11.11.1985

BÖRSE

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Seit Wochen leben Deutschlands Börsen im Spekulationstaumel, dauernd werden neue Rekordumsätze gemeldet. Manche Fachleute warnen vor einem abrupten Ende der Hausse. *

Der indische Molekularbiologe Prakash Chandra referierte im Frankfurter Rotary-Club "Paulskirche" über "Aids und die Möglichkeiten der Heilung". Der Mann löste, gänzlich unbeabsichtigt, mit seinem Vortrag eine beachtliche Börsenspekulation aus.

Der Wissenschaftler hatte am Mittwoch vor zwei Wochen über die neuesten Pharma-Tests im Metall- und Chemie-Konzern Degussa berichtet. Interessiert lauschten ihm rund 30 Zuhörer, darunter Lokal-Prominenz wie Klaus Subjetzki, Mitinhaber der BHF-Bank, oder Friedrich-Carl zur Megede, Präsident des Oberlandesgerichts und Chef der Insider-Prüfungskommission der Frankfurter Börse.

Chandra hatte eine sensationelle Neuigkeit parat. Ihm und den Forschern des Konzerns sei es gelungen, wonach Mediziner und Pharmakologen auf der ganzen Welt seit Jahren vergeblich suchen: einen Stoff zu finden, der die Aids-Viren abtötet. Mit den klinischen Tests werde Degussa schon bald beginnen.

Tags darauf brach in den deutschen Börsensälen ein Degussa-Fieber aus. Die Aktie der Edelmetallschmelze, die sich viele Monate kaum bewegt hatte, sprang innerhalb weniger Stunden um 70 Punkte in die Höhe, von 455 auf 525 Mark.

Dann gab der Degussa-Vorstand bekannt, das Präparat werde frühestens in zwei bis drei Jahren auf den Markt kommen; die Aids-Hausse brach innerhalb weniger Stunden zusammen. Wie

Chandras Pharma-Bericht halten seit Wochen Gerüchte, Halbwahrheiten, aber auch ganz Wahres wie der AEG-Coup von Daimler-Benz die Börse in Atem. An Deutschlands Aktienmärkten geht es gegenwärtig zu wie in den Zeiten des Goldrauschs an der Westküste der USA. Am Anfang steht meist ein Gerücht, dann setzt das große Gerenne ein: Jeder will ganz vorne dabeisein.

So fieberhaft und hektisch wie in den letzten beiden Monaten haben auch die Börsenprofis den hiesigen Aktienmarkt noch nicht erlebt.

Ausländische Anleger - vor allem britische Pensionskassen und amerikanische Investmentfonds - haben deutsche Aktien als preiswert und damit als gewinnträchtig entdeckt. Sie sorgen in den Börsensälen von Düsseldorf, Frankfurt oder München fast täglich für Hochstimmung. Weder in Japan noch in den USA haben die Aktien in den letzten 15 Monaten einen solchen Steigflug erlebt wie in der Bundesrepublik (siehe Graphik Seite 64).

Es ist - neben der Wertschätzung großer deutscher Firmen - vor allem die Angst vor einem Einbruch des Dollar, die ausländische Anleger in Mark-Werte treibt. Banken und Versicherungen, aber auch die Öl-Scheichs aus Nahost schichten einen Teil ihres Dollar-Vermögens um; Deutschland profitierte in den letzten Wochen am meisten davon.

Die Umsätze erreichen seit Monaten ständig neue Rekordmarken. In ihren Lageberichten über die ersten neun Monate des Geschäftsjahres 1985 melden die deutschen Banken einen Zuwachs im Wertpapierhandel bis zu 60 Prozent. Freie Börsenmakler machen derzeit das Geschäft ihres Lebens. Jeder dritte von ihnen, kolportiert die Jobber-Branche, hat in den letzten zwölf Monaten Millionen-Gewinne verbucht. Viele hätten das Spekulieren nicht mehr nötig.

Der AEG-Deal von Daimler-Benz Mitte Oktober war der Funke, der die Börse zum Lodern brachte. Die Spekulation mit AEG-Papieren übertraf alle bisherigen Hausse-Wellen.

