04.11.1985

SPIEGEL Essay

Frankfurt, Fassbinder und die Juden

Von Boehlich, Walter

von Walter Boehlich Walter Boehlich, 64, lebt als freier Schriftsteller in Frankfurt. *

Juden, sagt das Vorurteil, sind klug, potent und reich, und ihre Frauen und Mädchen sind schön. Das klingt nach Bewunderung, so, als wären die, die mit solchen Vorurteilen leben, selbst gern die, die sie nicht sein können. Sie projizieren die unerfüllten Wünsche des eigenen falschen oder schlechten Lebens auf eine Minderheit, von der sie wenig bis gar nichts wissen, mit der sie wenig oder gar nicht in Berührung kommen.

Irgendwo, gewiß, gibt es auch reiche oder potente oder kluge Juden, aber nur das Vorurteil will, daß sie alle so seien. Es ist durch die Wirklichkeit nicht mehr korrigierbar, und was unbewußt tatsächlich etwas mit Sehnsüchten zu tun haben mag, schlägt um in Neid und Haß. Die von dem Vorurteil abhängig sind, sehen nur noch in dem fremden anderen, was sie nicht haben.

Was daraus entsteht, ist Antisemitismus. Die statuierte Klugheit wird zu Gerissenheit, die statuierte Potenz wird zur Geilheit, der statuierte Reichtum wird zu Wucherei entstellt, der Feind aufgebaut, an dem man sich rächen kann für die eigene Minderwertigkeit. Ist man so weit, will man alles, bloß um keinen Preis mehr sein wollen, wie man glaubt, daß Juden sind.

Wohin das bei uns geführt hat, wissen wir. Eine Folge davon ist, daß die einen auf lange Zeit mit dem Odium der Mörder leben müssen, gleichgültig ob sie selbst gemordet haben oder nicht, ob sie stumme oder tätige Zeugen des Mordes waren oder ob sie ihrer Jugend wegen nichts davon erlebt haben, während die anderen potentielle Opfer bleiben, wie alt oder wie jung sie immer sein mögen.

Mit dem Unterschied freilich, daß nur wenige Deutsche sich direkt oder indirekt schuldig fühlen, während fast alle Juden sich auch nach einem halben Jahrhundert noch als Opfer fühlen, selbst dann, wenn sie mit dem, was Antisemitismus sein kann, nie konfrontiert worden sind. Es nützt ihnen nichts, daß sie in der Bundesrepublik vergleichsweise geschützt leben. Wie sollten sie einem Frieden trauen können, den beinahe jeder Tag als trügerisch erweist?

Was daraus entsteht, ist eine Art Disproportionalität, die dem faktisch Schwächeren eine nahezu unangreifbare Position dem faktisch Stärkeren gegenüber verschafft. Die geringste Meinungsverschiedenheit kann in dem Schwächeren die alten, unaufhebbaren Ängste auslösen, als ginge es nicht um Differenzen zwischen Gleichberechtigten als Menschen wahrhaft gleichen Rechtes, sondern um die ewige Differenz zwischen dem, der morden und verfolgen kann, und dem, der verfolgt und ermordet werden kann.

Daher die litaneihafte Vorausentschuldigung: ich bin kein Antisemit, ich habe nichts gegen Juden, ich will nur sagen ... Und genau diese bisweilen abgeforderte Bekennerphrase schafft das Klima von Ungleichen, die niemals gleich werden können. Das Recht auf Gleichheit ist ein Fetzen Papier, der noch immer auf den Müll geworfen worden ist, wo die Ungleichheit nützlicher erschien.

Wer Auschwitz entronnen ist, wird seine Ängste nicht loswerden, und er wird sie in der Regel seinen Kindern und Kindeskindern weitergeben. Wer, der auf der anderen Seite gestanden hat, und sei er noch so schuldlos gewesen, kann das nachfühlen? Die wenigsten offenbar, wo die meisten meinen, einmal müsse Schluß sein, einmal müsse es eine Versöhnung geben. Die werden nicht verstehen, daß es Versöhnung nicht geben kann, nie, solange irgend jemand sich erinnert. Auschwitz wird später vergessen werden als all die anderen Barbareien, die Hexenverfolgungen, die Inquisition, der Mord an den Indios. Es wird auf lange Zeit gegenwärtigste Gegenwart bleiben.

