27.05.1985

RÜSTUNGMehr als erlaubt

Reagans neueste Attacke gegen die Sowjet-Rüstung leitet die Wende ein - Amerikas Abkehr von den Salt-Vereinbarungen. *
Seit mehr als zwei Jahrzehnten galt unter den Atomstrategen in Ost und West ein Glaubenssatz: Nuklearwaffen, die einen feindlichen Erstschlag nicht unbeschadet überstehen können, taugen nicht zur Abschreckung. Mit nur zwei Sätzen demontierte Ronald Reagan dieses Dogma. Moskau, grollte der Präsident am 40. Jahrestag der Beendigung des 2. Weltkrieges, baue Nuklearstreitkräfte auf, "die eindeutig auf einen Erstschlag und damit auf die Entwaffnung des Gegners zielen".
Das altbekannte Wehgeschrei erhielt eine neue, auch für US-Strategen überraschende Begründung: "Die Sowjet-Union steht vor der Aufstellung neuer mobiler Raketen mit Mehrfachsprengköpfen." Damit, so Reagan, untergrabe Moskau, "die Stabilität und die Basis der gegenseitigen Abschreckung".
Gemeint habe der Präsident, so ließ Sicherheitsberater Robert McFarlane hinterher wissen, die sowjetische SS-24-Rakete, an der die Russen seit Jahren arbeiten. Bislang hatte diese Neuentwicklung in Washington kaum Argwohn ausgelöst: Sie galt als das sowjetische Gegenstück zur amerikanischen MX.
Dreistufig und - wie die MX - mit bis zu zehn Gefechtsköpfen getestet, soll _(Pentagon-Zeichnung. )
Moskaus modernste Feststoffrakete nach US-Erkenntnissen ab 1986 in Silos aufgestellt werden. Doch schon "in ein bis zwei Jahren", vermutet das Pentagon in seiner neuesten Analyse über die Sowjet-Rüstung, könnte die Interkontinentalrakete startbereit in Eisenbahnwaggons über das ausgedehnte Schienennetz des Riesenreiches reisen und so "Aufklärung, Beobachtung und Rüstungskontrolle vermeiden", wie Reagan fürchtet.
Von zuvor genau vermessenen geheimen Halteplätzen aus bedrohe, glauben Pentagon-Experten, die SS-24 so zielgenau Amerikas landgestützte Interkontinentalraketen, wie das bislang nur von Moskaus schweren stationären Fernwaffen SS-18 und -19 angenommen wurde.
Surgeon Keeny, geschäftsführender Direktor der angesehenen Washingtoner Arms Control Associaton, hält die Behauptung, Moskaus mobile SS-24 diene vor allem der Erstschlagsvorbereitung, für widersinnig: Die ungeheuren Kosten für transportable Fernraketen nähmen die Supermächte doch nur auf sich, damit ihre Atomwaffen "den Erstschlag der anderen Seite überleben".
Überlebensfähigkeit ist seit jeher Kernelement jeder Abschreckungsdoktrin.
Schon Präsident Eisenhower setzte Ende der 50er Jahre auf Raketen, als Washingtons Atombomber, bis dahin der Welt einzige Kernwaffenträger, gefährdet schienen - die Sowjet-Union hatte ihre Luftverteidigung enorm ausgebaut.
Doch Moskau zog auch mit Raketen nach. In einem Crash-Programm ließ Eisenhower-Nachfolger John F. Kennedy daher "Minuteman"-Raketen bauen, um einen Vorsprung aufzuholen, den der Kreml in Wahrheit nie besaß. Die US-Raketen verschwanden in unterirdischen Silos - für Moskaus krude Angriffsgeschosse zu jener Zeit unerreichbar.
Die Silos wurden gehärtet, die Reaktionszeiten für Raketenstarts verkürzt. Massenvernichtungswaffen gar - für Feinde unverwundbar - auf U-Booten stationiert. Mehrfachsprengköpfe boten schließlich in den siebziger Jahren die Chance, selbst mit den durch einen Erstschlag dezimierten strategischen Waffen noch hinreichend abschreckende Schäden androhen zu können.
Moskau hielt jedoch mit.
Ein "Fenster der Verwundbarkeit" habe sich aufgetan, fürchteten Anfang dieses Jahrzehnts US-Strategen. Mit ihren schweren SS-18- und SS-19-Raketen könne die Sowjet-Union einen erfolgreichen Erstschlag gegen Amerikas landgestützte Interkontinentalraketen wagen. Nur beweglich stationierte Raketen, die vor der feindlichen Aufklärung versteckt, mithin auch kaum präventiv zerstört werden könnten, schienen Amerikas Militär-Planern einen Ausweg aus dem Dilemma zu bieten:
Carters gigantomanisches "Rennbahnsystem" wurde geboren - 200 neue,
zehnköpfige MX-Raketen sollten auf einem eigens dafür geschaffenen Straßennetz von vielen hundert Kilometern Länge in den Wüsten von Utah und Nevada zwischen 4600 Bunkern hin- und hergekarrt werden. Nie, so hoffte man im Pentagon, hätten Kreml-Strategen sicher sein können, welcher Bunker gerade belegt sein würde, wohin also ein Erstschlag zu dirigieren sei.
Gewaltige Kostenschätzungen von 50 Milliarden Dollar, aber auch Bevölkerungsproteste gegen die landschaftzerstörende Wühlarbeit ließen das Projekt scheitern. Mobilität war jedoch weiterhin das Zauberwort für die US-Militärs.
