08.07.1985

Der lächelnde Zar, mit eisernen Zähnen

Im Geschwindschritt hat Rußlands neuer Parteichef Gorbatschow alle Rivalen ausgebootet. Vorige Woche wurde Außenminister Gromyko durch einen Provinzler ersetzt, einen Polizeigeneral. Gorbatschow nutzt die russische Sehnsucht nach einem starken Mann wie Stalin. Doch ein Gewaltmensch ist er nicht.
Man möchte ihn mögen. Die Wohlmeinenden im Westen trauen ihm die nötige Einsicht und Energie zu, die UdSSR endlich zu saturieren - dem Michail Gorbatschow, 54, Generalsekretär der KPdSU, der gar nicht so aussieht, sondern viel eher wie der Generaldirektor eines florierenden Konzerns.
Er ist angetreten, "tiefgreifende Umgestaltungen in der Wirtschaft und im ganzen System zu verwirklichen". Das klingt nach Reform des politisch rückständigsten Staates in Europa.
Der Mann hat Power. Binnen sechs Jahren schwang er sich vom unbekannten Provinzfunktionär empor zum Herrn des Kreml. Zwei Jahre reichten ihm, anfangs noch aus dem Hintergrund, unter den Spitzenfunktionären jenen lange überfälligen Generationswechsel in der UdSSR zu vollziehen, zu dem das klappernde System schon gar nicht mehr fähig schien.
Im Geschwindschritt zog er dann durch, wozu Stalin und Chruschtschow fünf, Breschnew 13 Jahre gebraucht hatten: die "kollektive Führung" durch die Autorität des Mannes an der Spitze zu ersetzen. Gorbatschow machte das in drei Monaten.
Vorige Woche konsolidierte Gorbatschow seine Machtposition entscheidend. Er schaltete zwei wichtige Rivalen aus: den stockkonservativen Repräsentanten des militär-industriellen Komplexes, Grigorij Romanow, 62, und den Außenminister Andrej Gromyko, 75.
Da fragen sich Sowjet- und Außenwelt, was er mit seiner Macht anfängt. Erneuert er die nach innen schwer angeschlagene UdSSR, um sie nach außen noch waffenstarrender zu machen, oder reformiert er das Land und nimmt das Reich diplomatisch und militärisch auf haltbare Positionen zurück? Läßt er Rußland noch weiter ausgreifen in die Welt oder heimkehren nach Europa, "unserem gemeinsamen Haus" (Gorbatschow)?
Sicher ist: Der Mann mit dem Namen eines alten russischen Fürstengeschlechts hat nichts anderes im Sinn als den Aufstieg Rußlands, wie immer der auch zu verstehen ist. Er will "alles tun, damit unsere sowjetische Heimat noch reicher und mächtiger wird".
Er konstatiert, in Afghanistan führten die Amerikaner einen "unerklärten Krieg", nicht die Sowjets. Er hat Polens Generalspremier Jaruzelski ultimativ vergattert, bis September Ordnung zu schaffen; drei Polen, die in ihrer Wohnung über einen Streik geredet haben sollen, gingen darauf für Jahre ins Gefängnis. Einem, dem Historiker Adam Michnik, wurde im Prozeß eine "hebräische Nationalität" vorgehalten.
Gorbatschow gestattet seiner Flotte Demonstrationsmanöver direkt vor der amerikanischen Ostküste. Sein Zentralorgan "Prawda" feierte wieder den "weltrevolutionären Prozeß", verbannte jegliche nationale "Sonderrolle" von Bruderstaaten und verdammte jede Art von Markt- und Privatwirtschaft, weil damit das Staatseigentum an Fabriken und Maschinen in Gefahr gerate.
Sein Amerika-Experte Georgij Arbatow unterstellte den USA, die Genfer Abrüstungsgespräche als "Werkzeug des allgemeinen Schwindels" zu betrachten. Gorbatschow kündigte die Möglichkeit eines erneuten Abbruchs an - immerfort bekennt er seine Treue zum "bolschewistischen Prinzip".
So klar, so selbst- und nationalbewußt, auch so fern von marxistischen Maximen hat das kein Sowjetführer vor ihm gesagt: "Unser Staat ist heute eine große Weltmacht." Michail Gorbatschow, der Erneuerer aus dem Kaukasus, gab das jüngst vor Arbeitern in Dnjepropetrowsk zu Protokoll.
Behalten kann die UdSSR ihren Einfluß in der Welt freilich nur, so sagte er vor Funktionären im Dezember, wenn sie schafft, was sie trotz allem Wortgetöse bislang voll verfehlte: wirtschaftlichen Erfolg.
Früher einmal hatte der Außenminister Gromyko übermütig bilanziert, keine wichtige Angelegenheit auf der Erde lasse sich mehr ohne Moskau regeln. Als Andrej Gromyko vorigen Dienstag nach 28 Jahren sein Amt gegen das des Staatspräsidenten eintauschte, sah er es ein bißchen bescheidener: In internationalen Angelegenheiten sei die Rolle der Sowjet-Union "groß".
Was Gorbatschow und die Seinen umtreibt: Rußland soll auch das Ende des Jahrhunderts im Range einer Weltmacht erleben. Der Griff danach - an Stelle einer uneigennützigen Weltrevolution - gründet sich auf das "Wolfsgesetz des Kapitalismus": So erläuterte 1931 ein anderer Kaukasier, Josef Stalin, warum Rußland in "wirklich bolschewistischem Tempo" industrialisiert werden müsse.
