12.08.1985

Die Promiskuität ist der Motor der Seuche

Die tödliche Immunschwäche Aids verbreitet Angst und Schrecken. Bricht sie endgültig aus dem Getto der Homosexuellen, Drogenfixer und Bluter aus? In USA und Europa häufen sich Panikreaktionen der Heterosexuellen. Kann schon ein Kuß den Tod bedeuten? Wie gefährlich sind Seitensprünge? Die Ärzte, im Kampf gegen Aids noch immer ohne Heilmittel, raten den Heteros zu Monogamie, den Schwulen zur Keuschheit.

Aids", schrieb das "Journal" der Londoner "Royal Society of Medicine", erweise sich als "eine auf monumentale Weise mißverstandene Krankheit".

Ärzte und Gesundheitsbeamte meinten, sie hätten es mit einer exotischen, den herkömmlichen Seuchen keinesfalls vergleichbaren Krankheit zu tun. Die Öffentlichkeit glaubte, nur ein paar Randgruppen - Homosexuelle, Fixer, Bluterkranke - seien vom tödlichen Aids-Virus bedroht. Und die Schwulen gaben sich der Furcht und Hoffnung hin, alles sei nur ein Vorwand, neue Pogromstimmung gegen sie zu schüren, womöglich sogar inszeniert von der CIA.

Nun, spätestens seit dem langen Sterben und dem öffentlichen Aids-Bekenntnis des Film-Idols Rock Hudson, einst Inbegriff strahlender Gesundheit und (heterosexueller) Liebestüchtigkeit, ist die Stimmung umgeschlagen.

"Gefahr für uns alle - eine neue Volksseuche", entdeckte die Münchner Illustrierte "Quick". "Niemand ist mehr sicher vor Aids", titelte das US-Magazin "Life".

Die beiden amerikanischen Nachrichtenmagazine "Time" und "Newsweek", aber auch der französische "Express" druckten Aids-Titelgeschichten. Talkshows und Expertenrunden im Ersten wie im Zweiten Deutschen Fernsehen - und kaum ein Tag, ohne daß die Boulevardpresse das Thema mit süffigen Schlagzeilen aufgriff: "Aids-Angst - Meuterei im Gefängnis" (Münchner "Abendzeitung"), "Aids - jetzt sterben die Frauen" ("Bild am Sonntag").

Noch im Januar dieses Jahres hatte die Vereinigung westdeutscher Virologen im offiziösen "Deutschen Ärzteblatt" erklärt, es bestehe "kein Grund für die Annahme einer Ausbreitung von Aids in der allgemeinen Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland".

Inzwischen ist klar, daß die Krankheit begonnen hat, über die bisherigen Hauptrisikogruppen hinauszugreifen. "Die Theorie von Aids als ''Homosexuellen-Krankheit''", so das Fachblatt "Medical Tribune", "ist überholt."

Mit einem "lawinenartigen Anstieg" der Aids-Krankheitsfälle müsse gerechnet werden, wenn man den bisherigen epidemiologischen Verlauf zugrunde legt, erklärten der Göttinger Nobelpreisträger Manfred Eigen und der Virologe Gerhard Hunsmann in der "Klinischen Wochenschrift".

"Die schwerste Bedrohung seit vielen Jahrzehnten", so nennt Robert Gallo, Mitentdecker des Aids-Virus und führender Aids-Spezialist in den USA, die neue Krankheit. "Sicher eine ebenso ernste Gefahr wie Krebs."

Gallo äußerte sich, am Mittwochabend letzter Woche, in der ARD-Sendung "Brennpunkt": "Wenn die Ausbreitung nicht gestoppt wird, handelt es sich um das Gesundheitsproblem Nummer eins, nicht nur in den USA, sondern bald in vielen Teilen der Welt."

"Wird Aids zur Pandemie?", zur weltumspannenden Seuche, fragte auch das Ärztemagazin "Selecta" in seiner letzten Juli-Ausgabe. Eine Antwort gab der britische Aids-Spezialist John Searl: Nach dem jüngsten Wissensstand könne sich Aids "zu einer tödlichen Pandemie" entwickeln, "mit Schwerpunkten in allen Bevölkerungszentren der Dritten Welt, in einer Größenordnung ohne Beispiel in der menschlichen Geschichte".

Vor Panikmache warnt Nobelpreisträger Eigen, aber ebenso auch vor einem "Herunterspielen der Gefahr". Die Zahlen über die Ausbreitung der Seuche sprechen für sich:
* In San Francisco, der Hochburg der Homosexuellen,
stirbt nunmehr jeden Tag ein Aids-Patient. Zwei neue
Aids-Fälle kommen täglich hinzu.
* Alle acht bis zehn Monate verdoppelt sich die Zahl der
Erkrankten - und ebenso die Zahl der Toten, denn bisher
ist noch jeder, der an Aids erkrankte, gestorben.
* Mehr als 12000 Aids-Erkrankungen sind derzeit in den
USA gemeldet, 190000 könnten es, so ergeben vorsichtige
Hochrechnungen, im Jahre 1990 sein.
* Die Verlaufskurve in der Bundesrepublik stimmt mit der
amerikanischen Kurve überein; sie ist nur um drei Jahre
verzögert.

