14.10.1985

UMWELTKies drüber

Wie läßt sich chemieverseuchter Boden entgiften? In Bielefeld, wo eine Siedlung saniert werden muß, ist darüber ein Streit entbrannt. *
Allmorgendlich sieht Heinrich Heidbreder, 53, im Bielefelder Ortsteil Brake in der Siedlung am Klinkerweg nach dem Rechten. Hier zieht er die Jalousien hoch, dort gießt er die Blumen in den Fensterbänken, und vor manchen Häusern mäht er auch den Rasen.
Heidbreder kümmert sich um die Immobilien im Bielefelder Ortsteil Brake im Auftrag der Stadtverwaltung. Es sind Eigenheime, die von ihren Besitzern aufgegeben wurden: Die Siedlung am Braker Berg steht auf einer Giftmüll-Deponie (SPIEGEL 7/1985).
Der Boden der Grundstücke ist durchsetzt mit gefährlichen Chemierückständen, Mediziner können "gesundheitliche Beeinträchtigungen" der Anwohner nicht ausschließen. Der Bielefelder Stadtrat, der das Gelände 1977 leichtfertig zur Bebauung freigegeben hat, läßt nun die rund 150 Deponie-Bewohner sicherheitshalber auf Kosten der Stadt in Ersatzhäuser umsiedeln.
Weil die Gifte weiterhin die Umwelt bedrohen und beispielsweise das Grundwasser verseuchen können, muß das 32 000 Quadratmeter große Gelände inmitten eines Wohngebiets außerdem saniert werden - ein kostspieliges und schwieriges Unterfangen, das eine Vorstellung davon vermittelt, welche Probleme aus jenen halbvergessenen Müll- und Schlammkippen emporbrodeln werden, in die während der 50er und 60er Jahre die giftigen Ausscheidungen der Industriegesellschaft verbuddelt wurden.
Wie derart massiv verseuchtes Terrain entgiftet werden kann und ob überhaupt - das ist auch für Experten eine Preisfrage. Als sich im vergangenen Jahr Europas größter Müllberg in Hamburg-Georgswerder als Dioxin-Lagerstätte erwies, rätselten Wissenschaftler aus aller Welt auf einem eigens einberufenen Symposium tagelang, wie das Areal zu sanieren sei; bis heute gibt es kein schlüssiges Konzept, das sich unter finanziell erträglichen Bedingungen realisieren ließe.
In Bielefeld stehen die Meinungen der von der Stadt beauftragten Experten sogar kraß gegeneinander. "Über die fälligen Maßnahmen", berichtet Dietmar Barkowski vom "Institut für Umwelt-Analyse" (IfUA) in Bielefeld, "sind die Ansichten in unserem Gutachtergremium grundverschieden."
Zur Debatte stellten die Experten drei überaus unterschiedliche Sanierungsvorschläge: *___Das "Leichtweiß-Institut" der Universität Braunschweig ____schlägt vor, die Häuser über der Deponie ____stehenzulassen, aber die unbebauten Flächen gut ____zweieinhalb Meter tief abzutragen und mit Kies, Ton, ____Aluminiumfolie sowie, obenauf, Mutterboden aufzufüllen. ____Austretende Gase sollen abgesaugt, gefiltert und ____abgefackelt, gifthaltiges Bodenwasser abgepumpt werden. ____Sollten dennoch Gifte aus dem Gelände ausgeschwemmt
werden, ist ein zusätzlicher Entwässerungsring um die Deponie vorgesehen. *___Das "Institut für Umwelt-Analyse" plädiert für einen ____totalen Abriß der Siedlung und fordert eine ____geschlossene Abdeckung des gesamten Areals mit fünf ____verschiedenen Boden- sowie speziellen Schutzschichten. ____Um seitlich austretende Gas- und Gift-Emissionen zu ____vermeiden, soll das Grundwasser abgepumpt und das ____Gelände dann mit einer gut zehn Meter tiefen ____Ton/Zement-Wand eingekapselt werden. *___Der Kieler Professor Otmar Wassermann, Direktor der ____Abteilung Toxikologie der ____Christian-Albrechts-Universität, hält ebenfalls den ____Abriß der Häuser, aber darüber hinaus eine umgehende ____"Auskofferung" des gesamten Geländes für unverzichtbar; ____der ausgebaggerte Boden soll auf eine Sondermülldeponie ____geschafft werden.
Jedes Konzept ist aus Kollegensicht kritikwürdig. Den Leichtweiß-Vorschlag etwa lehnt IfUA-Chemiker Barkowski als "absolut unzureichend" ab; auch bezweifelt er die dauerhafte Funktion der vorgesehenen Abpump- und Entgasungsanlagen. Dem IfUA-Plan steht andererseits der Kieler Toxikologe Wassermann "äußerst skeptisch" gegenüber, da langfristig die Dichtigkeit des Deponieuntergrunds keineswegs sichergestellt und der vorgesehene Grundwasserentzug technisch problematisch sei.
Die von Wassermann propagierte Auskofferung schließlich hält IfUA-Gutachter Barkowski aufgrund der chemischen Prozesse im Deponiekern für zu gefährlich, und Leichtweiß-Ingenieur Peter Spillmann verweist darauf, daß gar nicht genügend Sondermülldeponie-Raum zur Verfügung steht.
Selbst das Berliner Umweltbundesamt (UBA) ist da ziemlich ratlos. "Mit so einem Fall", bedauern UBA-Experten, habe man "bisher noch keine Erfahrung". Generell jedoch plädiert Deponiefachmann Jürgen Hahn "für ein Auskoffern als sicherste Lösung".
Denn auch wenn bundesweit nicht genügend Sondermülldeponien vorhanden sein sollten, argumentiert Hahn, könne der Giftabfall "immer noch durch Verbrennung oder Verfestigung entschärft" werden - "technisch Neuland, aber machbar".
Die "saubere Lösung" (Hahn) hätte freilich ihren Preis. Während die Leichtweiß-Lösung etwa vier Millionen Mark kosten würde und das aufwendigere IfUA-Konzept auf rund acht Millionen zu veranschlagen wäre, würde die Auskofferung mit gut 22 Millionen Mark zu Buche schlagen, mindestens.
Zum Verdruß von Deponie-Anwohnern wie Bernd Heinzel, Sprecher der "Interessengemeinschaft Brake", scheint die Bielefelder Stadtverwaltung "keineswegs die beste, sondern die billigste Lösung" zu favorisieren. Denn was Oberstadtdirektor Klaus Meyer in einer Beschlußvorlage für den Rat zur "völligen Verblüffung" von Gutachter Barkowski als "einvernehmlich" von den Experten vorgeschlagene Maßnahmen vorstellte, läuft für Barkowski weitgehend auf den preiswerten Leichtweiß-Vorschlag hinaus.
Meyers Hoffnung, daß damit "in etwa einem Jahr die Sanierung Brake als Thema vom Tisch" sei, zerschlug sich allerdings. Alle Ratsparteien von der Bunten Liste bis zu den Christdemokraten haben sich gegen Meyers "Billigsanierung" (CDU-Fraktion) ausgesprochen und weitere Gutachten gefordert. _(Bei einem Informationstreffen (Oktober ) _(1984). )
Bei einem Informationstreffen (Oktober 1984).

