05.08.1985

Nur der verwundbare Mensch ist stark

Hans Krieger über Arno Gruen: „Der Verrat am Selbst. Die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau“ Der Psychoanalytiker Arno Gruen, 62, emigrierte 1936 in die USA und war Professor in New Jersey. Seit 1979 lebt er in der Schweiz, wo er eine psychotherapeutische Privatpraxis unterhält. - Hans Krieger, 52, ist Journalist und lebt in München. *
Klaus Barbie, der gefürchtete Gestapochef von Lyon, machte in einem Interview ein bedeutsames Geständnis: Als er den französischen Widerstandskämpfer Jean Moulin vernahm (und mutmaßlich zu Tode folterte), habe er gefühlt, "daß er ich selber war". Der Mörder erkennt in seinem Opfer sich selbst - eine seltene, aber erhellende Einsicht: Aus dem Selbsthaß wächst der Haß. Woher aber kommt der Selbsthaß?
Geläufig ist die Einfühlung des Opfers in den Täter, die beflissene Anpassung an den Unterdrücker - als "Identifikation mit dem Aggressor" einer der klassischen "Abwehrmechanismen", mit denen nach der Lehre der Psychoanalyse das bedrohte Ich eine unerträgliche Situation zu meistern sucht.
Die meisten Menschen haben diese Anpassung geleistet, als Erziehungsdruck sie lehrte, daß Liebe (oder was dafür ausgegeben wird) nur um den Preis der Fügsamkeit zu haben ist, daß es also nicht ratsam ist, ein eigenes Selbst zu sein. Wer sich so akzeptabel macht für eine lebensängstliche Umwelt, zahlt mit dem Verzicht auf die eigene Lebendigkeit, die er hinfort fürchten und hassen muß, ohne es selber zu wissen.
Nur der Machtbesitz, im großen wie im kleinen, kann nun die innere Leere verdecken, die Angst betäuben, die heimliche Selbstverachtung beschwichtigen. Machtstreben durchwirkt dann verfälschend alle menschlichen Beziehungen und knüpft immer verstrickender das Netz einer entfremdeten "Realität", die immer neue Anpassung erzwingt. Der Haß der Betrogenen, der damit genährt wird, bleibt gewöhnlich latent. Grausamkeit und Mord sind die Extremfälle einer pathologischen "Normalität".
Gewöhnlich bieten die alltäglichen Beziehungsspiele genügend Möglichkeiten zu sublimer Manipulation und verschleierter Rache durch Selbstzerstörung. Sozialpsychologen aber haben auch reichlich Stoff zum Nachdenken über messianische Räusche, die Ekstasen des Gehorsams bis zum Untergang, die Erlösungshoffnungen, die sich auf menschenverachtende Führergestalten richten.
Über die "Furcht vor der Freiheit" schrieb Erich Fromm, über die Angst vor der Sexualität Wilhelm Reich, über den "Verrat am Körper" Alexander Lowen. Über den "Verrat am Selbst" hat nun der in der Schweiz lebende Psychoanalytiker Arno Gruen ein schmales, aber gewichtiges Buch verfaßt. Neue Erkenntnis muß nicht immer grundstürzend sein; der Mut zum eigenen Blick und zum eigenen Denken kann vertraute Problemfelder völlig neu beleuchten. Von solcher Art ist Gruens Buch - geschrieben in einer manchmal etwas ungelenken Sprache, aber ungemein dicht und ohne Redundanz: jeder Satz ein Gedanke, und für keinen Gedanken ein Wort zuviel.
Wenn von Autonomie die Rede ist, denkt man gewöhnlich an Selbstbehauptung und Durchsetzungskraft. Autonom bin ich, wenn Erfolg im Daseinskampf mich unangreifbar macht, doch dies ist für Gruen das genaue Gegenteil wahrer Autonomie: nämlich Hingabe an die herrschende Ideologie von Leistung und Macht, bestenfalls also eine geglückte Kompensation für den Verlust der ursprünglichen Autonomie. Diese ist für Gruen "derjenige Zustand der Integration, in dem ein Mensch in voller Übereinstimmung mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen ist".
Wer so in Freuden und Schmerzen seine eigene Lebendigkeit erfährt, braucht sich nicht durch die Ersatzbefriedigung vermeintlicher Überlegenheit zu beweisen, daß er etwas ist - er ruht in sich selbst. Die Fähigkeit dazu kann er erwerben, wenn er in früher Kindheit erfahren hat, daß er um seiner selbst willen geliebt wird und Liebe nicht verdienen muß durch das Selbstopfer der Unterwerfung. Wer dies nicht erfährt, der lernt, sich selber zu verachten und seinen Gefühlen zu mißtrauen, und sucht sein Heil hinfort in manipulierender Anpassung.
Dieser Mensch verrät sein Selbst, wird Untertan und Komplize einer Machtwelt, deren Gesetze er als auftrumpfender Erfolgsmensch oder als sich selbst bestrafender Versager, als williger Funktionär oder als aggressiver Rebell bestätigt. Es sei denn, er geht den paradoxen Weg des "Geisteskranken", der im lebendigen Tod des isolierenden Rückzugs sein Selbst zu wahren sucht. Zerstörerisch aber sind beide Fluchten. Denn der Haß, entstanden aus pervertiertem Liebesbedürfnis, schafft sich Ventile.