In Europa liegt Frankreich derzeit an der Spitze mit 400 Aids-Kranken. In der Bundesrepublik waren bis Ende letzter Woche 230 Erkrankungsfälle und 95 Aids-Tote gemeldet. Fachleute schätzen, daß auf jeden bekannten Aids-Fall 100 bis 150 Menschen kommen, die schon mit dem Aids-Virus infiziert sind, meist ohne es zu wissen - und mindestens ein weiterer Kranker, bei dem Aids nicht erkannt oder aus Scham (etwa als Krebs) bemäntelt wurde.

"Wir haben immer auf einen Prominenten gehofft", so umschrieb Professor Wolfgang Stille, Spezialist für Infektionskrankheiten an der Frankfurter Uni-Klinik, die seltsamen Mechanismen moderner Medizin-Aufklärung, "um den Leuten die Bedeutung der Krankheit klarzumachen."

Der kranke Rock Hudson, den sein Präsident Reagan noch einmal persönlich anruft; Aids-Bluttests bei den Stars von "Denver" und "Dallas"; Bo Derek, deren Ehemann ihr das Küssen verboten hat, außer mit Aids-getesteten Filmpartnern - erst mit solchem Medien-Spektakel ließen sich die Amerikaner von Aids alarmieren, dem vor fünf Jahren erfundenen Kunstwort für das "Acquired Immune Deficiency Syndrome", den "erworbenen Mangel an Abwehrkraft". Auch deutsche prominente Aids-Fälle würden demnächst Schlagzeilen machen, wissen eingeweihte Mediziner: in den Städten Münster und Bonn.

Die Angst vor der todbringenden Krankheit greift - auch ohne den Kitzel, den die Boulevardpresse der Aids-Seuche abgewinnt - weiter um sich, vor allem bei den Gruppen, die als nächste den Übergriff der Seuche fürchten müssen: im Prostitutionsmilieu, in Gefängnissen und Entzugsanstalten.

Und erst recht, natürlich, bei den immer noch Hauptbetroffenen, den Homosexuellen. "Eindeutig ja", antwortet Herbert Rusche, 33, am 1. September nachrückender Grünen-Abgeordneter und erster bekennender Homosexueller im Bundestag, auf die Frage, ob sich die westdeutsche Schwulenszene in den letzten Monaten unter dem Eindruck von Aids verändert habe.

"Echt die Panik", berichtet ein Hamburger Homosexueller, gehe da jetzt

um. "Nur noch zum Kaffeekränzchen" treffe man sich in den Schwulenbars. In Frankfurt, beobachtete Rusche, wurden alle vier sogenannten "Darkrooms", einst Stätten intensivsten promisken Homo-Verkehrs, nach einer Absprache der Barbesitzer geschlossen: "Da stehen jetzt Flipper drin."

Vereinzelt führt Kundenschwund schon zur Schließung von Lokalen. "Die steigende Angst vor Aids gab uns den Rest", erklärte John Darker, Chef des schon im Februar geschlossenen Hamburger Männerfreizeitzentrums "Pool". Auch die, laut Stadtplan für Männer, "schönste homo-Sauna" in Stuttgart, der Olympus-Klub in der Gerberstraße, will demnächst dichtmachen.

In der Beratungsstelle für homosexuelle Frauen und Männer im Hamburger Magnus-Hirschfeld-Centrum häufen sich die Anrufe. "Am Wochenende", sagt Aids-Berater Hans-Georg Floß, "können wir die Flut kaum noch bewältigen."

Ratsuchende Homosexuelle und zunehmend auch Prostituierte wollen wissen, wie sie das Infektionsrisiko verringern können. Die Bereitschaft, Präservative zu benutzen und beim Sex gefährliche Praktiken zu vermeiden ("Safer Sex"), ist gewachsen.

"Schwule Partner", so Floß, "reden endlich miteinander über das Thema." Leute, die sich bis vor Monaten gegen jede Einschränkung ihrer sexuellen Freiheit gewehrt haben und Warner verdächtigten, mit Panikmache bloß neue Diskriminierungen tarnen zu wollen, reagierten "jetzt nicht mehr verblüfft, wenn der Freund mit dem Präser anrückt".

"Die Leute sind dabei, aufzuwachen", konstatiert auch Ian Schäfer, Vorsitzender der Deutschen Aids-Hilfe in Berlin. Eine "Safer Sex"-Plakat- und -Broschürenaktion, im Juni gestartet, war erfolgreich: 15000 Broschüren sind vergriffen, eine zweite Auflage (25000) wird gedruckt. Das Informationsbedürfnis zum Thema Aids habe sich neuerdings "von der Hauptbetroffenen-Klientel auf alle Bevölkerungskreise ausgeweitet", so Schäfer. Der weitaus höchste Prozentsatz aller Telephonanfragen bei der Deutschen Aids-Hilfe seien "Angst- und Panikanrufe".

Hysterische Reaktionen, verursacht durch den mangelhaften Informationsstand, werden überall von Ärzten und Aids-Helfern gemeldet:
* In Wuppertal wollten sich Kundinnen eines Friseurs
nicht länger von einem Angestellten bedienen lassen,
dessen Lebensgefährte an Aids gestorben war.
* Wegen eines Aids-Toten im elterlichen Bekanntenkreis
verlangten in Mainz Eltern den Ausschluß eines Kindes
aus einer Tagesstätte.
* Der Berliner Aids-Spezialist und Klinikchef Hans Dieter
Pohle weiß von einem Kurort zu berichten, "wo ein
HTLV-Positiver", also jemand, in dessen Blut
Aids-Antikörper nachgewiesen waren, "ins Taxi gesetzt
und wieder nach Berlin zurückgeschickt wurde".
* Ein hoher protestantischer Würdenträger fragte kürzlich
bei dem Experten Pohle nach, ob er denn beim Abendmahl
überhaupt noch den Kelch weiterreichen dürfe.
* Ein junger Altenpfleger in Berlin, der sich offen zum
Schwulsein bekannt hatte, wurde von seinem Arbeitgeber
zwangsbeurlaubt und aufgefordert, sich beim
Betriebsarzt auf Aids-Verdacht (Ergebnis: negativ)
untersuchen zu lassen.

