10.06.1985

ZEITGESCHICHTEGespenst vom Dach

Im KZ Dachau haben Häftlinge eine Satire auf Adolf Hitler aufgeführt - unter den Augen der SS. *
Es war die schauerlichste Klamotte der Theatergeschichte.
Fanfaren bliesen, über dem Festplatz schien die Junisonne. Ein Ansager mit Überwurf trat auf die Bühne und entrollte ein Pergament. Mit hohlem Pathos kündete er von "Schicksalsmächten", von "dunklem Walten", von einer "Jungfrau Ehre". So begann das "komisch-schaurige Ritterstück in drei Aufzügen mit Musik", und entsprechend grausig ging es weiter.
Ketten klirrten, wenn ein stummer Büßer stille schritt. Kalauer-Komik polterte, wenn ein Bühnen-Ritter sich nicht zur Angebeteten ins grüne Gras legen wollte: "Die Rüstung, wissen Sie, die wird dann so leicht rostig."
Adolar, "Graf von Schreckenstein zu Schreckenstein auf Schreckenstein", mordet und schändet, frißt und säuft. Habgierig ist er, maßlos, und deshalb ist sein böses Ende nah: Zum Finale erscheint dem Unhold die verstorbene Gräfin als Gespenst, bevor er, Erlösung, endlich erdolcht wird.
Das Stück trug den Tripel-Titel "Die Blutnacht auf dem Schreckenstein oder Ritter Adolars Brautfahrt und ihr grausiges Ende oder Die wahre Liebe ist das nicht". Gespielt wurde es im KZ Dachau im Sommer 1943. Es war, unter den Augen von SS-Leuten, die als Ehrengäste in der ersten Reihe saßen, eine einzige große Persiflage auf Adolf Hitler.
Die Satire fing mit dem Ansager an, dem Wiener Burgschauspieler Gustav Wittmayer. Der erbot erst dem "wohlgeneigten Adel" vorn seine Reverenz, zuletzt "dem gemeinen Volke" hinten. Das hatte schon seinen Spaß, wenn Wittmayer "Adolar" sagte und vor der letzten Silbe eine Pause machte, als müsse er stottern.
Die SS-Leute, schreibt der Autor des Stücks, "lachten manchmal verlegen mit, wenn die Gefangenen grölten". Denn: "Daß sie einer Hitler-Parodie beiwohnten, kam ihnen nicht zum Bewußtsein."
Erst jetzt, mehr als 40 Jahre nach der Premiere, nachdem eine Lesung von Dachau-Dichtkunst in München stattfand, haben Überlebende die "Blutnacht"-Geschichte in akribischer Kleinarbeit rekonstruiert.
Das Manuskript der "Blutnacht" ist erhalten, es wird im Archiv der heutigen Gedenkstätte Dachau aufbewahrt. Noch lange nach dem Krieg aber, notiert der Hamburger Literaturhistoriker Uwe Naumann, der mit einer Arbeit über satirische Faschismuskritik promoviert hat, haben die "Blutnacht"-Aktivisten vom Theatererfolg im KZ "nur mit Scheu" berichtet. Denn angesichts der über 30 000 in Dachau Umgekommenen würden Berichte über Lachtheater im Lager erscheinen wie Blasphemie: So lustig war das Lagerleben.
Das Theater spielte die "Blutnacht" vom 13. Juni für sechs Wochenenden vor je rund 1000 Häftlingen und SS-"Ehrengästen", bevor es per Order höherer Stelle vom Spielplan abgesetzt wurde. Geschrieben hat es der Wiener Journalist Rudolf Kalmar in Dachau "auf den Rückseiten ausgemusterter Drucksorten in einer überfüllten Baracke". _(Rudolf Kalmar: "Zeit ohne Gnade". ) _(Schoenbrunn-Verlag, Wien, 1946; seither ) _(nicht wieder aufgelegt. )
Die Entstehung der "Blutnacht", die Geschichte ihrer Realisierung zunächst im verborgenen und dann mit Zustimmung des Lagerzensors, ist mehr als eine bizarre Episode. Sie ist ein Beispiel für Widerstand - und zeigt zugleich den Wahnwitz um Schuld und Mitschuld im geschlossenen System Dachau:
Ein Gespenst spukt vom Dach der Desinfektionskammer herab. Die Stiefel der Ritter hat ein Schreiber auf Verlust gebucht, ihre Überwürfe sind aus Fahnentuch, Bänder und Schleifen aus Uniformlitze geschneidert.
Innerhalb einer Stunde muß die Bühne auf- und (oft unter den Prügeln der SS) wieder abgebaut werden. Tagelang sucht die "Schreckenstein"-Crew einen Häftling, der "wie eine Hyäne heulen" konnte - während in den Folterkammern Häftlinge zu Tode gequält werden.
Die "Blutnacht", so analysiert Literaturhistoriker Naumann, ist teilweise Opernparodie, bei der Textzeilen ("Er hat ihr die Ehre geraubet") singend und "mit tiefem Ernst" (Regieanweisung) variiert wurden.
Neun Schauspieler, sieben "technische Mitarbeiter", eine vierköpfige Ausstattungsgruppe sowie Autor Kalmar am Klavier wirkten mit. Zu den Aufführungen trugen die Häftlinge ihre Schemel aus den Baracken herbei.