Jene 30er Jahre, in denen Stalin die Bauern in die Fabriken und Lager zwang, den Arbeitern zwecks Kapitalbildung äußersten Konsumverzicht abverlangte und alle Kritiker gewaltsam zum Schweigen brachte, eben jenen Gipfelpunkt des Stalinismus benannte Gorbatschow im vorigen Dezember als Muster seiner eigenen Wirtschaftspolitik:
Um seiner Weltmacht zu gestatten, auch "in das neue Jahrtausend als eine große und gedeihende Macht zu treten", Rußlands Rolle "auf dem Schauplatz des Weltgeschehens" zu garantieren und den Wohlstand zu heben, soll die Produktion intensiviert werden. Derzeit ist sie auf zwei Prozent Wachstum zurückgefallen.
Gorbatschow kennt das Wolfsgesetz: "Alles Überlebte muß beseitigt werden." Er setzt auf eine "entscheidende Wende". Dieser große Sprung nach vorn aber soll die gleiche politische Resonanz finden, "wie sie die Industrialisierung des Landes seinerzeit gehabt hat".

31 Millionen Stalin-Opfer

Seinerzeit - das war die Stalinzeit. Die Leistung, die er sich zum Vorbild nimmt, beruhte auf Massenterror, Arbeitslagern, Exekutionen und kostete mehr Menschenleben als der Krieg.
Der Historiker Anton Antonow-Owsejenko, dessen Vater 1917 den Winterpalast des Zaren besetzte und den Stalin 1939 erschießen ließ, hat die Zahlen ermittelt: Kollektivierung und Hungersnot kosteten 22 Millionen Tote, der spätere Terror neun Millionen - der Krieg laut Stalin sieben Millionen.
Das macht die ersten drei Regierungsmonate des freundlichen, unkonventionellen Gorbatschow so widersprüchlich: In Moskau ist es nicht mehr unfein, sich auf den Weltmachtbegründer Stalin zu berufen. Für Millionen Sowjetbürger der Schuldige an ihrer Lagerhaft oder dem Tod eines Verwandten, in der Sicht des Auslands ein Symbol des Terrors und der Unterdrückung fremder Völkerschaften, gilt Stalin noch mehr Millionen anderer Sowjetbürger als der harte, aber gerechte Zar, der das Land hochgebracht hat.
Unter Gorbatschows Augen hat in jüngster Zeit eine Neubewertung Stalins stattgefunden, die mit dem 40. Jubiläum des Sieges von 1945 allein nicht zu erklären ist.
Der Feldherr Stalin ist wieder der größte aller Zeiten. Nur seine positive Seite werde herausgestellt, rügte die jugoslawische Agentur Tanjug:
"Es fällt auf, daß die Fehler Stalins im militärischen Bereich übergangen und vertuscht werden, angefangen von der mangelnden Kriegsbereitschaft der UdSSR und seinen Abrechnungen mit den Generälen und Marschällen bei den großen Säuberungen ..." Dem Sowjetautor Iwan Stadnjuk gefiel (in der Illustrierten "Ogonjok") auch die Erschießung von Generälen: Das Offizierskorps wurde "aufgerüttelt".
In neuer Sowjet-Sicht aber war Stalin nicht nur ein grandioser Heerführer, sondern auch ein großer Revolutionär, Diplomat und Wirtschaftsführer - ein großer Mensch.
In dem Fernsehfilm "Rote Glocken" gibt er am Abend vor der Oktoberrevolution 1917 - während der er in Wirklichkeit kaum in Erscheinung trat - zögernden Genossen das entscheidende Stichwort: "Wenn wir morgen nicht angreifen, werden wir alles verlieren."
In dem Spielfilm "Der Sieg" trickst er in Potsdam 1945 Truman und Churchill aus. Da wird auch erzählt, der US-Präsident habe mit einer Atombombendrohung Stalin zum Nachgeben in Sachen Oder-Neiße-Grenze zwingen wollen, Stalin sei - Wasser auf Revanchistenmühlen - dazu bereit gewesen, nur die störrischen Polen hätten sich verweigert. Warnung an Jaruzelski.
Zur Untermalung der Forderung des Marschalls Ogarkow, wirtschaftliche Probleme auch in Friedenszeiten mit militärischen Mitteln zu lösen, pries der Vizechef der Planzentrale "Gosplan", Lebedinski, die Kriegswirtschaft "mit Josef Stalin an der Spitze".
Ein neuer Film über Marschall Schukow enthüllt, daß Stalins Arbeitszimmer im Kreml noch unverändert erhalten blieb; die Kamera verharrt auf dem Aschenbecher mit der Stalin-Pfeife darin.
Stalins Uralt-Premier Molotow, 95, wurde voriges Jahr wieder in die Partei aufgenommen, sein letzter Sicherheitsminister Ignatjew per Nachruf rehabilitiert, sein Schwiegersohn Jurij Schdanow, der Sohn des berüchtigten Stalin-Chefideologen, in den Obersten Sowjet der Russischen Föderation gewählt. Seine geschiedene Frau Swetlana, die in den Westen geflüchtete Tochter Stalins, kehrte reumütig zurück, nach Georgien.
Stalins Verbrechen sind in der Sowjet-Union nie publiziert worden, Chruschtschows große Enthüllungsrede von 1956 blieb fürs Volk geheim. Die Große Sowjet-Enzyklopädie notiert "theoretische und politische Fehler" Stalins, mehr nicht. Die Jugend erfährt aus ihren Schulbüchern nichts Negatives über ihn. Ihr wird, monierte Tanjug, "eine große sowjetische Erfahrung vorenthalten und - sollte die gegenwärtige Tendenz anhalten - nicht nur eine sowjetische Erfahrung".