In die Rubrik "Hysterie" gehört sicher auch die "Meuterei" in der bayrischen Justizvollzugsanstalt Bernau am vorletzten Wochenende: Nach dem einstündigen Spaziergang blieben 80 von 200 Häftlingen auf dem Hof hocken, aus Angst, im Bau könnten sie von den fünf Insassen angesteckt werden, die nachweislich vom Aids-Virus befallen sind.

Die aufmuckenden Insassen verlangten Schutz: "Absonderung der Infizierten vom allgemeinen Baden", die "rigorose Bestrafung der Tätowierer" (weil mit deren Arbeitsgerät Aids-Viren übertragen werden könnten) sowie "Desinfektionsspray für den Friseur" zum Sterilisieren von Kamm und Schere. Das bayrische Justizministerium erwägt, die fünf Virus-Träger - von denen keiner akute Aids-Symptome zeigt - zu verlegen.

Auf Merkblättern wurde Gefangenen und Aufpassern auch in anderen westdeutschen Strafanstalten mitgeteilt, wo die Gefahr der Übertragung besteht: "unter Homosexuellen beim Geschlechtsverkehr, unter den Drogenabhängigen durch die gemeinsame Benutzung von Nadeln und Spritzen". Und weil "bei Schlägereien Blut fließt" oder auch dann, "wenn einer die Treppe runterfällt", forderte das hessische Vollzugspersonal (nach US-Vorbild) Gummihandschuhe - und wird jetzt damit auch ausgerüstet: für den täglichen Umgang mit den Gefangenen, aber auch für den Transport zum Gericht.

Die "Risiko-Gruppen" unter den Gefangenen, die Schwulen und die Fixer, werden in den meisten Gefängnissen wie Aussätzige gemieden. Die "psychische Isolierung", befürchtet Oberstaatsanwalt Hubert Harth vom Hessischen Justizministerium, "kann schnell zu einem Zweiklassensystem führen".

Bluttests bestätigen, daß viele Häftlinge schon von dem Erreger befallen sind. In Hessen waren bis Ende Juni 29 Infizierte ("HTLV-3-Träger") unter den Neuzugängen registriert, darunter 13 Frauen. In Stammheim wurden Neuzugänge aus Risiko-Gruppen getestet - Ergebnis: 50 Gefangene "Aids-positiv", ein Drittel davon schon mit Symptomen. In Nordrhein-Westfalen sind im Blut von 68 Inhaftierten Aids-Antikörper gefunden worden. Berlin meldet 15 Infizierte - doch bislang wurden nur Stichproben gemacht, die Zahl der tatsächlich Befallenen liegt um ein Vielfaches höher.

Das einzige, was Strafvollzugsbeamten einstweilen dazu einfällt, ist die Verteilung von Präservativen (Regierungsdirektor Karl-Heinrich Schäfer, Wiesbaden: "Können im Wege der medizinischen Versorgung ausgegeben werden") und die Isolierung der Infizierten. Es soll verhindert werden, so Schäfer, "daß es bei sexuellen Kontakten, vor allem auch gewaltsamer Art, zu Ansteckungen kommt". In der Saarbrücker Vollzugsanstalt "Lerchesflur" haben die Infizierten schon ihr eigenes Bad und Klo.

Den Drogenabhängigen in psychiatrischen Krankenhäusern ergeht es nicht besser. Mehr als die Hälfte der Bluttests bei Süchtigen, so die Bilanz im psychiatrischen Krankenhaus im hessischen Hadamar, war positiv: Die Getesteten haben den Aids-Erreger.

Im Bezirkskrankenhaus Haar bei München läßt man eingelieferte Rauschgiftsüchtige, die wissen wollen, ob sie infiziert sind, im ungewissen. Bluttests unterblieben, weil erst mit den Krankenkassen wegen der Kostenübernahme verhandelt werden muß. "Wir würden es gerne machen", klagt die Ärztin Anette

Konstanzer, "aber es scheitert an den 100 Mark für den Test."

Fixer mit positivem Testbefund werden häufig wie Aussätzige behandelt. Im oberfränkischen Lichtenfels, wo sich herumgesprochen hatte, daß von den jugendlichen Drogenpatienten des Behandlungszentrums einige Aids-Erreger im Blut hatten, verweigerte ihnen die Gemeinde den Zutritt zum Freibad.

Dabei ist nach wie vor ungewiß, wie viele derjenigen, die sich irgendwann mit dem Aids-Virus infiziert haben, hernach auch wirklich an Aids erkranken. "Medical Tribune": "Mindestens fünf, wahrscheinlicher aber um die 20 Prozent der mit dem Virus Infizierten entwickeln das Immunschwäche-Syndrom." Aids-Experte Gallo beziffert die "Konversionsrate" auf sieben Prozent pro Jahr.

