17.06.1985

Südafrika: „Wut wie bei Sklavenaufständen“

Weiße Bergleute nehmen die Pistole mit unter Tage, Bürger stocken ihre Munitionsvorräte auf: Weiß-Südafrika rüstet sich für den großen Kampf gegen die schwarze Mehrheit. Landesweit flammen Unruhen auf, seit letzten September kamen 400 Schwarze um. Die Staatsmacht schlägt brutal zu - und bietet dennoch verblüffende Konzessionen an. Das weiße Regime ist nicht mehr berechenbar. Firmen beginnen sich abzusetzen.
Eine weiße Familie, in den Busch geflüchtet, hört im Transistorradio die Schreckensbotschaften aus Johannesburg:
"Um den Jan-Smuts-Flughafen fanden heftige Kämpfe statt; die Stadtmitte, unter Kriegsrecht, war in der letzten Nacht ruhig, aber man hatte Geschützfeuer gehört und verworrene Berichte von schweren Kämpfen in östlichen und nördlichen Vororten."
"Das Rote Kreuz bat um Blutspenden. Das Gaswerk war angegriffen worden."
"Der amerikanische Kongreß beriet über die Errichtung einer Luftbrücke für amerikanische Staatsangehörige. Die Flughäfen von Kapstadt, Durban und Port Elizabeth waren geschlossen, die Seehäfen bombardiert und blockiert."
In Südafrika tobt der große Rassenkrieg. Die Schwarzen greifen im Land selbst und von außerhalb an. Die schwarze Lawine treibt Weiße in Panik zu Flucht-Flugzeugen, die im Feuer hitzegelenkter Raketen liegen. Andere suchen Rettung in den Dörfern ihrer Diener. Vertriebene Villenbewohner verstecken sich in primitiven Kraals. Aus Herren _(Am 1. Mai 1985 in Johannesburg. )
sind Gehetzte geworden. Ein Zeitalter geht zu Ende.
Das düstere Bild vom gewaltsamen Ende der jahrhundertealten weißen Herrschaft am Kap zeichnet die Südafrikanerin Nadine Gordimer in ihrem Roman "July''s Leute". _(Nadine Gordimer: "July''s Leute". S. ) _(Fischer Verlag, Frankfurt 1985; 207 ) _(Seiten. )
Die Erfolgsautorin erzählt von Landsleuten, die "sich und allen anderen gesagt hatten, das hier sei die Heimat und nirgendwo sonst", und die sich nun "als weiße Parias, auf einem schwarzen Kontinent geboren" wiederfinden:
Sie haben mit ihrem Besitz ihre Würde eingebüßt, mit ihrer gesellschaftlichen Stellung ihre Identität. Die schwarze Revolution frißt die weißen Kinder Afrikas.
Alpträume, wie sie Nadine Gordimer beschreibt, verdrängten die Weißen am Kap bisher. Defätismus war Schwäche, verpönt bei Menschen, die nicht - wie Engländer, Franzosen und Portugiesen - einfach in ein "Mutterland" zurückkehren können, die sich zudem als Kolonisatoren und Missionare fühlten.
Südafrikas 4,8 Millionen Weiße machten sich lieber Mut - obschon die Mehrheit von über 22 Millionen Schwarzen sowie 3,7 Millionen Mischlingen und Asiaten immer schon erdrückend war: Sie beriefen sich darauf, daß ihnen ihr Untergang schon oft vorausgesagt worden sei. Noch aber hatten die Buren alle Stürme am Kap überstanden.
Sie überstanden Sharpeville 1960, als die Polizei 69 Schwarze tötete, die gegen diskriminierende Paßgesetze demonstriert hatten, und eine weltweite Protestwelle gegen den Rassistenstaat Südafrika losbrach. Sie überstanden 1963 einen internationalen Waffenboykott sogar glänzend: Ihr Land entwickelte sich vom Importeur zum Exporteur von Rüstungsgütern.
Sie überstanden die Ölsanktionen der Opec: Die Südafrikaner lernten, Treibstoff wirtschaftlich aus Kohle zu gewinnen, und horteten zudem in riesigen Erdbunkern Ölreserven für zehn Jahre.
Sie überstanden Soweto 1976, als Schülerproteste gegen die verhaßte Burensprache Afrikaans zu Schlachten mit den Sicherheitskräften führten. Der Aufstand griff auf das ganze Land über, die Polizei schoß, 575 überwiegend jugendliche Schwarze kamen ums Leben.
"Wir schlugen uns in ohnmächtiger Wut die Brust", erinnert sich der schwarze Kolumnist Aggrey Klaaste an den 16. Juni 1976 in Soweto, "und schüttelten die Köpfe in stiller Bewunderung für Schulmädchen, die in Turnanzügen gegen gepanzerte Fahrzeugemarschierten."
Im Frühsommer 1985 aber spricht Südafrikas Staatspräsident Pieter Willem Botha von einer "drastischen Eskalation des revolutionären Klimas".
Südafrikas Regierung sieht mit Entsetzen, wie von ihr errichtete Strukturen zusammenbrechen. Aufgebrachter Mob griff überall im Land die von den Behörden unterstützte Eingeborenenverwaltung an. Schwarze töteten fünf schwarze Stadträte, verprügelten über 100, brannten 66 "Kollaborateuren" die Häuser nieder. Von über hundert schwarzen Lokalverwaltungen Ende 1984 funktionierte im Mai kaum noch ein Dutzend.
Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht junge Schwarze die Autorität des Apartheidstaates mit Steinen und Molotow-Cocktails herausfordern - von Tzaneen
im Norden bis Port Elizabeth im Süden, von Kapstadt an der Westküste bis Durban am Indischen Ozean. Einem Steppenbrand gleich hat sich die Revolte gegen die weiße Herrschaft ausgebreitet.
Fast 400 Menschen, darunter nur zwei Weiße, wurden bei den Unruhen seit dem letzten September umgebracht. Denn die Ordnungskräfte setzen Knüppel, Peitschen und Tränengas oft gar nicht erst ein, sondern schießen gleich scharf. Tausende wurden verletzt, rund 10 000 verhaftet, nicht selten von Polizeihäschern bei Ärzten oder in Krankenhäusern aufgespürt.
Während die Staatsmacht schießt, rüsten die Bürger. Weiße Bergleute nehmen die Pistole mit unter Tage. Die Menschen "stocken ihre Munitionsvorräte auf für die Gewehre, die sie nach den Unruhen von 1976 gekauft haben", weiß ein Waffenhändler in Uitenhage.
Uitenhage, eine Stadt bei Port Elizabeth, steht symbolisch für den jüngsten Ausbruch weißer Gewalt: Am 21. März 1985, auf den Tag 25 Jahre nach Sharpeville, feuerte dort die Polizei in einen Trauerzug für schwarze Polizei-Opfer und tötete mindestens 20 Menschen. Wie 1960 in Sharpeville hatten die meisten Opfer die Einschußwunden im Rücken.
Ergreifen also 84 Prozent der Bevölkerung, die Nichtweißen, immer noch die Flucht vor 16 Prozent der Bevölkerung, den Weißen, wenn diese nur kräftig draufhalten? Entwarf die Schwarzmalerin Nadine Gordimer absurdes Theater? Liegt das britische Wirtschaftsmagazin "Economist" richtig mit seiner Vermutung: "Die gegenwärtigen Herrscher haben seit Sharpeville ein Vierteljahrhundert überlebt und werden möglicherweise auch ein Vierteljahrhundert nach Uitenhage überleben"?
Einen Zeitpunkt für das Ende der weißen Herrschaft am Kap kann niemand voraussagen. Sicher aber ist, daß sie zu Ende geht. Seit Sharpeville und Soweto hat sich die Lage dramatisch verändert:
Schlug damals noch ein selbstbewußtes Regime brutal zurück, wann immer es sich herausgefordert sah, so kennzeichnen heute - trotz gleichgebliebener Brutalität - Selbstzweifel und Widersprüche Südafrikas Herrschaftssystem.
Bettelten damals noch schwarze Politiker um Gehör bei den Weißen, verkündet heute ein Gemäßigter wie der Friedensnobelpreisträger Bischof Tutu: "Die Apartheid kann nicht reformiert, sondern nur abgeschafft werden."
Waren damals schwarze Gewerkschaften noch nicht zugelassen, zählen sie heute mehrere Hundertausend Mitglieder, sind sie sich ihrer schärfsten Waffe bewußt geworden: daß sie die weiße Herrschaft durch Arbeitsverweigerung aus den Angeln heben können.
Galt Südafrika damals noch als todsicheres Investitionsland, breitet sich heute im Westen eine Bewegung aus, für die eigens ein neues Wort geprägt wurde - "Disinvestment":
Amerikas Kongreß ist dabei, per Gesetz den US-Banken zu verbieten, in Südafrika weiter Geld anzulegen. Frankreich droht mit dem Abbruch der Wirtschaftsbeziehungen. Firmen wie Ford und Coca-Cola reduzieren ihre Mehrheitsbeteiligungen in Südafrika. Pan Am stellt den Flugverkehr nach Johannesburg ein. Südafrika, rechnen Manager multinationaler Konzerne, schlage nur noch mit "einem Prozent der weltweiten Profite, aber mit zehn Prozent aller Kopfschmerzen" zu Buche.
Kein Zweifel: Südafrika ist nicht mehr, was es vor kurzem noch war. Anders als in den Boomzeiten der sechziger und siebziger Jahre ist die Wirtschaft schwer angeschlagen. Das Gold, Südafrikas wichtigstes Exportprodukt, _(Die Soldaten beobachten einen Lkw, der ) _(Schwarze zu einer Beerdigung bringt. )
das 1982 auf dem Weltmarkt 850 Dollar pro Feinunze kostete, bringt heute nur noch rund 310 Dollar. Eine dreijährige Dürre hat Südafrikas Farmer schwer geschädigt. Die Landeswährung Rand verlor innerhalb von 15 Monaten 40 Prozent ihres Wertes, die Inflation stieg auf 16 Prozent.
"Wir wollen keine Panik auslösen", rät die New Yorker Consulting-Firma Rinfret Associates, "aber wir müssen die Kunden auf das Schlimmste vorbereiten ... Südafrika kann schnell in einen fortdauernden Guerillakrieg rutschen. Unternehmen sollten darauf vorbereitet sein, das Land abzuschreiben, falls es dazu kommt."
Die Zeichen an der Wand sind deutlich auszumachen: Der verbotene African National Congress (ANC), die Befreiungsbewegung der Schwarzen Südafrikas, verübte seit Januar mindestens 30 Sabotageakte und Bombenanschläge. Ende Mai schlug die Organisation zweimal im Zentrum von Johannesburg zu. Bomben detonierten vor einem Büro der Armee und Räumen einer Organisation, die Geschenke an Soldaten schickt, und verletzten über 20 Menschen.