Da scheint es manchem an der Zeit, den Ratschlag des Dichters Jewgenij Jewtuschenko zu beachten: "Verdoppelt, verdreifacht die Wachen am Grabe Stalins, daß er nicht wiederauferstehe und mit ihm die Vergangenheit."
Gewiß, der Jahrhundert-Gewaltmensch Stalin, Erfinder des Gulag und Herr der Terror-Prozesse, wird nicht wiederauferstehen. Das System hat sich, gemessen an Stalin, unumkehrbar zivilisiert.
Und doch war im vergangenen Jahrzehnt des Niedergangs der UdSSR unter einer korrupten Greisenherrschaft Sehnsucht nach einem starken Mann aufgekommen, der Ordnung schafft. Der dynamische Gorbatschow, der schon seit Anfang 1983 als Vertrauter der Parteichefs Andropow und Tschernenko die Geschäfte führte und seit März selbst Chef ist, kam dieser Stimmung entgegen.
Er führte Kampagnen gegen bestechliche Funktionäre und müßige Arbeiter. Er verordnete (wie Stalin 1940) empfindliche Strafen für Verspätung bei Dienstantritt und lobte auch Stalins überzentralisierte Kriegswirtschaft, die damals "unverwässerte Autorität des Staatsplans" und die Disziplin der Werktätigen.
Er feuerte ein Drittel der Minister, 60 der 158 Gebietsparteisekretäre und jeden zweiten ZK-Abteilungsleiter. Für junge Aufsteiger werden Planstellen frei, die "Blockade jeder Art von Weiterkommen der Kader" ist aufgehoben.
Bei den Amtsinhabern breitete sich Furcht aus. Zum ersten Mal seit Stalin wurde ein Vizeminister erschossen, wegen Schiebung. Auch der Generaldirektor eines Industriebetriebs und sein Vize, die Chefin einer Restaurant-Kette, ein weiterer Fabrikleiter und zwei Schlachthof-Direktoren erhielten wegen Wirtschaftsvergehen die Todesstrafe.
Gorbatschow war es, der - noch im Namen Tschernenkos - die Macht der Militärs stutzte. Sie blieben denn auch Tschernenkos Begräbnis fern, auf dem Gorbatschow die Trauerrede hielt: Marschall Ogarkow, der Generalstabschef, war entlassen worden. Sprecher der Truppe im Politbüro ist nur noch ein nicht stimmberechtigter "Kandidat" fürs höchste Machtgremium der UdSSR.

Ein Polizeigeneral als Außenminister

Bei allen seinen Unternehmungen, speziell in seiner Personalpolitik, stützte sich Gorbatschow auf die Dossiers und die Vertrauensleute des Staatssicherheitsdienstes KGB, dessen früherer Chef Andropow der eigentliche Förderer Gorbatschows war. Das KGB aber verfügt jetzt im 13köpfigen Politbüro zum ersten Mal in der Sowjetgeschichte über gleich drei Vertreter. Vollmitglieder sind:
▷ der heutige KGB-Chef Tschebrikow;
▷ der Vizepremier Alijew, früher KGB-Chef, dann Parteichef von Aserbaidschan, und
▷ der ehemalige Innenminister, dann Parteichef von Georgien und nun Außenminister Eduard Schewardnadse.
Die Staatsschützer haben derart an Bedeutung gewonnen, daß die Leitenden sogar aus ihrer bildlichen Anonymität getreten sind. In einem glänzend gemachten Gedenkfilm für ihren Andropow wird erstmals dessen Arbeitszimmer im Moskauer KGB-Hauptquartier gezeigt, der "Lubjanka", in deren Kellerzellen zur Stalinzeit die Elite des Weltkommunismus gequält wurde.
An Andropows Schreibtisch hatte einst Stalins Henker Berija gesessen, der seine Opfer dort auch mal eigenhändig folterte. Berija war in den 56 Sowjetjahren vor Andropow der einzige Geheimpolizeichef, der auch im Politbüro saß.
In diesem Raum versammelten sich in dem Werbefilm die KGB-Abteilungsleiter - jene Männer, die Gorbatschows Aufstieg gefördert haben. Immer wieder strich die Kamera über ihre von der Profession geprägten Gesichter.
Die Geheimpolizei im Machtkampf gegen die Parteifunktionäre einzusetzen, das war Stalins Art. Bei der Ausschaltung des Rivalen Romanow könnten Informationen aus dem KGB eine Rolle gespielt haben. Einiges davon kam durch Gerüchte ans Licht.
Der frühere Leningrader Parteichef entsprach nicht dem neuen Muster eines bescheidenen, nur der Pflicht ergebenen Kommunisten. Der Träger des Namens der letzten Zarendynastie hatte demnach für die Hochzeit seiner Tochter 1979 erst den Moskauer Manege-Saal neben dem Kreml verlangt, in dem Rußlands Adel einst seine Quadrillen ritt, dann in Leningrad gefeiert und Porzellan der Romanows aus dem Winterpalais auflegen lassen, wovon einiges zu Bruch ging.
Er stand im Ruf, der Liebhaber der Chansonette Alla Pugatschowa zu sein. Er ergab sich dem Trunk. Beim Besuch der finnischen KP wurde er ausfallend gegenüber der Regierung in Helsinki, als Staatsgast in Ungarn zeigte er sich im Fernsehen nach kräftigem Barack-Genuß außerstande, eine Rede zu halten.
