17.06.1985

FISCHEREIAbsolute Spitze

Die Fanggründe sind zu klein, die deutschen Reeder drohen, ihre Hochseeschiffe ins Ausland zu verkaufen. *
Vor Neufundland krachten, tief in der Nacht, zwei Fischdampfer zusammen. Acht Stunden nach der Kollision ging das Fangfabrikschiff "Johann Dietrich Broelemann" mit Kabeljau an Bord 386 Meter senkrecht in die Tiefe, die Mannschaft konnte sich retten.
Das Mißgeschick hat manchmal auch gute Seiten. Die Reederei Hanseatische Hochseefischerei AG in Bremerhaven, ein Oetker-Unternehmen, konnte jedenfalls das vor zwei Monaten gesunkene Schiff gut entbehren. Die Versicherung zahlte 20 Millionen Mark, doppelt soviel, wie ein Verkauf eingebracht hätte.
Mit dem Abgang der "Broelemann" schrumpfte die deutsche Hochseefischerei-Flotte auf nunmehr 17 Schiffe zusammen. Vor zehn Jahren waren es noch 66.
Schon bald fährt vielleicht gar keins mehr. Wenn Bonn, so drohen die Besitzer der 17 restlichen Schiffe, nicht bis Ende dieses Monats 100 Millionen Mark Subventionen zusage, beginne der große Ausverkauf.
"Da muß etwas geschehen", meint der Hamburger Reeder Jan Pickenpack. Er sei "erschrocken über die Lethargie der Regierung". Denn schuld an der miesen Lage seiner Branche - da ist sich Pickenpack mit allen seinen Kollegen einig - seien ausschließlich die Politiker.
Die Schwierigkeiten begannen 1977, als andere Staaten dem Beispiel Islands folgten und weltweit die 200-Meilen-Zone vor ihren Küsten der nationalen Fischerei sicherten. Damit waren die Deutschen von ihren traditionellen Fanggebieten - vor allem vor Island, Grönland, Kanada und Norwegen - abgeschnitten. "Eine Enteignung unserer Fanggebiete" nennt das Dieter Koch,
der Vorsitzende des Verbandes der deutschen Hochseefischerei.
Seit 1977 müssen die Deutschen bei anderen Staaten Fangquoten beantragen. Sie müssen mit Kanadiern und Norwegern aushandeln, wieviel Tonnen Kabeljau, Rotbarsch, Seelachs und Heilbutt sie alljährlich vor deren Küsten holen dürfen. Und in Brüssel muß der Bonner Ernährungsminister um die deutsche Fangquote im sogenannten EG-Meer - das ist vor allem die Nordsee - rangeln.
Von den Fischen, die aus dem EG-Meer geholt werden, stehen derzeit den Deutschen 14 Prozent zu. Das reicht nicht, um eine stolze Flotte von Hochseeschiffen zu unterhalten.
So bauten die Reeder von Jahr zu Jahr ab. Sie verschrotteten oder verkauften vor allem ihre großen Fangfabrikschiffe - Dampfer, die 60 bis 80 Tage auf See bleiben und ihre Fänge gleich an Bord zu tiefgefrorenen Filets verarbeiten und die Abfälle zu Fischmehl mahlen.
Allein in den letzten sechs Monaten musterten alle vier Reeder Fabrikschiffe aus: *___Die Hochseefischerei Nordstern AG in Bremerhaven ____(80-Prozent-Aktionär ist der Fischverarbeiter Dirk ____Ahlers) verkaufte Ende vergangenen Jahres ihre ____"Friedrich Busse" nach Südkorea; *___die Nordsee Deutsche Hochseefischerei GmbH in ____Bremerhaven (im Besitz des holländisch-britischen ____Multis Unilever) stieß im März die "Stuttgart" an die ____Volksrepublik China ab; *___die Oetker-Firma Hanseatische Hochseefischerei wurde im ____April durch den Untergang der "Broelemann" von einem ____überflüssigen Schiff befreit; *___die Hamburger Reederei Pickenpack, an der 50 ____Kommanditisten beteiligt sind, hat wegen der ____unzureichenden Fangquoten ihre "Julius Fock" ____stillgelegt.
Seit 1978 lindert Bonn das Elend der deutschen Fischer mit Bargeld, bislang waren es mehr als 125 Millionen Mark. Die Subventionen, in diesem Jahr rund sieben Millionen, seien "nur ein Tropfen auf den heißen Stein", klagt Koch: Die Verluste sind doppelt so hoch.
Auch ihre neue Fangquote vor Grönland halten die Deutschen für unzureichend. Seit Januar erlauben die Grönländer der EG, jährlich 100 000 Tonnen Kabeljau aus ihren Gewässern zu holen. Dafür zahlt Brüssel jährlich 60 Millionen Mark - rund 90 Prozent der Quote gingen an die Bundesrepublik.
So gehe es nicht mehr weiter, meint Jan Pickenpack, "das Ende der Fahnenstange" sei erreicht. Ohne massive Hilfe aus Bonn müßten die Reeder ihre Schiffe verkaufen.
Die Interessenten warten schon. Vor allem Südkoreaner und Chinesen - die aus der Volksrepublik - würden gern die Fabrikschiffe nehmen.
Denn von der Technik her, erläutert Koch, sei die deutsche Fischerei-Flotte "absolute Weltspitze", kein anderes Land habe auf diesem Gebiet - vom Eisfang-Geschirr bis zu den Filetiermaschinen an Bord - ein derartiges Knowhow.
Weil sonst "die Flotte vor die Hunde geht" (Pickenpack), wollen die vier Unternehmen sich zu einer Firma namens "Fang-Union" zusammenschließen; von Bonn erwarten sie 100 Millionen Mark Zuschuß.
Die neuen Partner haben den Bonnern, die sich seit Monaten um eine Entscheidung drücken, inzwischen ein Ultimatum gestellt:
Wenn bis zum 1. Juli keine verbindliche Subventionszusage komme, würden die vorerst vertagten Verhandlungen mit den Chinesen und Koreanern wiederaufgenommen.
Arbeitsplätze, so drohen die Reeder, seien in Gefahr. Zwar sind in der Hochseefischerei nur 1400 Personen beschäftigt, aber diese Zahl müsse mit sieben multipliziert werden. Auch rund 10 000 Arbeitsplätze in der fischverarbeitenden Industrie seien nämlich gefährdet. Die Ausländer würden sich nicht damit begnügen, den rohen Fisch zu liefern, sondern selbst die lukrative Verarbeitung übernehmen.
Bonn hat sich bislang von diesem Argument nicht sonderlich beeindrucken lassen. Es sei nicht zu vertreten, ließ Wirtschaftsminister Martin Bangemann die Reeder wissen, "daß Großunternehmen, die insgesamt beachtliche Gewinne erwirtschaften, Risikobereiche ausgliedern und deren Belastung dem Steuerzahler aufbürden".
Gemeint sind die Konzerne Oetker (Hanseatische) und Unilever (Nordsee). Bangemann hat nicht vergessen, wie ungeniert der Unilever-Konzern dem Land Niedersachsen vor anderthalb Jahren 30 Millionen Mark abzapfte.
Kaum hatten damals die Nordsee-Manager verkündet, sie müßten rationalisieren und daher ihre Konservenfabrik "Seeadler" von Cuxhaven nach Bremerhaven verlegen, brach in Hannover Aufregung aus. Aus dem niedersächsischen Cuxhaven drohten 400 bis 500 Arbeitsplätze zugunsten des Landes Bremen zu verschwinden.
Die Drohung wirkte. Ministerpräsident Ernst Albrecht kaufte der Nordsee die Fabrik ab und vermietete sie an den früheren Besitzer. Für den veralteten Betrieb, der Ende der 50er Jahre für rund zehn Millionen Mark (davon 4,7 Millionen aus öffentlichen Mitteln) gebaut
worden war, zahlte Niedersachsen 30 Millionen Mark.
Nicht minder grotesk war die Pachtgebühr, die seitdem die Nordsee an das Land Niedersachsen zahlt: 500 000 Mark pro Jahr. Die 30 Millionen verzinsen sich auf der Bank mit über zwei Millionen Mark jährlich.
So wie Albrecht will sich Bangemann nicht über den Tisch ziehen lassen. Anders als der niedersächsische Ministerpräsident, so ließ er die Reeder wissen, werde er sich von Drohungen nicht beeindrucken lassen.
Er habe Verständnis für die Sorgen der Fischer, schrieb Bangemann. Aber "die schlichte Forderung, entweder 100 Millionen vom Steuerzahler, oder wir machen zu", könne er "nicht als akzeptable Alternative erkennen".

DER SPIEGEL 25/1985
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