02.12.1985

DDRErich kommt

SED-Chef Honecker schaßte seinen mächtigsten Widersacher - er braucht Rückenstärkung gegenüber Moskau. *
Er hält hof wie ein Großfürst von Sachsen und Preußen. Wen er für würdig befindet, den empfängt er mit Aufmerksamkeiten, wie sie das DDR-Protokoll eigentlich nur für Staatsoberhäupter vorsieht. Als vorläufig letztem widerfuhr die Ehre dem westdeutschen Kleinfürsten Oskar von der Saar.
Auch die eigenen Untertanen wissen den barocken Stil ihres Regenten zu schätzen: Wenn er abends heimfährt aus seinem Amtssitz am Berliner Marx-Engels-Platz ins traute Getto nach Wandlitz, warten sie zu Tausenden geduldig an roten Ampeln, bis der graue Citroen des Herrschers aller Einheitssozialisten an ihnen vorbeigeschaukelt ist. Er selbst verbirgt sich hinter Gardinen.
Das Ost-Berliner Kabarett "Die Distel" besingt in seinem Programm das häufige Schauspiel mit einem liebevollspöttischen Chanson: "Erich kommt".
Der 73jährige Erich Honecker, Generalsekretär der SED und Staatsratsvorsitzender der DDR, steht, unübersehbar, auf dem Höhepunkt seiner Macht - und er genießt es.
Während seine Kleidung noch vor Jahren aus Sperrholz gefertigt schien, steht sie heute an dezenter Eleganz der eines Willy Brandt nicht nach. Im Umgang mit seinen Staatsgästen wirkt der SED-Chef, der sich früher mit krampfhaften Scherzchen über die erste Verlegenheit half, locker und gelöst. Und auch vor westlichen Pressephotographen posiert er als leutseliger Gastgeber, der auf Wunsch für ein werbewirksames Bild das obligate Händeschütteln gern fünfmal wiederholt.
Am Tag, nachdem er seinen letzten ernsthaften Widersacher in den eigenen Reihen kaltstellte, ließ sich Erich Honecker demonstrativ auf der ersten Seite seiner Hofpostille "Neues Deutschland" ("ND") ablichten - konserviert in der Blüte seiner Mannesjahre.
Direkt daneben teilt das "ND" lapidar das politische Ende jenes Genossen mit, der lange als der Mann nach Honecker galt und den die DDR-Intellektuellen und Künstler bislang fürchteten wie keinen leitenden Politiker ihres Staates sonst: Das Zentralkomitee der SED habe, so das "ND"-Kommunique, den Berliner Bezirkschef der Partei, Konrad Naumann, tags zuvor von den "Funktionen eines Mitgliedes des Politbüros und Sekretärs des Zentralkomitees" entbunden - angeblich aus "gesundheitlichen Gründen" und angeblich auf Naumanns eigenen Wunsch.
Die Wahrheit über Naumanns Krankheit ließen die Obergenossen - nach üblichem Ritual - gleichzeitig mündlich verbreiten: Der Politbürokrat sei notorischer Alkoholiker, er habe häufig auf Parteiversammlungen "dummes Zeug" geredet, die SED-Basis durch seinen feudalen Lebensstil vergrätzt und sich sogar gegenüber den Genossen im Politbüro "Eigenmächtigkeiten" herausgenommen.
Der Generalsekretär habe viel Geduld mit Naumann gehabt, doch die sei nun erschöpft.
Naumanns Eigenmächtigkeiten betrafen vor allem den SED-Chef persönlich: Seit Jahren opponierte der Berliner Bezirksleiter gegen den in seinen Augen viel zu laschen innenpolitischen Kurs des Staatsratsvorsitzenden, der mit aufsässigen Intellektuellen und der evangelischen Kirche zu milde umgehe. In einer Politbürositzung nahm Naumann noch wenige Wochen vor seinem Sturz Honecker wegen dessen Kirchenpolitik offen an (SPIEGEL 47/1985).
Auch die am ungarischen Gulaschkommunismus orientierte Wirtschaftspolitik des Generalsekretärs und dessen Nachgiebigkeit gegenüber ausreisewilligen DDR-Bürgern gingen Naumann gegen den Strich. Die Bemühungen Ost-Berlins um westliche Milliarden nannte er bereits 1982 höhnisch einen "Marshallplan" für die DDR. 1984 polemisierte er offen gegen die Entscheidung, 40 000 Ostdeutsche über Plan nach Westen ziehen zu lassen.
Die politische Querlage allein hätte indes kaum gereicht, den Vorsitzenden eines der stärksten SED-Bezirke (176 000 Mitglieder und Kandidaten) um seine Karriere zu bringen. Erich Honecker erschien selbst am Montag letzter Woche, dem 57. Geburtstag von Naumann, in der Ost-Berliner Bezirksleitung und schlug vor, seinen Gegner abzusetzen: Naumann verlor nach seinem Job im Politbüro auch den Posten als Berliner SED-Chef. Den Rausschmiß erleichterte der Geschaßte den Genossen durch sein Privatleben: Der studierte Diplomlehrer für Marxismus-Leninismus war bei FDJ-Mädchen und jungen Genossinnen wegen seiner zupackenden Art berüchtigt.