In nur drei Wochen trieben zunächst die Insider, dann die Spekulanten den Kurs um 72 Prozent in die Höhe. Als Daimler-Benz Mitte vorletzter Woche Börsengerüchte über einen höheren Übernahmepreis dementierte, sackte der AEG-Kurs an einem einzigen Tag um über 40 Mark ab. Der Düsseldorfer Wertpapier-Makler Heinz-Werner Reich: "Tausende haben sich da die Finger verbrannt."

Manchem Börsenprofi ist mittlerweile bei dem Geschehen nicht mehr ganz wohl. "Der Markt ist heißgelaufen", warnt Hans-Joachim Schulte, Wertpapier-Chef der Westdeutschen Landesbank. "Die Börse ist für Gerüchte anfällig geworden", meint Gerhard Langenbach von der DG Bank.

Roger Hornett vom Londoner Brokerhaus James Capel & Co. schickte Ende

Oktober ein Telex an seine Großkunden, in dem er warnte, bei jedem neuen Gerücht zu kaufen. Hornett: "Das sind klassische Anzeichen für einen überkauften Markt."

Eins der Gerüchte betraf die Deutsche Bank. Kaum hatte die Ende Oktober eine Kapitalerhöhung von einer Milliarde Mark angekündigt, da stand das größte Geldhaus der Nation im Mittelpunkt neuer Börsenerzählungen. Die Deutsche Bank, so hieß es unter den Aktienhändlern, werde mit dem Geld die große Kölner Versicherungsgruppe Colonia übernehmen.

Der angebliche Colonia-Coup erwies sich als Ente. Genauso falsch war das Gerücht, die beiden Oberhausener Maschinenbau-Gruppen GHH und Babcock würden zusammengehen. Auf das Gerede hin waren die Kurse der beiden Konzerne am Freitag vorletzter Woche auf ihren jeweiligen Spitzenstand hochgeschossen: Babcock auf 247 Mark, GHH sogar auf 250 Mark.

"In diesem Treibhausklima", warnte Walter Heinemann, Herausgeber der Münchner Börsenbriefe, würden jetzt auch "zurückgebliebene Nebenwerte" nach oben getrieben: "Ein Zeichen für den Anfang vom Ende einer Hausse."

"Die Gerüchte", so Heinemann, "werden von interessierter Seite lanciert." Eine kleine Auswahl: Tchibo, hieß es, kaufe die Industrie-Holding Altana, Siemens die Roboterfirma IWKA, Hochtief den Bau-Konkurrenten Holzmann und Daimler-Benz auch noch Rheinmetall.

Es waren vor allem Makler aus London, die das Fieber in den deutschen Börsensälen ausbrechen ließen. Vor zwei Jahren bereits empfahl das Brokerhaus James Capel & Co. in umfangreichen Anlage-Studien seiner Kundschaft, deutsche Aktien zu kaufen. Andere englische Broker folgten diesem Ratschlag.

Die Begeisterung für deutsche Werte ging in den letzten Monaten so weit, daß die Briten Aktienfonds gründeten, die ihr Geld ausschließlich in der Bundesrepublik anlegen.

"Haben Sie schon vom Wirtschaftswunder gehört?" umwirbt beispielsweise Brown Shipley die Großanleger. Als die britische Investmentfirma GT Unit Management ihren neuen Fonds für Deutschland vorstellte, kommentierte eine der größten englischen Sonntagszeitungen: "Machen Sie mit, da wo die deutsche Musik spielt."

In den ersten acht Monaten dieses Jahres kauften ausländische Investoren nach Berechnungen der Dresdner Bank für 7,9 Milliarden Mark Aktien und Investmentzertifikate; das ist ein Plus von 205 Prozent gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum. Über die Hälfte davon sind Orders aus Großbritannien, meist von Fonds in London, die im Besitz US-amerikanischer Pensionskassen sind.

Seit Beginn des Aufschwungs im August 1982 bis heute wurden Kurssteigerungen von durchschnittlich 165 Prozent erzielt. Seit Jahresbeginn kletterten die Kurse um immerhin 63 Prozent.

Der Börsentrubel lockt inzwischen auch manche an, die bislang vorwiegend am grauen Kapitalmarkt mit zweifelhaften Steuerspar-Offerten ihr Geld gemacht haben. Darunter findet sich auch _(Neben seinem Büroschmuck, der Holzpuppe ) _("Businessman". )

der Kölner Abschreibungskünstler Erwin Walter Graebner.