Washington, nicht Moskau habe während der Salt-Verhandlungen erfolgreich darauf gedrungen, enthüllten erst jetzt amerikanische Regierungsvertreter, mobile Interkontinentalraketen (ICBM) nicht zu verbieten.
Neben dem Sicherheitsaspekt stellten die Strategen die viel größere Krisenstabilität von Waffensystemen heraus, die nicht allein deswegen eingesetzt werden müssen, weil sie andernfalls durch einen sowjetischen Erstschlag verlorenzugehen drohen: "Use them or lose them."
Praktikable Wege, die MX zu mobilisieren - sei es zu Wasser, zu Lande oder in der Luft - , wurden indes nicht gefunden. Nun sollen 100 dieser Monstren in superharten Minuteman-Silos untergebracht werden - das "Fenster der Verwundbarkeit", fand eine eigens von Reagan dafür eingesetzte Kommission heraus, bleibe - vorerst - noch geschlossen.
Mobilität ist jedoch weiterhin das US-Ziel: Ende des Jahrtausends sollen 1000 neue kleine "Midgetman"-Raketen, die auf Transportern über Land gefahren werden, strategische Beweglichkeit bringen. Man hoffe, auch die Sowjets zur Beweglichkeit überreden zu können, hieß es sogar unter US-Abrüstungsexperten.
Der Wunsch wird derzeit von der Wirklichkeit überholt. Neben der SS-24 hat Moskau eine weitere - nach US-Angaben ebenfalls mobile - Interkontinentalrakete getestet - die für den Fahrzeugtransport geeignete SS-25.
Schon im vergangenen Herbst meldeten US-Experten, rund zwei Dutzend Rampen für die neue Rakete seien in der westlichen Sowjet-Union und in Sibirien nahezu fertig. Von dort könne die SS-25 ihren einen Atomsprengkopf bis zu Zielen in den USA tragen.
Die Ähnlichkeit der SS-25 mit den auch etwa 15 Meter langen, ebenfalls auf Radtransportern montierten SS-20-Mittelstreckenraketen verunsichert amerikanische Militärs besonders. Die Abschußkomplexe für die neue Rakete unterschieden sich kaum von denen der SS-20, heißt es.
Der Haupteinwand Washingtons gegen die SS-25 lautet: Mit ihrer Produktion verstoße Moskau gegen die Salt-2-Vereinbarungen, nach denen nur eine einzige Art einer neuen landgestützten Interkontinentalrakete eingeführt werden darf. Die Sowjets selbst hätten jedoch die SS-24 als diesen zulässigen Neubau ausgewiesen.
Moskau konterte wie immer: Die neue Rakete, die SS-25, sei nur eine verbesserte Version einer älteren Russen-Rakete. Fortentwicklungen sind jedoch laut Salt-Vertrag, der zwar nie ratifiziert, aber bislang weitgehend beachtet werde, in gewissen Grenzen zugelassen.
Der Beweis, daß diese Grenzen überschritten wurden, fällt den Amerikanern schwer. Sie beklagen als weiteren Salt-Verstoß, daß Moskau bei SS-25-Tests die Meßdaten des Flugkörpers verschlüsselt habe. Nur anhand der Telemetrie kann die Gegenseite aber ausmachen, ob eine Testrakete wirklich neu ist.
Als gelte es, Washingtons SS-25-Position noch mehr zu schwächen, hat die Sowjet-Union Ende April ganz offiziell bei den Amerikanern angemeldet, man werde zunächst 20 uralte SS-11-Raketen durch 18 SS-25 ersetzen. Strikt wolle man sich an die bei Salt vereinbarten Obergrenzen halten.
Das bringt Washington in ein weiteres Dilemma. Bis zum 1. Juni muß die Regierung Reagan dem Kongreß berichten, wie man es künftig mit der Salt-Treue zu halten gedenkt. Hintergrund: Ende September wird ein neues Raketen-U-Boot der "Ohio"-Klasse in Dienst gestellt. Dessen 24 "Trident"-C-4-Raketen würde das US-Arsenal auf 1214 Interkontinentalraketen bringen, die Mehrfachsprengköpfe tragen - 14 mehr, als Salt erlaubt.
Washington müßte entweder ein älteres U-Boot mit 16 "Poseidon"-Raketen einmotten oder 14 Minuteman-3-ICBM verschrotten, um die Salt-Grenzen einzuhalten. Doch wie auch immer Reagan sich entscheidet, ihm droht Ungemach: *___Hält er an Salt fest, wollen rechte Gefolgsleute ____wichtige Rüstungsprojekte sabotieren. *___Rüstet er ohne Rücksicht auf Rüstungskontrolle weiter, ____verweigern ihm eher moderate Aufrüster im Kongreß die ____Gefolgschaft. Sie hatten bisher ihr Ja zu Reagans ____gewaltigen Militärausgaben stets mit der Forderung ____verknüpft, mit der Rüstungskontrolle müsse es ____vorangehen.
Schon am Tag vor Reagans SS-24-Attacke hatte Pentagon-Falke Richard Perle den Kongreß seine "persönliche Meinung" wissen lassen: Er halte überhaupt nichts davon, die Salt-Bestimmungen weiter zu beachten. Die dort gesteckten Ziele würden den USA mehr schaden als den Sowjets.
Für die "Washington Post" war dies die "schärfste öffentliche Ablehnung, die den Salt-Vereinbarungen je von einem Regierungsvertreter erteilt wurde".
Soviel jedenfalls scheint sicher: Setzt Reagan die bislang tolerierte SS-24 tatsächlich auf den strategischen Index, dann ist Salt endgültig begraben - in Moskau wie in Washington.
Pentagon-Zeichnung.

