Von Brügge, Peter
Bei eventuellem Weiterdenken, so entnehme ich dem neuen, weltdeutenden Opus magnum des Evolutionsforschers Rupert Riedl, sollten wir uns möglichst ein Beispiel an Einstein nehmen. Nicht als Witz ist das gemeint. Von Einstein könnte eine auf ihre Selbstvernichtung hinarbeitende Zivilisation wohl etwas lernen, was weiteres Überleben ermöglicht: Skepsis gegenüber den angeborenen Wahrnehmungs- und Orientierungsweisen der Gattung Mensch; den Mut, auch etwas als real zu nehmen, was diese uns für unmöglich erklären.
Einstein hat das getan. So vermochte er mit seinem Kopf in einen Bereich vorzustoßen, der sich menschlichen Anschauungsmöglichkeiten entzieht. Raum und Zeit, so begriff er, ohne sich''s vorstellen zu können, bedingen einander in einem vierdimensionalen Verbund. Sie sind nicht die voneinander getrennten Phänomene, als die wir sie erleben.
Denn alles in uns ist eingerichtet auf eine stetig verrinnende Zeit und diese dreidimensionale Illusion von Raum und widersetzt sich der Erkenntnis, daß dies und wieso dies nur einen Teil der Wirklichkeit erschließt. So weitreichendes Umdenken müßte Fragen aufwerfen, die unser trautes Weltverständnis durchlöchern - ein Risiko, vor dem sich unser Alltagsverstand duckt.
Nur durch derlei Löcher hingegen, davon zeugen Riedl wie Einstein, ergibt sich Durchblick auf weitere Wirklichkeit. Mit den "ererbten menschlichen Anschauungsformen" (Riedl) allein bekommen wir keine der großen naturwissenschaftlichen Entdeckungen des Jahrhunderts ins Visier: nicht die von der Quantenphysik vollzogene Löschung des geheiligten Trugbildes einer wenigstens im allerkleinsten Nucleus festgefügten Materie; nicht die von Kernphysikern und Biologen vorexerzierte Abkehr von dem fundamentalen Irrtum, Ursache und Wirkung folgten immer aufeinander; nicht die Bedeutung des Zufalls für die Erklärung unberechenbarer Bewegungen innerhalb des Atoms.
Trotzdem: kreatürliche Abwehr allenthalben. Wie erst muß die sich gegen den Nachweis erheben, unsere Vernunft, dieses unübertroffene Informationssystem, sei ein vorsintflutliches Instrument und in den von uns erschaffenen Lebensproblemen ein gefährlicher Kompaß.
Gerade diesen Nachweis hat eine fortschreitende Erforschung des menschlichen Gehirns und seiner Evolution geliefert. Nun ist''s am Tag, wieso dem Menschen alle Art abstrakt erschlossener Wirklichkeit so befremdlich und bildlos bleibt: Seine "Anschauungsformen" - das, was der Kopf aus den Meldungen der Sinne so macht - basieren auf den Überlebens-Lektionen einer jahrmilliardenlangen Heraufentwicklung aus dem Protoplasma.
Multimilliarden genetisch überlieferter Anpassungen an die Wirklichkeit lenken das Gehirn unbeirrbar. Als das Instrument höherer Wahrheitssuche, wofür es seit ein paar Momenten der Zeitrechnung zweckentfremdet wird, verdient es nicht blindes Vertrauen.
"Unsere unbelehrbaren Lehrmeister" hat Konrad Lorenz das genannt, was uns da aus dem Unbewußten bedient. In einem universalen Exkurs durch die Wissenschaften schlüsselt jetzt Riedl auf: Zerstörerischer Endeffekt unseres erblich sichtbehinderten Naturverständnisses sei die Trennung der Erkenntniswege in einen machtergreifend materiellen (Naturwissenschaft) und einen beweisarm ideellen (Geisteswissenschaften) - eben "Die Spaltung des Weltbildes". _(Rupert Riedl: "Die Spaltung des ) _(Weltbildes". Verlag Paul Parey, Hamburg; ) _(334 Seiten; 39 Mark. )
Worin besteht die Sichtbehinderung? Darin, daß uns vom uralten Hausverstand in "suggestiver Anschaulichkeit" gewisse, "sehr vereinfachende Ausschnitte" der Realität für deren Gesamtbild ausgegeben werden; Ausschnitte, "welche wahrzunehmen für die Kreaturen der Stammesgeschichte von lebenserhaltender Bedeutung war". Verborgen sitzt die Vorzeit mit am Drücker.