Der Staat, der sich so gern als kapitalistisches Wunderland mit sicherer weißer Herrschaft darstellte, als herausragendes Beispiel europäischer Schaffenskraft in einem unruhigen, chaotischen Erdteil, der sich als Bollwerk verstand unter lauter moskauhörigen, unfähigen, korrupten Potentaten - Weiß-Südafrika erscheint heute wie ein Gigant auf tönernen Füßen, der von einstigen Freunden einem dunklen Schicksal anheimgegeben ist und, kopflos geworden, seinerseits seine besten Freunde verprellt.
Der Partner, auf dessen Hilfe die Buren fest rechnen zu können glaubten, die Reagan-Administration in Washington, ist empört. Denn Südafrikas Verteidigungsminister Magnus Malan, "der Gaddafi des südlichen Afrika" (so ein Kapstädter Oppositionsabgeordneter), schickt, aberwitzig genug, Kommandounternehmen gegen amerikanische Industrieanlagen aus:
Ende Mai sollten Truppen Anlagen des US-Konzerns Gulf Oil im linken Angola sprengen. Sie wurden entdeckt und in die Flucht geschlagen. Aber ein südafrikanischer Offizier geriet in Gefangenschaft; und nun kann Angola beweisen, wie dringend es jene 30 000 Mann kubanische Hilfstruppen braucht, die Reagan so gern aus Afrika heraus hätte.
"Südafrika sabotiert unsere Außenpolitik", schimpften Beamte in Washington. Das Konzept von Reagans "konstruktivem Engagement" - Abzug der Kubaner aus Angola für Südafrikas Zustimmung zur Unabhängigkeit Namibias - scheiterte endgültig: Für den 17. Juni kündigte Pretoria die Einsetzung einer Übergangsregierung von Südafrikas Gnaden in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwest an, einem Mandatsgebiet, das es nach Ansicht der Uno-Mehrheit widerrechtlich beherrscht.
Der Apartheidstaat, so die "Washington Post", "unterdrückt nicht nur zu Hause die schwarze Mehrheit; er gibt auch der weißen Minderheit die Macht und Arroganz, Südafrikas Nachbarn zu peinigen". Aufgebracht über den Sanktionsbeschluß des US-Kongresses drohte der stellvertretende südafrikanische Außenminister Louis Nel, eine Million Gastarbeiter aus Nachbarländern auszuweisen.
Vor zwei Jahren hatte Pretoria seine militärische Stärke genutzt, um die schwarzen Nachbarn an den Verhandlungstisch zu zwingen. Die Abkommen von Nkomati und Lusaka, die 1984 mit amerikanischer Hilfe zustande kamen, verpflichteten die Linksregime in Mosambik und Angola, Widerstandskämpfer aus Südafrika und Namibia nicht mehr zu unterstützen. Der ANC mußte seine Basen in Mosambik räumen. Pretoria verhandelte damals mit Mosambik über Wirtschaftshilfe, mit Angolanern und Amerikanern über Namibias Unabhängigkeit.
Amerikas Afrika-Politik schien Früchte zu tragen. Wider Erwarten schien Entspannung ausgebrochen im Süden Afrikas. Südafrikas Präsident Pieter Willem Botha kündigte den sensationellen Durchbruch an: "Nur Leichenzüge ziehen langsam."
Doch dann revoltierte die schwarze Masse zu Hause. Und Südafrikas Weißen ging auf, daß sie ihre Herrschaft nicht an den Grenzen von Mosambik, Angola und Simbabwe verteidigen müssen, sondern in Kwanobuhle und Crossroads, in Mamelodi und Alexandra, schwarzen Slums, die das angebliche Paradies am Kap immer schon schwerstens diskreditiert hatten.
Die Aufstände brachen meistens los, wenn Bulldozer anrückten, um die primitiven Behausungen von Slumbewohnern niederzureißen, die "umgesiedelt" werden sollten. Zum ersten Mal in Südafrikas Geschichte verstärkten Armee-Einheiten die Polizei bei der Niederschlagung innerer Unruhen - was die Polarisierung zwischen weißer Staatsmacht und schwarzen Untertanen weiter verschärfte.
Die "schwarze Wut" in den Townships erinnert die "New York Times" an die "geschichtlichen Phantome von Sklavenaufständen". "Hinter den in immer kürzeren Abständen aufflammenden Unruhen" vermutet der Führer der oppositionellen Progressiven Föderalen Partei (PFP), Frederik van Zyl Slabbert, "feste Führung und Organisation". Bischof Tutu hält entgegen: "Wenn du einen Nagel im Schuh hast, brauchst du keinen Agitator, der dir sagt, daß dein Fuß schmerzt."
Die Schmerzen der Schwarzen: Sie sollen sich mit 13 Prozent des Bodens zufrieden geben, obwohl sie fast drei Viertel der Bevölkerung stellen. Sie werden in Schnellverfahren verurteilt, wenn sie sich unbefugt in "weißen" Gebieten aufhalten. Sie haben einen Arzt für 12 000 Menschen, die Weißen für 330. Sie erhalten für die Ausbildung ihrer Kinder nur ein Achtel der Summe, die der Staat für weiße Schüler ausgibt. Sie dürfen nicht wählen.
"Es ist nur noch eine Frage der Zeit", warnt die Johannesburger Schwarzen-Zeitung "Sowetan", "bis die Unruhen auf die Viertel der Weißen übergreifen." Der geschichtliche Anachronismus des letzten weißen Minderheitsregimes in Afrika wird immer offenkundiger.
