener technischen Güter, deren Export in den Ostblock verboten ist.
Gewinn von der modernen Technik haben auch die Beamten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS): Sie kostet es nun weniger Zeit, sich durch die Genex-Registratur zu wühlen.
Dort werden seit 1957 sämtliche Aufträge mit einem Wert ab 500 DM gespeichert, Spender und Empfänger sind jeweils mit genauer Adresse erfaßt. Einmal die Woche kommt ein unauffälliger Herr in Zivil und verschwindet in der Abteilung Registratur/Statistik. Für das MfS ist das Genex-Register eine Fundgrube, um West-Kontakte von Ost-Bürgern zu kontrollieren. Mit Hilfe der Genex-Daten können die Staatsschützer-Ost auch Spender um Mitarbeit ansprechen, wenn sie die DDR besuchen.
Um die Provision für ihre westlichen Vertreter zu sparen, hat Genex sich daheim ein eigenes Verkaufsnetz geschaffen, das weiter ausgebaut werden soll: In der Ost-Berliner Zentrale, in Verkaufsbüros in Leipzig und Rostock sowie in einer Filiale noch vor den Grenzbarrieren auf dem Ost-Berliner Bahnhof Friedrichstraße können West-Berliner und westdeutsche DDR-Besucher auch direkt ordern, gegen Cash.
Für DDR-Bürger mit Guthaben im Westen ist der Erwerb von Genex-Geschenken etwas schwieriger: Sie können zwar in den Büros das Sortiment begutachten, neuerdings halten außerdem die Filialen der DDR-Staatsbank unter der Theke den Genex-Katalog für vertrauenswürdige Kunden bereit.
Aber bestellen dürfen die Devisen-Ost-Bürger bei Genex nicht. Dafür gibt es den West-Berliner Rechtsanwalt Reymar von Wedel, der in der Praxis des Ost-Berliner Regierungsanwalts Wolfgang Vogel eine Dependance unterhält.
Rund zwei Drittel ihres Umsatzes erwirtschaftet die Genex mit einer einzigen Abteilung: dem Ressort "Fahrzeuge und Zubehör". Autos sind in der DDR nach wie vor die begehrteste Ware, die es nicht gibt. Bis zu 14 Jahre muß ein Ost-Deutscher auf einen Wartburg warten, immerhin zehn Jahre auf den Kleinwagen Trabant.
Nicht zuletzt wegen Genex. Etwa 11 000 Wagen aus der DDR-Produktion, rund fünf Prozent der gesamten Fabrikation, verhökert die Partei Jahr für Jahr über Genex gegen Devisen, zum Schaden der Ost-Bürger ohne West-Kontakte, zum Nutzen der SED-Kasse: 1600 bis 1800 West-Mark für den Trabant, 2500 für den Wartburg erhält der staatliche Außenhandelsbetrieb Transportmaschinen - der Erlös, den die Exporteure bekommen, wenn sie die Ost-Autos ins _(Am 1. September 1985 auf dem Flughafen ) _(Leipzig-Schkeuditz bei der Ankunft von ) _(Strauß zur Leipziger Messe; links ) _(Strauß-Intimus Wilfried Scharnagl. )
"nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet" (NSW), wie das kapitalistische Ausland im SED-Chinesisch heißt, verkaufen. Die Wartburg-Produzenten in Eisenach und der Trabant-Hersteller VEB Sachsenring in Zwickau sehen davon nichts: Sie erhalten nur Ost-Geld.
Genex aber kassiert für den Trabant je nach Ausstattung und Liefermonat zwischen 5200 und 7400 D-Mark, für den Wartburg zwischen 9400 und 12 500 D-Mark, inklusive Steuern und Versicherung, die der Spender oder Käufer ebenfalls in Devisen löhnen muß. Die Lieferung erfolgt prompt, aus dem Kontingent von Otto Normalverbraucher, der so noch länger auf seinen ersehnten Pkw warten darf.
Von solcher Gewinnspanne können westliche Automobilhersteller nur träumen.