Warum einige Aids-Infizierte überhaupt nicht krank werden, warum es bei anderen nur zu milden Krankheitsformen kommt, warum andere wiederum schwer erkranken, aber nicht an Aids, und warum schließlich einige der Infizierten "die volle und tödliche Aids-Krankheit bekommen" - über all das, so letzte Woche Robert Gallo, herrsche in der Wissenschaft noch Unsicherheit. Gallo: "Wir vermuten stark, daß es von der Anzahl der Viren abhängt, mit denen jemand infiziert wurde, und auch von der Häufigkeit der Infektion."

Unstrittig ist mittlerweile unter den Medizinern, daß die Homosexuellen (neben den anderen Risiko-Gruppen Fixer und Bluterkranke) nur als Vorreiter, als erste Gruppe der Bevölkerung, einen so hohen Durchseuchungsgrad mit Aids-Viren aufweisen. "Es gibt keine wirklich wirksame Schranke gegen die Ausbreitung des Virus in der Gesamtbevölkerung", erklärt Professor Meinrad Koch, Seuchenexperte beim West-Berliner Bundesgesundheitsamt.

"Es wäre falsch anzunehmen", äußerte auch Dr. Donald Acheson, oberster Medizinalbeamter des Londoner Department of Health and Social Security, "daß Geschlechtsverkehr zwischen Heterosexuellen nicht auf lange Sicht eine entscheidende Rolle bei der Ausbreitung von Aids spielen wird." Vor allem über die heterosexuelle und bisexuelle Prostituierten-Szene, darüber sind sich die Experten einig, wird das Aids-Virus Eingang in die Welt der heterosexuellen Bürger finden.

"Es geht um den Geschäftsmann, der im Flugzeug sitzt und der in den angesehenen Zeitungen die Adressen von Callgirl-Agenturen in den Großstädten der

Welt findet, in London, Paris, New York oder Houston", umschrieb es der britische Aids-Spezialist John Harris auf einem Kongreß der "Internationalen Gesellschaft für sexuell übertragene Krankheiten" Ende Juli in Brighton. Neben New York wurden schon einige europäische Großstädte, zum Beispiel Wien, als "Problemzonen" registriert.

Noch ist schwer auszumachen, in welchem Ausmaß das Virus und die Furcht vor ihm sich unter Prostituierten ausbreiten. Die festgestellten Ansteckungszahlen sind noch gering - "genauso wie in der Homosexuellen-Szene etwa im Jahre 1981", wie Aids-Experte Bijan Safai vom New Yorker Memorial Sloan-Kettering Cancer Center anmerkte.

Eine "steigende Nachfrage" von weiblichen Prostituierten, die Klarheit haben wollen, ob sie Aids-infiziert sind oder nicht, registrierte die Hamburger Gesundheitsbehörde. Der Berliner Aids-Arzt Ulrich Bienzle meldet gleichfalls "unheimlich viele" Patientinnen, die ihr Blut untersuchen lassen.

In Stuttgart, laut Hans Stichler vom örtlichen Gesundheitsamt "früher und gründlicher als andere Bundesländer" in dieser Sache aktiv, passierten schon zwei Drittel der registrierten Prostituierten den Test - sechs von ihnen wurden vom Stuttgarter Gesundheitsamt aus dem Verkehr gezogen. In München gaben schon alle 500 amtlich erfaßten Prostituierten ihr Blut.

Während die meisten Aids-Ärzte, wie etwa Professor Manfred Dietrich, Klinikchef am Hamburger Tropeninstitut, sich völlig zufriedengeben, "wenn einer sich Donald Duck nennt", gingen in Hannover die Frauen "mit vollem Namen und mit Berufsangabe" zu Aids-Berater Werner Noelle.

Ihr Beruf ist gefährlicher geworden. "Aids: 1. deutsches Callgirl tot", meldete "Bild" am Mittwoch letzter Woche, zutreffend. Die Reeperbahnstadt Hamburg, mit Prostitution als nennenswertem Wirtschaftsfaktor, bekannte sich zu drei Aids-Verdachtsfällen.

In München gab Stadtdirektorin Edit Loeffelholz von Colberg bekannt, zwei Dirnen seien "mit Aids-Erregern in Berührung gekommen". Das reichte zum Prostitutions-Verbot, zunächst für acht Wochen, aufgrund des Seuchengesetzes, das "Verhütungs- und Bekämpfungsmaßnahmen bei einer bestimmten Art der Lebensführung" vorsieht.

Daß es "ohne Zweifel infizierte und auch erkrankte Prostituierte gibt" und vermutlich mehr, als bislang zugegeben, daran zweifeln der Frankfurter Professor Wolfgang Stille und seine mit der Explosion der Seuche überforderten Kollegen (Stille: "Wir arbeiten unter Lambarene-Bedingungen") nicht mehr.

Nach Stilles Erkenntnissen ist "ein hoher Prozentsatz" der bereits an Aids Erkrankten rauschgiftsüchtig und hatte mit "unsterilen oder mehrfach verwendeten Spritzen hantiert".

Weitere Gefährdung bringen von den Freiern verlangte Sexualpraktiken. Das Stuttgarter Callgirl Claudia schätzt, daß etwa 20 Prozent der Prostituierten zum Analverkehr bereit sind. Auf preismindernde Benutzung von Präservativen verzichteten die Damen zumeist, weil sie in der Regel "teure Apartmenteinrichtungen abzuzahlen" hätten.