DER SPIEGEL 42/1985
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 42/1985
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

UMWELT:
Kies drüber

Video 01:45

Schlagabtausch im Weißen Haus "Playboy"-Kolumnist platzt der Kragen

  • Video "Schlagabtausch im Weißen Haus: Playboy-Kolumnist platzt der Kragen" Video 01:45
    Schlagabtausch im Weißen Haus: "Playboy"-Kolumnist platzt der Kragen
  • Video "Mit ein paar Schrammen davongekommen: Mann wird von Bus gerammt" Video 00:47
    Mit ein paar Schrammen davongekommen: Mann wird von Bus gerammt
  • Video "Merkel über die Ehe für alle: Absicht oder Versehen? Sehen Sie selbst!" Video 05:22
    Merkel über die Ehe für alle: Absicht oder Versehen? Sehen Sie selbst!
  • Video "Notlandung im Video: Kampfjet landet ohne Bugrad" Video 00:47
    Notlandung im Video: Kampfjet landet ohne Bugrad
  • Video "Handbremse vergessen: Polizist jagt seinen Polizeiwagen" Video 00:42
    Handbremse vergessen: Polizist jagt seinen Polizeiwagen
  • Video "Angriff in Venezuela: Granaten auf Obersten Gerichtshof" Video 00:46
    Angriff in Venezuela: Granaten auf Obersten Gerichtshof
  • Video "Hamburger Polizei zu Party-Polizisten: Hanseatisches Verhalten ist wichtig" Video 00:59
    Hamburger Polizei zu "Party-Polizisten": "Hanseatisches Verhalten ist wichtig"
  • Video "Air-Asia-Wackelflug: Der Pilot hat die Panik geschürt" Video 01:11
    Air-Asia-Wackelflug: "Der Pilot hat die Panik geschürt"
  • Video "Missglückte Wettervorhersage: Windböe fegt Reporter vom Bildschirm" Video 00:41
    Missglückte Wettervorhersage: Windböe fegt Reporter vom Bildschirm
  • Video "Verwässerter US-Travel-Ban: Trumps Reisewarnung" Video 01:22
    Verwässerter US-Travel-Ban: Trumps Reisewarnung
  • Video "America´s Cup: Neuseeland feiert Sieg über USA" Video 00:44
    America´s Cup: Neuseeland feiert Sieg über USA
  • Video "Heftige Vibrationen an Bord: Air-Asia-Pilot fordert Passagiere zum Beten auf" Video 00:46
    Heftige Vibrationen an Bord: Air-Asia-Pilot fordert Passagiere zum Beten auf
  • Video "Hochspannungsleitung vs. Flora: Da brennt der Baum" Video 00:38
    Hochspannungsleitung vs. Flora: Da brennt der Baum
  • Video "Reaktionen auf Rede von Martin Schulz: Er scheint die Nerven verloren zu haben" Video 01:20
    Reaktionen auf Rede von Martin Schulz: "Er scheint die Nerven verloren zu haben"
  • Video "Video zeigt Unfall in US-Freizeitpark: 14-Jährige stürzt aus Gondel" Video 00:36
    Video zeigt Unfall in US-Freizeitpark: 14-Jährige stürzt aus Gondel