29.04.1985

Warten auf Josephine Beuys

SPIEGEL-Redakteur Jürgen Hohmeyer über Frauen-„Kunst mit Eigen-Sinn“ *
Kunst von Frauen bedeutet mir, allgemein gesprochen, ungefähr soviel wie Kunst von Brillenträgern, von Schleswig-Holsteinern, von Rothaarigen oder von Menschen der Blutgruppe AB. Was die zuwege bringen, mag von Fall zu Fall mies oder erhebend sein; als Kategorie von Schöpfertum sind sie mir egal.
Das ist, jedenfalls soweit es die Frauen betrifft, natürlich die Sicht eines kaltherzig Außenstehenden, eines ohne bewußtes Verschulden männlichen Betrachters, der deswegen weder zerknirscht noch überheblich sein möchte. Dabei ist mir klar, daß Frauen wie in anderen Lebenssparten so auch in der Kunst jahrhundertelang die weitaus schlechteren Chancen hatten und daß die Gleichberechtigung der Geschlechter (eine Forderung von barer Selbstverständlichkeit) zwar schon geraume Zeit unterwegs ist, dies aber wohl noch eine Weile bleiben dürfte.
Das sicherste Anzeichen dafür, daß die Künstlerinnen-Emanzipation ihr Ziel noch nicht erreicht hat, scheint mir der Umstand zu sein, daß Kunst von Frauen immer mal wieder ein Thema für (meist weibliche) Verfasser von Anthologien und Veranstalter von Ausstellungen abgibt.
So sind jetzt gerade im Wiener Museum des 20. Jahrhunderts Arbeiten von 80 Malerinnen, Objekte-Macherinnen und Photographinnen beisammen, dazu läuft ein Film-, Video- und Performances-Programm. Das alles heißt "Kunst mit Eigen-Sinn" und wirft für mich also gleich die Frage auf, ob es wohl auch Künste ohne solchen Sinn gibt. _(Bis 12. Mai, Katalog im Löcker Verlag, ) _(Wien; 304 Seiten; 240 (im Buchhandel ) _(320) Schilling. )
Als freundlich aufgenommenen Gast im Schau-Getto beschleicht mich das fatale Gefühl, einer anti-emanzipatorischen Unternehmung beizuwohnen. Nicht, daß die gezeigten Werke an sich irgendwelchen Anlaß zu maskuliner Herablassung böten. Einige sind stärker und einige schwächer, wie in anderen Ausstellungen auch. Doch genau das enttäuscht mich hier.
Mehr als ein ansprechendes Niveau und eine Frau als Urheber war den Ausstellungsstücken nicht von vornherein abverlangt - nicht etwa, wie man hätte erwarten können, eine Stellungnahme zur Frauenfrage. Daraus wäre vielleicht eine straffe, wenn auch, wie es bei politischen Themen leicht passiert, platte und öde Darbietung geworden. Doch zu den Prämissen der Wiener Schau gehört, die Wegstrecke des "demonstrativen Protests" sei bereits zurückgelegt.
So läuft die Besichtigung zunächst nur auf das wohl oder
übel gönnerhafte Fazit hinaus, dies hier - bunte, oft alptraumhaft wilde Bilder, anspielungsreiche Raum-Installationen, kantige Skulpturen - sei ja kaum oder gar nicht schlechter als das, was Männer gemeinhin so machen.
Soweit: eine begrenzte Genugtuung für die bartlose, menstruierende und gebärende Hälfte der Menschheit, die nicht nur auf dem Fußballfeld, sondern, bislang jedenfalls und aus welchen Gründen immer, auch am Schachbrett weniger Erfolg hat als die Männer. Letzteres ist, wenn es schon um einen Vergleich geistiger Leistungen gehen soll, zumindest unverfänglicher zu behaupten (weil objektiver nachzuprüfen) als eine Unterlegenheit in Sachen Kunst.
Aber daß in den höchsten Rängen der westlichen Bildkunst sich noch keine Frau hervorgetan hat, wird kaum bestritten. Sogar die Feministin Germaine Greer konstatiert, es gebe "keinen weiblichen Leonardo, Tizian oder Poussin".