"Gewinnen Sie einfach mit", lockte Graebners Beratungsfirma Consulta in Wochenend-Beilagen die Kunden, "das große Geldverdienen geht erst los!" Mit Sprüchen für Graebner dabei ist einer der umstrittensten deutschen Anlage-Gurus: Paul C. Martin.

Graebner und seine Sprechtüte Martin raten zu einem gewagten, in jedem Fall aber teuren Spiel. Wie in der dubiosen Steuerbranche üblich, kassieren sie von ihren Geldgebern zunächst einmal fünf Prozent Agio ab. Dann wird kräftig spekuliert, aber nicht auf Hausse, wie derzeit üblich, sondern auf Baisse.

Weil sie an einen baldigen Zusammenbruch der überhitzten Börse glauben, setzen Graebner und Martin auf den Termin-Handel. Sie schließen Aktiengeschäfte ab, die beispielsweise erst in drei Monaten zu den heute festgelegten Konditionen abgewickelt werden müssen. Das Duo verpflichtet sich und seine Anlage-Kunden, in einigen Monaten Aktien zu oder unter heutigen Kursen zu liefern - in der Erwartung, daß die Kurse bis dahin gefallen und die Papiere mithin billig zu erwerben sind. Das ist ein Poker, bei dem schnell viel Geld zu gewinnen und zu verlieren ist.

Wie riskant das Spiel ist, erlebten Anfang vorletzter Woche einige Makler. Die hatten sich verpflichtet, 30 000 Aktien der Deutschen Bank zum Kurs von 680 Mark zu liefern. Sie waren - wegen einer plötzlichen Zinsunsicherheit - überzeugt, die Papiere weit unter 680 einkaufen zu können.

Es kam jedoch anders. Großorders aus London drehten den Trend plötzlich wieder nach oben. Die Makler mußten sich eiligst mit Deutsche-Bank-Aktien eindecken, als die Notierung auf 700 Mark zusteuerte. Die Zwangskäufer, die hohe Verluste zu verkraften hatten, trieben den Kurs auf die neue Rekordmarke von 738 Mark.

Deutschlands Bankiers tun unterdes alles, um die Börse weiter in Schwung zu halten; schließlich bringt jeder Aktienkauf oder -verkauf Provision.

So hält die Dresdner Bank ihre Aktien-Kundschaft zu weiteren Käufen an. In ihrer "auf sechs bis neun Monate angelegten Anlagekonzeption" raten die Banker, sich "auf Aktien solcher Unternehmen" zu konzentrieren, "die im besonderen Ausmaß von der Belebung der Binnennachfrage profitieren": Titel der Bereiche Investitionsgüter und Fahrzeugbau beispielsweise.

Die Deutsche Bank ließ sich zur Kurs- und Kundenpflege noch etwas anderes einfallen. Sie charterte ein Flugzeug und organisierte für amerikanische und japanische Fondsmanager und Vermögensverwalter eine Besichtigungstour durch deutsche Konzerne wie Daimler-Benz, Siemens und Bayer.

Aber auch die Insider sind, wie vor Wochen bei AEG und Rheinmetall, wieder

aktiv. Völlig unbeeindruckt vom Vorermittlungsverfahren im Fall AEG durch die Frankfurter Insider-Prüfungskommission haben diesmal die Mitwisser exklusiver Nachrichten die VW-Aktie entdeckt.

Am Dienstag voriger Woche lag der Kurs während des amtlichen Börsenhandels zwischen 384 und 390 Mark. Nachmittags aber, im nachbörslichen Handel, legte die Aktie um über 20 Mark zu.

Der Grund: Einen Tag vor der Sitzung des Aufsichtsrats am vorigen Mittwoch hatten die Kontrolleure bereits erfahren, worüber VW-Chef Carl Hahn sie offiziell unterrichten wollte: Der Konzern verdient in diesem Jahr wie seit langem nicht mehr.

[Grafiktext]

ALLEINGANG ZUR SPITZE Entwicklung der deutschen Aktienkurse im inter - nationalen Vergleich (Index August 1982 = 100) Bundesrepublik Index Japan USA Quelle: Dresdner Bank

[GrafiktextEnde]

Neben seinem Büroschmuck, der Holzpuppe "Businessman".

DER SPIEGEL 46/1985
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