Nie haben die Erben des Dritten Reichs dessen Opfern die Gewißheit gegeben, daß nicht nur etwas Neues angefangen habe, sondern daß das Alte gesühnt sei. Sie haben sich wie die Hunde zum Jagen tragen lassen und Jahrzehnte verstreichen lassen, bis es fast nicht mehr möglich war, ein spätes Recht zu sprechen. Die "Wiedergutmachung" und die Woche der Brüderlichkeit sind Läppereien in einer Gesellschaft, die mit den Mördern in gutem Einvernehmen gelebt hat, in der alle, Parteien, Kirchen, Institutionen, ihre Klienten gedeckt und verteidigt haben, solange es irgend ging.

Der Konsens, auf den man sich geeinigt hat, war nicht, die Gewalttäter für ihre Gewalttaten zu bestrafen, an welcher Stelle immer sie an den Morden mitgewirkt hatten, sondern einige als Sündenböcke scheinhaft zu opfern, damit alles sein gutes Ansehen habe. Alles hätte den überlebenden Juden geholfen, sich als Bürger wie alle anderen zu fühlen, selbst Akte spontaner Rache, der Beweis des blanken Entsetzens über etwas, wofür uns nach wie vor jede Erklärung fehlt; die justizförmige, verschleppte "Bewältigung der Vergangenheit" konnte ihnen nicht helfen.

Dies alles muß man sich vor Augen halten, wenn man begreifen will, was sich in Frankfurt abspielt. Die Stadt ist in zwei Lager gespalten, von denen das eine den "Müll, die Stadt und den Tod" endlich aufgeführt sehen oder aufführen will, das andere aber diese Aufführung um jeden Preis verhindern will. Es geht längst nicht mehr um kühle Überlegung, sondern fast nur noch um Emotionen. Das Stück ist zehn Jahre alt, und es wäre am besten vor zehn Jahren aufgeführt worden, was Fassbinder selbst durch seinen abrupten Weggang vom TAT verhindert hat.

Statt dessen ist es gedruckt worden und hatte kaum das Licht des Tages erblickt, als Joachim Fest es zu einem persönlichen taktischen Manöver mißbrauchte. Er hatte gerade ein Buch über Hitler geschrieben und sich viel zu weit auf Spekulationen über Hitlers vermeintliche Größe eingelassen.

Die beste Methode, sich von seinem Helden zu befreien, war ihm offenbar die, sich als Ritter ohne Furcht und Tadel hinzustellen und das ekligste Ingrediens des Hitlerschen Faschismus dort nachzuweisen, wo es noch kein ernsthafter Mensch vermutet hatte: bei den Linken. Kurzerhand machte er aus dem anarchischen und eher unpolitischen Fassbinder einen Linken und aus dessen Stück ein antisemitisches Machwerk.

Gegen solche Vorwürfe gibt es keinen Schutz. Sie sind, das gehört zur Verabredung derer, ohne die Auschwitz nicht möglich gewesen wäre, tödlich. Wer immer sich ins rechte Licht stellen wollte und selten mehr als ein paar Zitate aus dem Stück kannte, machte sich ein leichtes Spiel, den Antisemitismusvorwurf wiederzukäuen. Ließ der sich auf keine Weise mehr aufrechterhalten, wurde das Ersatzargument nachgeliefert, selbst wenn das Stück als solches nicht antisemitisch sei, könne es antisemitisch mißbraucht werden.

Schließlich spitzte sich alles auf die eine Behauptung zu, es trete in dem Stück ein Jude auf, der keinen Namen habe, sondern lediglich als "der reiche Jude" bezeichnet werde. Das gehe nicht, denn auf solche Art werde nicht ein womöglich unangenehmer Spekulant kritisiert, sondern dieser Spekulant als Jude und damit alle Juden überhaupt.

Ist daran etwas? Das Stück heißt nicht analog zum "Kaufmann von Venedig" oder dem "Juden von Malta" "Der reiche Jude", sondern "Der Müll, die Stadt und der Tod". Der "reiche Jude" ist eine Figur unter anderen und keineswegs die wichtigste. Es ist wahr, daß er keinen Namen hat, aber dafür gibt es Gründe. Fordern, daß "der reiche Jude" einen Namen habe, kann nur, wer dieses Stück für ein realistisches hält.