Es sind gewöhnlich die Mütter, die die erste Entscheidung für oder gegen die Machtlust vorbereiten - durch emphatische Zuwendung oder durch wohlmeinenden Mißbrauch des Kindes für eigene neurotische Bedürfnisse. Doch Gruen klagt nicht die Mütter an. In einer von Männern geprägten Welt ist ihnen die ungebrochene Lebensbejahung schwergemacht, aus der allein die nicht durch Besitzanspruch verfälschte Liebe wachsen kann. Weniger geschädigt als die Männer, die im Wahn männlicher Unerschütterbarkeit nicht einmal ihre Selbstzweifel gestehen dürfen, können Frauen ihren Gefühlen näher bleiben.
Doch Selbstwert daraus zu schöpfen, gelingt den Frauen selten, denn was ihre Stärke ist, verachtet die erfolgsbewußte Umwelt als Schwäche. So retten sie sich in Zweideutigkeiten und stürzen damit die Söhne in eine innere Spaltung, die ihren eigenen Widerspruch spiegelt und fortsetzt. Ein Teufelskreis hat sich geschlossen: "Des Mannes _(Ab Januar 1986 im Deutschen Taschenbuch ) _(Verlag für 8,80 Mark. )
Mythos zerstört ihn selbst und alles das, was er berührt."
Diese Deutung scheint eine Gesellschaft zu unterstellen, die nur aus Opfern besteht. Doch die Opfer sind Täter zugleich. Die anpassende Unterwerfung unter die Macht ist, wie erzwungen auch immer, nicht nur passives Erdulden, sondern aktive Leistung. In der Unterwerfung wird die Macht anerkannt und verinnerlicht, somit auch unbewußt ausgeübt. Der Unterdrücker sitzt fortan nicht mehr draußen, sondern drinnen, und drinnen muß er überwunden werden. Dies ist ein dorniger Weg, für den es keine einfachen Rezepte geben kann. Ob mit therapeutischer Hilfe oder ohne sie - dieser Weg führt durch Angst und Schrecken.
Denn eben, weil es Angst macht, ein eigenes Selbst zu sein, wurde das Selbst ja verraten. Es wiederzugewinnen heißt zunächst, die Gefühle von Hilflosigkeit, Schmerz und Wut zu durchleiden, die einmal so überwältigend waren, daß es ratsam schien, das Selbst zu opfern, um nichts mehr von ihm zu spüren. Anders als jene Reagans, die überall "Fenster der Verwundbarkeit" abzudichten suchen und auf diese Weise den Angstgrund ihres Machtgebarens verraten, findet der zur Autonomie Ermutigte Freiheit im Akzeptieren seiner Verwundbarkeit.
Gruen findet darum die therapeutische Arbeit gerade mit solchen Patienten am hoffnungsvollsten, die als besonders schwer gestört gelten: Ihre "Krankheit" ist Ausdruck der Unfähigkeit, mit der Spaltung zu leben; sie sind ihrem Selbst weniger entfremdet als der anpassungswillige Normalneurotiker, dessen Sehnsucht danach geht, reibungsloser zu funktionieren.
Gruens "Verrat" ist auch ein politisches Buch. Es ist politisch in seiner Analyse des Geschlechterkampfes, in dem verschwiegene Selbstverachtung zur gefährlich stumpfen Waffe eines trügerischen Zusammenspiels wird: einer des anderen Krücke und Pfahl im Fleisch. Und es ist politisch in der vorsichtigen Neudeutung der Theorie des "Ödipus-Komplexes", zu der Gruen von seinem Autonomieverständnis her gelangt: Nicht um das Sexualobjekt, sondern um Macht kämpfe das Kind. Nicht unbezähmbare
Triebansprüche stürzten es in den Konflikt, sondern die Verstrickung in das verdeckte Beziehungsspiel der Eltern.
Sigmund Freud war, ehe er ein Dogmengebäude zimmerte, ein unerschrockener Pionier, dessen Denken sich auf verbotene Bahnen wagte und an morsche Fundamente der Moral und Konvention klopfte. Auf halbem Weg erschrak er über die eigene Kühnheit; inzwischen haben Schüler und Schülersschüler ihn fleißig domestiziert.
Aus dem Wahrheitsimpuls wurde eine Art Glaube, aus dem Befreiungsversuch ein Fitneßtraining der Seele. Es half zum faulen Frieden mit den Verhältnissen, nicht zum Frieden des Menschen mit sich selbst.
Dieser Friede aber fordert nicht den Triumph rigoroser Vernunft (Freud: "Wo Es war, soll Ich sein"), sondern eher etwas, das sich mit so altmodischen, fast unaussprechbar gewordenen Vokabeln wie "Barmherzigkeit", "Liebe", "Herz" umschreiben läßt.
Der Mut zur Selbstverantwortung, zu dem Gruen auffordert, unterscheidet seine Theorie von jenen, die mit dem Nachweis früher Traumatisierungen nur das Selbstmitleid befördern. Arno Gruen wirbt für eine Psychoanalyse, welche die Verwundbarkeit der Menschen nicht als ihre Stärke deutet.
Ab Januar 1986 im Deutschen Taschenbuch Verlag für 8,80 Mark.
Von Hans Krieger

