09.09.1985

RUMÄNIEN

Held der Helden

Mit Hymnen auf Staatspräsident Ceausescu schrieb sich Adrian Paunescu zum Hofdichter empor. Jetzt nahm die Karriere des Starjournalisten ein jähes Ende. *

Im Stadion der Industriestadt Ploiesti stürzte eine vollbesetzte Tribüne ein und begrub mehr als hundert junge Leute. Sieben Menschen starben, rund vierzig wurden schwer verletzt.

Mit zu Bruch ging dabei die Karriere des schier allmächtigen Starjournalisten und Poeten Adrian Paunescu, 42, der für manche ein kühner Kritiker und für andere ein schäbiger Opportunist, doch für alle das faszinierendste Mannsbild Rumäniens war.

Er war ein Vertrauter des Staats- und Parteichefs Nicolae Ceausescu, 67, und im Lande nahezu so bekannt wie der Politiker selbst. Er war reich und mächtig - bis eben zur Stadion-Tragödie.

Seither steht sein Name - erstmals in zwölf Jahren - nicht mehr in der von ihm redigierten Zeitung "Flacara" ("Die Flamme"). Und Adrian Paunescu, gestern noch ein Hansdampf in allen Gassen, ist nirgends zu erreichen, er ist plötzlich zu einer Un-Person geworden.

Begonnen hat die steile Laufbahn des Lehrersohns aus Bessarabien beim Schriftstellerkongreß 1972 in Bukarest. Paunescu - damals ein störrischer Jungdichter mit unbefriedigtem Geltungsdrang - suchte nach einer effektvollen Art des Protests, weil ihm der Einlaß in den Kongreßsaal verweigert worden war. Kurz entschlossen malte er das Wort "Greva" (Streik) auf die größte Tafel, die er finden konnte, und ließ sich in deren Schatten auf der Calea Victoriei, nahe dem Amtssitz Ceausescus, nieder.

Volle fünfzehn Stunden harrte er aus. Dann geschah das Wunder. Statt im Gefängnis landete er vor Ceausescu. Der Führer ("Conducator") zeigte sich rauhbeinig-gnädig. "Wenn ich dein Vater wäre, würde ich dich knien lassen und kräftig durchprügeln", meinte er.

Paunescu sank tatsächlich theatralisch in die Knie. Verklärten Auges starrte er den Conducator an. Es sei, stammelte er, sein einziger Wunsch, "dem genialen Steuermann meines Vaterlandes mit ganzem Herzen und ganzer Seele zu dienen".

Fortan konnte sich keiner mehr gegen Paunescu stellen. Die Gunst des Steuermanns beförderte ihn senkrecht nach oben. Zuerst durfte er auf Staatskosten in den USA studieren, für Rumänen eine Auszeichnung mit Seltenheitswert. Im Februar 1973 hievte ihn sein Gönner durch ein persönliches Machtwort in den Chefredakteurs-Sessel der illustrierten Wochenzeitung "Flacara".

Das allerhöchste Wohlwollen förderte keinen Unwürdigen. Paunescu verstand es, die langweilige "Flacara" in kurzer Zeit total umzukrempeln und zum gültigen Maßstab geduldeter Systemkritik zu machen. Ihre Auflage kletterte 1984 auf 300 000 Exemplare, ihr Umfang schwoll auf 36 Seiten, ihr guter Ruf drang ins letzte Dorf.

Paunescus "Flacara" erhob inmitten einer fast stalinistischen Diktatur die Stimme der Liberalität. Demonstrativ nahm sie sich der totgeschwiegenen gesellschaftlichen Außenseiter an, der Alten und Armen ebenso wie der frustrierten Jugendlichen. Bald plädierte sie für den Schutz der Pelikane im Donaudelta, bald für mehr Discos, mehr Wassermühlen, mehr Rentengerechtigkeit. Daneben galt ihre Fürsorge den diversen, behördlich geächteten Wunderheilern für Krebskranke oder Fettleibige.

Den wohl größten Coup landete "Flacara" mit einer geradezu sensationellen Beschwerdekolumne, die öffentlich abhandelte, was in Rumänien sonst allenfalls hinter vorgehaltener Hand geflüstert wird. Schlampereien der Behörden, Nachlässigkeiten von Handwerkern und falsche Entscheidungen durch Firmenchefs standen nun in der Zeitung. Selbst dramatische Versäumnisse seitens der

Behörden und des staatlichen Gesundheitsdienstes griff "Flacara" mutig auf.

So beispielsweise den Fall einer verletzten Frau, die dem Arzt zu alt erschien, um noch eine kostbare Tetanusinjektion zu verdienen. Sie solle, riet der Mediziner, ihre Wunde einfach mit Lampenöl säubern. Auch als sie später Symptome von Wundstarrkrampf zeigte, war ihm das Tetanus-Serum zu wertvoll.

Als die Frau daraufhin starb, suchten der pflichtvergessene Mediziner und die Behörden ihre Schuld in kafkaesker Weise abzuwälzen: Die Verwandten der Toten wurden wegen "Unterlassung der gesundheitlichen Vorsorge" bestraft - sie hätten auf eine Tetanusinjektion dringen müssen. "Hier verschlimmerte sich die Inkompetenz durch Zynismus", kommentierte "Flacara" den Fall.

