05.08.1985

„Dieser Job tötet die Lebensfreude“

SPIEGEL-Interview mit dem Fußball-Manager des Hamburger SV, Günter Netzer *
SPIEGEL: Herr Netzer, in Anzeigen, mit denen Sie in Illustrierten für Aquavit werben, wird zwar behauptet: "Sie bleiben ja eiskalt am Ball, Günter Netzer." Doch daran zweifeln inzwischen die HSV-Fans.
NETZER: Wer jetzt am Wert meiner Arbeit zweifelt, hätte es auch in unseren Erfolgsjahren tun sollen. Wir sind dabei, eine neue Mannschaft aufzubauen und das braucht Zeit. Das kapiert jeder, der halbwegs etwas vom Fußball versteht.
SPIEGEL: Die Hamburger Stadtzeitschrift "Szene" meint: Netzers "einstige, überzeugend geschauspielerte Überlegenheit ist einem gereizten Rechtfertigungsdrang gewichen". Sind Sie ein schlechterer Schauspieler als früher oder hat Sie der Job geschafft?
NETZER: Ich habe immer versucht, offen zu sein, zu meinen Fehlern zu stehen. Ein Schauspieler, der den Leuten etwas vormacht, bin ich nie gewesen.
SPIEGEL: Täuscht der Eindruck, daß Sie müde geworden sind?
NETZER: Nicht müde, sondern distanzierter. Deshalb höre ich am Ende dieser Saison auf, das ist dann auch besser für den HSV. Ich möchte nicht eines Tages meine Arbeit nur noch mit Routine erledigen. Das habe ich auch dem Präsidium des HSV gesagt und das ist das ehrlichste Geständnis, das ein Arbeitnehmer seinem Arbeitgeber machen kann.
SPIEGEL: Ihr Ziel war, die Mannschaft, die 1983 Europapokal und Deutsche Meisterschaft gewann, ohne Qualitätsverlust kontinuierlich zu verjüngen. Daran sind Sie ja wohl gescheitert.
NETZER: Jawohl, ich bin gescheitert. Wie zuvor den Verantwortlichen bei Real Madrid, Inter Mailand, Ajax Amsterdam oder Bayern München ist es auch mir nicht gelungen, die älter gewordenen Stars nahtlos zu ersetzen. Wenn ich das geschafft hätte, wäre es für mich wertvoller gewesen als alle Meisterschaften, die wir gewonnen haben.
SPIEGEL: Ein alter Fuhrmann wie der jetzt in Pension gegangene Trainer Helmut Johannsen nannte es unlängst erst einen "großen Fehler, Horst Hrubesch wegzuschicken, um den jüngeren Dieter Schatzschneider zu holen". Es war nicht die einzige falsche Personalentscheidung in den letzten zwei Jahren.
NETZER: Auch wenn Hrubesch als 34jähriger noch einen Vertrag bei Borussia Dortmund bekommen hat: Seine Zeit war vorbei, als wir ihn für 800000 Mark nach Lüttich verkauften. Schatzschneider, im Vergleich mit Hrubesch der bessere Fußballspieler, wurde doch nur zum Problem, weil er sich beim HSV nicht unterordnete. Das gilt auch für Wuttke.
SPIEGEL: Muß sich ein neuer Spieler in Hamburg unterordnen?
NETZER: Es gibt in jeder Fußballmannschaft berechtigte Hierarchien. Als ich vor zwölf Jahren von Borussia Mönchengladbach zu Real Madrid ging, habe ich mich dort auch nicht aufgeführt wie der Erfinder des Fußballs.
SPIEGEL: Der im Vorjahr geholte Mark McGhee ist offenbar auch ein Flop, und die talentiertesten Nachwuchsspieler machen schon seit Jahren einen Bogen um Hamburg.
NETZER: Immer habe ich von den jungen Leuten zu hören bekommen: Was soll ich denn beim HSV? Da spielen der Kaltz und der Magath und der und der, da kriege ich doch nie eine Chance, da gehe ich lieber zu einem weniger renommierten Klub. Das ist der ganz simple Grund dafür, warum kein Verein der Welt die besten Nachwuchsspieler in der Hinterhand hat, wenn die großen Stars abtreten. In diesem Jahr bin ich erstmals offene Türen eingerannt. Die jungen Spieler wissen: Das HSV-Team ist im Umbruch, sie wittern ihre Chance.