Aus Elend und Unfreiheit drängen die Schwarzen nach oben. Mögen viele von
Afrikas unabhängigen Staaten hungern, mögen ihre Einwohner, ihre Minderheiten zumal, unter dem Terror von Diktatoren und Putschisten leiden - die südafrikanischen Schwarzen wollen ihre Fahne, ihre Hymne, ihren eigenen Staat, den sie "Asania" nennen.
Dabei hätten die Schwarzen, so argumentiert sogar ein südafrikanischer Regimekritiker wie der liberale Wirtschaftskapitän Harry Oppenheimer, bis vor kurzem Chef des Minenkonzerns Anglo American Corporation, heute weniger Grund zur Rebellion als zur Zeit des Soweto-Aufstandes: *___1976 saßen im Parlament nur Weiße, heute sind dort ____schon Mischlinge und Inder vertreten. *___1976 durften Schwarze nirgendwo außerhalb ihrer ____"Heimatländer" Grund besitzen, heute können sie an ____einigen Orten Haus und Boden kaufen. *___1976 war in der Industrie noch fast alle qualifizierte ____Arbeit per Gesetz ausschließlich Weißen vorbehalten, ____heute ist das System der Arbeitsplatzreservierung ____weithin außer Kraft.
Doch die Geschichte lehrt, daß Revolutionen meistens dann ausbrechen, wenn sich die Machthaber bereits Zugeständnisse haben abringen lassen:
Frankreichs Ludwig XVI. hatte 1789 am Vorabend seines Sturzes zum ersten Mal seit hundert Jahren die Generalstände einberufen. Ungarns Stalinisten wollten 1956 das Volk beschwichtigen, indem sie als Staatsfeinde hingerichtete und verscharrte Führer feierlich umbetteten. In Portugal durften 1970 linkskatholische Oppositionsabgeordnete ins Parlament einrücken. Die Revolten waren dennoch nicht zu stoppen.
Heute läßt sich Südafrikas unterster Stand nicht mehr mit Halbheiten abspeisen. Das Tempo vorsichtiger Reformen hält nicht Schritt mit der Dynamik ständig steigender Erwartungen der Schwarzen. Mögen jene Reformen "gar nichts für die Außenwelt, sehr wenig für die Schwarzen, aber wahnsinnig viel für die Weißen" bedeuten, wie die Oppositionspolitikerin Helen Suzman erklärte - sie kommen zu spät und heizen nur Forderungen nach mehr an.
"Die Zeit ist schwarz", beschreibt der im Exil lebende südafrikanische Dichter Breyten Breytenbach Südafrikas Zukunft. Die Schwarzen hätten zwar "noch keine Mehrheitsstrategie für eine Revolution", aber es gebe unter ihnen "eine innere Befreiung, ein kulturelles Selbstbewußtsein, das sich in der Bereitschaft ausdrückt, für die Sache zu sterben. Der Punkt ist erreicht, an dem es keine Umkehr gibt".
"Es ist jetzt unsere Aufgabe, eine unregierbare Lage herzustellen", erklärt Thami Mali von der Vereinigten Demokratischen Front (UDF), einem Dachverband von über 600 Organisationen und Kirchengruppen, welche die Apartheid bekämpfen. Der Staat soll gezwungen werden, "bestimmte Gebiete zu befreiten Zonen zu erklären".
So etwas Ähnliches gibt es schon im Polizeistaat Südafrika. In der schwarzen Slum-Stadt von Cradock in der Kapprovinz reden sich die Menschen mit "Genosse" an. Kleinkinder heben die Faust zum Gruß "Amandla ngawethu" - "Die Macht dem Volke". Die Behörden haben es aufgegeben, einen Slogan an Cradocks Fußballplatz zu entfernen, weil er am nächsten Tag wieder da wäre: "Viva Umkonto we Sizwe" - Umkonto we Sizwe, Speer der Nation, heißt die Untergrundarmee des ANC.
In Sebokeng, 80 Kilometer südlich von Johannesburg, leben die Mitglieder des schwarzen Stadtrates in einer Festung hinter Stacheldraht, bewacht von schwerbewaffneten Posten, als Flüchtlinge vor ihren eigenen Bürgern, die ihre "Exilregierung" verhöhnen. Dem Bürgermeister Esau Mahlatsi wurden Haus und Geschäfte niedergebrannt, sein Stellvertreter Sam Dlamini starb unter
Haumessern, seine Leiche wurde mit Benzin übergossen und verbrannt. Kein Wunder, daß sich da für Nachwahlen am 20. Mai keine Kandidaten meldeten.
"Wenn Schwarze auch Schwarze angreifen", so Bischof Tutu, "beweist das nur, daß die Verbitterung ein Niveau erreicht hat, das eine gewaltige Explosion nicht mehr ausschließt." Und die Regierung findet neuerdings bei den Schwarzen keine ansprechbare Autorität mehr. Nun rächt sich, daß die Weißen über Jahrzehnte hin alle wirklichen schwarzen Führer ausgeschaltet hatten:
"Gebannt", das heißt mit Hausarrest und Redeverbot belegt, wie den 1967 verstorbenen Friedensnobelpreisträger Albert Luthuli; eingesperrt wie den ANC-Führer Nelson Mandela; ins Exil getrieben wie Mandelas Vize Oliver Tambo; umgebracht wie 1977 den Studentenführer Steve Biko.