Gorbatschow fuhr nach Leningrad, verhandelte mit Romanows lokaler Seilschaft - dessen Nachfolger in Leningrad, Saikow, wurde vorige Woche ZK-Sekretär - und verordnete noch am Ort den Start einer Kampagne gegen den Alkohol. Das hätte der große Realist Stalin, der im Gegenteil die Prohibition aus Zaren- und aus Lenin-Zeiten aufhob, sich nie getraut.
Gorbatschow aber drohte in Leningrad noch Schlimmeres an, wiederum primär gezielt auf einen Leningrader: "Diejenigen, die sich nicht anpassen und die Hindernisse sind, müssen aus dem Weg - müssen aus dem Weg geräumt werden, damit sie uns nicht aufhalten." Das war die kommunistische Version des Wolfsgesetzes.
Vorige Woche schloß das ZK in einer Blitzsitzung ohne Debatte Romanow aus dem Politbüro aus.
Anders löste Gorbatschow das Problem, Gromyko das Außenamt zu entwinden, dem dienstältesten Außenminister der Welt, der neun amerikanische Präsidenten und 14 amerikanische Amtskollegen erlebte, und wichtiger: fünf sowjetische Parteichefs überlebte. Bis eben Gorbatschow kam.
Gromyko, der schon in Jalta und Potsdam dabeigewesen war, schien auf eine sowjetische Führungsrolle in der Welt fixiert, welche Rüstungslasten und Kriegsrisiken das auch kosten mochte. Er war im Kalten Krieg aufgestiegen und hatte auch in der Entspannungsära von seiner Neigung zur Konfrontation mit den USA nicht lassen wollen.
Am Ende der ersten Genfer Verhandlungen über Raketenrüstung 1983 ignorierte er schlicht die Vorschläge des maladen Andropow und drängte seinen Delegierten Kwizinski, auf Abbruch hinzuarbeiten.
Gorbatschow will selbst Außenpolitik machen. Er beförderte Gromyko auf den machtlosen Repräsentationsposten des Staatspräsidenten ("Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjet") - das konnten Rußlands Konservative noch als eine Ehrung werten.
Zum Außenminister und auch noch zum Politbüro-Mitglied ernannte Gorbatschow einen Landsmann aus dem Kaukasus, den er seit 30 Jahren kennt, den georgischen Parteichef Eduard Amwrosijewitsch Schewardnadse, 57.
Der ist bar jeder Erfahrungen außerhalb seiner Landeshauptstadt Tiflis, sieht man ab von Delegationsreisen in ein paar Entwicklungs- und Bruderländer, nach Österreich und Portugal.
Außenpolitisch ausgewiesen ist Schewardnadse, der den Rang eines Polizei-Generalmajors führt, durch die Bewirtung durchreisender Fremder auf dem Flughafen von Tiflis.
Dem Parteichef Gorbatschow genügt das offenbar. In Sachen Machtkampf zeigt er jedenfalls das taktische Geschick und Durchsetzungsvermögen jenes Georgiers Dschugaschwili, der sich Stalin nannte, in jener Zeit, da der ebenso alt war: 1933 hatte Stalin Millionen Bauern deportieren und verhungern, aber noch kein einziges Parteimitglied erschießen lassen.
Die "Große Säuberung" innerhalb der KPdSU, die Exekution der für den Staatskapitalismus hinderlichen Oktober-Revolutionäre, begann erst ein Jahr später mit dem Mord an dem Leningrader Parteichef Kirow, in dem Stalin mit Recht einen parteiinternen Rivalen vermutete (Kirows 50. Todestag im vorigen Dezember wurde von der "Prawda" übergangen; zum 100. Geburtstag von Stalins Hauptstaatsanwalt Krylenko gab es im Mai eine Festsitzung).
Bis dahin hatte Stalin mit beinahe parlamentarischen Mitteln eine Oppositionsgruppe gegen die andere ausgespielt, indem er sich mit jeweils einer verbündete - mit Sinowjew und Kamenew gegen Trotzki, mit Bucharin gegen Sinowjew und Kamenew, mit Kirow gegen Bucharin.
So steht es in Stalins "Geschichte der KPdSU (B)". Sein tschechischer Mitstudent Mlynar bezeugt Gorbatschows - kritische - Lektüre der Parteigeschichte.
Seinen Weg nach oben, nach Moskau, trat er erst mit 47 Jahren an, am 19. September 1978, als er auf dem Bahnhof von Mineralnyje Wody gemäß dem Protokoll für örtliche Parteichefs den durchreisenden Breschnew, Tschernenko und Andropow seine Aufwartung machte. Der Geheimpolizeichef Andropow stieg aus, um im Kaukasus seine kranke Niere zu pflegen.
Gorbatschow meldete eine Ernte von 2550000 Tonnen, das waren 750000 Tonnen über dem Plan. Acht Wochen darauf wurde er ZK-Sekretär für die Landwirtschaft in Moskau. Schon nach zwei Jahren war er Politbüro-Mitglied. Die Mehrheit seiner Politbüro-Kollegen von damals gehört heute dem Gremium nicht mehr an - sechs sind gestorben, zwei entlassen.
Aufsteiger Gorbatschow verband sich 1982 mit Andropow gegen Breschnew, 1983 mit Tschernenko gegen Ogarkow. Im März trat Gromyko für Gorbatschow ein, mit den Worten: "Genossen, dieser Mann hat ein freundliches Lächeln, aber eiserne Zähne." Vorige Woche hat er das selbst erfahren.