Im dunkeln bleibt zudem, wie viele der männlichen Kunden bisexuell Entspannung suchen. Astrid aus Frankfurt, Mitbegründerin der Prostituierten-Selbsthilfegruppe HWG ("Huren wehren sich gemeinsam"), kennt solche Pappenheimer: "Da ist einer als Tourist in den Schwulenklappen in Los Angeles gewesen und kann sich''s, kaum zurück, nicht verkneifen, in den Puff zu gehen."

Der Inhaber des Berliner Rasputin-Clubs, wo ein internationales Corps d''amour alle Kreditkarten akzeptiert, wundert sich, "daß die Diskussion um Aids erst jetzt losgeht". Er bleibt zuversichtlich: "Wir haben auch Herpes schon überstanden."

Auf dem platten Land bei Husum registriert eine Puff-Vorsteherin zu den Whirlpool-Partys ihrer "acht sexy girls" neuerdings sogar verstärkten Freier-Zulauf "aus der Großstadt" - weil wohl, wie sie mutmaßt, in der Provinz "noch alles korrekt und sauber zugeht". Und die Pärchen-Clubs landauf und -ab melden ebenfalls Fehlanzeige. Im Club "Rheinparty" bei Bad Dürkheim (Spezialität: "Gruppensex bei schwarzer Messe") sind die Leute, so der Chef, "genauso vergnügungsbereit wie immer".

"Der Puff brennt deswegen noch lange nicht", erstattet eine Berlin Salon-Dame Bericht zur Aids-Lage.

Anders in Hamburg - da kam die Angst schon an. In einem Interview mit der NDR-"Hamburg-Welle" am Freitag letzter Woche forderte eine Prostituierte "eine Initiative zum Schutz vor Aids" und richtete einen Appell an ihre Kolleginnen, "daß bitte alle jetzt nur noch mit Kondom machen, das ist unsere einzige Sicherheit". Die Männer sollten dafür Verständnis aufbringen: "Wir sind alle noch ziemlich jung, und jeder hat Angst vor dem Sterben."

In manchen Bordellen der Oberklasse, so wird gleichfalls aus Hamburg gemeldet, reagieren die Damen schon ähnlich wie Bo Derek: Bevor sie tätig werden, verlangen sie eine Bescheinigung, aus welcher hervorgeht, daß der betreffende Kunde frei von Aids-Viren ist. Dies, so wissen Hamburger Ärzte, habe sich in Manager-Kreisen schon herumgesprochen: Immer häufiger erschienen in Krankenhäusern seriös gekleidete Herren und verlangten eine Untersuchung auf HTLV-3.

Das Generalkonsulat des (angeblich noch HTLV-3-freien) Staates Liberia in der Hansestadt erteilt ein Einreisevisum nur dann, wenn der Antragsteller eine Bescheinigung beibringt, die ihm den Status "HTLV-3-negativ" attestiert.

"Wenn die Leute nicht monogam werden, dann wird Aids bald epidemisch. Dies gilt auch für Deutschland." Mit dieser Feststellung umreißt Aids-Experte Dietrich vom Hamburger Tropeninstitut die Gefahren, die nun auch Heterosexuellen drohen.

"Kein Land der Welt", notierte "Newsweek", "ist gegen Aids immun." Auch Sichtvermerke in Einreisevisa werden nicht verhindern können, daß HTLV-3, der Erreger von Aids, auf neuen Wegen dahin zurückkehrt, wo er vermutlich herkam: aus Afrika.

Professor Reinhard Kurth, Virologe am Frankfurter Paul-Ehrlich-Institut, fand - zusammen mit seinem amerikanischen Kollegen Max Essex von der Harvard University - den "natürlichen Wirt" des Aids-Erregers, von dem wahrscheinlich alles Übel ausging: Die "Grünen Meerkatzen", eine possierliche zentralafrikanische Affenart, beherbergen ein Virus, das sich von dem Aids-Auslöser beim Menschen praktisch nicht unterscheidet. Allerdings: Die Affen leiden nicht unter Aids; die Wissenschaftler vermuten, daß sich ihr Organismus im Laufe der Evolution an den Erreger angepaßt hat.

Durch Kratz- oder Bißwunden, so die Hypothese, könnte das Aids-Virus irgendwann auf den Menschen gekommen sein - mit verheerenden Folgen.

"Zunächst", so erläuterte Kurth in der ARD-Sendung "Brennpunkt", "war das HTLV-3-Virus wahrscheinlich auf ein Länder-Dreieck Somalia, Uganda und östlicher Kongo beschränkt." Mit den großen sozialen und politischen Umwälzungen der letzten Jahrzehnte, mit Verstädterung und Slumbildung sei dann das Virus vermutlich aus diesen geographisch geschlossenen Gebieten aus- und in die Großstädte eingebrochen.

In den von Aids betroffenen afrikanischen Ländern (in denen freilich die Diagnose Aids erst seit ein paar Jahren gestellt werden kann) sind ebenso viele Männer wie Frauen an Aids erkrankt - ein weiteres Indiz dafür, daß auch in Gebieten wie USA und Europa die Seuche sich nicht in speziellen Risikogruppen wird halten lassen.

1980 wurden in New York die ersten Fälle der damals neuen, rätselhaften Krankheit registriert. US-Seuchenexperten verfolgten die Spur des Erregers zurück auf die Insel Haiti, beliebtes Ferienziel homosexueller Touristen.

