08.07.1985

DDRSoon Zeuch

Zum erstenmal seit Kriegsende durfte das ehemalige Hohenzollern-Schloß Rheinsberg neun Tage lang besichtigt werden. *
Und hier", erklärt ein alter Herr mit zittrigem Fingerzeig auf historisches Gelände, "hatta nu imma jerne jesessn, der junge Fritz." Ein Dutzend sächsische Familienväter quittiert den Hinweis mit andächtigen Blicken in den märkischen Sand.
Wo er angeblich bevorzugt zu sitzen pflegte, der Kronprinz Frederic, stehen heute weißlackierte Parkbänke mit der Aufschrift "Nur für Patienten". Beiseite plätschert der Grienericksee, an dem sich besagter Friedrich vor rund 250 Jahren die Zeit vertrieb, die Flöte spielte und sein Ruppiner Infanterieregiment Nr. 15 traktierte.
Zu jener Zeit zog der 27jährige preußische Kronprinz die Musen den Musketen freilich noch vor: "Friderico tranquillitatem colenti MDCCXXXIX" ist in die Abschlußkartusche überm Schloßeingang gemeißelt - Baumeister Georg Wenzeslaus von Knobelsdorffs Widmung für den noblen Auftraggeber und Freund.
Seit 1951 vereinigen sich Diabetiker aller DDR-Provinzen im Rheinsberger Schloß zur Kur, jährlich rund 2000 "unserer Menschen", wie sie der gesundheitsbewußten Einheitspartei teuer sind. Nachdem die Herrenhäuser der brandenburgischen Mark längst enteignet waren, weil solche feudalen Gehäuse den herrschenden Arbeitern und Bauern schlecht in den Staat paßten und mit dem großen Friedrich auf absehbare Zeit keiner mehr zu machen war, wählte die ostdeutsche Sozialversicherung als neuer Schloßbesitzer Anfang der sechziger Jahre einen passenden Namen aus ihrem Helden-Fundus.
Seitdem heißt das hochherrschaftliche Sanatorium streng proletarisch "Helmut Lehmann", und die Erinnerung an Friedrich zwo lebt darin zur Untermiete.
Lehmann war ein wackerer sozialdemokratischer Gewerkschafter, der von 1914 bis 1933 dem Hauptverband Deutscher Krankenkassen vorstand, von den Nazis mehrfach inhaftiert wurde und nach dem Kriege als Mitglied des Berliner SPD-Zentralausschusses für die sozialistische Einheitspartei votierte. Von 1950 an fungierte er dann noch neun Jahre lang bis zu seinem Tode als Chef der DDR-Sozialversicherung.
Seine posthum erfolgte Erhöhung zum Schutzpatron der Zuckerkranken will deshalb nicht unbillig erscheinen. Die Rheinsberger stört es auch kaum, denn sie wissen wenig bis nichts vom Wirken des Genossen Lehmann. Und daß der verblichene Held der Arbeit gegen die Massenwirksamkeit der vermoderten Hohenzollern selbst im realen Sozialismus keine Chance haben würde, wußten sie auch schon lange, bevor SED-Generalsekretär Erich Honecker 1980 das Rauchsche Reiterstandbild Friedrich II. wieder in Berlin, Unter den Linden, aufstellen ließ.
Als ärgerlich empfanden es die Rheinsberger und ihre touristische Kundschaft da schon, daß ins Schloß kein Reinkommen mehr war, seitdem dort der Diabetes mellitus kuriert wird.
Verbotsschilder sperren alle Zugänge vom Park und von der Straße, und selbst Bitten um eine ausnahmsweise Besuchsgenehmigung wurden stets mit dem stereotypen Satz abgelehnt, der sich auch in offiziellen DDR-Reiseführern findet: "Die Besichtigung der Innenräume des Schlosses ist nicht möglich, da der Kuraufenthalt der Patienten sonst gestört wird."
Nun endlich durfte in der letzten Juni-Woche auch Rheinsberg mal von innen besichtigt werden. Politbüro und Parteihistorikern gelingt inzwischen ein unverkrampfter Umgang auch mit solchen Personen und Perioden der deutschen Geschichte, die sich partout nicht auf das
trügerische Vexierbild von Fortschritt und Reaktion reduzieren lassen.
Auch die Klarstellung der Ost-Berliner Historikerin und Friedrich-II.-Biographin Ingrid Mittenzwei, "daß Preußen zu keiner Zeit mit der herrschenden Klasse identisch war" und es "selbst die Herrschenden differenziert zu werten gilt", mag zum Sinneswandel beigetragen haben. Jedenfalls hatte die Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten zur Rheinsberger 650-Jahr-Feier eine kleine Ausstellung zum Thema "Rheinsberg, eine märkische Residenz des 18. Jahrhunderts" arrangiert.
