14.10.1985

„Dat schöne Schalke is nich mehr“

SPIEGEL-Redakteur Kurt Röttgen über die Wandlung eines Traditionsklubs *
Der Auftritt fiel Joschi Schröder sichtlich schwer. Die Hände suchten unbeholfen Halt am Pult, umständlich richtete er das Wort an seine "lieben Schalker Freunde":
Er sei Klubmitglied seit 27 Jahren, ein einfacher Rentner, kein geübter Redner. Was er den Herren vom Vorstand sagen wollte, habe er zwar daheim auswendig gelernt, doch jetzt müsse er es vom Blatt ablesen. Er sei zu aufgeregt.
Schröders Gefühlsausbruch kam unvermittelt. "Bitte", brüllte er mit einer sich überschlagenden Stimme ins Mikrophon, "bitte trennen Sie sich sofort von diesem Mann." Den Herrn Assauer halte er "für total unfähig".
Die Verblüffung im Gelsenkirchener Hans-Sachs-Haus währte nur einen kurzen Augenblick. Dann brandete unter den Teilnehmern an der Jahreshauptversammlung des FC Schalke 04 Jubel auf wie einst in der Glückauf-Kampfbahn, wenn Reinhard ("Stan") Libuda die gegnerischen Verteidiger narrte. Rentner Schröder hatte ein Ventil geöffnet, jetzt wurde der Fußball-Manager Rudi Assauer, 41, nach eigenem Empfinden "zum Watschenmann" der aufgebrachten Mitglieder.
Dabei ging es ihnen nur vordergründig um den sportlichen Mißerfolg zu Beginn dieser Bundesliga-Saison. Die Schalker spüren, daß ihr Klub nicht mehr steht "für eine seltene, vielleicht einmalige Verbundenheit einer Fußballmannschaft mit ihren Anhängern", so Ruhrbischof Franz Hengsbach im Jubiläumsbuch "80 Jahre Schalke 04".
Johannes Rau sieht im frühen Schalke den "Katalysator für eine neue und lebenswerte menschliche Gemeinschaft". Durch diesen Verein, von Arbeitern im Gelsenkirchener Stadtteil Schalke gegründet, fanden die aus Nieder- und Oberschlesien zugezogenen Bergleute Anschluß und Heimatersatz.
Selbst als die Mannschaft in den 30er Jahren durch ihr perfektes Kombinationsspiel - "Schalker Kreisel" - berühmt geworden war, kam nie Distanz auf zum Volk. Stars und Malocher verband die gemeinsame soziale Herkunft. Auch Schalke-Idol Ernst Kuzorra arbeitete sechs Jahre im Pütt.
"Hasse kein Pulver, brauch''se nich auf Schalke", habe Assauer zwei arbeitslosen Jugendlichen geantwortet, die um Freikarten baten. So berichtete ein "echter Schalker" den empörten Kumpels im Hans-Sachs-Haus, unter deren Beifall fügte er noch an: Das sei nicht mehr der Verein, den er "lieb habe".
Als Assauer 1981 den Job beim Deutschen Skandalmeister antrat, verkündete er: "Entweder schaffe ich Schalke oder Schalke schafft mich." Er hat Schalke geschafft, zusammen mit dem seit sechs Jahren amtierenden Präsidenten Hans-Joachim Fenne. Das im deutschen Fußball einmalige Schalke, "das rauschhafter Jubel ist und Selbstmord, das reicht _(Vor der Heimfahrt vom Endspielort ) _(Berlin, im Fenster links Fritz Szepan, ) _(Ernst Kuzorra. )
von selbstloser Hingabe bis zum Meineid" (Nordrhein-Westfalens Ex-Kultusminister Jürgen Girgensohn), blieb beim Kraftakt der beiden Weißmacher auf der Strecke.
Für das Schalke von heute kicken biedere Bürger in kurzen Hosen, angepaßt, bis auf Olaf Thon alle austauschbar. Individualität ist bei den Vereinsoberen nicht gefragt. Weil sich Stefan Täuber, 18, für das Mannschaftsposter mit Goldkettchen am Hals ablichten ließ, herrschte Assauer ihn laut "Bild" an: "Du hast wohl einen an der Waffel, bist der Jüngste und läufst rum wie in England die Königinmutter."
Viele Spieler wohnen im Münsterland, weitab der Gelsenkirchener Trabrennbahn, wo zu Zeiten der Pferdefreunde Rolf Rüßmann, Klaus Fischer oder Norbert Nigbur die schönsten Ränke der ganzen Bundesliga ersonnen wurden. Mit Schalke befaßte Journalisten waren immer besser dran als ihre Kollegen in anderen Städten, sie hatten jeden Tag die interessante Story.