Sie zwingt uns auf, wie getrennt wir Zeit und Raum, Farbe und Wärme, Stoff und Energie zu erleben und auf welche Weise wir für alles Ursachen und Zwecke zu ermitteln haben. Über die wahren Beschaffenheiten und Abläufe von alledem erfahren wir dabei nichts; erfahren nicht mal, daß wir nichts erfahren.
Denn selbst die Mitteilung dieses Faktums gleitet offenbar ab am erbfesten Sicht- und Selbstschutz aus der Großaffenzeit. Andernfalls würde sie auf uns wirken wie in einem Jumbo die Durchsage des Kapitäns, man fliege nach der altbewährten Peilung über den Daumen.
Das Sensorium bewahrt sich seinen Eigensinn. Was soll es anfangen mit der Nachricht, unser Weltbild falle auseinander? Für die Vorstellung vom planetaren Crash, zu dem das führen mag, hat es viel zu kleine Fenster. Auf das Stichwort "Weltbild" liefert es jedermann seinen eigenen Bildsalat. Verzerrungen, Ausschnitte lassen sich abrufen: Allerlei Weltanschauliches, den Anblick der Erde von einem Raumschiff aus oder jenes atomare Spielmodell aus umeinanderkreisenden Billardkugeln, an dem der Schüler seine Fehlvorstellung von dem erwirbt, was sich zu dieser Welt zusammenfügt.
In Wahrheit tragen wir unser Weltbild in uns, wohlverkapselt in Vorurteilen. Unseren Handlungen und Perspektiven unterlegt es, janusköpfig wie die Wissenschaft, einerseits das abgeheftete Idealmaß unserer Gottähnlichkeit, andererseits die materielle Perspektive der Weltmechaniker Galilei, Descartes und Newton. Die hat dazu verführt, Natur und Kosmos maschinengleich aus ihren Teilen zu verstehen, und die Hochrechnungen
daraus setzten den Ruin der Menschenwelt ersichtlich ins Programm.
Aus diesem kosmischen Puzzle resultiert das Fortschritts-Credo einer Mehrheit wissenschaftlicher Technokraten, und das wirkt bis ins kleinste Verbrauchergehirn. So bestätigt sich die von Riedl beschriebene Systematik der Evolution: Je länger etwas Erfolg gebracht hat, desto hartnäckiger hält daran das Verrechnungssystem des "sich selbst organisierenden Lebens" fest. Überdies dränge uns das Programm im Kopf unmerklich unter "allen möglichen Lösungen die einfachste als die richtige auf".
Gibt es Einfacheres als den Konsum jenes Erfolgs, den die nach Sinn und Zweck nicht weiterfragende mechanistische Halbkultur für sich buchen kann? Was Wunder, wenn unser geistiges Grundkapital aus äonenalten Vorurteilen die junge Öko-Logik überstimmt? Das macht aus uns Verwandte des Huhnes, das in seinem Fütterer täglich mehr seinen Wohltäter sehen muß, bis ihm der den Garaus macht.
So beschaffen sind die Entscheidungshilfen für die Komplikationen des Atomzeitalters. Pawlowsche Reflexe veranlassen nicht nur einen Hund dazu, die Glocke anzubetteln, zu deren Ton er stets gefüttert worden ist. Sie schlummern auch in uns. Unweigerlich schließt sich ein Menschenauge auf ein Tonsignal hin, falls dieses zuvor nur etliche Male von einem unangenehmen Luftstrahl auf die Cornea begleitet war.
Die Reizverarbeitung der Natur entscheidet nach Wahrscheinlichkeiten. Sie reicht die Erwartung weiter, daß sich Vorgänge und Erscheinungen, Ursachen und Zwecke in erfahrener Weise wiederholen. Das tut sie, seit es Leben gibt. So funktioniert sie im Menschen.
Kaum sei der sich seiner bewußt geworden, so zeichnet die Evolutionsforschung das nach, habe er mit einer ausschweifenden Ursachenbestimmung angefangen. Das aus unbewußter Anpassung erwachsene System verließ die Ebene seiner Kompetenz. Was Wahrheit sei, das wurde so (linear) verrechnet wie die Erfahrungen mit Feinden und Futter.