Im Frühjahr 1984 gaben Dr. Luc Montagnier vom Pasteur-Institut in Paris und der Amerikaner Robert C. P. Gallo bekannt, daß sie - unabhängig voneinander - den Aids-Erreger isoliert und identifiziert hätten: LAV nannten ihn die Franzosen, HTLV-3 die Amerikaner. Inzwischen ist klar, daß es sich um ein und dasselbe Virus handelt.

Doch erst in diesem Jahr gelang es den Wissenschaftler-Gruppen, die Wirkweise des Aids-Erregers im menschlichen Organismus zu entschlüsseln. Das Virus attackiert die sogenannten T-Helfer-Zellen - eine der wichtigsten Zellen im menschlichen Abwehrsystem gegen Krankheiten. Gallo: "Ausgerechnet die Zelle, die unseren Körper gegen Angriffe von Viren verteidigen soll, wird vom Aids-Virus zerstört."

Das Aids-Virus, das zur Gruppe der sogenannten Retroviren gehört, läßt die T-Helfer-Zellen absterben - noch ist nicht genau bekannt, auf welche Weise. Und mit der geringer werdenden Zahl von funktionstüchtigen T-Helfer-Zellen verändert sich bei dem betroffenen Menschen das Immunsystem.

Zwar kreisen die eigentlichen Abwehrzellen voll funktionsfähig im Blut. Aber die Zellen, die eindringende Krankheitsviren melden und die Abwehrkräfte herbeirufen, also den körpereigenen Gegenangriff einleiten sollen - eben die T-Helfer-Zellen -, versagen ihren Dienst.

Die Folge: Der Körper kann sich nicht mehr gegen Bakterien und andere Erreger wehren; Infektionen, die für einen gesunden Körper nicht gefährlich sind, werden zu tödlichen Krankheiten; auch die Abwehrkräfte gegen Krebs erlahmen. So sterben Aids-Kranke nicht an den Aids-Viren, sondern an "banalen" Erkrankungen wie etwa Lungenentzündung oder an einem ehedem äußerst seltenen Krebs, dem Kaposi-Sarkom.

Die Art, wie der menschliche Organismus auf eine Infektion mit Aids-Viren reagiert, ist unterschiedlich. Nicht alle erkranken, nicht alle erkranken gleich.

"Gar keine Frage", erläutert Professor Frank-Detlef Goebel, leitender Oberarzt der Medizinischen Poliklinik der Universität München, die verzwickte Situation, "die Einbringung des Aids-Virus allein führt nicht zwangsläufig zu einer Überschwemmung des Blutes mit dem Erreger, auch nicht obligat zur Erkrankung." Goebel ist "überzeugt, daß es einen Co-Faktor gibt, ich weiß nur nicht, welchen".

Solche Co-Faktoren geistern, seit Aids entdeckt wurde, wie Ufos durch die Debatte. Angeschuldigt wurden unter anderem der Mißbrauch gefäßwirksamer Amylnitritpräparate ("Poppers") zur Verschönerung des Orgasmus, Haschischkonsum, permanenter Schlafentzug, Dauerbräunung durch Solarien, unzureichende Ernährung und gewaltsame Abmagerungskuren. Beweise, daß diese bei Homosexuellen verbreiteten Lebensgewohnheiten wirklich unverzichtbare "Co-Faktoren" der Aids-Erkrankung sind, wurden bisher nicht erbracht.

Goebel hält, wie andere Forscher auch, für denkbar, daß die "ständige Forderung des körpereigenen Immunsystems durch vielerlei Infektionskrankheiten" eine mögliche Voraussetzung der Aids-Infektion ist. Aus Blutuntersuchungen großer Kollektive Aids-kranker Homosexueller geht jedenfalls zweifelsfrei hervor, daß promisker Lebenswandel, jahre- oder gar jahrzehntelang praktiziert, zu einer weit überdurchschnittlichen Infektionsrate führt: Die (inzwischen meist verstorbenen) Patienten hatten alle mehrfach Gonorrhöe gehabt und waren fast ausnahmslos von Herpesviren besiedelt. 96 Prozent wiesen eine Hepatitis B in der Vorgeschichte auf, 90 Prozent dazu noch eine Syphilis.

Auch Robert Gallo und seine Mitarbeiter vom National Cancer Institute hegen, aufgrund von Labortests, den "Verdacht", daß zusätzliche Infektionen "eine bereits mit Aids infizierte Person

in die volle Aids-Krankheit hineintreiben können".

"Wir sind auf Entdeckerfahrt mit einem Kanu gestartet, jetzt befinden wir uns mit einem kleinen Segelboot in der weiten See dessen, was wir noch nicht wissen" - so resigniert umschrieb Dr. William Haseltine, Aids-Forscher an der Harvard University, den vergleichsweise geringen Fortschritt, den die Wissenschaft bisher bei der Bekämpfung der Krankheit erzielen konnte.

Eine der größten Schwierigkeiten bei der Suche nach einem Impfstoff liegt darin, daß der Aids-Erreger immer wieder die Struktur seiner Eiweiß-Hülle ändert: Es findet sich kein wiedererkennbarer Angriffspunkt.