Der Text kann durchaus als harmlose Groteske im Stil platten Volkstheaters gelesen werden. Aber wenn auf der Dachauer Bühne Adolars Gespensterwitwe Rosalia auf tschechisch grantelte ("Vor dem ganzen Dienstpersonal sag'' ich Dir''s heute, was Du für ein Schandkerl bist"), johlten die ausländischen Häftlinge.
Star und Regisseur der Aufführungen war Erwin Geschonneck, in Berlin aufgewachsen, Gelegenheitsarbeiter, Kabarettist, _(1985 aus der Erinnerung gezeichnet von ) _(Bruno Furch, Wien. )
Kommunist. Geschonneck, nach dem Krieg ein gefeierter Defa-Star ("Nackt unter Wölfen"), hielt sich "Wort für Wort an den genehmigten Text" (Autor Kalmar). Aber nach künstlichem Retardieren langer Sätze bellte er gegen Schluß "mit dem aufgeregten Fortissimo eines wütenden Hundes".
Anstatt "Soldaten" sagte Geschonneck "Soldatten". Er betonte Zeitwörter gegen den Sinn, und was aus der Sprachparodie nicht deutlich genug schien, unterstrich er durch hektisch-hämmernde Gesten, beschwörende Blicke: "Die Persiflage war offenkundig", sagt der jetzt 84jährige Viktor Matejka, auf dem Theaterzettel "des Freilichttheaters Dachau" unter "Gesamtleitung" ausgewiesen.
Dennoch: Diskussionen um den Plan einer Komödie, die mit dem Schlußchor endet: "Ist alles auch ganz schlecht / Es wird schon wieder recht / Durch dieses Zauberwort: Humor, Humor!", entzweiten die führenden politischen Köpfe der Häftlinge um so mehr, als das Gruselstück um den Ritter Adolar nur um den Preis von Geschäft und Gegengeschäft verwirklicht werden konnte.
Matejka zum Beispiel, in Dachau mit dem Aufbau der Lagerbücherei betraut und nach dem Krieg einige Jahre Wiener Kulturstadtrat, half dem zuständigen SS-Schulungsleiter bei dessen Karriere. Dem SS-Hauptscharführer, wegen seiner Brille von den Kumpanen als "vieraugerter Hund" geschmäht, gab Matejka choreographische Tips ("den Kindern mal die Hände schütteln") zur Gestaltung von SS-Begräbnissen und setzte nebenher den ungelenken Totenreden des Nazi-Ideologen rhetorische Glanzlichter auf. Kooperation? Oder mehr?
Ohnehin verstanden etliche Häftlinge jede kulturelle Aktivität im Lager als eine "perverse Art von Kraft-durch-Freude-Veranstaltung", die objektiv auf Erhöhung der Arbeitskraft, mithin auf Arbeit an Hitlers Endsieg hinauslaufe.
Andererseits konnte Matejka heimlich hergestellte "Pickbücher" aus Zeitungsausschnitten "unter politisch absolut verläßlichen Kameraden" kursieren lassen, was wiederum nur aufgrund seiner privilegierten Stellung in einem Dienstgebäude außerhalb des Lagers möglich war.
Die alten Fragen sind geblieben. In Matejkas Wohnung in Wiens Theobaldgasse 15/20 sichten Matejka und sein inzwischen 74jähriger Dachau-Kamerad Karl Röder jetzt vergilbte Blätter aus der gemeinsamen Dachauer Zeit. War die Mehrheit der SS-Männer im Lager wirklich schlicht zu dumm, um zu begreifen, was vor ihren Augen ablief? Oder funktionierten die Hirne der intelligenteren SS-Leute nach dem Prinzip, daß nicht sein kann, was nicht sein darf? War 1943 das Regime bereits soweit "innerlich zersetzt" (Kalmar), daß untere Instanzen jede Eigeninitiative vermieden - schließlich war das Stück offiziell zugelassen? Haben einige "augenzwinkernd" bei den Gefangenen "sich die Überfuhr sichern" wollen?
Röder, mit 22 bereits erfahrener KP-Organisator, wurde im August 1933 verhaftet und saß elf Jahre im Gefängnis, in Dachau und Flossenbürg. 1943 hatte er sich für die "Blutnacht"-Aufführung entschieden: "Gegen das Umbringen haben wir nichts machen können. Aber gegen die psychische Vernichtung. Wir haben die Nazis lächerlich gemacht."
In seinen - derzeit noch unpublizierten - Erinnerungen findet sich der Satz: "Auch vor uns stand das Problem der Schuld. Schuld bringt unaufhörlich Schuld hervor." Und, sagt Röder, "mitschuldig hat sich jeder gemacht, ob als Kapo oder Essenholer".
Das hat der gelernte Metallhandwerker sehr früh und auf sehr zynische Weise begreifen müssen. Er mußte das Dachau-Lagertor mit der Inschrift "Arbeit macht frei" anfertigen.
Rudolf Kalmar: "Zeit ohne Gnade". Schoenbrunn-Verlag, Wien, 1946; seither nicht wieder aufgelegt. 1985 aus der Erinnerung gezeichnet von Bruno Furch, Wien.

DER SPIEGEL 24/1985
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