Zwar ging der Sanatoriumsbetrieb uneingeschränkt weiter, aber die Patienten waren "diskret gebeten worden", so weiß einer im Cafe "Deutsches Haus" gegenüber zu berichten, sich "wenn irgend möglich zu verkrümeln".
Vier Jahre lang das erste "sans souci" des Kronprinzen Friedrich, danach für ein halbes Jahrhundert bevorzugter Aufenthaltsort des kunstverständigen Friedrich-Bruders und -Kritikers Heinrich, haben dem Rheinsberger Schloß den Rang einer Probebühne des friderizianischen Rokoko zugewiesen. Erste intensive Spuren davon finden sich bereits in Knobelsdorffs frühen Bauskizzen und Inneneinrichtungs-Entwürfen.
Und "come a Reinsberg", wie in Rheinsberg, sollte später so manches Detail jenes Potsdamer "Lustschlosses im königlichen Weinberge" werden, das Friedrich bald nach seiner Thronbesteigung bei Knobelsdorff in Auftrag gab und das 1747 zum endgültigen "Sanssouci" wurde.
Schloß Rheinsberg als Szenerie der kronprinzlichen Spiel-"Republique de Platon" und des im altfranzösischen Ritterstil poetisierenden "Ordens" a la Bayard, das Turmkabinett als Geburtsort jenes absolutistischen Glaubensbekenntnisses vom "Antimachiavell", das dann trotz oder gerade wegen Voltaires letztem Schliff für die königliche Machtausübung so wenig taugte - für neun Tage mußte das Wohlergehen der DDR-Diabetiker hinter die Erinnerung daran zurückstehen.
Eine buntgemischte Besucherschar aus Urlaubern, Schulkindern und Fontane-Freunden schob sich durch den Spiegelsaal und die Kammern der Friedrich-Schwester Amalie. Statt des Kastellans, der noch Kurt Tucholskys Bilderbuch-Verliebte Wölfchen und Clärchen an den "vorzüglich gemalenen" Kostbarkeiten Antoine Pesnes vorbeigeleitet hatte, teilten sich einheimische Veteranen in den Dienst am Kulturerbe.
Wo deren Erklärungsbemühungen versagen, hilft ein kluger Katalogkommentar weiter, der zugleich anhand eines alten Inventars ausweist, wie erschreckend viele Stücke "seit 1945 verschollen" sind. Dieser Schwund trifft einen Landstrich hart, der mit kulturellen und historischen Hinterlassenschaften nicht besonders reich gesegnet ist.
Zählte das einst als Museum genutzte Rheinsberger Schloß schon Mitte der zwanziger Jahre monatlich rund eintausend Besucher, so ließe sich diese Zahl nach Experten-Schätzungen heute leicht verdreifachen. Um so mehr, als von den märkischen Schlößchen und ehemaligen Herrensitzen nur wenige zugänglich sind, und manche ohne auch nur notdürftige Reparaturen vor sich hin rotten.
Bis weit in die siebziger Jahre hinein galten die ostelbischen Erbstücke als kaum bewahrenswerter Ausbeuter-Ramsch, gerade gut genug, um von den Werktätigen als Wohnungen, Ferien- und Altersheime, als Schulen, Krankenhäuser und Kasernen vernutzt zu werden: Das Ziethen-Schloß in Wustrau beispielsweise, die kurfürstliche Sommerresidenz in Caputh oder das Oranienburger Schloß.
Doch jener platte Fortschrittsglaube, der sich 1974 in einem heimatkundlichen Werk über das Rheinsberger Seengebiet noch als Hymne auf den "Betonschornstein des ersten Kernkraftwerkes der DDR am Stechlinsee" und die glückspendende "Gegenwart des Atomzeitalters" niederschlug, ist längst lädiert.
Heute rühmt die Stadt Rheinsberg das 18. Jahrhundert als ihre künstlerisch bedeutsamste Epoche und Friedrich II. als Freund des geistreichen Aufklärers Voltaire und klugen Importeur der Kartoffel. Es wird wohl auf ewig mehr Reputation für die Gemeinde abwerfen als Helmut Lehmann.
Die DDR-Volksbildung wird folgen müssen. Als ein Mädchen ihren Vater beim Rundgang durch das Schloß fragte, wer denn da gewohnt habe, antwortete der unsicher: "Der Geenich und soon Zeuch" - und leise zu seiner Frau: "Mer weeß ieber die ehm zu weenich."

DER SPIEGEL 28/1985
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