DER SPIEGEL 32/1985
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 32/1985
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Nur der verwundbare Mensch ist stark

Video 02:15

Neuer Spider-Man-Trailer Jetzt hat er auch noch Flügelchen

  • Video "Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen" Video 02:15
    Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen
  • Video "Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer" Video 00:54
    Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer
  • Video "Freiburgs Trainer über Fremdenhass: Man muss große Angst haben" Video 01:38
    Freiburgs Trainer über Fremdenhass: "Man muss große Angst haben"
  • Video "Virales Video aus Österreich: Was machen die da?" Video 00:57
    Virales Video aus Österreich: Was machen die da?
  • Video "Filmstarts der Woche: Hi, ich bin Frank Zappa" Video 05:00
    Filmstarts der Woche: "Hi, ich bin Frank Zappa"
  • Video "Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel" Video 00:43
    Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel
  • Video "Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe" Video 01:07
    Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe
  • Video "Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe" Video 00:58
    Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe
  • Video "Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt" Video 01:15
    Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt
  • Video "Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung" Video 00:52
    Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung
  • Video "Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser" Video 00:46
    Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser
  • Video "Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo" Video 01:48
    Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo
  • Video "Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit" Video 01:54
    Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit
  • Video "Werbevideo der US-Polizei: May you be with the force" Video 01:28
    Werbevideo der US-Polizei: "May you be with the force"
  • Video "Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen" Video 00:52
    Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen