14.10.1985

Die Hohepriesterin des Intimverkehrs

Barry Graves über die amerikanische Sexualberaterin Ruth Westheimer Der Amerikaner Barry Graves, 39, lebt als Buchautor ("Elvis: King der verlorenen Herzen") und Rundfunkjournalist in New York und West-Berlin. *
Kann eine Frau schwanger werden, wenn sie im Stehen Geschlechtsverkehr hat? Raubt die Beschneidung dem Mann die Sinnlichkeit? Soll sich ein Ehepaar im Bett gemeinsam Pornofilme anschauen?
Wer solcherlei Fragen unter Einhaltung aller Vorspielregeln korrekt beantworten konnte und sich mehrmals mit einer "Sex" genügend "Erregungspunkte" zusammengewürfelt hat, darf schließlich zum Höhepunkt ins "Befriedigungsfeld" eindringen.
Dieses Brettspiel brachte Ende September bei seiner Einführung im New Yorker Glamour-Kaufhaus "Bloomingdale's" die Yuppie-Kundschaft in Erregung. Kein Zweifel: "Dr. Ruth's Game of Good Sex" werden viele unbefriedigte Ehefrauen ihrem Erfüllungsgehilfen zum Christfest auf den Gabentisch legen.
Denn nachdem in den letzten Jahren im Bodybuilding-Studio und Bräunungs-Salon der Körper aufgemöbelt worden ist, wollen nun mehr und mehr Amerikaner(innen) ihr vermeintlich aus der Norm geratenes Sexualleben wieder voll in Schuß bringen. So stößt denn Dr. Ruth Westheimer, 57, mit ihrer multimedialen Eros-Hilfe in eine Marktlücke.
Wenn Dr. Ruth vor Mikrophon und Fernsehkamera sitzt, wählt sich Amerika am Telephon die Finger wund, denn Amerika hat viele Probleme, und Dr. Ruth hat viele praktische Antworten, die aber nicht immer gezielt unter die Gürtellinie gehen, denn "Sex beginnt im Kopf, nicht zwischen den Beinen".
Ihre sonntägliche Radio-Show "Sexually Speaking" beim New Yorker Sender WYNY wird per Satellit zu rund 60 anderen Stationen von Puerto Rico bis Kanada geleitet; rund 3000 Anrufer versuchen jedesmal, zu ihr durchzudringen. Wayne aus Texas weiß nicht, wie er sich beim Liebesakt am geschicktesten ein Präservativ überstülpen soll, Karen aus Maryland möchte als engagierte Lesbe ein Kind nur durch künstliche Befruchtung, Joe aus Michigan ist besorgt, weil er auf dem Nachhauseweg von seiner Freundin regelmäßig in Schwulen-Bars versackt, und Gary aus Connecticut fragt an: "Warum kriegt meine Frau nur einen Orgasmus, wenn sie auf mir liegt?"
Dr. Ruth weiß immer Rat, auch wenn Bruce aus Dubuque, Iowa, unsicher ist, ob die Neigung, sich als Nonne zu verkleiden, seinem katholischen Glauben abträglich sein könnte, oder wenn ein anonymer Anrufer aus Arizona gesteht, allein vom Anblick einer Kuh erregt zu werden. "In einem Land, in dem es keinen Käsekuchen gibt, gilt es schon als anomal, wenn einer süchtig danach ist", beruhigt Dr. Ruth dann ihre verwirrte Telephon-Klientel.
Nach fünf Jahren erfolgreicher Radio-Praxis erfreuen die "Schockgeschichten aus der Provinz" ("Time") nun auch das Fernsehpublikum: "The Dr. Ruth Show" erreicht täglich auf dem "Lifetime"-Kabelkanal 25 Millionen US-Haushalte. Der Medien-Marktwert der Sexshow-Dame hat sich inzwischen sogar transatlantisch ausgezahlt: In Daniel Vignes neuem Film "Une Femme ou deux" ist Dr. Ruth in eine (platonische) menagea-trois mit Gerard Depardieu und Sigourney Weaver verwickelt.
"Es gibt nichts Interessanteres im Leben als zu erfahren, was beim Nachbarn im Schlafzimmer passiert", weiß die erfahrene Telephonsexsorgerin. Und da in Amerika Voyeurismus und Exhibitionismus zwei Seiten ein und derselben klingenden Münze sind, hat Dr. Ruth einen Erfolgshöhepunkt nach dem anderen. Ihr Bestseller "Dr. Ruth's Guide to Good Sex" (US-Auflage: 100 000 Exemplare) ist inzwischen auch auf deutsch unter dem Titel "Sprechen wir mal drüber ..." erschienen, in Kürze werden für Jugendliche das Handbuch "First Love" und für Ehepaare die Selbsthilfebroschüre "Loving Couples" nachgeschoben. Seit Beginn des Monats führt auch ein "Dr. Ruth Video" mit "simulierten Therapie-Sitzungen und offener Aussprache" auf den Trimm-dich-Lustpfad zum "Phantastischen Sex". Die schnelle Orientierungsnummer hingegen besorgen seit einiger Zeit periodische Kolumnen im amerikanischen "Playgirl" und in der Hamburger "Neuen Revue". Dort erfahren dann unaufgeklärte Leser, daß einem beim Masturbieren nicht die Haare ausfallen und daß noch niemand durch das Rauchen von Mentholzigaretten steril geworden ist.
Am liebsten jedoch betreibt Dr. Westheimer ihre Telephon-Sextherapie, an der ganz Amerika teilnehmen kann. Die Arbeit im elektronischen Beichtstuhl macht ihr soviel Freude, "weil ich den
Leuten draußen das Gefühl gebe: Du bist nicht allein mit deinem Problem. Ich möchte eine sexuell mehr aufgeklärte Gesellschaft erreichen".
Getreu dem Motto des Telephonkonzerns AT&T, "Streck die Hand aus und berühre jemand", gibt Dr. Ruth all denen erotische Fingerzeige, die nach den Strapazen des Feierabend-Stoßverkehrs abgeschlafft vor dem Fernseher hängen und sich sorgen, ob ihr Penis im entscheidenden Moment noch seinen Mann stehen mag: "Ein gutes Vorspiel heißt nicht, an allen Knöpfen herumzufummeln und wie wild am Schalthebel zu rütteln, um den Körper in Fahrt zu bringen."
Derartige Bedienungsanleitungen zum erfüllten Beischlaf haben ihr bisweilen die Kritikerschelte eingetragen, sie gehe an die Probleme der Libido heran wie ein Klempner an den Wasserhahn. Doch das ficht die fröhliche Beraterin für alle Lebenslagen nicht sonderlich an: "Der beliebteste Professor in der Schule ist der mit den treffendsten Vergleichen und den schönsten Witzen."
Dementsprechend sieht sich die erfolgreiche Lustgewinnlerin, bei all ihren wissenschaftlichen Meriten, eher als eine "Entertainerin". Wenn Raquel Welch vor Millionen Zuschauern von "feuchter Vagina" und "Alterssex mit einem Dildo" sprechen würde, befiele die Zensoren bei den Fernsehsendern sicher nacktes Entsetzen. Dr. Ruth jedoch sitzt mit ihren niedlichen 140 Zentimetern Körpergröße in einer Puppenstuben-Dekoration wie eine liebe Tante, die über Fußbodenglanz und Gugelhupfrezepte plaudern möchte.
Selbst wenn sie dann zur Sache kommt und die Angst vor dem frühzeitigen Samenerguß herunterspielt oder Männerfurcht vor dem zu kleinen Glied beschwichtigt, klingt das eher wie ein Rezept für deutsche Hausmannskost: Dr. Westheimers hessischer Heimatakzent schlägt voll durch ihren New Yorker Plauderton.
Wenn die fidele Matrone aus Manhattan besonders gut aufgelegt ist, giggelt sie schon mal wie eine Lachtaube und belohnt ihren Telephonpartner, der sich gerade zum ausschließlichen Verbrauch von Verhütungsmitteln bekannt hat, mit einem saftigen "terrrrrific!" - schließlich hat sich die unermüdliche Sexpropagandistin auch in die Kondomreklame einspannen lassen.
Akzent und Attitüde, die das verbreitete Klischee vom schrulligen deutschstämmigen Psychoanalytiker zu überzeichnen scheinen, locken natürlich Kolumnisten, Talkshow-Gastgeber und Parodisten in Scharen an. Dr. Ruth ist zwar noch nicht so populär wie Minnie Mouse, arbeitet aber hart daran: mit Produktwerbung ("Ich und meine Smith-Corona-Schreibmaschine haben ein ganz besonderes Verhältnis"), Gastprofessur-Vorlesungen an Elite-Instituten wie Harvard oder Princeton sowie Show-Auftritten in Talkprogrammen, wo sie zum Lustgewinn des Publikums verklemmte Showmaster mit ihrem erotischen Vokabular in Verlegenheit bringt.