Dennoch geben die Virologen und Gentechniker nicht auf. "Es gibt eine reale Chance", so Gallo, "in nicht allzu ferner Zukunft einen Impfstoff zu entwickeln." Optimisten rechnen, günstigenfalls, mit einem Zeitraum von drei bis fünf Jahren. Nur: Ein solcher Impfstoff könnte denen nicht mehr helfen, die dann schon mit Aids-Viren infiziert sind - nach derzeitigen Schätzungen bis 1990 einige Millionen Amerikaner und mehr als 700000 Deutsche.

Erfolgreich waren die Wissenschaftler bei der Entwicklung von Tests, mit denen sich die Anwesenheit von Antikörpern gegen den Aids-Erreger im Blut nachweisen läßt. Die Mediziner verwenden solche Tests mittlerweile auch, um die Gefahr einer Aids-Übertragung durch Blutkonserven zu bannen. Einerseits können auf diese Weise Blutspender identifiziert werden, die "HTLV-3-positiv" sind und deshalb als Blutlieferanten nicht mehr in Frage kommen. Andererseits werden auch gelagerte Alt-Konserven und -Konzentrate auf ihre Unbedenklichkeit getestet.

Entmutigend hingegen verliefen bisher alle Bemühungen, eine bereits ausgebrochene Aids-Erkrankung mit Medikamenten zu heilen. "Unsere Möglichkeiten, das Leben eines Aids-Kranken zu verlängern, sind heute nicht größer als vor vier Jahren", sagt Dr. Paul Volberding, Aids-Spezialist am San Francisco General Hospital.

Mehr als ein Dutzend verschiedener Medikamente sind allein in den USA in der klinischen Erprobung - allesamt bisher wenig erfolgreich und mit schwersten Nebenwirkungen belastet. Auch die von französischen Wissenschaftlern favorisierte, am Louis-Pasteur-Institut entwickelte Substanz "HPA 23", mit der Rock Hudson schon im Herbst letzten Jahres behandelt worden war, hat ihre Tücken. In Paris läuft eine klinische Studie an 33 Probanden mit "HPA 23"; aber bei etlichen Patienten mußte das Medikament

wieder abgesetzt werden, weil Blut und Leber extrem geschädigt wurden.

So bleibt allen, die sich vor Aids fürchten und noch nicht infiziert sind, nur übrig, die Risiken der Ansteckung abzuwägen und ihren sexuellen Lebenswandel danach auszurichten. "Die einzige Prävention" - so lapidar sagt es der Hamburger Tropenmediziner Dietrich - "ist die Aufgabe der Promiskuität."

Doch gerade das, der Abschied vom ungehemmten Mehrverkehr, fällt offenbar allen sehr schwer, die sich einmal daran gewöhnt haben - nicht nur den Homosexuellen. "Aids", erläutert Virologe Meinrad Koch, beim Bundesgesundheitsamt für die Aids-Forschung zuständig, "ist ja nicht die Folge bestimmter, etwa homosexueller Praktiken. Der Motor der Seuche ist die Promiskuität."

Daß die Krankheit sich in den letzten Jahren so schnell bei den Homosexuellen, und so überwiegend bei ihnen, ausbreiten konnte, hat ersichtlich zwei Gründe: die gettoartige Sexualsituation der Schwulen und ihr verbreiteter Hang zu weit häufigerem Partnerwechsel als bei Heterosexuellen üblich.

"Schonungslos" sei zu sagen, räumt der Frankfurter Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch ein, daß Aids "auch mit dem Verhalten und den Praktiken einer kleinen Gruppe von Homosexuellen zu tun hat, die in einem Maße promisk ist, wie sich das ein Virus nicht besser wünschen kann".

Wie klein oder groß diese Gruppe ist, läßt sich schwer ermitteln. Der in San Francisco lebende deutschstämmige Sexualwissenschaftler Professor Erwin Haeberle schätzt - nachdem er in diesem Sommer monatelang die europäische Homo-Szene bereist hat -, daß sich "bisher schon 300000 deutsche Männer mit Aids infiziert haben". Die andere Seite derselben Münze beleuchtet BGA-Professor Koch: "Rund ein Drittel der von uns untersuchten Homosexuellen und Drogenabhängigen", so Koch letzte Woche zum SPIEGEL, "sind HTLV-3-positiv."

Als der Filmemacher Rosa von Praunheim, die charismatische Leitfigur der deutschen "Schwulenbefreiung", im Juni zugunsten der "Aids-Hilfe" in Berlin eine Benefiz-Veranstaltung organisierte, herrschte auf den Rängen des "Tempodrom" lustvolle Stimmung, besonders dann, wenn die Rede auf den "Analverkehr" oder, präziser noch, auf den "tödlich gefährlichen Arschfick" kam. Der nachdenkliche Praunheim, der im SPIEGEL (48/1984) öffentlich vor den Aids-Gefahren der Promiskuität gewarnt hatte, muß sich seither gegen Vorwürfe wehren, er mache mit den Heteros gemeinsame Sache gegen die Freiheit der Homo-Szene; gemeint ist: gegen den schnellen Partnerwechsel.

"Immer noch", konstatiert auch der Szene-Kenner und kommende Grünen-Abgeordnete Rusche, gebe es unter den Homosexuellen "Leute, die wahre Meister im Verdrängen sind". Aber ein Trend zu einem "verantwortlicheren Umgang mit den sexuellen Praktiken" sei gleichwohl zu spüren. Rusche: "Ich gehe in die Sauna. Man trinkt Kaffee, redet und schwitzt miteinander; man faßt sich auch schon mal an", aber: "Gewisse Praktiken finden im früher geübten Maße nicht mehr statt." Zum Problem werde allerdings zunehmend "das Hinterland, wo noch eine Ahnungslosigkeit herrscht", die "manchmal erschreckt". Freunde in der Provinz begnügten sich noch häufig damit zu sagen: "Ich meide halt jeden Kontakt mit Amis."

