02.12.1985

RADSPORTDer fette Fredy

Weil er lieber feiert als trainiert, ist Olympiasieger Fredy Schmidtke bei Funktionären und Fans in Ungnade gefallen. *
Der Radrennfahrer Fredy Schmidtke, 24, frühstückte durchaus nicht wie ein Athlet, der auf die Figur achten muß: Butter, Käse und Salami packte er fingerdick auf die Brötchen. Dann verspeiste er noch ein Birchermüsli, und auch das Glas Champagner verschmähte er nicht.
Er sei, erklärte Schmidtke, "ein Lebemann" und das "in jeder Beziehung". Die zehn Kilo Übergewicht werde er "bei Gelegenheit" schon wieder abtrainieren. Der Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer, Werner Göhner, prophezeite hingegen: Bei Schmidtkes "Labilität ist kaum anzunehmen, daß er den Anschluß an die Weltspitze noch einmal findet".
Kein deutscher Medaillengewinner der Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles hat seither soviel Renommee eingebüßt wie Schmidtke, der Sieger im 1000-Meter-Zeitfahren.
Schon als er im Juli bei den Deutschen Meisterschaften nur Zehnter wurde, sah ihn die "Welt" in "rasender Schußfahrt vom Olymp" stürzen. Bundestrainer Udo Hempel bemerkte sarkastisch, man solle das nicht so eng sehen. Immerhin sei Schmidtke unter den Top-ten und darüber wäre "die Nena zum Beispiel sehr froh".
Anfang November beließ es Hempel allerdings nicht mehr bei bissigen Kommentaren. Weil Schmidtke, in der Branche jetzt vorwiegend "der fette Fredy" genannt, beim Amateurwettbewerb des Münchner Sechstagerennens bereits nach 23 Minuten keuchend und mit hochrotem Kopf vom Rad stieg, feuerte er ihn aus dem Nationalkader.
Der seit Dietrich Thurau und Gregor Braun talentierteste deutsche Radfahrer paßt nicht zum Bild vom asketischen und ehrgeizigen Hochleistungssportler. So ließ Schmidtke die Veranstalter von Sechstagerennen abblitzen, die mit Profi-Verträgen bis zu 5000 Mark Gage pro Nacht lockten. "Die Leute in der Halle saufen und amüsieren sich mit der Freundin, und ich soll arbeiten", begründete er.
Und: Schließlich habe er bei der Zielankunft in Los Angeles als erstes gedacht, "Junge, jetzt beginnen die goldenen Zeiten". Darunter, so Schmidtke, verstehe er nicht, daß "ich mir allen möglichen Streß aufhalse".
Anfangs waren die Zeiten wirklich golden. Wenn Schmidtke von Kaufhäusern zu Autogrammstunden gebeten wurde oder "die Petra Schürmann auf der Hannover Messe Interviews mit mir machte", fiel immer mindestens ein Tausender für ihn ab. Die Sporthilfe und der Sponsor Bayer- und BP-Tochter EC Erdölchemie zahlten dem gelernten Rohrschlosser ein monatliches Fixum, im April eröffnete er in seiner Heimatstadt Köln-Worringen ein eigenes Sportartikelgeschäft.
Daß ein Weltklasseathlet im besten Alter sich der Leistungsgesellschaft des Sports entzog, verärgerte gleichermaßen Verbandsfunktionäre wie Mitbürger im 11 000-Einwohner-Stadtteil Worringen. Solange sie sich mit Schmidtkes Erfolgen schmücken konnten - Olympiasieger, Weltmeister, dreizehnmaliger Deutscher Meister -, lächelten sie allenfalls nachsichtig über Bekenntnisse wie: "Ich lebe nicht nur für den Sport." Seit Fredy Schmidtke nicht mehr siegt, rächen sie sich an ihm.
Die Kundschaft blieb zwar nicht ganzweg, aber sie erschien auch nicht so zahlreich wie erhofft. Wenn seine Frau Brigitte abends ein paar hundert Mark in der Ladenkasse habe, so Schmidtke, seien sie schon zufrieden. "Ganz schlimme Neider" hätten ihm ausrichten lassen: Sie würden erstmals beim Räumungsverkauf das Geschäft betreten.
Mit dem sportlichen Abstieg sank auch das gesellschaftliche Ansehen. In _(Nach dem Gewinn der Goldmedaille am 30. ) _(Juli 1984 in Los Angeles. )
den Kneipen der Nachbarschaft findet jeder, der das Neueste zum Tratsch über Schmidtkes Lotterleben beitragen kann, aufmerksame Zuhörer.
So hängen, klagt Schmidtke, "im Bordell in Pulheim angeblich Photos mit Autogrammen von mir an den Wänden, und die Mädchen lassen mich deshalb immer umsonst". Sein Großvater habe ihm neulich wütend vorgeworfen, daß er bei einer Tankstelle mit 6000 Mark in der Kreide stehe und nicht bezahlen könne. "Alles Thekengespräche", so Schmidtke, "nichts stimmte."
Er sei "am Ende", schrieb die "Süddeutsche" über den Radfahrer Schmidtke, doch dessen von rheinischer Zuversicht bestimmtes Weltbild hat offenbar nicht Schaden genommen. Er sei "nämlich überhaupt nicht am Ende", sagt Schmidtke, er werde demnächst wieder feste trainieren und 1988 in Seoul "vielleicht sogar zwei Goldmedaillen holen".
Zunächst aber wolle er den letzten Olympiasieg "noch ein bißchen feiern".
Nach dem Gewinn der Goldmedaille am 30. Juli 1984 in Los Angeles.

DER SPIEGEL 49/1985
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