04.11.1985

ASTRONAUTENKlunte & Klunte

Bevor der deutsche Spacelab-Astronaut Reinhard Furrer letzte Woche ins All startete, holte ihn seine Vergangenheit als bewaffneter Fluchthelfer ein. *
Geschichten aus Berlin", weiß Reinhard Furrer, 44, aus bewegten Zeiten an der Freien Universität, "können Geschichten für die Zukunft sein."
Wie heftig manche Berliner Geschichte fortwirkt, erfährt der deutsche Astronaut nun am eigenen Leib: Als Furrer letzte Woche zur Spacelab-Mission "D 1" ins Weltall startete, kam ein "Geheimnis des Astronauten" ("Quick") zutage: die Umstände, unter denen er einst in Gesellschaft rechter Tunnelbauer daran mitgewirkt hat, DDR-Bürgern tief unter der Berliner Mauer hindurch in den Westen zu verhelfen.
Es geht um ein Unternehmen vom 5. Oktober 1964, mit dem Furrer und seine Freunde 57 DDR-Bürger in den West-Berliner Wedding herüberholten und bei dem ein DDR-Soldat namens Egon Schultz, ein Unteroffizier der Nationalen Volksarmee, unter Pistolenkugeln sein Leben verlor.
Ließ etwa das Hamburger Linksblatt "Konkret" - Überschrift "Aus dem Gully in den Weltraum" - letzten Monat noch offen, ob Fluchthelfer Furrer einst womöglich mitgeschossen habe ("bleibt unklar"), so ist der Astronaut aus Sicht der Nürnberger Fernseh-Gazette "die 2" schlicht "als Todesschütze verdächtig".
Fest steht, daß Furrer und seine Leute 1964 für ein deutsch-deutsches Polit-Beben gesorgt haben. Während Berlins Bürgermeister Heinrich Albertz angesichts östlicher Mordvorwürfe damals trotzig jegliche Distanzierung von dem Fluchthilfeunternehmen verweigerte ("Niemand wird den Senat dazu bewegen können"), sprach die DDR-Nachrichtenagentur ADN von "Fortsetzung des Kalten Krieges".
Beim Staatsbegräbnis für Egon Schultz feuerten DDR-Grenzer drei MPi-Salven Salut übers Grab, und Erich Honecker, damals Mitglied des Politbüros, versprach: "Die Mörder und ihre Hintermänner werden ihrer gerechten Strafe nicht entgehen."
Daß die alten Geschichten ausgerechnet zum Zeitpunkt des texanischen Countdown hochkamen, findet ein Sprecher des deutschen Kontrollzentrums in Oberpfaffenhofen "ominös und intrigant". Gleichwohl, der Fall beleuchtet, auf welch abenteuerliche Weise sich ein Stück Historie aus der Schlußphase des Kalten Krieges mit der Biographie eines Top-Wissenschaftlers vermengt.
Ein Überflieger war Reinhard Furrer schon immer gewesen. Der Bub aus dem Allgäu, Geigenspieler seit Kindestagen, schaffte den Aufstieg vom Physikstudenten ins Weltraumlabor praktisch ohne Knick. Ein Schuß Abenteuerlust war bei dem unorthodoxen Wissenschaftler ("Bei echten Profis haben noch niemals Bürokratenmaßstäbe gegolten") stets im Spiel.
Das mit Glanz absolvierte Studium hatte Furrer nachts als Taxifahrer finanziert. Längst etabliert als Assistenzprofessor am Institut für Atom- und Festkörperphysik der Freien Universität, überführte er einmotorige Flugzeuge - mal über den Atlantik, mal an den Äquator.
Als ein westdeutscher Wissenschaftsastronaut gesucht wurde, schlug er 700 Mitbewerber aus dem Feld. Stets bezauberte Furrer, der Einser-Raumfahrer, die Medien, die ihn als "funktionale _(Links: am Mittwoch vergangener Woche vor ) _(dem Spacelab-Start in Cape Canaveral; ) _(rechts: 1964 im Berliner Fluchttunnel. )
Persönlichkeit" ("Süddeutsche Zeitung") und als "übersprudelnde Mischung aus Reinhold Messner und Steve McQueen" ("Welt") porträtierten.
