Von den Aussichten der Verkabelung war der Mainzer Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) vor Jahren so fasziniert, daß er sich an den "Ausbau des Eisenbahnnetzes im vergangenen Jahrhundert" erinnert fühlte. Inzwischen droht ihm beim Kabelpilotprojekt Ludwigshafen, das er für den Test der neuen Medien schuf, eine vorzeitige Streckenstillegung - nach Art der Bundesbahn.
Die Programmanbieter, einerseits, sind enttäuscht und beginnen abzuwandern, so Ende Mai der "Movie Channel 1", ein Kinokanal mit Beteiligung des Berliner Filmproduzenten Artur ("Atze") Brauner, der seinen Betrieb wegen der geringen Anschlußzahlen und deren "abschreckender Wirkung auf die Werbewirtschaft" einstellte.
Die Teilnehmer, andererseits, zögern mit dem Kabelanschluß. Knapp anderthalb Jahre nach Projektbeginn des auf drei Jahre bemessenen Pilotversuchs hängen statt der gesetzlich vorgesehenen "mindestens 30 000 Haushalte" erst gut 17 000 Gebührenzahler am Testnetz. Auf Nimmerwiedersehen verschwinden in Kanzler Helmut Kohls Geburtsstadt, in die das Mainzer Kabinett das vermeintliche Prestigeobjekt verlegt hat, Kabelgroschen aller deutschen Rundfunkteilnehmer, aus denen der Fernsehversuch mitfinanziert wird. Bisherige Gesamtkosten: über 200 Millionen Mark.
Nun winkt dem Groschengrab auch noch eine technische Pleite besonderer Art: Die Kabelmillionen, monieren Experten, seien in "unerprobte, nicht ausentwickelte Technik" gesteckt worden und "nicht mehr rückholbar". Das hat damit zu tun, daß in Ludwigshafen neben mehr Programmen und neuen Programmformen auch "andere Kommunikationsdienste" wie etwa "Rückkanaldienste" getestet werden sollen.
Diese Dienste sind wichtig für Vogels Kabelwerk, weil es ohne sie nicht viel Neues auszuprobieren gäbe. Denn mehr und neue Programme liefern bundesweit auch die serienmäßigen Kabelnetze der Bundespost. Ohne "Rückkanaldienste", darüber waren sich Post- und Handwerkstechniker schon vor Versuchsbeginn einig, bleibe "vom Pilotprojekt nicht viel übrig".
Die Neuerung des Rückkanals bietet den Zuschauern individuell abrufbare Bildschirmangebote. Dazu zählen etwa Film- oder Musicbox-Kanäle im Abonnement ("Pay-TV"), Kinohits oder Fußballübertragungen gegen Einzelgebühr im Zeittakt ("Pay per view") sowie gebührenpflichtige Textkanäle, etwa mit Nachrichten oder für Bildungszwecke.
Die Sache hat nur einen Schönheitsfehler: Es gibt sie noch gar nicht - weil sie nicht funktioniert. Damit zeichnet sich ein neuer Flop im Kabelgeschäft des Bundespostministers Christian Schwarz-Schilling ab (SPIEGEL 36/1984). Vogels Mainzer Staatskanzlei und das Bonner Postministerium schieben sich schon gegenseitig die Schuld dafür zu.
Mit gewohnter Bravour hatten sich die Postler für die Technik allein zuständig erklärt. Gebraucht wurde für Ludwigshafen, aber auch für die später gestarteten Pilotprojekte in München und Dortmund ein sogenannter Konverter mit Abruftechnik: ein Ferngesteuertes Adressierbares Teilnehmer-Konverter-System (FAT). Die Beschaffung lief auf eine Weise ab, die Bonner SPD-Experten "denkwürdig" fanden.