Bescheidener ist der Profit der sozialistischen Geschenkdienstler beim VW Golf. 2500 bis 3000 Golf C verkauft Genex im Jahr, viertürig und wahlweise mit 55- und 75-PS-Benzin- oder 54-PS-Dieselmotor. Preis: zwischen 18 400 und 23 700 DM. Genex-Verdienst: rund 3000 DM pro Wagen.
Hinzu kommen kleinere Kontingente des russischen Lada (14 300 bis 16 200 DM), des tschechischen Skoda (12 800 bis 13 700 DM) sowie der französische Renault 9 (ab 18 000 DM). Aus dem Sortiment der Intershops offeriert Genex zudem drei Fiat-Typen. Und von diesem Herbst an ist auch der VW Passat GL mit Stufenheck im Angebot, für etwas mehr als 31 000 West-Mark.
Den größten Reibach machen die Genex-Leute mit jenen Konsumgütern, die sie gegen Landeswährung in der DDR einkaufen und für Devisen an ihre eigenen Bürger weitergeben. Dazu gehört praktisch alles, was im real existierenden Sozialismus auf dem normalen Markt kaum zu bekommen ist.
Auf einen Pkw-Anhänger etwa wartet der DDR-Bürger, bestellt er ihn im Autohandel, bis zu sechs Jahre. Über Genex bekommt er ihn sofort - für 925 bis 2200 West-Mark, sofern er die auftreiben kann.
Eine Schrankwand vom Typ "Gera" oder "Juwel", auf die er sich sonst ebenfalls Monate bis Jahre freut, liefert der ostdeutsche Hersteller gleich frei Haus, wenn der Käufer an Genex dafür 2350 ("Gera 1") oder 4600 ("Juwel 2") West-Mark berappt. Ein Gefrierschrank aus DDR-Produktion, im normalen DDR-Laden höchst selten zu besichtigen, steht, je nach Größe, für 460 bis 805 West-Mark bereit.
Die ostdeutschen Hersteller und der volkseigene Handel indes sehen wiederum keinen West-Pfennig. Sie bekommen
nur Ost-Mark; wenn''s sein muß, spendiert Genex dazu das Benzin, das der DDR-Auslieferer braucht, um die Ware an den Mann zu bringen. Viele der betroffenen Unternehmen - vor allem im Möbelhandel und im Haushaltsgeräteservice - weigern sich, den Sprit aus ihrem ohnehin knappen Treibstoffkontingent abzuzweigen.
Ärger hat Genex auch mit seinen Dänen und Schweizern. Denn obwohl die Genex-Kunden absoluten Vorrang haben, lassen sich, etwa bei Möbeln, Autoanhängern oder Tiefkühltruhen, längere Lieferfristen oft nicht vermeiden. Das aber vergrätzt Jauerfood und Palatinus, die um ihre Kunden fürchten. Denn die Kunden oder Spender müssen jeweils Vorkasse bezahlen.
Um solchem Ärger abzuhelfen, horten die DDR-Firmen auf Parteiweisung sogenannte Genex-Kontingente. Das wiederum empört den DDR-Kunden, der etwa Trabis und Wartburgs zuhauf auf Halde stehen sieht und dem der Händler nicht erklären darf, für wen die bestimmt sind.
Die Genex-Manager kümmert das Volksgegrummel wenig, dafür ist die Staatssicherheit zuständig. Sie sind vielmehr darauf aus, für die Partei immer neue Marktlücken zu entdecken - und zu schließen. Erstmals 1983 offerierte Genex im Jahreskatalog ein ganzes Fertighaus "FH 108". Richtpreis: 120 000 DM, ohne Keller. Garantierte Lieferzeit: drei bis acht Monate.
1985 bietet Genex, in einem Sonderprospekt mit genauen Planskizzen, bereits drei Haustypen an, zwischen 96 220 und 113 275 D-Mark. Bestellt man ein ausgebautes Dachgeschoß und einen "standortlosen Keller mit Klinkersockel" hinzu, muß der West-Spender oder Ost-Käufer nochmals 50 000 berappen. Velux-Fenster und Velux-Jalousetten kosten ein paar Hunderter extra.