Es scheint, als ob die weiße Minderheit den Zeitpunkt für einen friedlichen Wechsel verpaßt hat und das Land - vielleicht gar die Region - einer Tragödie entgegentreibt. Afrikas "weißer Stamm", wie sich die Buren stolz nennen, bangt um sein Überleben. Er schwankt zwischen blutiger Repression und verblüffenden Konzessionen: *___Da bietet die Regierung ihrem Staatsfeind Nummer eins, ____Nelson Mandela, öffentlich die Freilassung an - und ____verhaftet 16 Führungsmitglieder der legalen ____Oppositionsbewegung UDF. *___Da erzählen Beamte vertraulich, das ANC-Problem sei ____durch die Liquidierung aller Kader zu lösen - und ____staatstreue Südafrikaner fahren mit dem Segen höchster ____Stellen zu Gesprächen mit ANC-Exil-Führern nach Sambia. *___Da lassen die Behörden an einem Tag Menschen ____zusammenschießen, weil die ihre illegal errichteten ____Siedlungen nicht aufgeben wollen - und widerrufen am ____nächsten Tag den Räumungsbefehl. *___Da nimmt die Polizei Tag für Tag Hunderte von Schwarzen ____fest, weil sie sich unberechtigt in irgendwelchen ____Landesteilen aufhalten - und die Regierung legt ____gleichzeitig ein Gesetz vor, das die Bewegungsfreiheit ____der Schwarzen erweitern soll.
Das Tohuwabohu entspringt einer tiefen Verunsicherung der Apartheidsapostel, ist mit einer systemimmanenten Schizophrenie zu erklären.
Südafrikas Credo der Rassentrennung fordert, die Schwarzen in entlegene "Heimatländer" auszubürgern. Südafrikas kapitalistische Wirtschaft aber braucht die Schwarzen dort, wo Produktion und Handel florieren sollen.
Selbständige schwarze Handwerker verrichten in Johannesburg Bauarbeiten, welche von den Behörden abgenommen werden - obwohl die Schwarzen in der Stadt gar nicht tätig werden dürften.
Johannesburgs Geschäfte, die ausschließlich Weißen gehören, erzielen 60 Prozent ihres Umsatzes mit schwarzen Kunden; und die meisten Läden würden ohne diese Käufer bankrott gehen - dabei haben Schwarze, abgesehen von Hauspersonal, in der Stadt kein Wohnrecht.
"Wir Weißen allein können wirtschaftlich nicht überleben", sagt der Ökonomieprofessor Willie Esterhuyse, ein Berater des Präsidenten Botha. "Wir brauchen das Talent von Mischlingen und Schwarzen, und das erfordert eine beträchtliche ständige Stadtbevölkerung." Der Gelehrte weiß aber um die Gefahr für die Staatsdoktrin: "Es ist ein Dominospiel: Wenn du einen Stein anstößt, fallen sie alle."
Die Schwarzen spüren, wie leicht die Steine zu erschüttern sind. 1984 organisierten sie 469 Streiks, so viele wie nie zuvor in einem Jahr in Südafrika. An einem Zwei-Tage-Streik im November für höhere Löhne und mehr Rechte der Arbeiter im Gebiet von Johannesburg beteiligten sich mindestens 500 000 Arbeitnehmer.
Der Streik offenbarte einmal mehr den Widerspruch zwischen Staatsmacht und Kapital: Die Privatindustrie ließ die Streikenden weitgehend unbehelligt. Der Staatsbetrieb Sasol aber feuerte 6000 Arbeiter. Die Industrie führte mit Gewerkschaftsfunktionären Gespräche. Die Regierung aber nahm Gewerkschafter als "Rädelsführer" fest.
"Mitten in unseren Verhandlungen", beschwerte sich der Generaldirektor der Industriekammer FCI, "hat uns Le Grange die Gesprächspartner weggenommen." Louis Le Grange, der Minister für Gesetz und Ordnung, fand die Einstellung der Wirtschaft "traurig".
Le Granges Polizei verfolgt Gewerkschafter als besonders gefährliche Staatsfeinde. Sie nahm den Funktionär Andries Raditsela unter fadenscheinigen Gründen fest und richtete ihn derart zu, daß der Gewerkschafter starb. "Die Regierung wird nicht zulassen", erklärte Innenminister Frederik de Klerk, "daß Gewerkschaften Startrampen für die Erringung politischer Macht werden."
Zwar hat sich die Lage etwa der schwarzen Bergarbeiter gebessert - vor 15 Jahren verdienten sie nur ein Zwanzigstel ihrer weißen Kollegen; heute, nach Angaben schwarzer Gewerkschaftsführer, immerhin schon ein Sechstel. Doch der schwarzen Arbeitnehmerbewegung verschaffte das nur Auftrieb.
Heute gehören von den knapp 500 000 schwarzen Bergleuten 130 000 der Gewerkschaft an. "Die aufblühenden schwarzen Gewerkschaften", so Londons "Guardian", "stellen für die Regierung den Geist aus der Flasche dar, der nun nicht mehr zu bändigen ist."
Der neue Geist wird sich um so weniger wieder einfangen lassen, als ihn die Wirtschaft unterstützt. In einem Sieben-Punkte-Plan verlangen sieben Unternehmerverbände, die 80 Prozent von Südafrikas Arbeitnehmern beschäftigen, ausdrücklich die allgemeine Zulassung unabhängiger Gewerkschaften. Ebenso fordern sie südafrikanische Staatsbürgerrechte für die Schwarzen, die Abschaffung der Arbeitsplatzreservierung für Weiße und die Erlaubnis für Schwarze, überall Geschäfte zu gründen - praktisch die Aufhebung der Apartheid.