Erschreckende Unwissenheit, darüber sind sich alle Aids-Experten einig, herrscht vorläufig auch noch bei der deutschen Ärzteschaft. "Die Kollegen", klagt Virologe Koch, "stehen wie der _(Mit Rosa von Praunheim und Moderatorin ) _(Lea Rosh. )

Ochs vorm Berge." Und die Frankfurter Professorin Brigitte Helm gab letzten Mittwoch im Fernsehen zu Protokoll: "Sie ahnen nicht, was für Fragen aus der Ärzteschaft kommen. Es ist eine Schande - sie wissen überhaupt nichts."

Wie groß die Unsicherheit ist, spürt auch der Hannoveraner Aids-Helfer Noelle in Gesprächen mit Ärzten. "Die wissen oft einfach nicht, was sie einem sagen sollen, in dessen Blut sie die Antikörper gefunden haben." Noelle rät zu Offenheit und selbstverständlichem Umgang mit Aids-Opfern. Aidshilfe, sagt er, "ist auch Geburtstag feiern und gemeinsam etwas unternehmen". Noelle hält sich an seine Empfehlung: Er begleitet die Aidskranke Billa Müller, die seit zwei Jahren an der Immunschwäche leidet (und in einer ARD-Talkshow darüber berichtete), derzeit auf einem Urlaub in Frankreich.

"Für das Gros der Ärzteschaft ist Aids noch eine exotische Rarität", klagte auch der Berliner Aids-Spezialist Pohle. "Nur eine Handvoll Kliniken", so Pohle, seien bisher ausreichend darauf vorbereitet, mit der "hochkomplizierten Aids-Problematik umzugehen".

Nicht nur "ein gewisses Phlegma" der Ärzteschaft sei daran schuld, meint der Berliner Aids-Experte, sondern auch eine verfehlte Gesundheitspolitik. Bisher ist aus Bonn, außer einer angsterweckenden Diskussion über Meldepflicht nach dem Bundesseuchengesetz, nichts Brauchbares zum Aids-Problem gekommen - am wenigsten finanzielle Unterstützung.

Anders als in den USA wird in der Bundesrepublik Aids-Forschung nur zurückhaltend unterstützt, laut Bonner Angabe vom letzten Freitag gerade mit vier Millionen Mark (geplantes US-Forschungsbudget für Aids 1986: 126,3 Millionen Dollar).

Nicht einmal für die Aufklärungsarbeit in den Risikogruppen, für die Arbeit der Selbsthilfegruppen und für geeignete Propaganda in Richtung "Safer Sex" gab es bisher Geld aus Bonn. Man könne sich auch "schlechterdings bei uns nicht vorstellen", meinte der Bonner Seuchenbekämpfer Professor Manfred Steinbach, daß drastisch-aufklärerisches Vokabular, wie jetzt in den USA verwendet, "von den Regierungsbänken herunter in die Bevölkerung kommt".

Allerdings herrscht auch unter den Wissenschaftlern selber noch Dissens über das richtige Vorgehen. "Verantwortungsbewußte Sexualforscher", erklärte der Frankfurter Sigusch in elitärer Distanz, hätten sich "bisher gescheut, Handlungsanweisungen zu geben", etwa zu einem "sichereren", mit weniger Ansteckungsrisiko belasteten Schwulen-Sex.

Gerade das sei nötig, fanden demgegenüber die Sexualmediziner Klaus Pacharzina und Wolfgang Müller von der Medizinischen Hochschule Hannover und verfaßten für den SPIEGEL einen "Leitfaden" (siehe Seite 152), der Homo- wie Heterosexuellen Wege zum "sichereren Sex" weisen soll, ohne den moralischen Rigorismus, wie ihn der Aids-Reisende Haeberle ("Treue muß wieder großgeschrieben werden") vertritt.

Er werde "die Klappe halten", ließ nun immerhin Sigusch letzte Woche wissen, "wenn die Gruppen selbst dazu kommen, ''Safer Sex'' zu machen und nicht hemmungslos in der Gegend herumkontaktieren" - obschon das andererseits "etwas Grauenhaftes" sei und "mit der Verdinglichung der Sexualität zu tun" habe.

Ob sich die von den Seuchen-Bekämpfern geforderte Änderung sexueller Verhaltensweisen wirklich machen läßt, steht sowieso noch dahin - auch die Syphilis endete nicht mit dem Verbot der Badehäuser.

Eingriffe in die Sexgewohnheiten der Menschen, so formulierte es der Diplomsoziologe und Autor eines Aids-Buches Frank Rühmann, tangieren stets "den Kernbereich menschlicher Existenz" - und da läßt niemand, ob Homo oder Hetero, gern dran rühren.

Auch im Angesicht des drohenden Todes findet die Keuschheit kaum neue Freunde. _(Oben: in der Fernseh-Talkshow "III nach ) _(neun"; ) _(unten: am 29. Juni auf dem Ku''damm. )

Mit Rosa von Praunheim und Moderatorin Lea Rosh. Oben: in der Fernseh-Talkshow "III nach neun"; unten: am 29. Juni auf dem Ku''damm.

DER SPIEGEL 33/1985
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