Wenn der Ministerpräsident Tichonow, 80, abtritt und sein Nachfolger Gorbatschow heißen sollte, würde der formal über soviel Macht verfügen wie Lenin, wie Stalin von seinem 61. Lebensjahr und wie Chruschtschow von seinem 63. Lebensjahr an.
Nach seinem Naturell, seinem lebhaften Mienenspiel, seiner erkennbaren Urbanität ist dieser Parteichef ein völlig neuer Typ unter den unbewegten, griesgrämigen, keine Emotion zeigenden alten Herren der Kremlführung.
Die Sowjetbürger sahen ihn munter unters Volk gehen und eine Krankenschwester nach ihrem Gehalt fragen (300 Mark im Monat). Er ließ sich von einem Arbeiter zum Tee nach Hause einladen, er schaut dem Volk aufs Maul:
"Renovieren Sie einmal eine Wohnung. Sie nehmen sich einen Schwarzarbeiter, der werkt in seiner Freizeit und klaut das Material an seiner Arbeitsstelle. Dem Staat geht es sowieso verloren."

Der Weg nach oben begann auf dem Bahnhof

Dieser freundliche, intelligente Mann hat aber die Hinterlassenschaft einer nach Stalins Maximen organisierten Gesellschaft übernommen: die zentral gelenkte Staatswirtschaft, den Vorrang der Rüstung vor dem Konsum und damit den Mangel in Permanenz, die hoch unproduktive, weil kollektivierte Landwirtschaft, das lähmende Macht- und Meinungsmonopol der Partei, auch das Instrument der Geheimpolizei - und die ideologisch unausrottbare Zielsetzung, den Westen irgendwann einmal zu erreichen und zu überholen.
Diese erdrückende Erbschaft kann er straflos nicht ausschlagen, aber er kann versuchen, sie in Grenzen zu wandeln - ein akrobatisches Unterfangen, weil er die Herrschaft der Partei und ihrer Nomenklatura nicht gefährden darf.
Er will - wobei sein bewährter Realismus ihn verläßt - "das welthöchste Niveau der Produktivität" erreichen - Steigerungsrate derzeit 1,5 Prozent. Wie das zu machen sein soll, glaubt er es zu wissen? Bisher hat er den Widerspruch noch nicht beseitigt: Er empfiehlt eine Stärkung der zentralen Planung, aber auch mehr Selbständigkeit für die Betriebe - beides zugleich geht nicht.
Sein Mentor Andropow hatte offen zugegeben, "keine Rezepte" zu haben. Gorbatschow meint, die Wissenschaft habe noch keine Lösungen angeboten. Selbst nicht Nationalökonom, spricht er vom Sparen, von Steigerungen der Resultate ohne Aufwand. Er rät, die Qualität der Produkte zu einer "Frage des nationalen Stolzes" zu machen - glaubt er wirklich, daß Patriotismus die Produktion bessert? Er empfiehlt für die "Kooperation der Branchen" - ein schweres Problem, das andernorts die Konkurrenz löst - als Beispiel die DDR, deren Wirtschaft zwar im Block-Vergleich gut abschneidet, im Verhältnis zum Westen ebenfalls weit zurückliegt.
Die Schwächen des Systems wurden schon vor 20 Jahren analysiert; sie liegen im Stalinismus. Damals schrieb ein Experte im Untergrundblatt "Politisches Tagebuch": "Unser Plansystem ist in den 30er Jahren geschaffen worden. Der extreme Zentralismus und der Mangel an Demokratie hatten einen sehr negativen Effekt für unsere Wirtschaft."

"Er streckte sich unglaublich nach der Decke"

Der Autor Abel Aganbegjan, er stammt aus Armenien (Kaukasus), leitet heute ein Institut in Nowosibirsk. Dort arbeitet auch die Soziologin Tatjana Saslawskaja, die vor zwei Jahren in einem unveröffentlichten Memorandum urteilte, die Sowjetwirtschaft habe "längst den Punkt überschritten, an dem es möglich war, sie von einem einzigen Zentrum aus zu regulieren".
Auch das Proletariat habe sich verändert: 1930 noch passiv, gehorsam und ungebildet, hätten die Sowjetarbeiter heute ein Selbstbewußtsein, das eine Kommandowirtschaft unmöglich macht.
Der Historiker Ambarzumow, auch er kommt aus dem Kaukasus, schrieb sogar, die Arbeiter hätten - zum Beispiel in Polen 1980 - Interessen, die sich von denen der Partei unterschieden und respektiert werden müßten. Eine Überwindung von wirtschaftlichen Engpässen durch eine zeitweilige Liberalisierung wie unter Lenin 1921, nämlich durch Privatwirtschaft, "widerlegt die Wächter der Reinheit und ihr unbegründetes Festhalten an theoretisch richtigen, aber praktisch nicht zu verwirklichenden Projekten".
Der Autor wurde vom Parteiorgan "Kommunist" gerügt. Die Zeitschrift brachte selbst ein Lob auf die musterhafte Zentralisierung der Wirtschaft unter Stalin, auch seien die Arbeitsanreize damals höher gewesen: Die Löhne für gute und schlechte Arbeit hätten damals um 40 Prozent differiert, heute nur um 11.