Mit dem "reichen Juden" ist nicht, wie die vulgäre Verabredung will, ein bestimmter, identifizierbarer Frankfurter Jude gemeint, sondern dieser ist nichts

als die Spiegelung dessen, was die anderen Figuren des Stückes sich unter ihm vorstellen. Er ist eine Projektion des Vorurteils, von dem er wie alle anderen Figuren getroffen wird: die Huren, die Zuhälter, die alten Nazis. Keinen von ihnen gibt es so in der Wirklichkeit, und Fassbinders wohl eher instinktiver Kunstgriff hat darin bestanden, Trümmer der Frankfurter Wirklichkeit nie direkt sichtbar werden zu lassen, sondern immer nur als Widerschein der Vorstellungen, die sich an sie heften.

Ein realistisches Stück, in dem ein Spekulant passagenweise in Jamben spricht? In dem eine Hure, auch wenn sie bessere Zeiten gekannt hat, über Leben und Tod, Angst und Liebe spekuliert? In dem ein KZ-Mörder sein Geld als Transvestit verdient? In dem der "reiche Jude" einen "kleinen Prinzen" und einen "Zwerg" zu seinem Gefolge zählt? In dem diejenigen, die Namen zu haben scheinen, Hans von Gluck oder Oscar von Leiden heißen?

Nein, ein realistisches Stück ist das wirklich nicht, und auch kein Stück über oder gegen einen jüdischen Spekulanten, sondern wie meist bei Fassbinder ein Stück über die Angst und den Tod, die Unmöglichkeit zu leben, das entfremdete Leben überhaupt, und darüber, daß die Erde unbewohnbar ist wie der Mond, daß wir unseren Städten und deren Menschen etwas angetan haben, was mit Freundlichkeit oder Humanität nichts mehr zu tun hat.

Ist es schlimm, daß die Rolle des Spekulanten einem Juden gegeben wird? Objektiv sicher nicht. Schlimm wäre es nur, wenn Fassbinder den Eindruck erweckte, daß der "reiche Jude" spekuliert und rücksichtslos ist, weil er Jude ist. Genau darauf wollte er nicht hinaus. Er hat, mindestens der Absicht nach, gezeigt, daß diejenigen, die aus der Stadt gemacht haben, was aus ihr geworden ist, sich des "reichen Juden" genauso bedient haben wie aller anderen auch, um sich ihren idiotischen Traum von der Metropole zu erfüllen. Der "reiche Jude" hat das nicht gemacht, er hat es vorgefunden, nicht als private Spielwiese, sondern als Bedingung des menschenverachtenden Kapitalismus oder, wenn man will, der sozialen Marktwirtschaft.

An der Zerstörung Frankfurts haben sich Hand in Hand mit der Wirtschaft und den Großbanken alle Parteien beteiligt, und das macht die Reaktionen auf Fassbinders Stück so dubios. Deswegen ist monatelang immer nur von dem "reichen Juden" und den Reden der alten Nazis im Stück gesprochen worden. Niemand hat erklärt, warum in unserer Gesellschaft jedermann von einem jüdischen Dirigenten, einem jüdischen Physiker, einem jüdischen Philosophen reden kann und nichts als eitel Wohlgefallen auf allen Seiten auslöst, daß aber sofort der Abwehrreflex Antisemitismus sichtbar wird, wenn von einem jüdischen Spekulanten geredet wird.

Nichts anderes verbirgt sich dahinter als die uneingestandene Mißbilligung einer Tätigkeit, die zum Kapitalismus gehört wie der Rauch zum Feuer. Was ist gegen einen jüdischen Spekulanten zu sagen, unter so vielen christlichen oder atheistischen? Oder ist in Wirklichkeit etwas dagegen zu sagen, daß Vertreter unserer demokratischen Parteien sich schamlos eines solchen "reichen Juden" bedient haben, seine Geschützheit nutzend, ohne die geringsten Skrupel, daß daraus Antisemitismus entstehen könnte, und daß jetzt in später Reue andere Vertreter derselben demokratischen Parteien Sturm gegen das Stück laufen, das es nicht gäbe, wenn es den Filz nicht gegeben hätte?

Ist das wahrhaft Empörende nicht das Geschwätz der Nazis im Stück, sondern der Satz des "reichen Juden": "Die Stadt schützt mich, das muß sie. Zudem bin ich Jude. Der Polizeipräsident ist mein Freund, was man so Freund nennt, der Bürgermeister lädt mich gern ein, auf die Stadtverordneten kann ich zählen"? Sollen die hinhaltenden Proteste tatsächlich die Frankfurter Juden schützen oder sollen sie bloß verhindern, daß, nachdem alles zerstört ist, was noch halbwegs schön war, den wahren Zerstörern die Rechnung aufgemacht wird?