Malende Frauen zwar kennt die Kunstgeschichte in beträchtlicher Zahl. Aber noch die laut Germaine Greer "rühmliche Ausnahme" aus dem 17. Jahrhundert, die Italienerin Artemisia Gentileschi, steht eindeutig im Schatten der männlichen Gründerfigur Caravaggio, von deren Stil der ihre abgeleitet ist. Die "große Malerin des Geschlechterkampfes" hat mit einer dramatischen Enthauptung des Holofernes durch Judith (einem Lieblingsmotiv der ganzen Epoche freilich) dem Feminismus seine Ikone hinterlassen. Und das Schicksal der Künstlerin, die von einem Kollegen entführt und in Verruf gebracht wurde, macht sie erst recht zur Säulenheiligen.
Auch die größten weiblichen Talente waren, kein Zweifel, durch äußere Un-Gleichberechtigung und ihr dadurch "gestörtes Ego" gehemmt. Keineswegs jedoch, so steht für Germaine Greer fest, aus dem Grund, "daß Frauen eine Gebärmutter haben, daß sie Kinder bekommen können, daß ihr Gehirn kleiner ist, daß ihnen die Kraft fehlt, daß sie nicht sinnlich sind".
Das glaubt Mann gerne. Genau genommen bleibt es allerdings bis zum Auftritt eines weiblichen Leonardo eben Glaubenssache. Ganz ist bis dahin nicht auszuschließen, Frauen könnten doch irgendwie von Natur aus weniger zur Kunst disponiert sein. Die einzelne Künstlerin übrigens brauchte das wenig zu kränken, da ja auch der einzelne männliche Künstler nicht unbedingt ein Leonardo oder Tizian ist.
Auch im 20. Jahrhundert, bei schwindenden (nicht verschwundenen) Behinderungen und Vorurteilen gegen die weiblichen, dominieren doch bis auf weiteres die männlichen Künstler. Kein femininer Picasso zeigt sich, keine Kirchnerin oder Beckfrau, nicht einmal eine Josephine Beuys.
Bei fast jeder großen Ausstellung zeitgenössischer Kunst ertönt der Protest, Frauen seien unterrepräsentiert, was statistisch
auch jedesmal zutrifft. Nur hätte Proporz in der Kunst gerade noch gefehlt. Und: Jedesmal lassen sich leicht Künstlerinnen nennen, die auch dabeisein könnten, schwer aber solche, die es unbedingt müßten.
Dahinter kann, scheidet man extreme Vermutungen einmal aus, männliche Juroren-Arroganz stecken, eine verinnerlichte traditionelle Rollenauffassung der Frau - oder ein fundamentales Mißverständnis. Sollte es so sein, daß Künstlerinnen deswegen seltener oder weniger Erfolg haben als ihre männlichen Kollegen, weil die herrschenden (!) Maßstäbe maskulin sind? Die Wiener "Kunst mit Eigen-Sinn" behauptet das nicht ausdrücklich, suggeriert es aber.
Keine der Organisatorinnen hat auf Befragen geradezu erklären wollen, es habe ein Auswahlkriterium namens "weibliche Ästhetik" gegeben. Doch daß dergleichen existiere und in Arbeiten von Frauen mehr oder weniger automatisch wirksam sei, ist offenbar unterstellt worden. Diese Ästhetik zu beschreiben, wäre wohl schwierig; im Katalog wird sie allenfalls mit Andeutungen umschrieben, dafür in vielen Beiträgen.
Nun ist ja wahr: Der Begriff, den unsereiner sich - wie vage auch immer - von Kunst gebildet hat, stammt aus Epochen des Patriarchats. Aber wenn historische Kunst männlich geprägt war, so gibt es doch dafür jeweils in ihrer Zeit keine Alternative, und es gelingt mir nicht, sie wegen dieses Defekts geringzuschätzen.
Aber jetzt? Die Gegenwart hängt am Nabelstrang der Geschichte, sie trägt die Merkmale ihrer Herkunft. Eine Säuberung von allen männlichen Prägungen und Floskeln wäre bei der Bildkunst gewiß so aussichtslos wie bei der Sprache. "Der Zorn überweibt sie", sagt Nestroy. Aber das ist Satire.
Wie Kunst zu sein habe und wie nicht, darüber glaubten frühere Zeiten gelegentlich sehr gut Bescheid zu wissen. Mittlerweile ist solche Gewißheit einem Spektrum persönlich gefärbter Ausdrucksweisen und einer Offenheit für ständig neue Haltungen und Formen gewichen. Übriggeblieben sind höchstens so allgemeine Maßstäbe wie Ausdruckskraft, innere Schlüssigkeit und Originalität. Es wäre doch seltsam, wenn man den Frauen in der Kunst damit Gewalt antäte.