Ein Jahr nach dem Mauerbau hatte der 22jährige Furrer sein Studium in Berlin begonnen. DDR-Grenzsoldaten bestimmten damals in der Stadt das Feindbild. In dieser Zeit, in der jeder Vorfall auf der "Interzonenautobahn" aufgeregt registriert wurde und die Zeitungen täglich die Statistik der Flüchtlinge "aus der Zone" fortschrieben, war auch für FU-Studenten Kalter Krieg.
Wider "Pankow" stritten damals nicht nur rechte Kommilitonen, und Fluchthelfer galten weithin als moderne Helden. Den Osten zu überlisten, seine Staatsschützer immer wieder auszutricksen - für dieses Ziel setzten Studenten schon mal ein, zwei Semester dran.
Furrer widmete solchen Aktivitäten monatelang sein "Studium generale", wie sich Wolfgang Fuchs erinnert, damals einer der erfolgreichsten Fluchtorganisatoren. Der ehemalige DDR-Bürger, der 1962 selber mit Frau und zwei Kindern durch den Drahtverhau gekrochen war, hatte sich insbesondere auf den Bau von Fluchttunnels spezialisiert.
Je rigoroser die DDR-Grenzer die Aktionen der deutsch-deutschen Maulwürfe zu unterbinden trachteten, desto mehr waren die Tunnelgräber auf neue technische Raffinessen angewiesen. Furrer, Burschenschafter und nach Kommilitonen-Einschätzung ein "Radikal-Idealist", war für Fuchs der rechte Mann.
Neben TU-Studenten, die ihre bergmännischen Spezialkenntnisse einsetzten und etwa die Vorteile der Gneisböden im Berliner Norden professionell zu nutzen verstanden, fungierte Furrer im Fuchs-Team als Fachmann für knifflige Elektrik.
So baute er ein Mikrophon mit speziellem Verstärker, der jeden Schritt im Bereich des vorgesehenen Schacht-Eingangs auf der Ostseite wiedergab. Er konnte mit Meßinstrumenten wie dem Theodoliten umgehen und baute aus leeren Konservenbüchsen ein zehn Meter langes Belüftungsrohr.
Als Furrers Spezialität galten Einsätze, die besondere Nervenstärke erforderten. So avancierte der Physiker schnell zum Nebenboß. Einem Coup, bei dem sie einem jungen West-Berliner halfen, die Braut aus Ost-Berlin zu bergen ("Ick will meene Klunte"), entlehnten die Tunnelbauer ihren Tarnnamen: Klunte & Klunte.
Einmal holte die Fluchthilfefirma mit Hilfe einer Leiter jemanden über die Mauer, der auf einem angrenzenden Ostfriedhof, mit Gießkanne und Schäufelchen als gärtnernder Witwer getarnt, unbemerkt ans Betonbauwerk vorgedrungen war. Fuchs: "Die Leichenhalle lag im Schußfeld der Vopos, wir hatten 26 Sekunden Zeit."
Zuletzt hatte es die Fuchs-Gruppe, die insgesamt sieben Tunnel unter der Grenze
hindurchtrieb, zunehmend auch mit der westlichen Polizei zu tun. Die Beamten begannen damals, manches diesseits der Mauer entdeckte Buddel-Vorhaben zu stoppen. Einen Fahrkran mit kugelsicherer Flüchtlingskapsel am Seil etwa beschlagnahmten die Westpolizisten vor dem Einsatz.
Furrer ("Klunte II") begann sich nun wieder der Wissenschaft zuzuwenden und nahm nur mehr "tangential" (Fuchs) an Ausschleusungen von DDR-Bürgern, etwa im Autokofferraum, teil. Fuchs ("Klunte I"), heute Drogist in Neukölln und Freizeit-Skipper auf der Havel, grämt sich immer noch über die amtlichen Bremsaktionen, die mit der beginnenden Entspannungspolitik einsetzten - "alles wegen der Passierscheine".
Das spektakuläre Unternehmen der Kluntes, die Flucht der 57, fiel in eine politisch besonders brenzlige Zeit. Das erste umfassende Berliner Passierscheinabkommen war - in Ost wie West gegen den Widerstand starker Gruppen - gerade verabschiedet, aber noch nicht vollzogen. Nicht von ungefähr scharte sich eine schillernde Unterstützer-Szene aus Politikern, Beamten und Journalisten um die Tunnelbauer.