Wer dann noch West-Geld übrig hat, kann auch eine Sauna, je nach Größe zwischen 2252 und 3210 DM, bestellen. Zehn Häuser hat Genex in diesem Jahr bereits verkauft.
Ursprünglich wollte Genex die gesamte Kaufsumme in Devisen für die Parteikasse einstreichen. Doch der Deal scheiterte am Widerstand des Bauministers Wolfgang Junker, ohne dessen Genehmigung bei Häusern nichts läuft. Junker setzte durch, daß seine Behörde wenigstens ein Stück des Valuta-Kuchens erhält. Man einigte sich auf eine Teilung von 30 zu 70 Prozent.
Eine weitere Marktlücke machten die findigen Valuta-Sucher der SED in den siebziger Jahren im sozialistischen Osten aus. Die DDR leidet nicht nur an chronischem Mangel westlicher Devisen, ihr
fehlen auch Valuta aus den Bruderländern, vor allem Rubel. Der Grund: Die reisefreudigen Ost-Deutschen fahren sehr viel häufiger in die Sowjet-Union oder nach Ungarn als Russen oder Magyaren in die DDR.
Außerdem leiht Ost-Berlin seit Jahren Freiwillige an die Sowjet-Union aus, die zum Ruhm der deutsch-sowjetischen Freundschaft an der "Druschba-Trasse", der Gasleitung von Sibirien nach West-Europa, schaffen. Die "Trassenkumpel", jeweils rund 6000 sind im Einsatz, bekommen pro Tag vor Ort 20 Rubel Auslösung, von denen zehn nicht ausgezahlt, sondern auf einem Sperrkonto festgelegt werden.
Um die überschüssigen Ostblock-Währungen abzuschöpfen und die interne Zahlungsbilanz mit den Bruderländern zu verbessern, richtete Genex ein zweites Ressort ein, für "Deviseninländer" (im DDR-Deutsch: Devis).
Der Devi-Katalog sieht dem West-Katalog sehr ähnlich, bis auf zwei kleine Nuancen: Er enthält - außer einem bescheidenen Angebot an Speisen und Getränken aus dem Sortiment der Intershops - ausschließlich Ost-Waren, die in der DDR nur schwer zu bekommen sind. Und: Die Preise sind in DDR-Mark ausgedruckt.
Nach einem festen Schema: West-Lebensmittel wie Zigaretten oder Kaffee kosten etwa drei- bis viermal soviel wie in D-Mark. Eine Stange "Lord Extra" etwa 63 Ost-Mark statt 26 Mark West; 250 Gramm "Tchibo Gold Mocca" 19,80 DDR-Mark statt 5,50 West. Genex-Geschenke aus heimischer Produktion dagegen liegen im Preis grundsätzlich 20 Prozent unter dem Einzelverkaufspreis in DDR-Läden.
Wichtiger noch für Rubel-Besitzer: Sie bekommen, wie im West-Geschäft, die Ware ohne lästige Wartezeit, vom Wartburg bis zur Wandfliese, zum normalen Wechselkurs von 3,20 Ost-Mark je Rubel.
Nicht zuletzt dank dieser Aussicht haben sich in den letzten Jahren stets genügend Freiwillige gefunden, die sich von ihren Betrieben für zwei Jahre in die Sowjet-Union delegieren ließen. 1983 faßte der DDR-Ministerrat einen, nie veröffentlichten, förmlichen Beschluß, daß Genex die Versorgung der Trassenkumpel "zu 100 Prozent" abzusichern habe.
Clevere Devis nutzten die Staatsgarantie für den eigenen Profit: Sie kauften etwa in großen Mengen bei Genex Wandfliesen ein und verscherbelten die auf der Mängelliste der ostdeutschen Gesellschaft weit oben stehenden Kacheln gegen ein ordentliches Aufgeld weiter. Inzwischen sind die Devi-Fliesen limitiert.