Andererseits: Es wäre seltsam, wenn sich die eigen-sinnigen Künstlerinnen nicht hier und da ausdrücklich als Frauen darstellten (so wie entsprechende Urheber zwanglos die Weltsicht der Brillenträger oder Schleswig-Holsteiner im Bilde spiegeln könnten).
Das braucht nicht immer derart feministisch-didaktisch zu geschehen wie bei der Französin Lea Lublin, die Artemisia Gentileschis Enthauptungs-Motiv in einer Diagrammfolge phasenweise - mit einer Entmannung als Zwischenstation - zur Geburts-Darstellung umfunktioniert; aus den Oberarmen des Holofernes werden die Schenkel einer Wöchnerin. Oder bei der Britin Rose Garrard, die eine Madonnenprozession in das goldene Kunst-Gatter von Bilderrahmen hineintappen läßt.
Natürlich malen Frauen Frauen. Bei der Italienerin Sabina Mirri zum Beispiel erscheinen drei weibliche Akte über wölfischem Getümmel ("Roma"). Und die Österreicherin Maria Lassnig, ergiebiger als bei "Kunst mit Eigen-Sinn" auf einer großen Einzelausstellung zu studieren, die zuerst in Wien, kürzlich in Düsseldorf zu sehen war und demnächst nach Nürnberg weitergeht - Maria Lassnig verstrickt stets unverkennbar dieselbe Weibsperson in seltsame Posen und Situationen: sich. Die amerikanische Selbstauslöser-Photographin Cindy Sherman spielt vor der Kamera wechselnde Rollen durch.
Insofern Kunst immer auch Selbstporträt ist, mag sich bei einigem guten Willen alle Kunst von Frauen thematisch zusammenfassen lassen. Doch wenn man stilistische Gruppen bildet, geht es mit den Geschlechtern durcheinander. Mir erscheint das als logisch im Sinn von Gleichberechtigung. Ich höre ja auch nicht sehr laut nach einer weiblichen Mathematik oder Medizin rufen, obwohl diese Disziplinen ganz bestimmt überwiegend von Männern entwickelt worden sind.
Weibliche Ästhetik? Es gab (gibt?) so etwas natürlich als Vorurteil bei Männern, als den legendären "physiologischen Schwachsinn des Weibes" und als Axiom, das "Allerhöchste" habe "die Frau als gestaltende Künstlerin nie erstrebt, geschweige denn erreicht", weil sie nämlich "letzte Genialität" nur "im Leben und in der Liebe" aufbringe.
Solche leicht angeschimmelten Zitate werden im Wiener Katalog begreiflicherweise als Ausdruck von Arroganz aufgespießt. Um so stärker irritieren mich Berührungspunkte zwischen jenem Männer-Schwachsinn und so manchem, was wohlmeinende Autorinnen den Künstlerinnen als geschlechtsspezifisch zuschreiben.
Da wird die "Erfindung von Zeichen" (fast eine Definition der Kunst) als "Verlust an Repräsentationen des Körpers" abgewertet. "Herr seiner Sprache zu sein", ist angeblich "an eine phallische Position gebunden", und das weibliche "ästhetische Vermögen" soll sich gerade dort zeigen, wo es "noch nicht Werk, noch nicht Wort, noch nicht Begriff" und also kaum zu fassen ist. Im Leben und in der Liebe vermutlich.
Das klingt nach vorbeugendem Alibi und verleiht Frauen-Kunstausstellungen unversehens einen Touch von Behinderten-Olympiade.
Die Künstlerinnen, scheint mir, haben solche Fürsorglichkeit nicht nötig. Sie können die "Integration" und die "Aufwertung als Partner", vor der sie hier gewarnt werden, ganz gut durchstehen und gerade so ihre jeweils eigene Position behaupten.
P. S. Manche können das nicht. Manche Männer auch nicht.
Bis 12. Mai, Katalog im Löcker Verlag, Wien; 304 Seiten; 240 (im Buchhandel 320) Schilling.
Von Jürgen Hohmeyer

DER SPIEGEL 18/1985
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