Die Legitimation zu derartigen Ketzereien erwarb sich Paunescu durch periodische Hymnen auf Nicolae und Ehefrau Elena Ceausescu. Seine Gedichte, ganzseitig in "Flacara" abgedruckt, verherrlichten den Oberkommunisten als "Held der Helden" und als "Mann, den uns der Frühling gebracht hat". Der bekannt eitle KP-Chef hörte das nur zu gern.

Zusätzliche Narrenfreiheit gewann der rumänische Barde mit Hilfe der sogenannten "Flacara"-Happenings, einem unterhaltsamen Wanderzirkus, der reihum in den größeren Städten gastierte und rasch zum Publikumshit wurde. "Im Durchschnitt kamen 4200 Besucher", bejubelte "Flacara" den Ansturm vorwiegend junger Leute. Sogar 10 000 und 15 000 sollen es schon gewesen sein.

Dank dieser Happenings wuchs Paunescus Popularität ins Gigantische - inoffizielle Umfragen ergaben, daß sie schließlich gleich hinter jener Ceausescus rangierte.

Der Chefredakteur erwies sich nämlich als genialer Talkmaster, der sein Publikum aufzuputschen verstand. Mit Pop, Rock, Sprechchören ("Licht, Kampf, Freiheit") und Gedichten wußte er eine geradezu hysterisch-nationalistische Stimmung anzufachen, die ältere Zuschauer aus Deutschland an Nazi-Kundgebungen des Joseph Goebbels erinnerte.

Daß Adrian Paunescu auch persönlich exzessiv lebte, verstand sich bei seinem Charakter von selbst. Er tauschte seine Frau, die Dichterin Constanta Buzea, gegen eine lange Reihe immer hübscher werdender Gespielinnen, fuhr einen weißen Mercedes und residierte in einer höchst luxuriösen Bukarester Villa.

Zusätzlich kaufte er sich eine Sommerhütte in den Karpaten, die ihm der Bürgermeister von Breaza auf Gemeindekosten in ein winterfestes Fünf-Zimmer-Haus umbauen mußte. Ganz Rumänien munkelte von hohen Bestechungssummen aus den Geldbörsen der Wunderheiler, denen "Flacara" zu stattlichen Einkünften verholfen hatte.

In jüngster Zeit begann sich der "Dichter der Ceausescu-Ära" (Paunescu über sich selbst) auf künftige Realitäten einzustellen. Statt auf Ceausescu senior setzte er mehr und mehr auf dessen Sohn und vermutlichen Nachfolger Nicu, 35.

Statt des gewohnten Sprechchors "Ceausescu und das Volk" lancierte er plötzlich den recht doppelsinnigen Slogan "Ceausescu tinerii", was sowohl "die Jungen sind für Ceausescu" wie auch "Wir wollen den jungen Ceausescu" bedeutet. Die beiden Playboys Adrian und Nicu verstanden einander sichtlich gut.

Wahrscheinlich zu gut. Der alte, angeblich an Prostatakrebs erkrankte Ceausescu beobachtete die neue Freundschaft mit größtem Mißtrauen. Der Personenkult seines Medienstars für den Junior und das allzu unbekümmerte Doppel-Spiel der beiden Benjamine machten ihn argwöhnisch.

Paunescu dürfte bereits zu selbstsicher gewesen sein, um gewisse Warnsignale richtig zu deuten, etwa seine Nichtwahl ins Zentralkomitee oder den plötzlichen Ärger mit einflußreichen Kreissekretären. Auch schien er es kaum zu bemerken, daß die üblichen Einladungen des Präsidentenpaares zu ausgedehnten Unterhaltungen von heute auf morgen ausblieben.

Über die sieben Toten im Stadion von Ploiesti kam der Hofdichter Paunescu schließlich zu Fall. Denn eine Untersuchung der Katastrophe ergab: Am Vormittag des 15. Juni hatte Kreissekretär Vigil Cazacu vergebens dafür plädiert, ein von Paunescu geplantes Stadion-Happening wegen der angekündigten schweren Gewitter zu verschieben. Der Journalist kanzelte ihn arrogant ab ("Das ist nicht Ihr Kaffee") und bestand auf der Veranstaltung, zu der er betrunken erschien.

Just im Moment, da die Stimmung auf dem Höhepunkt war, fegte ein schwerer Regensturm über die offene Arena. "Niemand kapituliert, wir setzen das Fest im Theater fort", brüllte Paunescu durchs Mikrophon den fast 15 000 Teilnehmern zu. In der Alkohollaune vergaß er, daß der benachbarte Theatersaal nur einige hundert Menschen faßt.

Es kam zum Tumult. Die Massen drängten gegen die Ausgänge. Die aber waren verschlossen. Viel zu viele Menschen ballten sich daraufhin auf einer Tribüne und brachten sie zum Einsturz.

Seither kein Wort mehr, kein Gruß, kein Vers von Adrian. "Gefängnisse", resigniert einer seiner Freunde, "haben bei uns Geheimnummern." _(Cover-Photos einer Langspielplatte ) _((oben) und eines Gedichtbandes. )

Cover-Photos einer Langspielplatte (oben) und eines Gedichtbandes.

DER SPIEGEL 37/1985
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