So wie die Diskussion geführt worden ist, kann man ihr kaum Glauben schenken. Warum haben Bürgermeister und Kulturdezernent wider besseres Wissen, als seien sie Joachim Fests Lakaien, aus dem Gerede der Altnazis im Stück zitiert, hoffend, dies würde als Fassbinders konkrete Überzeugung mißverstanden werden, wo es in Tat und Wahrheit nichts anderes tut, als die redenden Nazis selbst zu denunzieren?

Warum haben sie sich alle neun Jahre lang Mühe gegeben, das Stück aus der Welt zu schaffen, als könnten sie damit aus der Welt schaffen, worauf das Stück sich bezieht? Warum haben sie die Argumente gewechselt wie alte Hemden? Erst mit dem Antisemitismusvorwurf gearbeitet, dann dekretiert, das Stück sei schlecht, schließlich befunden, es sei überhaupt überflüssig?

Hat Fassbinder den Frankfurter Antisemitismus erfunden, salonfähig machen wollen, oder ist der in seinen Grenzen alltäglich? Wem hilft es, wenn man die Augen vor ihm schließt? Den Juden oder den Nichtjuden? Und warum schließlich hat jemand den Mut, davor zu warnen, daß das Stück antisemitisch mißbraucht werden kann. Es ist gedruckt worden. Hat es auch nur einen einzigen Antisemiten mehr gemacht? Es ist verfilmt worden, Zehntausende haben den Film gesehen. Hat der Film auch nur einen einzigen Antisemiten mehr gemacht?

Auch die Aufführung wird keinen neuen Antisemiten machen, aber es könnte immerhin sein, daß es den einen oder anderen verletzt. Keineswegs "die" Juden generell, aber einige. Die Grenze nämlich zwischen Befürwortern und Gegnern verläuft nicht zwischen Juden und Nichtjuden, sondern zwischen Nichtkonservativen und Konservativen.

Was die Diskussion um das Stück so beschwerlich gemacht hat, war genau dieses Gegeneinanderausspielen. Hier der linke Jude, der darauf besteht, daß das Stück gespielt wird, da der konservative Jude, der sich verletzt fühlt, und daneben die vielen, die keine Juden sind und in ihrer Argumentation ins Schlingern geraten, weil der Anschein entsteht, daß da ein originär jüdisches Problem verhandelt werde, bei dem die Nichtjuden tunlichst sich zurückzuhalten hätten.

Daß es so abgelaufen ist, ist verständlich, aber nicht wünschenswert. Gleich ob Juden und Nichtjuden, Linke oder Konservative, die Fragen, die mit dem Leben der Juden in Deutschland zusammenhängen, müssen von allen diskutiert werden; sie sollen niemandes Reservat sein.

Man kann sich vorstellen, daß "Der Müll, die Stadt und der Tod" vor zehn Jahren ohne jedes Aufsehen im TAT aufgeführt worden wäre. Oder ein paar Jahre später an den Städtischen Bühnen. Diejenigen, zu deren Sprecher Joachim Fest sich gemacht hat, haben das verhindert. Ist es nur bedauerlich? Es könnte ja sein, daß die falsche Emotionalisierung, die auf ungenauem oder fahrlässigem Lesen beruhende Anschwärzung des Stückes eine begrüßenswerte Folge gehabt hätte: den Beginn eines Dialogs, eines öffentlichen Dialogs zwischen den beiden unversöhnbaren Seiten.

Selbst wenn der Dialog nicht sehr ergiebig war - aber was eigentlich wäre geschehen, wenn auch nur einer, der kein Jude ist, versucht hätte, den Angst habenden Juden zu sagen: Was immer geschieht, wenn es noch einmal einen militanten Antisemitismus bei uns geben sollte, diesmal werden wir für euch kämpfen oder gemeinsam mit euch umkommen?

Weil niemand bei uns solche Sätze denken kann, werden wir immer die alte Geschichte wiederholen, die großen Worte herbeten von den jüdischen Mitbürgern und tun, als ginge es um das, was so ziemlich alle vor fünfzig Jahren versäumt haben. Jetzt, wo es zum Discount-Preis zu haben ist, sind sie da, die Kirchen, die Parteien, die Verwaltungen. Wo waren sie damals?


DER SPIEGEL 45/1985
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