Es ist die Stalin-Erbschaft, die Rußland daran hindert, etwa den revolutionären Markt-Sozialismus Chinas nachzuvollziehen. Dort war durch Maos "Kulturrevolution" das ganze System in Mißkredit geraten. In der UdSSR genießt Stalin wachsenden Respekt - und mit ihm die ganze Ordnung.
Dem Parteichef Gorbatschow dürfte bewußt sein, daß Zwangsarbeit heute unproduktiv ist, daß nur der am Produkt oder seinem Gegenwert in Geld interessierte Arbeiter bereitwillig arbeitet. Ein totaler Staat, wohl gar im Stil der 30er und 40er Jahre, würde gegenüber Gesellschaften, die ihre Leistungen im Konsens erbringen, rasch weiter zurückfallen.
Doch auch die moderne Technik bietet neue Mittel der Gedankenkontrolle für einen aktuellen, ganz zivil daherkommenden Totalitarismus, wie die versteckte Kamera des KGB, die kürzlich den verbannten Atomphysiker Sacharow im Krankenhaus-Zimmer filmte - zum Beweis, daß er gut behandelt werde. Gorbatschow ortete denn auch am 8. Mai in der Sowjet-Union eine "Gesellschaft der echten, realen Demokratie, der Achtung der Würde und der Rechte der Bürger sowie ihrer hohen Verantwortung".
Er hat Stalins Verbrechen nie öffentlich kritisiert. Sein eigenes Weltbild ist viel orthodoxer, als der Habitus vermuten läßt: "Wir werden auch künftig entschiedene Maßnahmen einleiten, um überall Ordnung zu schaffen und unser Leben von fremden Erscheinungen, von jedweden Übergriffen auf die Interessen der Gesellschaft und ihrer Bürger zu säubern, um die sozialistische Gesetzlichkeit zu festigen."
Ein Gewaltmensch ist er nicht, aber ein liberaler Reformer wohl auch nicht. Er nutzt die Stalin-Nostalgie für seine Sache. Er erteilte dem Tyrannen die erste öffentliche Huldigung von höchster Stelle seit zwei Jahrzehnten: "Die gigantische Arbeit an der Front und im Hinterland wurde geführt von der Partei, ihrem ZK, dem Staatlichen Verteidigungskomitee, an der Spitze der Generalsekretär des ZK der KPdSU, Bolschewiki, Josef" - Gorbatschow stotterte bei dem Namen - "Wissarionowitsch Stalin".
Seine Zuhörer, einige tausend Würdenträger der Nation, brachen in Beifall aus und wollten damit minutenlang auch nicht aufhören, als Gorbatschow dreimal ansetzte, um weiterzureden. Anlaß war das 40. Jubiläum des Sieges, ein legitimer Grund des Gedenkens.
Nur: Zum 30. und zum 35. Jahrestag hatte niemand Stalins Verdienste gewürdigt, auch Gorbatschow nicht, etwa als er 1975 auf Einladung der DKP den Siegestag in Nürnberg beging.
Den Krieg hatte Gorbatschow als Kind unter deutscher Besatzung anders erlebt als viele der Veteranen. Erst mit 19 sah er zerstörte Dörfer und Städte - er fuhr 1950 zum Studium nach Moskau.
Als Student trat er im letzten Stalin-Jahr der Partei bei. Kommilitonen berichten, er habe die herrschenden extremen Positionen des "Kampfes gegen den Kosmopolitismus" geteilt, als Parteisekretär der Moskauer Juristenfakultät den Ausschluß von Studenten wegen eines politischen Witzes oder Urlaubsüberschreitung betrieben, sich allerdings auch mal über die Polizeizensur beschwert - insgesamt: "Er streckte sich unglaublich nach der Decke."
Das muß man schon unter harten Herren, auch der große Antistalinist Chruschtschow war zu Lebzeiten des Tyrannen dessen ergebener Diener. Als Mann des Systems wird Gorbatschow noch heute seine Gedanken zu verbergen und seine Zunge zu hüten wissen.
Was Gorbatschow wirklich vorhat, wird ein wenig durch den Zuschnitt seiner nächsten Mitarbeiter erhellt. Zum Vorsitzenden des Außenpolitischen Ausschusses des Obersten Sowjet und damit traditionell zum "Zweiten Sekretär", also Gorbatschow-Vize und Chefideologen, avancierte vorige Woche der ZK-Sekretär Jegor Ligatschow, 64, ein gelernter Flugzeugingenieur, der als ZK-Personalchef unter Andropow und Gorbatschow mit harter Hand die oberen Ränge durchkämmt hat.
Als Chruschtschow 1957 die "Sibirische Abteilung" der Akademie der Wissenschaften gründete, wurde der gebildete Ligatschow der zuständige Ortsgruppenleiter in Akademgorodok, mit Dauerkontakt zu Sibiriens reformfreudiger Forscherelite, so auch zu dem Sozialkritiker Abel Aganbegjan.
Chruschtschow holte Ligatschow in die ZK-Personalabteilung nach Moskau. Breschnew schickte ihn dann als Parteisekretär nach Tomsk, wo er durch Liberalität auffiel. Als Bewohner eines Studentenwohnheims ihre Kopfkissen ironisch zu dem Slogan "Ruhm der KPdSU" zusammenlegten, lehnte Ligatschow die fällige Bestrafung ab. Er zeichnete sich aber auch durch die Weisung aus, die Zahl der Versammlungen zu halbieren und sie auch nicht mehr während der Arbeitszeit abzuhalten.