Riedl findet in allen Schöpfungsmythen entsprechende Antworten; sei es die Nominierung des Meergotts Poseidon als Ursache für Sturm; sei es die Erzählung von der Entmannung des Uranos beim Coitus mit seiner Mutter Gäa, mit der sich die Scheidung von Himmel und Erde erklären ließ.
Ein tief im Menschen angelegter Zwiespalt erklärt sich plötzlich aus der Biologie der Wahrnehmung: sie suggeriert uns Teilung als Gesetz des Werdens wie des Erklärens. Die gottschaffende Frage nach der (einerseits) allerersten Ursache und dem (andererseits) allerletzten Zweck tastet in jene entgegengesetzten Fahndungs-Richtungen, in die am Ende die Wissenschaften auseinanderstrebten.
Daß erst die Aufklärung seit Galilei mit ihrem Durchmarsch ins Zähl- und Beweisbare das Schisma zur Artbedrohung ausweitete, wird von Riedl nicht bezweifelt. Angelegt hingegen sei es von Anbeginn "im Dilemma unserer materiellen Ausstattung", sprich Verstand.
Zweifellos ist der Naturprodukt. Darüber hinaus jedoch, und darin wurzelt gerade die Hoffnung der neuen Evolutions-Systematiker, spiegelt sich in seiner Anlage die Naturordnung wider. In einem "ungeahnten Grade", sagt Riedl, habe sie diese "nachgebildet". Das befördert uns in einen Denk-Looping zu einer Umkehr von Perspektiven. Ja doch: In den Informationsweisen und Erfahrungen des Lebens und Überlebens zeichnet sich wie in den Rückmeldungen eines Echolots ab, was Wirklichkeit ist. So spiegeln Vogelschwingen die Gesetze der Aerodynamik, deren Realität an ihnen erst offenbar wurde.
So paradox es anmutet: Ein Erkenntnisgewinn, der dem Denken unerreichbar schien, wird durch Einsicht in die Biologie des Denkverfahrens auf einmal möglich. Verfährt es denn nicht stets (und stur) nach dem Frage-Schema: Hie Ursachen - hie Zwecke? Das muß dann doch, unerachtet der davon 3000 Jahre lang in klugen Köpfen angefachten Deutungsgegensätze, die Naturordnung ebenfalls anzeigen! Man braucht eben nur diesen Denk-Looping, um aus der Fehldeutung zur richtigen zu gelangen.
Darin, folgert Riedl liege die Lösung. Nach Jahrzehnten der Beweisaufnahme ist er bei seinem Credo angelangt: Alles, was entstehe, bilde sich im dynamischen Ineinander-Wirken von Ursachen und Zwecken, ergebe sich aus dem Verbund der Fragen: Woraus? und Wozu?
Bereits Aristoteles hat jegliches Werden an dem Aufgebot an Stoff und Kraft einerseits und dessen Auswahl durch Form und Zweck andererseits erklärt. Darauf gründet Riedl ein evolutionäres Schichtenmodell für ein Zusammendenken in sämtlichen Fakultäten.
Lebensgesetzliche Fortentwicklung ereignet sich danach stets schub- und
schübchenweise: Aus Teilen, die ihrerseits bereits aus der Synthese von Teilen hervorgegangen sind, wird "Material" für ein hierarchisch jeweils höheres Ganzes. Und daraus erwächst das Bauteil-Angebot für wieder eine Stufe und so fort. Alles drängt zu immer komplexerer Vernetzung aufwärts. Um es zu begreifen, das ist für Riedl der Punkt, müsse man stets nach der Zweckbestimmung fragen - nicht nach Vorbestimmung.
Derartiges Ineinander bedeutet das genaue Gegenteil der durch globale Ökopannen markierten einseitigen Sicht von Natur. Es herrscht jene "Wechselkausalität", für die das linear veranlagte menschliche Denken, wie wir von Riedl oder Lorenz immer neu zu hören bekommen, "keine vorbereitete Anschauungsform" habe. Dennoch soll, nein, muß es sich dieser Sachlage anpassen. Nur, wie?
