02.12.1985

RUMÄNIENBeeren und Wurzeln

Stromsperren, kalte Wohnungen und leere Läden - Ceausescus Volk muß in diesem Winter hungern und frieren wie seit dem Krieg nicht mehr. *
Vor der Halle der Bukarester Industriemesse hängt ein Transparent, auf dem in übergroßen Lettern zu lesen steht: "Die Epoche Ceausescu ist das goldene Zeitalter Rumäniens, es sind die Jahre des Lichts."
Die Realität sieht anders aus: In Nicolae Ceausescus Rumänien ist im zweiten Winter hintereinander der Energie-Notstand ausgerufen. Nicht nur in Bukarest gingen die Lichter aus, das ganze Land versinkt jeden Abend in Düsternis.
Die Straßenbeleuchtung wird, bis auf wenige Ausnahmen, abgeschaltet. Selbst den Fabriken fehlt es stundenlang an elektrischer Energie. Um Benzin und Strom zu sparen, sind die Omnibusse im Bukarester Stadtverkehr auf Erdgas umgerüstet, das sie in Tanks auf dem Wagendach mit sich führen. Benzin ist schon seit über einem Jahr rationiert, inzwischen dürfen die Tankstellen nur noch elf Liter pro Monat für private Kunden abgeben.
Das staatliche Fernsehen sendet täglich nur noch zwei Stunden. Auf der Mattscheibe ist meist Ceausescu zu sehen, der wie gewohnt mit stotternder Stimme dem Volk klarzumachen versucht, daß alle Opfer nur dem Sieg des rumänischen Sozialismus dienten. Die Restaurants schließen, um Strom zu sparen, schon um 21 Uhr, und weil die Heizungen bestenfalls lauwarm sind, legen
die Gäste in den Hotelbars Pelze und Wintermäntel erst gar nicht ab. Als besondere Aufmerksamkeit für gut zahlende Kunden hält die Direktion holzkohlenbeheizte Fußwärmer bereit.
Per Dekret des Staats- und Parteichefs darf jeder Bürger nur noch einen Raum seiner Wohnung mit einer Glühbirne von höchstens 40 Watt beleuchten. Die Temperaturen in Privatwohnungen und Büros sollen zwölf Grad Celsius nicht überschreiten - das im transsilvanischen Winter, in dem 30 Grad minus keine Seltenheit sind. Damit das rigorose Energie-Sparprogramm auch eingehalten wird, hat Ceausescu in Kohlengruben, Kraftwerken und Elektrizitätszentralen Offiziere als Kontrolleure eingesetzt.
Auch die ohnehin karge Versorgung mit Lebensmitteln hat sich seit Herbstbeginn katastrophal verschlechtert. Vor den Geschäften stehen lange Käuferschlangen um die kümmerlichen Waren an - meist warten sie vergebens.
Fleisch gibt es nur noch für die in der Produktion Beschäftigten; Zucker, Butter, Pflanzenöl, Kaffee und Mehl sind knapp. In den Läden der Provinz liegen oft nur welke Kohlköpfe und faulige Kartoffeln in den Regalen - Bilder wie im ersten Jahr nach dem Krieg.
Aber auch gegen den Mangel an Lebensmitteln hat Ceausescu, der sich gern "Conducator" (Führer) nennen läßt, seine eigenen Rezepte. In einer Fernsehansprache stellte er fest, es gebe gar keine Versorgungsmängel, sondern nur falsche Ernährungsgewohnheiten. Um fit zu bleiben, so der oberste Gesundbeter, reichten täglich 2800 Kalorien aus; Waldbeeren und Wurzeln seien ohnehin viel bekömmlicher als Fleisch und Brot.
Immerhin rief er sein Volk dazu auf, in Haus und Garten, notfalls auch auf dem Balkon, als Ergänzung der vegetarischen Speisenkarte Tauben und anderes Nutzvieh zu halten.
Weil solche Empfehlungen wenig helfen, hat der Conducator in diesem Herbst nicht nur wie sonst Schüler und Studenten, sondern auch Fabrikarbeiter zur Ernteschlacht abkommandiert. Damit die unfreiwilligen Erntehelfer auch den richtigen Einsatz zeigen, sind die Felder von Soldaten umstellt, die mit umgehängtem Karabiner darüber wachen, daß die Arbeitspausen kurz bleiben.
In der Bundesrepublik haben sich ausgereiste Siebenbürgener Deutsche zusammengetan, um Nahrungsmittel, Winterkleidung und Medikamente für ihre hungernden und frierenden Landsleute zu sammeln. Die Hilfssendungen aus dem Westen werden vom Ceausescu-Staat dankbar angenommen.