Die Partei-Personalpolitik besorgt künftig Georgij Rasumowski, den der Chef aus dem Kaukasus kennt: Er war Parteisekretär in Krasnodar, nebenan von Gorbatschows Stawropol. Rasumowski hat nun die Delegierten für den nächsten Parteitag und die Mitglieder des nächsten ZK vorzuschlagen - er selbst gehört dem ZK noch gar nicht an.
Er genießt beste Deckung: Mit den Politbüro-Mitgliedern Alijew, Worotnikow und Schewardnadse hat sich eine starke kaukasische Lobby in Moskau eingenistet. Für die Weltöffentlichkeit fällt neben dem Chef Gorbatschow am meisten der neue Außenminister auf.
Es sieht so aus, als sei die provokante Entscheidung, den erfahrensten aller Außenminister, Gromyko, durch einen Laien vom Lande zu ersetzen, in einer fröhlichen Kaukasierrunde gefallen. Gewiß ist, daß die Berufung eines Georgiers der nichtrussischen Hälfte der Bewohner des Vielvölkerstaates UdSSR gefallen wird.
Die "Grusinier", Beherrscher des schwarzen Markts in der ganzen Union, gelten auch bei Russen als natürliche Kapitalisten, witzig, schlau und liberal. Trotzdem verehren sie glühend ihren größten Sohn, Stalin.
Der blauäugige Schewardnadse, der etwas Deutsch und Englisch spricht, ist Historiker und beherrscht - wie Gorbatschow - die freie Rede. 1965 war er zum Innenminister Georgiens aufgestiegen und betätigte sich als Saubermann in einem Augiasstall. 1972 stürzte er Parteichef Mschawanadse wegen Korruption und übernahm sein Amt.
Seine erste Frage an das georgische ZK: "Gibt es hier was, was es nicht zu kaufen gibt?" Unter seinem Vorgänger konnte man für 300000 Rubel (eine Million Mark) Minister werden.
Bei der Abstimmung ließ Schewardnadse seine Genossen die linke Hand heben und wetterte dann gegen die zum Vorschein gekommenen Uhren aus Japan und der Schweiz.
Privatleuten gestattete er, Restaurants zu eröffnen, und genehmigte jeden Ausreiseantrag georgischer Juden, so den des Aron Maschaschwili, heute Stadtrat im israelischen Aschdod: "Eduard war immer ein treuer Freund der Juden", sagt er, "er wird auch ein guter Freund Israels sein, ein hochintelligenter Mensch mit freien, undoktrinären Ideen."

"Er will reformieren und modernisieren"

Undoktrinär führte Schewardnadse Live-Interviews im sowjetischen Fernsehen ein, mit Fragen an Minister, warum es keine Gurken oder keine Bahnfahrkarten gibt. Er errichtete ein Meinungsforschungsinstitut, das die Georgier zum Beispiel fragte, was schlechter sei - Schwarzhandel oder Warenmangel. Die Antworten blieben unveröffentlicht.
Schewardnadse machte auch die mündlichen Hochschulprüfungen öffentlich - Eltern können zuhören -, damit Doktorgrade nicht mehr käuflich seien. Als in Tiflis ein entführtes Flugzeug landete, leitete er selbst die Polizeiaktion auf dem Flughafen. Als es im Stadion nach einem strittigen Elfmeter zum Fußballkrawall kam, trat er aufs Spielfeld zwischen Randalierer und prügelnde Polizisten und beruhigte, ganz Helmut Schmidt, per Megaphon: "Die Entscheidung des Schiedsrichters wird morgen überprüft, geht jetzt nach Hause."
1978 demonstrierten Tausende Studenten gegen eine neue Verfassung für Georgien, in der neben Georgisch auch Russisch als Staatssprache festgelegt war. Die Protestler trugen T-Shirts (aus illegaler Produktion) mit einem auf dem Rücken aufgedruckten Gesicht, das die Zunge herausstreckte. Sie zogen vor das Parteihaus und drehten sich um.
Schewardnadse stellte sich: "Was macht ihr da, meine Kinder?" Sprechchöre: "Wir sind nicht deine Kinder!" Das Russische wurde aus der Verfassung gestrichen.
Schewardnadses Berufung ins Außenamt am Smolensker Platz in Moskau könnte eine neue Außenpolitik signalisieren, auch der vergleichsweise pragmatischen ZK-Abteilung für Internationales mehr Einfluß als bisher bieten. Deren faktischer Chef, der weltläufige Wadim Sagladin, ließ bereits die Sowjet-Schablone fallen, der dritte Weltkrieg sei nahe herbeigekommen: "Ich meine, daß das Ziel einer unmittelbaren Entfesselung eines Atomkrieges jetzt kaum in den Plänen des Westens rangiert."
Unter der Führung von Schewardnadse, glaubt der Kölner Ostexperte Professor Boris Meissner, "dürfte die sowjetische Außenpolitik wieder auf Entspannungskurs gehen". So müßte es sein, wenn Gorbatschows Wirtschaftsträume sich erfüllen und der kräftezehrende Rüstungswettlauf gebremst werden soll.
Gorbatschow will vor dem Europäischen Parlament in Straßburg eine Rede halten. Minuten nur nach Gromykos Entlassung am Dienstag wurde Gorbatschows Gipfel mit US-Präsident Reagan im November angekündigt, vorher will er noch Frankreich besuchen. Konfrontation, entschied er, sei kein Geburtsfehler der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen, sondern eine "Anomalie". Seinem italienischen Genossen Cervetti versicherte er: "Wir leben nicht mehr in den Zeiten der Komintern."