Zu den Finanziers zählte auch das Ost-Büro der CDU, und West-Berliner Sicherheitsbehörden hielten schützend die Hand über das Unternehmen. Späteren Senatsermittlungen zufolge hatte die Gruppe Fuchs/Furrer ihre Pistolen von Polizisten bekommen. Am Ost-Berliner Tunneleingang ließen die Fluchthelfer neben einer geladenen Mauser auch Gasmasken aus Beständen der West-Berliner Polizei zurück.
Am anderen Tunnelende in der Bernauer Straße erwartete ein buntes Stückchen Weltöffentlichkeit den Ausgang des Unternehmens. "Die notwendigen Gelder für den Bau und die Ausrüstung des Tunnels", staunte der "Tagesspiegel" später, "wurden durch Beiträge der Hamburger Illustrierten ''Stern'' finanziert. Auch waren im Augenblick der Flucht ein Vertreter des in Stuttgart erscheinenden Organs ''Zeitung'' und ein Team des ''German Television Service'' ... anwesend."
Ebenso wie für aktuelle Schlagzeilen hatten die Kluntes für späteren Tatenruhm gesorgt. Noch am Tunnel fertigten Photographen Bilder einer noch heute verbreiteten Dia-Serie über die Flucht; im "Haus am Checkpoint Charlie", wo die Geschichte der Mauer-Kämpfer gehütet und die Ballade vom "Tunnel 57" vorgetragen wird, referierte noch Jahre danach ein blonder "Curt Jakob" - Klarname: Reinhard Furrer.
Was in jener Oktobernacht auf dem Grundstück Strelitzer Straße 55 (heute: Egon-Schultz-Straße) jenseits der Mauer geschah, ist seither vielfältig verwischt. Ungeklärt blieb, ob Soldat Schultz etwa im Kugelhagel seiner eigenen Genossen starb - die DDR übersandte keinen Obduktionsbefund, und die West-Berliner Staatsanwaltschaft ermittelte, statt
den Tötungsvorwurf aufzuklären, schließlich nur wegen unbefugten Waffenbesitzes.
Heutigen Schilderungen des Alt-Aktivisten Fuchs zufolge war die Schießerei seiner Weggefährten nichts als ein Rückzugsgefecht im MPi-Kreuzfeuer eines von allen Seiten angreifenden Volkspolizei-Trupps. Damals freilich verbreiteten auch West-Berliner Medien und Ermittler ein Bild, das der Version des "Neuen Deutschland" ("Als Mordwaffe wurde eine Pistole vom Kaliber 7,65 benutzt, deren Projektil sichergestellt wurde") nicht gar so fern war.
In zwei Schüben, soviel ist sicher, robbten die Flüchtlinge durch den Tunnel. Als letzte tauchten zwei Männer auf, die nicht dazugehörten. Furrer, wieder mal auf vorgeschobenem Posten, nahm sie in Empfang und erbarmte sich, als sie "heulend" darum "bettelten", noch einen "direkt aus Bautzen Entlassenen" holen zu dürfen.
Als die beiden statt dessen in uniformierter Begleitung erschienen und Furrer anherrschten: "Kommen Sie mit", verloren die bewaffneten Studenten "die Nerven", wie tags darauf die US-Nachrichtenagentur upi meldete: Sie "eröffneten sofort aus ihren Pistolen das Feuer", wobei "der Unteroffizier Schultz getroffen wurde" ("Tagesspiegel").
Während die Flüchtigen "mindestens ein Magazin einer Pistole vom Kaliber 7,65 leerfeuerten" ("Abendpost"), haben die Ost-Berliner Grenzer amtlichen Erklärungen zufolge, so wiederum upi, "zunächst nicht zurückgeschossen".
Zum tödlichen Schuß bekannte sich einer der Studenten, den die Illustrierte "Quick" drei Wochen nach dem Vorfall mit der Geständnis-Schlagzeile "Ich habe den Vopo erschossen" anonym vorführte. Doch auch diese Aussage konnte West-Berlins Justiz nicht zu einer Tötungsanklage bewegen.
Unter dem Feuerschutz des Studenten konnte Reinhard Furrer damals entkommen, dessen Pistole, sämtlichen Quellen zufolge, unbenutzt blieb.
Links: am Mittwoch vergangener Woche vor dem Spacelab-Start in Cape Canaveral; rechts: 1964 im Berliner Fluchttunnel.

DER SPIEGEL 45/1985
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