Wie immer, wenn es in seinem Reich kriselt, hatte der Parteichef die Sündenböcke schnell gefunden: Der Minister für Elektroenergie, der Bergbauminister und der für Energiefragen zuständige Vizepremier mußten wegen "mangelnder Aufsichtspflicht" schon Ende Oktober demissionieren. Der Landwirtschaftsminister wurde dann wegen enttäuschender Ernteeinfuhr auf der ZK-Sitzung Mitte November einstweilen nur gerügt. Zum neuen Bergbauminister - der Schlüsselposition für die Energieversorgung - bestellte Ceausescu seinen Schwager, den Ex-Premier Ilie Verdet.
Doch auch die neuen Männer und die rigorosen Kontrollen der Armee werden kaum die Wende zum Besseren erzwingen. Die rumänische Dauerkrise ist hausgemacht - von Ceausescu selbst und seinem wirren Wirtschaftskurs.
Nach dem Krieg wollten die rumänischen Kommunisten ihr unterentwickeltes Agrarland im Eiltempo zur Industrienation ausbauen. Der Sprung nach vorn sollte vor allem dank eigener Erdölvorkommen gelingen. Als Ceausescu 1965 an die Macht kam, befahl er den Aufbau einer riesigen petrochemischen Industrie, mit einer Kapazität von jetzt jährlich 36 Millionen Tonnen.
Doch die Ölquellen versiegten schneller als gedacht. Rumäniens Eigenförderung betrug im vergangenen Jahr nur noch elf Millionen Tonnen - das deckt den Eigenbedarf gerade zur Hälfte. Um die dürftige Ausbeute zu strecken, ließ Ceausescu Wasser in die versiegenden Bohrlöcher kippen, das dann als 28prozentiges Ölgemisch wieder ausgepumpt wurde.
Um seine petrochemischen Anlagen überhaupt in Betrieb zu halten, mußte das Land Erdöl aus der Sowjet-Union, China und arabischen Ländern importieren - gegen teure Devisen. Resultat: Die einst so gepriesene Petrochemie ist dieses Jahr nur zu 35 Prozent ausgelastet.
1980 schwenkte Ceausescu um: Nunmehr galt die Kohle als Rumäniens Rettung. Alle Kraftwerke wurden von Öl auf Kohle und Wasserkraft umgestellt. Doch die rumänische Kohle ist von schlechter Qualität und läßt sich kaum verfeuern. Als im strengen Winter 1984/ 85 außerdem noch Stauseen und Gruben zufroren und die Maschinen in der extremen Kälte versagten, fehlte das Geld, um Ersatzteile im Ausland zu kaufen.
Der Staat hat auch keine Devisen, um die vier Kernkraftwerke, die nun den Energiebedarf des Landes decken sollen, termingerecht in Betrieb zu nehmen. Denn Ceausescu hat sich schon in die nächste Kampagne gestürzt: den Kampf gegen Rumäniens Auslandsschulden.
Noch vor drei Jahren war Rumänien im Westen mit zwölf Milliarden Dollar verschuldet. Durch eine Importsperre konnte Ceausescu diese Summe nunmehr fast halbieren. Bis 1990 soll das Land gänzlich schuldenfrei sein - in den Augen westlicher Bankiers ein beachtlicher Erfolg.
Doch der Preis für die rücksichtslose Sparpolitik ist hoch, auch politisch. Weil sich rumänische Waren immer schwerer im Westen absetzen lassen, soll künftig mehr in den Ostblock exportiert werden.
Schon erklärte sich der Staatschef bereit, wieder "verstärkt" in der östlichen Wirtschaftsgemeinschaft Comecon mitzuarbeiten. Um von Moskau in Gnaden wieder aufgenommen zu werden, muß Ceausescu womöglich seine bisher demonstrierte Eigenständigkeit in der Außen- und Sicherheitspolitik aufgeben. Dem Kreml zu Gefallen trennte sich der Conducator von seinem westlich orientierten Außenminister Stefan Andrei.
Die ständigen Kursschwankungen haben die Autorität des Parteichefs ausgehöhlt. Trotz verstärkter Polizeiüberwachung wachsen Volkszorn und Widerstand. So haben sich im Spätsommer erstmals zwei Politiker der ehemaligen bürgerlichen Parteien, die unter den Kommunisten lange Jahre im Gefängnis saßen, zu Wort gemeldet.
In Briefen an die Staatspartei werfen die Kritiker Ceausescu diktatorischen Stil und Personenkult vor, sie verlangen die Reprivatisierung der Landwirtschaft und der handwerklichen Betriebe.
Die Antwort gab Ceausescu vorige Woche vor dem Zentralkomitee: Die Partei sei kein Debattierklub, die Rückkehr zum privaten Unternehmertum denunzierte er als "Verrat am rumänischen Sozialismus".
Statt dessen unterschrieb Rumäniens Führer ein Gesetz zur Einführung eines obligatorischen Arbeitsdienstes. Alle Einwohner über 18 Jahre müssen künftig sechs Tage im Jahr für ihre Wohngemeinde beim Straßen- oder Brückenbau schuften - unentgeltlich.

DER SPIEGEL 49/1985
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