Die Handelskammer von 350 US-Firmen in Südafrika fordert darüber hinaus die Abschaffung des Vertragsarbeitersystems, das Schwarze elf Monate im Jahr von ihren Angehörigen trennt, und der Paßgesetze. Denn das "Recht auf Bewegungsfreiheit" gehöre zu den "Herzstücken der freien Marktwirtschaft".
Die Unternehmer wollen offenkundig die Marktwirtschaft retten und der Vorstellung vieler Schwarzer entgegentreten, daß Kapitalismus und Apartheid zwangsläufig zusammengehörten. Die Absetzbewegung hat begonnen: Spitzenmanager von Ford, General Motors und vier weiteren in Südafrika vertretenen US-Konzernen empfingen in Amerika den ANC-Exilchef Oliver Tambo.
Kernige Buren verachten solche Rückversicherung bei den Schwarzen. Sie halten es mit ihren Vorvätern, die im 17. Jahrhundert ans Kap gesegelt waren, im 19. Jahrhundert auf den legendären "großen Treck" nach Norden gingen und den weißen Herrschaftsanspruch aus dem Alten Testament (3. Mose 25, 44) begründeten: "Willst du aber leibeigene Knechte und Mägde haben, so sollst du sie kaufen von den Heiden, die um euch her sind."
Die schwarzen Heiden von damals beten zwar inzwischen überwiegend auch zu Christus. Aber das Sendungsbewußtsein der Buren lebt: Ihr Glaube und ihre Sprache, das Afrikaans, sind für Nationalismus ähnlich bestimmend geblieben wie der Judaismus und das Hebräische für den Zionismus. Die Buren suchen - so vor zehn Jahren einer von ihnen, P. J. Cillie, damaliger Chefredakteur der Kapstadter Zeitung "Die Burger" - "eine Art Israel in Afrika mit einem von Gott bestimmten Schicksal".
Dabei betrachten sie sich als Afrikas erste Freiheitskämpfer gegen den britischen Imperialismus, die zwar den Krieg (1902 gegen England) verloren, aber den Frieden gewannen.
Von Kriegen verschont, arbeiteten sich die Weißen am Kap in diesem Jahrhundert vom armen Bauernvolk zu einer Nation hoch, deren Wohlstand und Lebensqualität mit dem Australiens und Kaliforniens zu vergleichen war. Daß der Reichtum weitgehend auf Kosten einer schwarzen Helotenmasse erwirtschaftet wurde, belastete die Buren nicht: Schließlich erhielten die schwarzen Arbeiter die abgelegten Kleider der Familie, und die Hausfrau kümmerte sich schon mal persönlich um die kranke Köchin.
Den Wohlstand der Weißen sollte angesichts einer ständig wachsenden schwarzen Übermacht _(Gegenwärtige Geburtenrate bei Schwarzen ) _(5,20, bei Weißen 2,08; das ist weniger ) _(als die zum Erhalt der Bevölkerungszahl ) _(erforderliche Rate von 2,10. )
die Apartheidslehre des deutschstämmigen Missionarssohns Werner W. Max Eiselen für die Zukunft sichern. Nach der Machtübernahme der bis heute ununterbrochen regierenden Nationalpartei wurde sie 1948 zur Staatsdoktrin erhoben:
Jede ethnische Gruppe "bewahrt sich ihre Identität", indem sie sich in einem eigenen Territorium selbst regiert. Den Schwarzen wurden entsprechend ihrer Stammeszugehörigkeit Reservate zugewiesen, die "Bantustans" oder "Heimatländer". Damit war für Südafrika die "brasilianische Lösung" einer ungehinderten Vermischung der Rassen vom Tisch - und der Konflikt programmiert. Denn in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnten die Schwarzen nicht mehr einfach abgespeist werden wie die Buschmänner vor 150 Jahren.
Die Weißen verschärften die sich abzeichnende Konfrontation, indem sie viel zuviel Land für sich selbst reservierten. Sie übersahen dabei aber nicht, daß ihre Wirtschaft ohne die Schwarzen schwerlich funktionieren konnte. "Da sich die Politik der Apartheid niemals ehrlich anwenden ließ", so der Kapitalist Oppenheimer, "degenerierte sie in eine Politik der Unterdrückung."
Sichtbarster Ausdruck dieser Unterdrückung ist die sogenannte "Labour Regulation", nach Ansicht des Oppositionspolitikers David Dalling von der
PFP "ein Euphemismus für die Zwangsrücksiedlung von Menschen, die dort Arbeit suchen, wo es ihnen die Apartheid nicht gestattet".
Die Menschen aus den Reservaten dürfen nur nach Weiß-Südafrika kommen, wenn sie einen Arbeitsplatz haben. Der Nachweis sowie eine Aufenthaltsgenehmigung werden von weiß geführten Behörden in ein plastikgebundenes Buch gestempelt. Diesen "Dompas" ("dummer Paß", wie die Schwarzen sagen) müssen sie in Südafrika immer bei sich tragen.
Menschen ohne gültigen Paß werden verhaftet - im vergangenen Jahr waren es rund 160 000, seit Einführung der Paßgesetze schätzungsweise 18 Millionen. Die Justiz arbeitet buchstäblich in Minutenschnelle. Denn 99 Prozent aller Fälle werden ohne Anwalt abgehandelt. Im Johannesburger "Commissioner''s Court" erscheinen je Stunde 50 Paß-Sünder vor dem Richter. Das gemurmelte "Schuldig" geht im Klirren der Handschellen unter.