SPIEGEL: Sie sind HSV-Manager seit 1978. Hat der Job Sie verändert?
NETZER: Ich habe das Geschäft Profifußball wohl nur so lange ertragen, weil ich von Finanzen nichts verstand und die Risiken für den Klub nicht wahrgenommen
habe. Am Anfang habe ich bei Transfers aus dem Instinkt des Fußballers heraus gehandelt, das Geld hat mich erst in zweiter Linie interessiert. Je mehr Verständnis ich für die finanziellen Probleme bekomme, um so schwerer tue ich mich, Geld auszugeben.
SPIEGEL: Was macht den Unterschied aus, Spieler oder Manager eines Vereins zu sein?
NETZER: Auch als Spieler habe ich mich über Niederlagen geärgert, aber schon am Samstagabend in der Kneipe wurde ich den Druck allmählich los. Jetzt schleppe ich diese Stimmung tagelang mit mir herum, das Gefühl löst sich nicht, die Unbeschwertheit früherer Jahre ist weg. Dauernd frage ich mich nach einer Niederlage: Können wir noch Meister werden? Oder: Wie viele Zuschauer kostet uns das beim nächsten Heimspiel? Es ist zermürbend.
SPIEGEL: Das klingt nun aber weniger nach Distanz als nach Resignation.
NETZER: Ach, was heißt Resignation. Ich kann doch nicht mein Leben lang immer nur unangenehme Dinge tun. Der Manager eines Profiklubs ist für alles Unangenehme zuständig: Das kleinste Problem des Spielers ist auch sein Problem, er muß Trainer und Mannschaft den Kopf freihalten, damit am Samstag die Leistung stimmt. Das hat mich mit den Jahren sehr viel Kraft gekostet, mein Privatleben leidet unter dieser permanenten Anspannung.
SPIEGEL: Fußball-Manager kann also von der Liste der Traumberufe gestrichen werden?
NETZER: Dieser Job tötet die Lebensfreude.
SPIEGEL: Die Verhältnisse werden sich wieder zum Besseren wenden. Sie werden ab nächsten Sommer in der Schweiz leben.
NETZER: Ja, in Zürich, mit meiner Freundin Elvira. Ich werde Mitarbeiter der CWL-Werbung, einer Agentur für internationale Sportwerbung.
SPIEGEL: Aus dem schillernden Günter Netzer der frühen Mönchengladbacher Jahre, dessen Vorliebe für schwarze Lederbekleidung und Ferraris, Diskos und Filmsternchen wie Elke Sommer oder Iris Berben so manche Illustriertenstory hergab, ist also ein solider Herr Anfang 40 geworden. Wann wird geheiratet?
NETZER: Falls es Sie beruhigt: Ich bin immer noch der Meinung, daß man auch ohne Trauschein glücklich sein kann.
SPIEGEL: Felix Magath wird im nächsten Jahr Ihr Nachfolger, ein introvertierter, mitunter von Selbstzweifeln geplagter Mann. Was prädestiniert ausgerechnet ihn als Manager eines "circensischen Unternehmens", wie der Mönchengladbacher Manager Helmut Grashoff die Bundesliga nannte?
NETZER: Ach Gott, der Herr Grashoff als Zirkusdirektor. So einen kühlen Hanseaten wie ihn gibt es in ganz Hamburg nicht.
SPIEGEL: Wenn Sie den Manager Magath für eine schlechte Lösung halten, werden Sie das wohl kaum laut sagen.
NETZER: Ich brauche mich nicht zu verstellen, ich halte den Manager Magath für eine gute Lösung. Er ist ein Praktiker, er kennt die Schwierigkeiten im Umgang mit Fußballspielern und er ist intelligent genug, die Dinge rasch zu lernen, die er noch lernen muß.
SPIEGEL: Am Wochenende startet die Bundesliga in die 23. Saison, ein Konkurrent für Titelverteidiger Bayern München ist nicht in Sicht. Süd-Nord-Gefälle nun auch im Fußball, möglicherweise auf Jahre hinaus?
NETZER: Die Bayern haben unbestritten das qualitativ beste Spielermaterial, aber auch keine Wunderelf.
SPIEGEL: Was hat Bayern-Manager Uli Hoeneß besser gemacht als Sie?