Alle harten Äußerungen Gorbatschows dagegen - seine bewußt vorgetragene Affinität zu Stalin, sein beharrlicher Verzicht auf das Wort "Reform" - könnten bedeuten, daß er um die ZK-Stimmen der Sowjetkonservativen werben mußte, solange seine Position nicht abgesichert war.
Von nun an, erst recht aber nach dem 27. Parteitag im Februar, wäre er vielleicht in der Lage, sein Visier zu lüften. Der Tag seines Hauptreferats vor den von Freund Rasumowski handverlesenen Parteitagsdelegierten, der 25. Februar, ist der 30. Jahrestag der Geheimrede Chruschtschows auf dem 20. Parteitag über Stalins Verbrechen.
Der jugoslawische Ex-Kommunist Milovan Djilas ("Gespräche mit Stalin") bleibt dabei, "daß Gorbatschow sich wohl viel eher auf ausgetretenen Pfaden bewegen als in weiße Flecken auf der Landkarte vordringen wird".
"Von Stalin", glaubt andererseits der Gorbatschow-Biograph Christian Schmidt-Häuer, "ist dieser aufgeklärte Sowjetführer weiter entfernt als alle seine Vorgänger." Und auch der Rußlandkenner Wolfgang Leonhard verneint strikt, daß Gorbatschow zum Stalinismus zurück wolle, "im Gegenteil: Er will die Sowjet-Union wirtschaftlich reformieren und modernisieren".
Für diese Einschätzung gibt es bisher winzige Indizien. Die "Iswestija" veröffentlichte am 1. Juni ein Interview mit der kritischen Soziologin Tatjana Saslawskaja, in dem sie ihre bisher geheimgehaltenen Thesen mitteilen konnte. Sie forderte nun öffentlich Änderungen im Wirtschaftssystem von 1930 und rügte die "Hypertrophie" - ein Stichwort, das Gorbatschow in einer Rede aufnahm. Den Bereich der Wissenschaft hält er immerhin für "undenkbar ohne freien, konstruktiven schöpferischen Meinungsaustausch". Das ist schon ein mächtiger Schritt nach vorn.
In die Sowjetkinos kam ein Film - aus Georgien -, der den täglichen Betrieb in einem sowjetischen Verlag schildert. Ein junger Autor möchte dort sein erstes Manuskript loswerden.
Keiner der Lektoren, die allerlei berufsfremde Tätigkeiten vorziehen, liest es, nur ein Handwerker auf der Trittleiter. Niemand arbeitet, nach einem Jahr stürzt das Verlagshaus ein. Ein neuer Stahlbetonbau wird errichtet, die Untätigkeit setzt sich fort.
"Ich bin ein kleiner Mann", sagt eine der auftretenden Personen zur Moral der Geschichte, "ich tue, was man mir sagt - nicht weil ich keine eigene Meinung habe, sondern weil das Leben so ist."
Der gesellschaftskritische Film "Blaue Berge oder Eine unwahrscheinliche Geschichte" ist für den Staatspreis vorgeschlagen.
"Die Menschen", meint Michail Gorbatschow, "lieben strenge, gut organisierte Leute."
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AHNENTAFEL DER SOWJET-FÜHRUNG Amtszeiten in den wichtigsten Positionen von Partei und Staat in der Sowjet-Union Doppelfunktionen der Parteichefs Parteichef (ZK-Generalsekretär der KPdSU) Michail Gorbatschow seit 11. 3. 1985 Konstantin Tschernenko 13. 2. 1984 bis 10. 3. 1985 Jurij Andropow 12. 11. 1982 bis 9. 2. 1984 Leonid Breschnew 14. 10. 1964 bis 10. 11. 1982 Nikita Chruschtschow 7. 9. 1953 bis 14. 10. 1964 Josef Stalin 21. 1. 1924 bis 5. 3. 1953 seit 3. 4. 1922 ZK-Generalsekretär Wladimir Lenin 7. 11. 1917 bis 21. 1. 1924 Regierungschef (Vorsitzender des Ministerrats) Tichonow seit 23. 10. 1980 Kossygin 15. 10. 1964 bis 23. 10. 1980 Chruschtschow 27. 3. 1958 bis 15. 10. 1964 Bulganin 8. 2. 1955 bis 27. 3. 1958 Malenkow 6. 3. 1953 bis 8. 2. 1955 Stalin 6. 5. 1941 bis 5. 3. 1953 Molotow 19. 12. 1930 bis 6. 5. 1941 Rykow 2. 2. 1924 bis 19. 12. 1930 Lenin 9. 11. 1917 bis 21. 1. 1924 7. 11. 1917: Oktoberrevolution Staatschef (Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjet) Gromyko seit 2. 7. 1985 Tschernenko 11. 4. 1984 bis 10. 3. 1985 Andropow 16. 6. 1983 bis 9. 2. 1984 Breschnew 16. 6. 1977 bis 10. 11. 1982 Podgorny 9. 12. 1965 bis 16. 6. 1977 Mikojan 15. 7. 1964 bis 9. 12. 1965 Breschnew 4. 5. 1960 bis 15. 7. 1964 Woroschilow 6. 3. 1953 bis 4. 5. 1960 Schwernik 19. 3. 1946 bis 6. 3. 1953 Kalinin 30. 3. 1919 bis 19. 3. 1946 Swerdlow 21. 11. 1917 bis 16. 3. 1919 Kamenew 8. 11. 1917 bis 17. 11. 1917 1985 1980 1970 1960 1950 1940 1930 1920
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DER SPIEGEL 28/1985
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