Der Mann, der im Hintergrund dieses für die ostdeutsche Staatspartei höchst lukrativen Geschäfts die Fäden zieht, hat in den letzten Jahren als DDR-Partner von Franz Josef Strauß Schlagzeilen gemacht: Alexander Schalck-Golodkowski, Staatssekretär im DDR-Außenhandelsministerium.
Der 53jährige, der auch bei wolkenverhangenem Himmel zum dunklen Anzug stets eine Sonnenbrille trägt und sich früher mit Bonns Vertreter Günter Gaus gern konspirativ auf abgelegenen Parkplätzen traf, ist ein Genosse für heikle Fälle: Er ist immer dann gefragt, wenn die Partei, etwas außerhalb der Routine, West-Geld braucht.
Schalck-Golodkowski schickt, wenn irgendwo ein plötzlicher Devisenengpaß ostdeutsche Industriebetriebe in Schwierigkeiten bringt, schon mal seine Leute mit Koffern voller Ost-Mark in die Schweiz, um dort DDR-Mark gegen West-Währungen zu tauschen. Der Diplom-Wirtschaftler fädelte zusammen mit dem CSU-Vorsitzenden Bonns ersten Milliardenkredit für Ost-Berlin ein. Zu Strauß hält er seither Dauerkontakt. Wann immer der Bayer in der DDR auftaucht, Erich Honeckers Schalck ist stets dicht dabei.
Im Außenhandelsministerium leitet der Genosse im bescheidenen Rang eines Staatssekretärs die Abteilung "Kommerzielle Koordinierung", der nicht nur Genex untersteht. Zu Koko gehören auch andere Devisenbringer, etwa *___die Handelsgesellschaft "Versina", bei der Diplomaten ____und in Ost-Berlin akkreditierte Korrespondenten sich zu ____Billigpreisen mit Spirituosen und Zigaretten eindecken ____können; *___die Intershops, in denen jeder DDR-Bürger gegen ____West-Geld Waren des normalen bis gehobenen Mangels ____einkaufen darf, vom Kaugummi bis zum Fiat; *___die Valuta-Hotels in Ost-Berlin, Leipzig und Dresden, ____in denen Gäste nur gegen DM oder Dollar beherbergt ____werden.
Von diesen Hotels gibt es in der DDR vier: das "Metropol" und das "Palasthotel" in Berlin, das "Merkur" in Leipzig und, jüngste Schalck-Errungenschaft, das "Bellevue" in Dresden. Die Luxus-Logis, in denen DDR-Bürger nicht wohnen dürfen, sind mit hohem westlichen Komfort ausgestattet und offenbar ein gutes Geschäft: Weitere sind bereits in der Planung.
Die Partei läßt ihrem erfolgreichen Manager freie Hand; gegen ihn, so scheint es, kommt weder die sozialistische Moral an noch der Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke.
Über Genex kann sich der DDR-Bürger auch Gerätschaften besorgen, die Mielkes Stasi gar nicht gern sieht. Jahrelang durfte Genex nur Bootsmotoren bis zu einer Stärke von 40 PS anbieten - weil auch die Stasi keine schnelleren hatte. Seit 1985 verkauft Genex japanische Yamaha-Motoren mit 60 und 90 PS (Kostenpunkt: 7700 und 12 000 D-Mark).
Im neuen Winterkatalog ließ der Koko-Chef noch einen draufsetzen: Unter dem Werbeslogan "supersportlichschnell-leicht-sicher!" offeriert Genex für 9990 DM ein Motorrad "XJ 600" der Marke Yamaha. Unter "Technische Daten" ist ausdrücklich vermerkt: "Höchstgeschwindigkeit über 200 km/h".
Da kommt im Tempo-100-Staat DDR weder Volkspolizei noch Stasi mit. Die bringen es auf dem DDR-Eigenbau MZ allenfalls auf 130 Stundenkilometer.
Am 1. September 1985 auf dem Flughafen Leipzig-Schkeuditz bei der Ankunft von Strauß zur Leipziger Messe; links Strauß-Intimus Wilfried Scharnagl.

DER SPIEGEL 41/1985
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