Sie seien stolz darauf, so Fenne und Assauer, daß ihr Klub keine negativen Schlagzeilen mehr liefere. Dabei übersehen sie allerdings, daß im Showgewerbe Profifußball die Schalker Geschichten für die Fans auch dann einen hohen Unterhaltungswert hatten, wenn sie zu Lasten des Vereins gingen.
Geheim blieb in Schalke nichts. Für die Menschen im Revier war der Fußball seit jeher mehr Selbstverwirklichung als in Hamburg, München oder Köln. Sie lebten ihre unter Tage oder in der Enge der Bergarbeitersiedlungen erlittenen Glücksdefizite über Schalke aus. Dazu gehörten Siege ebenso wie Klatsch. Wer mit Details aus dem Vereinsleben aufwarten konnte, war in den Kneipen am Schalker Markt allemal der Mittelpunkt.
Der mit einer kurzen Unterbrechung von 1967 bis 1979 amtierende Präsident Günter Siebert berauschte sich nächtelang an seinen flammenden Reden. Wenn er fragte: "Wo wohnt Günter Siebert?", und seine Zuhörer antworteten: "Im Herzen aller Schalker", gab es Freibier.
Noch typischer als Siebert war für das pralle Schalke der jüngeren Vergangenheit wohl der Gastronom Karl-Heinz Neumann, in Gelsenkirchen nur "Charly" genannt. Charly mauschelte, schimpfte, weinte und lachte, wie es Schalke gerade nutzte. Ehe er von Assauer als Mannschaftsbetreuer gefeuert wurde, hatte er seinen großen Auftritt: Nach der Niederlage, die vor vier Jahren zum ersten Abstieg der Vereinsgeschichte führte, zeigte ihn das Fernsehen bitterlich um Schalke weinend.
Anderntags rief Charly einen "Bild"-Redakteur an und fragte: "Hast du mich im Fernsehen gesehen? War doch gut, oder?"
Der bejahte, Charly hakte nach: "Da bringt ihr doch wohl ein großes Photo von, das rührt doch alle Schalker, oder?" Als der Redakteur entgegnete, er habe leider keines, war Charly nur einen Moment lang irritiert. "Macht nichts", sagte er dann, "ich komme gleich in die Redaktion, da stellen wir das Photo nach."
Auch verdankt die Branche Charly das überzeugendste Beispiel für Logik nach Schalker Art. In der Kneipe zog der nach vielen Affären schließlich gestürzte Siebert mächtig über Nachfolger Fenne her. "Mistkerl" war noch eine der maßvolleren Bezichtigungen. Da nahm Siebert im Zuhörerkreis Fahrudin Jusufi wahr, seinerzeit Schalkes Trainer. Jetzt beschimpfte er ihn: "Du bist auch so einer, du ..."
Weiter kam er nicht, er wurde von Charly unterbrochen: "Aber Günter", sagte er, "der ist doch unser Freund." Siebert besann sich und begann von vorn: "Der Fenne, dieser Mistkerl ..." Abermals unterbrach ihn Charly, diesmal zustimmend lächelnd: "Klasse, Günter, jetzt bist du endlich wieder sachlich."
Ob der Trainer Rudi Gutendorf die Schalker Englisch lehrte und der Betreuer Edmund Lichterfeld nach den ersten Lektionen stolz verkündete: "I am Ede." Oder ob der Schweden-Import Lennart Larsson beim Kostümfest des Vereins die Wirkung seiner ersten deutschen Worte "Ich bin so heiß auf du" so lange an den Kollegenfrauen erprobte, bis der als Eishockeyspieler verkleidete Rüdiger Abramczik mit der Kelle dazwischenfuhr - die Schmankerl aus Schalke versiegten nie.
In dem Verein gehe es "lebendiger und menschlicher" zu als anderswo, befand Mildred Scheel, nachdem sie sich Einblick verschafft hatte. 1979 machten die Schalker kostenlos Trikotwerbung für die Deutsche Krebshilfe.
Sie würden "niemals cool sein können, etwa wie Bayern München", schrieb Willi Weyer den Schalkern ins Jubiläumsbuch. Doch die Entfremdung von der Basis, der kühle Professionalismus des Industriezweigs Fußball anstelle eines Wir-Gefühls, bestimmt inzwischen auch die Verhältnisse in Schalke.