Es wirkt ja nicht bloß immense Interaktion von Teil zu Teil, Schicht zu Schicht, vielmehr auch innerhalb sämtlicher Teilsysteme und Schichten sowie durch alle hindurch. Riedl: "Halten wir uns vor Augen, daß sich unser Körper aus Organen zusammensetzt, diese aus Geweben und Schicht für Schicht weiter aus Zellen, Zellstrukturen, Biomolekülen, Molekülen, Atomen und Quanten; und daß es, hinaufzu, der Individuen bedarf, um Gruppen, Gesellschaften und Zivilisationen zusammenzusetzen."
Die von ihm vorausgesetzten Wechselwirkungen springen aus der Evolution der Natur über auf die Schichtungen der kulturellen Evolution, die durch die Pforte des menschlichen Bewußtseins aus der Natur herausgestiegen ist und nun mit millionenfacher Beschleunigung in diese zurückwirkt.
Der Geschichte machende Mensch auf dem Boden einer ahistorischen Natur - diese aberwitzige Fehleinschätzung hat sich für Atomphysiker wie Evolutionsbiologen längst verflüchtigt. Natur ist Geschichte, ob es sich um die Entstehung von Galaxien, die Ermöglichung von Leben oder das Gehirn von Hitler handelt. Sie erweist sich als das andauernde Aufeinandertreffen elementarer Zufälle von mathematisch nicht berechenbarer Fortwirkung. Nichts in ihr, auch nicht die Genese des Menschen, könnte sich aus den Quintillionen von Möglichkeiten je noch einmal so ergeben.
Überall bedingen einander Teile und Ganzes, und jedes Ganze ist abermals Teil von etwas noch Umfassenderem - so vom Milchzahn bis in die Milchstraße. Aus Teilen und ihrer Summierung nicht das Ganze, aus dem Ganzen nicht die Teile definieren zu können, ist die bekannte Crux aller abendländischen Wissenschaften. Wo immer nämlich Teile sich zusammenschließen, erwächst daraus eine höhere Qualität, von der sich in ihnen noch nichts abgebildet hat, obschon es darüber zuvor schon zwischen ihnen einen Austausch von Informationen gegeben haben muß.
Wenn Photonen aus einem Laser-Kristall herausdrängen, behindern sie einander erst noch in diffusem Durcheinander. Dann jählings einigt sich das, so Riedl, "Parlament der Teile" auf eine gewaltige Einheitlichkeit.
In einem System von Zellen, einem Schwarm von Fischen, einer Masse Menschen (siehe den neuen Iran) lassen Info-Systeme verwandter Art sich mehr ahnen als belegen. Wird am Embryo eines Molches der Schwanz an die Stelle eines Beines verpflanzt, so wird aus ihm ein Bein. Das Ganze und seine Teile machen das untereinander aus. Vergleichbar bedingen einander Wörter und Sätze, Personen und Gemeinde, Atome und Moleküle. Selbst Versuchsratte und Versuchsleiter, weiß Riedl jetzt, sind einander bei ihren Konditionierungs-Experimenten "wechselseitig Ursache".
Wodurch könnten wir des Wechselspieles einer solchen wahreren Weltnatur habhaft werden? Es läßt sich ja, bei aller Kybernetik, nicht rechnen. Nach Worten und Bildern dafür suchen wir, wie natürlich auch Riedl, vergebens.
Es hilft nur dieses Umdenken über das Denken hinweg. Davon erwartet sich der Öko-Lotse aus Wien die einzig menschenmögliche und menschenwürdige "Selbst-Transzendenz". Mögen auch die "Anschauungsformen" auf unabsehbare Zeit weiter die alten Bilder liefern, das Wissen über die ihnen innewohnende Mißweisung erlaube die vielleicht entscheidende Kompaß-Korrektur.
Im Gegensatz zu einer Korrektur (sprich Manipulation) der Gene würde das, wirbt Riedl, zu schnell prüfbaren Ergbnissen führen, mit allen Chancen der Adjustierung. Kein unwiderruflicher Umbau der Spezies werde riskiert. Eine neue Theorie in den Köpfen sei das jetzt angemessene Instrument der Evolution.
Denn um die handelt es sich wie seit 3,5 Milliarden Jahren. Wir Zauberlehrlinge sind aufgerufen, sie zum ersten Male selber zu steuern. Wenn wir Riedls Freund Karl Popper glauben, steht uns dazu nur ein ein Tausendstel unseres Verstandes zur freien Verfügung.
DER SPIEGEL 25/1985
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