Erstverstöße werden üblicherweise mit Geldstrafen abgetan. In Wiederholungsfällen setzt es Gefängnis oder Zwangsarbeit in den Minen. In jedem Falle werden die Gesetzesbrecher in ihre "Heimatländer" zurückverfrachtet. Festnahme, Verfahren, Haft und Rücktransport, so hat ein Abgeordneter ausgerechnet, kosten den Staat pro Paß-Sünder 350 Mark.
Für die Heimatländer gab Südafrika im Finanzjahr 1984/85 rund 3,8 Milliarden Mark aus, etwa zehn Prozent der Staatseinnahmen. Vier der insgesamt zehn - Transkei, Ciskei, Bophuthatswana und Venda - wurden in die international nicht anerkannte Unabhängigkeit entlassen.
Einige werden inzwischen sogar ihren burischen Ziehvätern unheimlich: Despoten herrschen dort mit ihren Großfamilien und lassen Regimegegner verschwinden. Korruption und politischer Mord sind an der Tagesordnung. Geld wird sinnlos verschwendet. Beispiel:
Häuptling Patrick Mphephu von der Republik Venda im Norden Südafrikas ließ sich für 200 000 Mark einen Luxus-BMW liefern. Die Limousine ist ringsum kugelsicher und wird im Notfall, bei automatischer Abschaltung der Klimaanlage, im Wageninnern mit Sauerstoff versorgt. Wenn der Häuptling über die weitgehend unbefestigten Straßen seiner Republik reist, kann er über Lautsprecher zu seinen darbenden Untertanen reden.
Die Bewohner von Venda und der anderen Heimatländer müssen sich von einem Arbeitsbüro als Wanderarbeiter anheuern lassen, um legal aus ihren Territorien herauszukommen. Einige wenige dürfen ihre Familien mit nach Südafrika nehmen, wo sie in militärlager-ähnlichen, firmeneigenen Wohnquartieren leben. Die meisten werden nach Geschlechtern getrennt in riesigen, mit Stacheldraht umzäunten Wohnheimen in kargen Zimmern für sechs bis zwölf Personen untergebracht.
Die Männer vergnügen sich in ihrer Freizeit bei Glücksspiel und Alkohol. Homosexualität ist verbreitet. An Wochenenden stehen grell geschminkte Dirnen an den Toren Schlange. Die städtischen Schwarzen nennen die Wanderarbeiter, die oft bunte Decken und keulenartige Stöcke ("Knobkierries") tragen, "Maguduga", Bauerntölpel.
Städter und Magudugas, aber auch Magudugas von verschiedenen Stämmen, liefern sich mitunter blutige Kämpfe, bei denen es Verletzte und Tote gibt. Davon berichtet das Staatsfernsehen dann besonders ausführlich. Die Botschaft: Südafrikas schwarze Völker würden sich endlos befehden, wenn nicht der weiße Mann es mit ordnender Hand verhinderte.
"Laßt uns damit aufhören, dem Feind Gelegenheit zu geben, unsere Probleme auszubeuten", meldete sich die ANC-Führung aus dem Exilhauptquartier in Sambias Hauptstadt Lusaka. Der ANC "verfügt heute sicherlich über eine größere Gefolgschaft und mehr Ansehen als zu der Zeit, da er verboten wurde" (1960), urteilt die Londoner "Financial Times". Auf Versammlungen entrollen Redner ANC-Fahnen. Wenn ANC-Mitglieder im Zentralgefängnis von Pretoria als "Terroristen" hingerichtet werden, läuten in den schwarzen Vorstädten Kirchenglocken für die "Märtyrer". In Gottesdiensten singt die Gemeinde die ANC-Hymne "Nkosi sikelele Africa", "Gott schütze Afrika".
Südafrikas Regierung stellt die 1912 gegründete Bürgerrechtsorganisation _(Bei der Unterzeichnung des Vertrags von ) _(Nkomati am 16. März 1984. )
dennoch als kommunistisch gesteuert dar. Sie beruft sich vor allem darauf, daß der ANC seine Waffen zu 90 Prozent aus der Sowjet-Union und dem übrigen Ostblock bekommt. Exil-Chef Tambo bestreitet das nicht: "Ohne Waffen von dort gäbe es im südlichen Afrika noch keine Unabhängigkeit." Auch die Freiheitskämpfer in Angola, Mosambik und Rhodesien (heute Simbabwe) machten gegen die Kolonialmacht mit roten Waffen Front.
Der große alte Mann des ANC, Nelson Mandela, bezeichnet sich als "Sozialist, aber nicht Marxist". Er bewundert Englands Westminster-Demokratie und die Gewaltenteilung in den USA. Die lange Haftzeit hat seiner Popularität keinen Abbruch getan, im Gegenteil. Mandela stieg im 22. Zuchthausjahr zu einer internationalen Kultfigur der Jugend auf.
US-Star Stevie Wonder widmete ihm die höchste Auszeichnung aus dem Showgeschäft, seinen Oscar. Die deutsche Jazzelite veranstaltete ein "Concert for a Friend" für den Südafrikaner. In die Hitliste in England rückte ein Song mit dem Titel "Free Nelson Mandela".
In Südafrika, so ergaben Umfragen, wünscht sich die überwiegende Mehrheit der Schwarzen Mandela als Präsidenten. Der Nimbus des Mannes ist noch gestiegen, seit er im Frühjahr das Entlassungsangebot des weißen Präsidenten Botha nur unter einer Bedingung annehmen wollte: Aufhebung des ANC-Verbots und sofortiger Beginn von Verhandlungen über die Abschaffung der Apartheid.
