05.08.1985

FILMNummer 14

„Im Angesicht des Todes“. Spielfilm von John Glen. Großbritannien 1985. 130 Minuten; Farbe. *
Veteranen des Bond-Kinos, die vor rund 20 Jahren mit "James Bond 007 jagt Dr. No" und den "Liebesgrüßen aus Moskau" in die feine Welt des Antikommunismus eingeführt wurden (Kaviar nur mit dem Löffel, Feindagenten mit Messer und Gabel), werden auch "Im Angesicht des Todes", also im Angesicht des neuesten Bond-Films, auf alte Aha-Erlebnisse nicht verzichten müssen:
In der Einleitungssequenz wird 007, vertreten durch den Bond-bewährten Ski-Zirkus des Willy Bogner, von den bösen Russen durch die Arktis gejagt. Gemildert wird das frostige Kalte-Kriegs-Klima nur durch die Polar-Sonne des schönen Schwachsinns: Willkommen daheim, willkommen bei James Bond!
So unerschütterlich also im vierzehnten Bond-Film die Essentials von den doofen, aber gerissenen Russkies, dem weltrettenden Bond mit der Lizenz, auch ohne Krawatte töten zu dürfen, und der in letzter Sekunde nach einem mörderischen Countdown geretteten Erde auch sind, so sehr hat sonst inzwischen der Zahn der Zeit an Bond genagt.
Da butlert sich beispielsweise ein schwer atmender Dickwanst durch die Agenten-Story, eine lebende Anti-Eisbein-Reklame, und auf einmal wird man erschrocken gewahr, daß es sich um Patrick Macnee aus der längst verblichenen TV-Serie "Mit Schirm, Charme und Melone" handelt: Vom versnobten Detektiv zum Fettfleck, das ist der Weg allen Fleisches. Kein Wunder, daß Macnee dem Bond-Film bald und jäh in einer Autowaschanlage abhanden kommt.
Aber auch Roger Moore, dem es weit besser gelingt, seinen Bauch einzuziehen (er hat immer noch eine blendende Figur und einen hervorragenden Schneider), fällt ein Zweig der Bond-Tätigkeit immer schwerer, die Darstellung des Sex-Leistungssportlers nämlich - ohnehin eine Disziplin, deren chauvihafte Ausübung seit den sechziger Jahren Schimmel angesetzt hat. Was einst mit Witz gegen den damaligen Muff anging, ist inzwischen selbst total vermufft.
Da die Bond-Filme zudem seit langem schon garantiert jugendfrei zu sein haben, begnügt sich Roger Moore mit einem Stammtisch-Augenzwinkern in die Herrenecke der Kinos. Den lieben Kleinen darf zwar zugemutet werden, daß da eine ganze Schicht wackerer Bergleute mit der Maschinenpistole umgenietet und anschließend auch noch ertränkt wird, dem Johannistrieb des Helden jedoch dürfen sie nicht beiwohnen. Das wirkt inzwischen weniger wie freiwillige Selbstkontrolle, mehr wie: Reserve hat Ruh.
Den modischen Touch des Hier und Heute soll Grace Jones beisteuern, die brikettfrisierte Rachegöttin des Aids-Zeitalters. Das hermaphroditische Idol, halb gurrender schwarzer Panther, halb übertriebene Jacketkronen-Reklame, ist die "S & M"-Gespielin des Bösewichts dieses Films, den kontrastwirksam zu ihr der besonders blonde Christopher Walken spielt. Grace Jones, die ihm dämonisch verfallen ist, spielt sich so, daß man lange Zeit denkt, sie werde hier von einem Imitator aus der Transvestiten-Show
gedoubelt. Leider aber doubelt sie sich nur selbst. Bis zum Steinerweichen.
Dieser Bond-Film, bei dem es um neuartige Mikrochips geht, die die Russen den Briten klauen wollen, bis ein allzu ehrgeiziger Ost-Agent wieder auf eigene Rechnung die Weltherrschaft erobern will, dieser Film also basiert auf keinem Fleming-Roman mehr. Die sind inzwischen ausgegangen.
Statt dessen liegt "Im Angesicht des Todes" eine Fleming-Kurzgeschichte aus dem Jahr 1959 zugrunde, die gnadenlos auf die volle Kinolänge gestreckt wurde.
Daß es sich um eine Kurzgeschichte handelt, tut der Liebe keinen Abbruch. Drehbuch und Geschichte sind so idiotisch, als ob es sich um einen Original-Fleming in voller Länge handelte.
Champagner getrunken und gemordet wird in Paris auf dem Eiffelturm, in einem Oise-Schloß mit riesigen Stallungen und edlen Rennpferden, in San Francisco auf der Golden Gate Bridge, in einem Landhaus in Kalifornien und im Silicon Valley. Das Silicon Valley nämlich, wo Amerikas Mikroelektronik-Industrie zu Hause ist, will der Schurke in die Luft jagen, indem er ein künstliches Erdbeben erzeugt. So hätte er das Monopol in der Computer-Herstellung, Bond aber, in letzter Minute ... weiter sollte man die Infantilitäten der Handlung nicht nacherzählen.
Sie sind, wie gesagt, nicht anders als in 13 Bond-Filmen zuvor. Nur irgendwie scheinen sie ihre ironische Reibung mit der Gegenwart eingebüßt zu haben.
Bond, das war immer auch eine Parodie auf die von der Werbung geweckten Allmachts- und Schöner-Essen-Trinken-Lieben-Phantasien, auf die Musts von Cartier und daß es schon immer etwas teurer war, einen guten Geschmack zu haben. Inzwischen wirbt Bond nur noch für sich selbst, parodiert Bond nur noch Bond. Und so bleibt, trotz der immer pyromanischer werdenden Destruktionsorgien, von Bond nur noch der Kinderkram übrig: vom Geheimagenten 007 Ihrer Majestät zum "Kasperle ist wieder da". Bond, der die Nostalgie auf Bond weckt. Bestenfalls. Hellmuth Karasek
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 32/1985
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