11.11.1985

Der Verfassungsschutz hat mein Leben verpfuscht

Wie die DDR-Staatssicherheit einen West-Agenten enttarnte *

Die Zwei-Zimmer-Wohnung in der Lüneburger Altstadt ist mit Eichen-Schrankwand, Samtvelour-Polstergarnitur und rustikalem Schreibtisch fabrikneu eingerichtet. Vor dem Fenster reicht das Panorama über kleine Fachwerkhäuschen mit roten Ziegeldächern bis zum imposanten Turm der Michaeliskirche. Bezahlt hat die Idylle in der alten Salzstadt eine Behörde, die ihren Mitarbeitern sonst kein dauerhaftes Quartier finanzieren kann: das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV).

Das Kölner Amt habe, meint Wohnungsinhaber Hans Müller-Beuthow, eine Art "Wiedergutmachungspflicht". "Durch unglaubliche Schlampereien" hätten die Verfassungsschützer "mein Leben verpfuscht". Dafür sollen sie jetzt kräftig zahlen - so an die 100 000 Mark und dazu eine monatliche Rente. Das jedenfalls hat Müller-Beuthow den Kölnern brieflich abverlangt.

Denn der einstige DDR-Bürger, heute 78, hat acht Jahre lang unbestritten für das BfV spioniert. 1983 flog die Agententätigkeit auf, nach Müller-Beuthows Überzeugung, weil in der Kölner Zentrale "ein hochrangiger Spion sitzen muß". "Vielleicht" war es der Ex-Chef der Spionageabwehr, Hansjoachim Tiedge, der sich im August in die DDR absetzte, vielleicht waren es "noch andere". Der West-Spion in der DDR wurde zu 15 Jahre Haft verurteilt, im Dezember 1984 kaufte ihn die Bundesregierung frei.

Hans Müller-Beuthow ist ein kluger Mann. Er hat Medizin studiert, nach Krieg und russischer Gefangenschaft avancierte er, obwohl nicht SED-Mitglied, zum "Bereichsleiter für Dokumentation und Information der Medizin und des Ernährungswesens" an der Akademie der Wissenschaften. Später arbeitete er im DDR-Ministerium für Gesundheitswesen.

Nach seiner Pensionierung 1972 besuchte er oft seine Schwestern in West-Berlin und ging dabei auch mal bei der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte am Fehrbelliner Platz vorbei: Ob er im Westen mit einer Rente rechnen könne?

Der Sachbearbeiter bat ihn, im gegenüberliegenden Haus Fehrbelliner Platz 2 vorzusprechen; da gebe es eine Stelle für die Regulierung solcher Fälle. Das Büro entpuppte sich als Dienststelle des Verfassungsschutzes. Ein Herr "Lindhoff" verwickelte ihn erst in politische Gespräche und schlug ihm dann eine Art freie Mitarbeit vor.

Sein erster Auftrag war, dem stellvertretenden Bürgermeister und Direktor der Volkshochschule in seinem Heimatort Potsdam-Geltow, Siegfried Sommer, nachzuspüren. Lindhoff wollte über Sommer alles wissen, weil der häufig in die Bundesrepublik reiste und bei Veranstaltungen der Gewerkschaften Erziehung und Wissenschaft sowie Handel, Banken und Versicherungen auftrat.

Dann kamen Aufträge hinzu, die als Militärspionage gelten: Lindhoff wollte alles erfassen über das DDR-Kommando der Landstreitkräfte, das in Potsdam liegt, und über mögliche Stellungen sowjetischer Raketen. So nebenbei beschaffte der Agent im Rentenalter eine neue Fibel für Schulanfänger und ein neues Schulbuch zum Wehrkundeunterricht.

Der Verfassungsschutz nutzte auch gerne einen privaten Kontakt Müller-Beuthows zu einem Mitarbeiter bei der DDR-Volkskammer. Über diesen Draht erfuhren die Kölner von Meinungsverschiedenheiten in den einzelnen Fraktionen

während der Gesetzgebungsverfahren, an deren Ende stets einstimmige Beschlüsse des Parlaments stehen.

Vor allem aber lieferte der alte Herr, aus Idealismus und stets ohne Bezahlung, Wissenswertes über die DDR-Medienszene. So entdeckte und verriet er, daß es beim (Ost-)Berliner Rundfunk drei Abteilungen - Fernsehüberwachung BRD, Fernsehüberwachung West-Berlin und Fernsehüberwachung Ausland - gab. Sie waren beauftragt, die TV-Gewohnheiten von DDR-Bürgern zu untersuchen. Die Überwacher lernte er dank eines Forschungsauftrages der Deutschen Staatsbibliothek kennen; er erfuhr genaue Zahlen über die Einschaltquoten in der DDR für westliche Sendungen. Sogar Einzelheiten wie die Akzeptanz der "Holocaust"-Serie in der DDR-Bevölkerung konnte Müller-Beuthow liefern.

Er lieferte Stimmungsbilder darüber, wie die DDR-Bürger auf die Wende reagierten und was die Bevölkerung über Franz Josef Strauß dachte. Schon 1980 meldete er die ersten SS-20-Raketenstellungen in der Gegend von Zittau, in den Belziger Wäldern und südöstlich von Greifswald an den Westen.

Nachgezählt 221mal reiste er, zum Schreiben von Berichten und zu Treffen mit seinem V-Mann-Führer Lindhoff, von Potsdam-Geltow nach West-Berlin. Gelegentlich schickte er seine Aufzeichnungen, Unterschrift "Werdau", an eine Postlageradresse in Köln. Meist aber rief Lindhoff an und vereinbarte eine Begegnung, anfangs häufiger in Berlin, später fast nur noch in Westdeutschland.

Am Flughafen Tegel wurde dann immer ein Ticket auf seinen Namen hinterlegt. Treffpunkte waren das Sheraton oder Hilton in München, das Bonner Hotel Steigenberger oder das Hamburger Vier Jahreszeiten. Häufig kamen sie auch in einer "KW" (konspirativen Wohnung) des Verfassungsschutzes in Köln zusammen, im 25. Stock eines achteckigen Hochhauses am Theodor-Heuss-Ring - jedenfalls bis 1978; damals sei, so habe Lindhoff erzählt, die KW aufgeflogen.

Bald ging die Beziehung zwischen V-Mann und V-Mann-Führer über ein reines Dienstverhältnis hinaus. Lindhoff stellte den DDR-Mitarbeiter seiner Familie vor, gemeinsam gingen alle in West-Berlin auf Einkaufsbummel oder in Bonn zur Bundesgartenschau. Zu Geburtstagen brachte der Kölner Geschenke mit, etwa eine elektrische Kaffeemaschine. Müller-Beuthow revanchierte sich zu Weihnachten mit einer Radierung vom Brandenburger Tor.

Im Lauf der Jahre suchte auch der Bundesnachrichtendienst (BND) Kontakt zu dem Potsdamer Agenten; ein "Dr. Bertram" vom BND nahm dann an den Treffs teil.

Mit Bertram traf sich Müller-Beuthow im März 1983 in Hamburg. Die beiden spazierten durch die Heide, in Lüneburg

brachte der BND-Mann seinen Schützling zum Schnellzug nach Köln. Das Erste-Klasse-Abteil war leer bis auf einen elegant gekleideten Herrn, der Zeitung las und bei der Fahrkartenkontrolle eine Jahreskarte vorzeigte.

Am Kölner Hauptbahnhof nahm Verfassungsschützer Lindhoff seinen Agenten in Empfang. Während der Autofahrt zum Flughafen blieb zum Gespräch nur wenig Zeit.

Der Verfassungsschützer entschuldigte sich, zwei Mitarbeiter seien drüben aufgeflogen; das mache viel Ärger. Er habe deshalb auch eine Bitte: Ob Müller-Beuthow im Briefumschlag 400 Westmark mitnehmen und im Ost-Berliner Stadtteil Lichtenberg in einen bestimmten Briefkasten werfen könne? Damit könne der Tochter eines Festgenommenen sehr geholfen werden.

"Ich hatte dabei", sagt Müller-Beuthow heute, "ein ganz schlechtes Gefühl." Zu Recht: Bei der Einreise in die DDR wurde er am Übergang Friedrichstraße festgenommen. Und schon im Bahnhof stand dort plötzlich der Elegante aus dem Schnellzug nach Köln vor ihm und sagte: "Na, wir hatten ja beide eine gute Fahrt."

Mit dem Auto wurde der Festgenommene zum Hochsicherheitstrakt des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) gebracht. Dort begrüßte ihn einer der drei Vernehmungsbeamten: "Wir werden uns schon vertragen. Wir sind ja schon der dritte Nachrichtendienst, mit dem Sie heute zu tun haben."

Und ein anderer: "Wir kommen schneller voran, wenn Sie uns gleich die 400 Mark geben, die Sie in der Tasche haben." Müller-Beuthow heute: "Das war ein Schock. Woher wußten die das alles?"

Sie wußten fast alles, wie die achtwöchige Vernehmung in Hönow bei Berlin zeigte. Die Stasi-Leute wiesen dem West-Agenten nicht nur "aus unserer Statistikabteilung" lückenlos die 221 West-Reisen nach. Sie konnten ihm in vielen Fällen auch sagen, wann er mit welcher Maschine wohin geflogen war. Das belegten sie mit Photokopien der Buchungsunterlagen, zuweilen sogar mit den kompletten Passagierlisten.

"Daß die Listen echt waren", sagt Müller-Beuthow heute, "erkannte ich daran, daß manchmal auch Prominente mitgeflogen waren. Der Barzel und der Boenisch waren mal mit auf der Maschine, auch mal die Nina Hagen oder Johannes Heesters. Daran erinnert man sich natürlich."

Aber die Leute von der Staatssicherheit hatten noch viel mehr. Im Lauf der Verhöre legten sie eine Serie von zwei Dutzend Photos vor: Müller-Beuthow mit seinem Agentenführer Lindhoff im West-Berliner Cafe Kranzler, beim Treffen auf dem Kölner Flughafen, vor dem Hotel Sheraton in München. Sogar den Ausflug mit der ganzen Familie Lindhoff

zur Bonner Gartenschau hatte die Stasi abgelichtet.