Das sie kein Verein mehr zum Anfassen, sagte ein trauriger Charly Neumann nach der Jahreshauptversammlung. Er hatte nicht zu den vom Vorstand protegierten Kandidaten gehört und war bei der Wahl des Verwaltungsrates durchgefallen. Arbeiter seien hier nicht mehr gefragt, so Charly, in Schalke hätten "nur noch die Doktoren" das Sagen.
Was den Nostalgiker Charly so sehr bedrückt, paßt dem Schalke-Präsidenten Hans-Joachim Fenne, 50, genau ins Bild. Der Verein, so sagte er, brauche "eine andere Selbstdarstellung": "Wir müssen weg von dem Image, daß sich mit Fußball entweder Proleten oder Doofe beschäftigen."
Krasser als zwischen Fenne und Vorgänger Siebert könnten die Gegensätze kaum sein. Hier wird das neue Schalke, die Entwicklung des Profifußballs in einer veränderten Gesellschaft generell, personifiziert.
Anders als der hemdsärmelige Volkstribun Siebert, gelernter Zimmermann, jetzt Kneipier auf Gran Canaria, der auch schon mal zuschlug, hält Fenne auf Distanz. Der Unternehmensberater aus Gladbeck, promovierter Betriebswirt, Porsche-Fahrer, Dunhill-Pfeifenraucher, Hobby-Golfer mit dem bemerkenswert guten Handicap 14, benutzt oft das Wort
"solide". Denn solide, zuallererst, will er seinen Klub geführt wissen.
Fenne hat Schalke aus der Klemme geholfen, das bestreiten auch seine Gegner nicht. Er hat während seiner Amtszeit den Schuldenstand von rund 7 Millionen Mark auf 2,2 Millionen abgebaut. Deshalb glauben ihm die Vereinsmitglieder, was er sagt, und deshalb mußte der Angestellte Assauer stellvertretend die Ohrfeigen kassieren. Daß Chef Fenne letztlich für den Verlust an Atmosphäre im Verein verantwortlich ist, verdrängen die Schalker.
Die Imagekorrektur war laut Fenne unumgänglich. Immer weniger Reviermenschen, so prophezeit er, würden künftig Fußballspiele besuchen, wenn es nicht gelinge, andere Schichten zu interessieren: "Die Malocher nehmen ab, sie und die Arbeitslosen reichen als Kundschaft nicht mehr aus. Wir brauchen die neue Mittelklasse, die jetzt vielleicht in der Freizeit lieber Tennis spielt, um sich den eigenen sozialen Aufstieg zu beweisen."
Fußball-Fan Otto Wolff von Amerongen nannte Schalke "eine Großfamilie", die klarmache, daß "ein Verein auch Seele hat, die weit über den Schalker Markt oder den Ruhrpott hinauswirkt".
Die Schalker Seele hat Schaden genommen. Auch wenn Fenne einräumt: "Wir haben die Schrauben vielleicht doch zu sehr angezogen", womöglich mehr Emotion zuläßt als zuletzt: Existenznöte zwingen offenbar auch die einst so herrlich chaotischen Schalker, sich angepaßt zu verhalten.
Kein Bundesligaklub, so Fenne, könne mehr ohne die finanzielle Unterstützung der Wirtschaft auskommen. Aber die mache halt nur Verträge mit "soliden" Partnern.
Womöglich aber bleiben die Fans eines Tages ganz aus, wenn ein Fußballverein ihnen auch nichts anderes mehr zu bieten hat als die Bedingungen ihrer Arbeitswelt: Ordnung, Anpassung, Solidität statt ausgelebter Gefühle.
In dieser Woche könnte noch einmal das alte Schalke durchschimmern. Ernst Kuzorra wird am Mittwoch 80 Jahre alt. Er hat, zusammen mit Fritz Szepan, den Ruhm des siebenmaligen Deutschen Meisters begründet. Der Verein setzt den beiden am Marathontor des Parkstadions ein Denkmal, die Stadt Gelsenkirchen macht Kuzorra zum Ehrenbürger.
Kuzorra trifft man noch immer täglich in den Kneipen am Schalker Markt. Da trinkt er Pils und Korn, raucht seine dicke Brasil, und wenn ihn einer nach Schalke fragt, sagt er nur: "Dat schöne Schalke is nich mehr."
Das sagte er zwar auch schon vor Jahren, wenn ihn das Gekicke seiner Schalker so langweilte, daß er sich lieber im Fernsehraum des Parkstadions "Biene Maja" anschaute. Aber jetzt stimmt es mehr als je zuvor.
Vor der Heimfahrt vom Endspielort Berlin, im Fenster links Fritz Szepan, Ernst Kuzorra.
Von Kurt Röttgen

DER SPIEGEL 42/1985
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