DER SPIEGEL 22/1985
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 22/1985
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

RÜSTUNG:
Mehr als erlaubt

Video 04:27

Deutsche Muslime nach Christchurch Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?

  • Video "US-Demokrat zum Mueller-Report: Amerikaner haben ein Recht auf die Wahrheit" Video 01:25
    US-Demokrat zum Mueller-Report: "Amerikaner haben ein Recht auf die Wahrheit"
  • Video "Morddrohungen gegen britische Abgeordnete: Verräter müssen geköpft werden" Video 02:52
    Morddrohungen gegen britische Abgeordnete: "Verräter müssen geköpft werden"
  • Video "Gelächter bei Tusk-Rede zu Brexit: In der Hölle gibt es viel Platz" Video 01:22
    Gelächter bei Tusk-Rede zu Brexit: "In der Hölle gibt es viel Platz"
  • Video "Fußball-Star Goretzka zum Rassismus-Vorfall: Mit viel Mut dagegen vorgehen" Video 01:00
    Fußball-Star Goretzka zum Rassismus-Vorfall: "Mit viel Mut dagegen vorgehen"
  • Video "Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord" Video 02:13
    Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord
  • Video "Mays Auftritt beim EU-Gipfel: Es kam zu tragikomischen Szenen" Video 02:41
    Mays Auftritt beim EU-Gipfel: "Es kam zu tragikomischen Szenen"
  • Video "Wolkenformation: Ein Mädchen am Horizont" Video 00:34
    Wolkenformation: Ein Mädchen am Horizont
  • Video "Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell" Video 02:20
    Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell
  • Video "Kurioser Torjubel: Torschütze stellt Anzeigetafel selbst um" Video 01:01
    Kurioser Torjubel: Torschütze stellt Anzeigetafel selbst um
  • Video "Illegaler Schiffsfriedhof in Griechenland: Der Kampf mit den Wracks" Video 04:52
    Illegaler Schiffsfriedhof in Griechenland: Der Kampf mit den Wracks
  • Video "Aufregung im Netz: Mysteriöser Lichtstreifen über Los Angeles" Video 00:51
    Aufregung im Netz: "Mysteriöser Lichtstreifen" über Los Angeles
  • Video "Hitze in Australien: Koala-Bär flüchtet ins Auto" Video 00:59
    Hitze in Australien: Koala-Bär flüchtet ins Auto
  • Video "Planespotter-Videos: Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf" Video 01:39
    Planespotter-Videos: Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf
  • Video "Drohnen-Achterbahn: Skateboarden im verlassenen Spaßbad" Video 01:30
    Drohnen-Achterbahn: Skateboarden im verlassenen Spaßbad
  • Video "Kaum erforschtes Phänomen: Mammatus-Wolken am aktiven Vulkan" Video 01:20
    Kaum erforschtes Phänomen: Mammatus-Wolken am aktiven Vulkan
  • Video "Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?" Video 04:27
    Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?