Schließlich präsentierten ihm die Vernehmer Kopien jener Berichte, die er unter dem Decknamen "Werdau" nach Köln geschickt oder Lindhoff übergeben hatte. "Ihre Freunde werden Sie ja nicht wiedersehen", höhnten die Stasi-Offiziere, "sonst könnten Sie ihnen bestellen, daß sie uns acht Jahre lang auf den Leim gegangen sind."

Rund 600 Stunden dauerten die Verhöre, bei denen es für den West-Agenten "nichts zu leugnen gab - die hatten ja alles". Dann brach der damals 76jährige zusammen: ein Hinterwand-Herzinfarkt, zu dem während der Behandlung noch eine schwere Leberschwellung, ein fast totaler Magenverschluß und eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse kamen. Er wurde in die Krankenabteilung des Gefängnisses Brandenburg verlegt; auch da gingen die Vernehmungen weiter.

Im März 1984 wurde der 77jährige Müller-Beuthow zu 15 Jahren Haft verurteilt, ein dreiviertel Jahr später durfte der Schwerkranke, der damals auf Krücken angewiesen war, in den Westen ausreisen.

Seine Partner im Kölner Bundesamt übernahmen wenigstens einen Teil Verantwortung. Sie richteten die Lüneburger Wohnung ein; sie stellten anfangs auch zwei Beamte ab, die dem DDR-Bürger im Westen halfen, Formalitäten zu erledigen. Und sie bezahlten einen Kuraufenthalt im teuren Aachener "Quellenhof".

Allerdings, sagt der Freigekaufte, wollten die Verfassungsschützer von den Erfahrungen, die er bei deren östlichen Kollegen sammeln mußte, nichts wissen: "Da ist keiner von denen gekommen und hat mich aufgefordert, das alles doch mal zu erzählen. Drüben können unsere Leute in den Zuchthäusern verrecken, und

hier will keiner wissen, wie das passiert ist."

Auch seine BfV-Begleiter in Aachen hatten, so erinnert sich Müller-Beuthow, kein Interesse: "Die hörten mir ein paar Stunden zu, sagten, das sei alles sehr interessant und müsse fortgesetzt werden - dann hauten sie ab und kamen nicht wieder."

Ende Mai dieses Jahres schrieb er, inzwischen halbwegs genesen, an den Parlamentarischen Staatssekretär im Bonner Innenministerium, Carl-Dieter Spranger (CSU). Er habe schon während seiner Agentenzeit "hoch besorgniserregende Beobachtungen an Lindhoff zum Ausdruck gebracht", heißt es in dem Brief, aber der habe ihn "immer wieder damit vertröstet, daß alles überwacht würde und nichts passieren könne".

Der Ex-Agent bemängelt in dem Brief an Spranger beispielsweise, daß seine Flüge von Berlin nach Westdeutschland stets unter Klarnamen in Köln gebucht worden seien, daß der Verfassungsschutz ihn unter seinem richtigen Namen in Hotels untergebracht habe, daß Lindhoff ihn stets offen auf dem Flugplatz begrüßt und ihn ebenso offen in Cafes und Restaurants gelotst habe.

Doch nicht einmal die Vermutung des Briefschreibers, "daß dort bei Ihnen ein oder mehrere Maulwürfe fleißig graben", machte Spranger munter. Der Staatssekretär beließ es bei einer vagen schriftlichen Ankündigung, "so bald als möglich auf die Angelegenheit zurückzukommen".

Die zuständigen Herren im Kölner Bundesamt kamen indessen überein, den einstigen Agenten als "eine Art Spinner" zu betrachten, dessen Schilderungen "eine Mischung aus Dichtung und Wahrheit" seien. Aufgeflogen sei der Mann nicht durch den Hinweis eines Maulwurfes in der Domstadt, sondern vermutlich "durch eigenes Fehlverhalten".

Denn wegen der strengen Abschottung in Köln, wo ein Sachbearbeiter vom Zimmernachbarn möglichst wenig wissen darf, hätten höchstens drei Personen Zugang zu den Unterlagen haben können, die das MfS dem Agenten Müller-Beuthow während der Vernehmungen vorlegte. Die fraglichen Beamten aber sind nach Angaben der Kölner "überprüft worden und über jeden Verdacht erhaben".

So werden demnächst vermutlich die Gerichte entscheiden müssen, ob das Bundesamt für Verfassungsschutz seiner Sorgfaltspflicht nachgekommen ist. Ganz sicher scheinen sich die Kölner nicht zu fühlen. "Da sind unzweifelhaft Fehler gemacht worden", geben BfV-Mitarbeiter intern zu.

Erstes Resultat: Fallführer Lindhoff verlor nach der Verhaftung seines V-Mannes seinen Posten; später wurde er aus Krankheitsgründen vorzeitig pensioniert.


DER SPIEGEL 46/1985
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