NETZER: Er hat Karl-Heinz Rummenigge für zehn Millionen Mark nach Italien verkauft. Mit dem Geld ist auch der teure Spielerkader zu finanzieren, den sich die Münchner leisten.
SPIEGEL: Paul Breitner bedauert zu Recht immer noch den Verlust des Ausnahmespielers Rummenigge. Die Stars in der Bundesliga sind rar geworden, die meisten Klubs scheuen Investitionen und präsentieren ihre Durchschnittsware den Fans auch noch als letzten Schrei. In Schalke ist man ganz stolz auf einen 25 Jahre alten bisherigen Amateurspieler namens Regenbogen, weil er so dicke Oberschenkel hat.
NETZER: Jetzt kommt doch bestimmt wieder der Vergleich mit dem angeblichen Fußball-Paradies Italien, oder?
SPIEGEL: Gewiß. Dort haben die Zuschauer mehr Freude am Profifußball.
NETZER: Weil sie kritikloser sind. Trotz aller Stars, die die Italiener für Unsummen eingekauft haben: In Deutschland wird der schnellere, athletischere, bessere Fußball geboten. Die Leute hier sollten einmal mitbekommen, wie viele Kunstpausen dort die Cracks während eines Spiels einlegen.
SPIEGEL: Lieber einen Platini 30 Minuten in Aktion sehen als die gesamte Waldhofer Mannschaft dreimal so lange. Wie wollen Sie die zuletzt arg frustrierten HSV-Fans zurück ins Volksparkstadion locken?
NETZER: Durch das Bemühen unserer neuen Mannschaft, ehrliche Arbeit zu leisten. Das haben die Fans in der jüngeren Vergangenheit vermißt.
SPIEGEL: Zum Thema Berufsauffassung fällt einem sogleich der Name Manfred Kaltz ein.
NETZER: Was mit dem los ist, ist für uns alle unerklärlich.
SPIEGEL: Wenn schon Neuaufbau beim HSV: Warum haben Sie sich nicht von Trainer Ernst Happel getrennt?
NETZER: Weil dieser Mann ein Genie ist.
SPIEGEL: Was macht er denn so genial?
NETZER: Er kann eine Mannschaft nicht nur überzeugen, so zu spielen, wie er es für richtig hält; er dirigiert sie geradezu. Das habe ich außer bei ihm nur noch bei Branko Zebec und Hennes Weisweiler erlebt. Happel, Zebec und Weisweiler sind die drei besten Trainer, die je im deutschen Fußball gearbeitet haben.
SPIEGEL: Auch ein Happel, jetzt im fünften Jahr HSV-Trainer, verbraucht
sich in der täglichen Arbeit. Außerdem wird es für einen fast 60 Jahre alten Mann ja wohl immer schwieriger, den richtigen Umgangston mit den Spielern zu treffen. Das war ohnehin nie seine Stärke.
NETZER: Happel hat nicht mehr die Kraft, den Elan wie früher, das weiß er selber. Deshalb haben wir ja Aleksandar Ristic zurückgeholt. Ristic ist mehr als ein Assistenztrainer im üblichen Sinn, er ist die ideale Ergänzung zu Happel.
SPIEGEL: Obwohl der HSV während Ihrer siebenjährigen Amtszeit zur erfolgreichsten deutschen Fußballmannschaft aufstieg, dreimal in europäischen Pokal-Endspielen stand, je dreimal Meister und Vizemeister wurde und sich in der verkorksten letzten Saison immerhin noch für den Uefa-Cup qualifizierte: Mit der Presse lebt es sich für Sie nicht besonders angenehm. Wie kommt's?
NETZER: Diese Erfahrung ist für mich keineswegs neu. Aufgrund meiner Erfolge bin ich eine Reizfigur, negative Storys über mich lassen sich besonders gut verkaufen. Das war in meiner Zeit als Nationalspieler auch nicht anders.
SPIEGEL: Immerhin, die Spielregeln sind Ihnen also geläufig.
NETZER: Das Verhältnis ist ja auch nicht so belastend, daß ich mich deshalb erschießen müßte. Aber ich bin froh, wenn ich als Privatperson endlich einem Zeitungsmann sagen kann: "Stellen Sie eigentlich immer so blöde Fragen?", und mich nicht darum sorgen muß, ob er nach dem Gespräch mit mir über den HSV herzieht.

DER SPIEGEL 32/1985
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