Die Computerfirma Nixdorf, die dem neuen CDU-Minister Schwarz-Schilling kurz zuvor mit einer geschäftlichen Transaktion gefällig gewesen war, _(Schwarz-Schilling hatte im Oktober 1982, ) _(wenige Stunden vor seiner Vereidigung, ) _(einen eigenen Anteil bei der ) _("Projektgesellschaft für ) _(Kabel-Kommunikation" (PKK) an eine ) _(Nixdorf-Firma verkauft, worauf ein ) _(CSU-Abgeordneter von Bundeskanzler Kohl ) _(die sofortige Entlassung des Ministers ) _(verlangte, damit "auch nur ein Hauch von ) _(Korruption" vermieden werde (SPIEGEL ) _(48/1982). )
machte sich wie zufällig, gemeinsam mit dem Antennenproduzenten Fuba, an die Entwicklung des benötigten Teilnehmeranschlusses und gab der Post die technischen Daten ihres Produkts an die Hand.
Danach nahm das zuständige Fernmeldetechnische Zentralamt in Darmstadt die Ausschreibung vor und schrieb die "Technischen Lieferbedingungen" für das gesuchte System größtenteils wörtlich aus der Nixdorf-Fuba-Offerte ab. Prompt erhielten die beiden Firmen dann den 60-Millionen-Mark-Auftrag.
Nur: Die Technologie der Schwarz-Schilling-Geschäftsfreunde ist praktisch unbrauchbar. "FAT funktioniert nur", erkannte mittlerweile Hans-Dieter Drewitz, Projektbeauftragter in Vogels Staatskanzlei, "wenn alle Teilnehmer dasselbe System benutzen." Denn die FAT-Konverter dienen dazu, die Zahler von den Nichtzahlern zu trennen: Bei Abruf über den Rückkanal können also Abonnenten Pay-TV-Programme empfangen, während bei Nichtabonnenten der Bildschirm dunkel bleibt.
Inzwischen sind aber andere Konverter auf dem Markt, die kostenpflichtige Extraprogramme an Zahler wie Nichtzahler durchlassen. Den Einbau solcher Systeme kann den Teilnehmern in Ludwigshafen niemand verwehren.
Damit war der geschlossene FAT-Kreis durchbrochen. Niemand will für Extraprogramme zahlen, die dem Nachbarn kostenlos ins Haus flimmern. Von 10 000 FAT-Geräten liegen in Ludwigshafen rund 9000 bei der Post auf Halde.
Andere Pannen kommen hinzu. So erhält die zuständige Oberpostdirektion (OPD) Karlsruhe, wie sie moniert, die FAT-Systeme "nur schleppend und nicht termingerecht" geliefert - was bei der mangelnden Nachfrage nicht weiter schlimm wäre. Doch das Postministerium hatte dem Lieferanten Fuba eilfertig 16 Millionen Mark vorgeschossen und eine Zinsvereinbarung für Lieferverzögerungen vergessen, so daß der Bundespost nun "ein erheblicher Vermögensschaden" (OPD Karlsruhe) durch entgangene Verzugszinsen entsteht. Hohe Verluste durch Zuschüsse bei der FAT-Installation, pro Teilnehmer 1000 Mark, muß die Post ohnehin abdecken.
Gerade rechtzeitig erfuhr in Dortmund, wo jüngst das dritte Pilotprojekt startete, die Oberpostdirektion zudem von verbreiteten "Funktionsstörungen" der einzelnen FAT-Geräte in Ludwigshafen und München, so daß die neue Technik auch deshalb "nur in sehr eingeschränktem Umfang nutzbar" sei. Die Posttechniker mühten sich um Abhilfe, und die Düsseldorfer Landesregierung legte noch einmal einen FAT-Zuschuß von zwei Millionen Mark drauf, um erstmals ein geschlossenes und funktionierendes FAT-Netz zu bekommen.
Daß es auf Dauer tatsächlich funktioniert, mag der Mainzer Regierungsbeamte Drewitz kaum noch glauben. "In der Theorie hört sich das alles sehr gut an", zweifelt der Post-Skeptiker, "aber wir wollen erst mal abwarten."
Das Ergebnis von Ludwigshafen und München ist dem Antennentechniker Volker Remme, Handwerkssprecher für Kabelkommunikation in Nordrhein-Westfalen, schon klar. Remme: "Ein medientechnisches Desaster."
DER SPIEGEL 25/1985
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