09.09.1985

RUCKSÄCKEBlümchen am Beutel

Udo Jürgens hat einen und Joseph Beuys auch - man trägt wieder Rucksack. *
Die Frau im teuren Kaschmir-Kleid ist sichtlich verliebt. "Ist er nicht süß?" fragt sie und streichelt ihm über die zarte Haut. Erst als sie seinen Preis erfährt, endet der Flirt: 998 Mark soll er kosten, der handschuhweiche Lammnappa-Rucksack mit aufgesetzten Straußenledertäschchen.
Die Kundin des Stuttgarter Leder-Ladens "Waldbauer" darf sich mit dem Kauf des Accessoires ein wenig Zeit lassen. Noch ist der Rucksack in Kaschmir-Kreisen kein Muß. Doch zu welchen Siegeszügen er fähig ist, haben die letzten Wochen gezeigt: Nach Burger und Jogging-Suit hat der "backpack", der Rückenbeutel, seinen Weg vom amerikanischen Campus auf den deutschen Schulhof gemacht.
Allerorten werden Sport- und Modeläden bestürmt - von Radlern, die "endlich den Lenker frei haben" wollen, von Jugendlichen, die, so ein Bremer Schüler, nach Tornister und Plastiktüte "Bock auf den Beutel" bekommen, und von "oft sehr hübschen Frauen", die es, so ein Verkäufer im Hamburger "International Sportswear"-Shop, "einfach witzig finden", die beiden Rucksack-Riemen derart zu verknoten, daß wieder eine Umhängetasche draus wird.
Die Münchnerin Christina hingegen, 18, eine Schülerin mit "insgesamt fünf" Beuteln, will vom modischen Aspekt des Sacks nichts wissen. "Ist doch irre praktisch", schwärmt sie und wedelt zum Beweis mit den Armen. Nur beim Bezahlen "oder wenn ich meine Bürste suche", braucht sie "manchmal etwas länger", weil im Dunkeln des Rucksacks "immer alles so lose rumfliegt".
Nach dem Umsatz-Hoch, das Tramper und Alternativreisende seit den siebziger Jahren der Rucksack-Industrie gebracht haben, sind es vor allem Mädchen wie Christina, die nun die Verkaufszahlen "dramatisch in die Höhe" treiben, wie das Hamburger "Alsterhaus" meldet.
Unter den Männern, urteilen Verkäufer, sei es bisher eher der "rustikale Typ", der "zum Sack übergeht" - wie etwa der Hamburger Hans Nolle, 47, Lehrer für Deutsch und Sport. Nolle, Rucksack-Veteran "seit dreißig Jahren", sieht in dem Beutel-Boom einen Hoffnungsschimmer, "daß sich endlich eine Linie der Vernunft" unter seinen Geschlechtsgenossen durchsetzt.
Vom Schulbuch bis zur Fahrradpumpe hat Nolle alles im Sack - und obendrein "die Hände frei, um meinem Sohn ein Eis zu kaufen". Unter den Männern im Kollegium des Kirchenpauer-Gymnasiums ist er freilich der einzige, der ab und zu mit dem Rückenbeutel in die Schule geht. Der deutsche Mann trägt, ganz überwiegend, noch immer Aktentasche und Aktenköfferchen.
Doch wenn das US-Vorbild weiterwirkt, könnte das anders werden. Schon vor einem Jahr interviewte die "New York Times" auf der Fifth Avenue in Manhattan "modisch gekleidete" Geschäftsmänner, die den traditionellen "briefcase" für "einfach zu steif" hielten. Manch einer trägt, wie der New Yorker Werbemanager Jim Lynch, außer Kamera, Terminkalender und Magazinen auch seine Zahnbürste auf dem Rücken - was ihn den Rucksack-Pionieren von einst verblüffend ähnlich erscheinen läßt.
Denn zu Zeiten, als das Wandern nicht nur eine Frage der Lust war, als
Handwerksburschen diverser Zünfte auf Schusters Rappen angewiesen waren, wurde im Rückenbeutel alles Lebensnotwendige verstaut. Dem erstmals 1551 in einem schweizerischen Wörterbuch erwähnten "ruggsack", auch Schnerfer _(Schnerfen (mittelhochdeutsch): ) _(zusammenziehen. )
genannt, widmete im letzten Jahrhundert ein Liedermacher namens Arnold seine Zeilen: _____" Sorg'', daß in des Schnerfers Falten alles Nöth''ge ist " _____" enthalten, was ein richtiger Tourist haben muß zu jeder " _____" Frist, und noch manches and''re. "
Daß es der Schnerfer mittlerweile gesellschaftlich geschafft hat, belegt auch die Kundenkartei des Lederhändlers Franz Schulz in der Wiener Fürichgasse Nummer 6: Schlager-Altstar Udo Jürgens läßt ebenso bei Schulz aufschnallen wie Filz- und Fettkünstler Joseph Beuys, der einen der Ledersäcke sogar verewigte. Im Mönchengladbacher "Städtischen Museum Abteiberg" steht die Beuys-Vitrine "Lagerplatz", ein Ensemble mit Rucksack und Schweinsblase.
Den Durchbruch des Beutels in besseren Kreisen will die Hamburger Erfolgs-Designerin Jil Sander beschleunigen, die sich für "einen der Trendsetter im Rucksack-Bereich" hält. Für ihre Herbst-Winter-Kollektion hat sie Modelle aus weichem Calf-Leder in den Farben "Schwarz, Cafe, Oxblood und Bottle" entworfen, Ton in Ton "floral geprägt".
Der geblümte Sander-Sack - unverbindliche Preisempfehlung: 1069 Mark - ist einriemig, "sonst aber total in Rucksack-Optik". Die Sander-Kundin, verlautbart das Modehaus, werde sich das Edelsäckchen ohnehin "kaum auf den Rücken schnallen".
Schnerfen (mittelhochdeutsch): zusammenziehen.

DER SPIEGEL 37/1985
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