Mandelas Erklärung klang so stolz, als ob er sich herablasse, einem Bittsteller zu antworten - so sehr hat sich das Klima zwischen Schwarz und Weiß verändert.
"Es gehört zu den großen Ironien", schreibt der weiße südafrikanische Schriftsteller Alan Paton, "daß dem Afrikaaner-Nationalisten mit seinen Apartheidsgesetzen just in jenem Augenblick so viel schwarzer Haß entgegenschlägt, in dem ihm endlich dämmert, daß der Tag der Eroberung vorbei ist und er die ersten schwankenden Schritte (zum Abbau seiner Herrschaft) wagt."
Die Schwarzen sehen solche Schritte nicht. Zwar dürfen neuerdings Angehörige verschiedener Rassen miteinander Ehe schließen, aber getrennte Wohngebiete, Schulen und Eisenbahnabteile
werden beibehalten. Altverhaßte Maßnahmen, so glauben viele, sollen nur neue Namen erhalten. So spricht die Regierung jetzt von "geplanter Urbanisierung" anstatt von "Zuzugskontrolle", von "Detention on Demand" anstatt "Detention without Trial" - "Wartehaft" statt "Haft ohne Prozeß".
Entscheidende Schritte kann Präsident Botha angesichts seiner weißen Wählerschaft nicht einleiten. Vom rechten Flügel seiner Nationalen Partei brachen bereits extremistische Gruppen weg, denen Botha zu liberal ist (siehe Interview Seite 108).
Dabei hat der Bure Botha bestimmt nicht die Absicht, "als ein burischer Samson den Tempel der Apartheid niederzureißen", urteilt der britische Südafrika-Kenner John de St. Jorre über ihn.
Natürlich wollten die Buren nur die Risse im Tempel kitten und Verbündete gegen die wachsende schwarze Macht gewinnen, als sie im letzten Jahr Mischlinge und Inder erstmals zu Parlamentswahlen zuließen. Doch nur etwa jeder vierte der eingetragenen Stimmberechtigten kam zu den Urnen. Die anderen folgten dem Rat des farbigen Pfarrers Allan Boesak, "nicht in das sinkende Schiff der Weißen zu steigen".
Manche Weiße verlassen das Schiff. Junge Farmer wandern nach Paraguay aus. Sogar Weiße aus Rhodesien, die gekommen waren, als das Nachbarland Simbabwe wurde, gehen zurück. "Für mich war das alles Rhodesien noch einmal", sagt ein Rückkehrer in Harare, der Hauptstadt, die einmal Salisbury hieß.
Vorbei sind die Zeiten, in denen jährlich 30 000 bis 40 000 Einwanderer zum Kap kamen und hoffen konnten, in wenigen Jahren Grundbesitzer zu werden. Heute verfallen die Bodenpreise. Viele Autos bleiben in der Garage, weil Benzin im Februar sprunghaft um 40 Prozent teurer wurde. Neue Wagen leisten sich nur noch wenige: Toyota Südafrika, das im April 1984 noch 26 000 Autos herstellte, drosselte die Produktion im gleichen Monat dieses Jahres auf 15 000.
"Erst kommt die Rezession, dann kommen die Schwarzen", jammert eine Society-Dame in Pretoria. In den letzten drei Monaten 1984 und den ersten zwei Monaten dieses Jahres stieg die Zahl der Firmenkonkurse gegenüber dem Vorjahr um jeweils hundert Prozent. An den Schaufenstern vieler Boutiquen in den Johannesburger Nobelvororten prangen neuerdings ständig Plakate mit der Aufschrift "Sale", Ausverkauf.
Wann wird Südafrika Asania? Viele Buren beschleicht das Gefühl der beginnenden Endzeit. Aus der beklemmenden Wirklichkeit flüchten sie "in ein Land der Illusion" (so der Kapstädter Soziologe Ken Jupper) - in obskure Erlösungskirchen. Ein Aufkleber mit einem stilisierten Fisch, dem Zeichen der "wiedergeborenen Christen", ziert immer mehr Autos. Diesen Monat eröffnet die Sekte "Rhema" in Randburg, nördlich von Johannesburg, eine aus Spenden finanzierte Riesenkirche mit 5000 Sitzplätzen.
"Glücksklatscher" nennt Jupper die neuen Gläubigen: "Die Leute haben das Gefühl, der Heiland werde auf jeden Fall noch vor Anbruch der schwarzen Mehrheitsherrschaft kommen."
[Grafiktext]
NAMIBIA BOTSWANA SIMBABWE MOSAMBIK Tzaneen Sun City Pretoria Johannesburg Leslie Vereeniging SWASILAND Welkom REPUBLIK SÜDAFRIKA LE-SOTHO Durban Pietermaritzburg Graaff-Reinet Cradock Kapstadt Uitenhage Port Elizabeth Bodenschätze Diamanten Gold Kohle Kupfer Unruheherde Homelands darunter: Ciskei Transkei Venda Bophuthatswana 300 Kilometer
[GrafiktextEnde]
Am 1. Mai 1985 in Johannesburg. Nadine Gordimer: "July''s Leute". S. Fischer Verlag, Frankfurt 1985; 207 Seiten. Die Soldaten beobachten einen Lkw, der Schwarze zu einer Beerdigung bringt. Gegenwärtige Geburtenrate bei Schwarzen 5,20, bei Weißen 2,08; das ist weniger als die zum Erhalt der Bevölkerungszahl erforderliche Rate von 2,10. Bei der Unterzeichnung des Vertrags von Nkomati am 16. März 1984.

DER SPIEGEL 25/1985
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