Übel nahmen ihm viele Einheitssozialisten zudem die Art, wie er dem damaligen Vize-Präsidenten des DDR-Schriftstellerverbandes, Hermann Kant, dessen Frau, die Schauspielerin Vera Oelschlegel, ausgespannt hatte: Naumann, so monierten die pingeligen Parteimoralisten, habe die Gelegenheit genutzt, als Kant nach einem Autounfall längere Zeit im Krankenhaus lag.
Besonders verhaßt war Naumann bei ostdeutschen Künstlern und Intellektuellen, deren angeblich mangelnde sozialistische Moral er oft getadelt hatte. Im vergangenen Sommer ließ Naumann zum Schrecken der Intellektuellen verbreiten, er wolle als Nachfolger des 73jährigen Kurt Hager im nächsten Jahr den Posten des ZK-Sekretärs für Kultur übernehmen.
Letzter Anlaß für Naumanns Sturz war offenbar eine Attacke gegen die Geistesarbeiter. Vor der Akademie für Gesellschaftswissenschaften sei der Spitzen-Funktionär, so kolportieren Kulturfunktionäre, vor einigen Wochen gegenüber den ostdeutschen Wissenschaftlern
dermaßen ausfällig geworden, daß sich Hager später im Namen des Politbüros entschuldigt habe.
Für Honecker war die Entgleisung willkommener Vorwand, sich des lästigen Genossen Naumann zu entledigen. Er hat für die Entlassung zum jetzigen Zeitpunkt ein weit wichtigeres Motiv: Der SED-Generalsekretär könnte schon bald die einhellige Solidarität seiner Führung brauchen, um sich selbst zu halten - gegenüber dem neuen Generalsekretär in Moskau. Den 54jährigen Michail Gorbatschow, so die interne Lagebeurteilung im ZK der SED, trennt vom 73jährigen Honecker nicht nur eine Generation. Der machtbewußte Sowjetrusse mißtraut auch mehr als seine Vorgänger deutsch-deutschen Eigenmächtigkeiten am Rande des sowjetischen Herrschaftsbereichs.
Außerdem befürchtet Ost-Berlin schon bald Kollisionen im ökonomischen Bereich, da die Interessen Moskaus und Ost-Berlins weit auseinanderlaufen. Gorbatschows ehrgeiziges Ziel, die Wirtschaft seines Landes rascher als bisher voranzubringen, so die Befürchtung der SED, lasse sich nur mit vermehrter ostdeutscher Hilfe verwirklichen.
Das aber bedeute noch umfangreichere und technisch höherwertige Lieferungen der DDR-Industrie an die Sowjet-Union bei gleichbleibenden, aber immer teureren Rohstofflieferungen aus der Sowjet-Union. Ein solches Geschäftsgebaren gehe an die Substanz der DDR-Wirtschaft.
In dieser Situation kann Erich Honecker im engsten Führungszirkel der Partei keinen Widersacher gebrauchen. Die drei Genossen, die er anstelle Naumanns und des mit Naumann wegen (echter) Krankheit ausgeschiedenen Herbert Häber als Kandidaten ins Politbüro berief, sind geschickt ausgewählt. Alle drei Funktionäre stehen an der Spitze von SED-Bezirken mit Industrie-Schwerpunkten: Werner Eberlein (Magdeburg), Siegfried Lorenz (Karl-Marx-Stadt) und Gerhard Müller (Erfurt). Lorenz und Eberlein gehören außerdem zu Honeckers Getreuen aus gemeinsamer Frühzeit:
Lorenz kommt, wie Honecker, aus dem Funktionärscorps der FDJ; Eberlein arbeitete in den 60er Jahren unter dem zuständigen ZK-Sekretär Honecker in der Abteilung "Parteiorgane" der SED-Zentrale.
Auch auf Naumanns Nachfolger als Ost-Berliner SED-Chef, Günter Schabowski, 57, kann sich der Generalsekretär verlassen. Der bisherige Chefredakteur des "Neuen Deutschland", seit 1984 Vollmitglied des Politbüros, hat sich in der Vergangenheit stets als linientreuer Parteijournalist erwiesen.
Eine eigene Meinung, behaupten ZK-Mitarbeiter, habe er bislang nur einmal kundgetan.
Im September letzten Jahres reiste Schabowski im Auftrag der SED zum Pressefest der französischen KP-Zeitung "l''Humanite" nach Paris. Die Gastgeber führten den "ND"-Mann, um ihn zu erfreuen, in ein Kaufhaus. Als der Ostdeutsche in der Käseabteilung das Angebot mit Hunderten einheimischer Sorten sah, entfuhr ihm der Satz: "Das schafft der Sozialismus nie." _(Bei einem Besuch in Halle. )
Bei einem Besuch in Halle.

DER SPIEGEL 49/1985
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