Dabei paßt ihr fachliches Credo durchaus in die durch Herpes und Aids heraufbeschworene neue Schicklichkeit. Dr. Ruth weiß: "Frauen und Männer wollen jemand, der zu ihnen gehört, und nicht einfach nur ins Bett hopsen", denn: "Reinkriegen ist leicht; aber dann kommt das Problem: Wie kriege ich sie wieder raus?" Deshalb empfiehlt sie ("Ich bin eigentlich ein bißchen altmodisch"), daß zwei Fremde in der Nacht erst mal am nächsten Tag "eine Beziehung aufbauen", bevor sie in den Kamasutra-Clinch miteinander gehen: "Wenn eine Beziehung seelisch harmonisch ist, klappt's auch sexuell."
Dann ist aber so ziemlich alles erlaubt: Fellatio ("läßt sich recht einfach lernen, wenn man an einer Banane oder einem Eis am Stiel übt"), Vibrator ("aus Diskretion aber besser nicht dort besorgen, wo man sonst immer Zahnbürste und Heftpflaster kauft"), Analverkehr ("bei ausreichender Lubrikation eine wirkungsvolle Spielart im heiteren Sexualland jenseits der Missionarsstellung").
Zu hemmungsloser Lustbarkeit mag die "First Lady of Good Sex" ("Playboy") allerdings nicht raten: "Wir brauchen Grenzen in unserer Gesellschaft."
Die sieht sie für sich gezogen, "wenn einer Blut sehen will oder ein Kind quälen muß, um eine Erektion zu bekommen". Ein "bißchen verrucht und französisch" hingegen darf's schon sein: "Probieren Sie's doch mal auf dem Küchentisch oder während Sie am Kronleuchter hängen", rät sie im Fernsehen, wenn einem Paar der sexuelle Appetit mehr nach Maxim's als nach McDonald's steht. Außerdem darf im Bett durchaus gelacht werden ("Lachen ist nur im Sarg fehl am Platz") - allerdings nicht über den Partner. Statt dessen sollten die Gespielen den Orgasmus nehmen, wie er ihnen kommt: "Es ist wie mit dem Niesen, mal gewaltig, mal bescheiden."
Bisweilen gerät die Missionarin der Stellungs-Vielfalt bei derart lockerem Geplauder ins Grübeln: "Mein Gott, was mach' ich da? Da rede ich mit meinem deutschen Akzent im amerikanischen Radio und Fernsehen über solche Dinge - ich hab' mich selber gewundert." Konsequenz: "Manchmal werde ich immer noch rot."
In der Tat konnte die Tochter eines frommen Frankfurter Juden kaum voraussehen, daß sie eines Tages zur Hohepriesterin des Intimverkehrs avancieren würde.
Karola Ruth Siegel mußte eine typische Emigrantenkindheit durchstehen, in der Menschenschinderei, schmerzvolle Trennung und ungewisser Tod jede Lust auf das Leben zu nehmen schienen. 1939 kam sie mit einem Kindertransport in die Schweiz, während ihr Vater, der Gedichte schrieb, Goethe verehrte und mit Stolz dem "Reichsbund jüdischer Frontsoldaten" angehörte, in Dachau eingesperrt war. Im "Land der Berge, Seen und Schokolade" blieb sie sechs Jahre; ihre Eltern wurden zunächst ins Getto nach Litzmannstadt und später irgendwohin ins Gas verfrachtet.
Nach Kriegsende kämpfte die überzeugte Zionistin in der jüdischen Untergrundbewegung Haganah und robbte sich zäh an ihr Traumziel Sozialfürsorgerin heran. 1951 studierte sie an der Pariser Sorbonne, drei Jahre später an der New Yorker New School for Social Research. Master-Diplom, Doktorat und Professorentitel fielen der kleinen, zielstrebigen Dame in schneller Folge zu.
Bei ihren Arbeiten über "Moral, Ethik und Sexualität" mit sozialen Randgruppen wurde ihr bewußt, wie unerfahren und ungeschickt viele Amerikaner mit ihrer Sexualität umgingen: "Die meisten amerikanischen Männer sind wie kleine Jungen, die glauben, daß Cowboys nur ihre Pferde küssen." Und die meisten amerikanischen Frauen finden sich nachts im plumpen Bärengriff eines Footballhelden wieder und "kommen sich dort unwahrscheinlich dunkel, traurig und einsam vor".
In einem Land, wo die Fernsehwerbung unentwegt mit Lippenstiften, Ketch-up-Flaschen und Schokoladenriegeln hantiert, als sei im Supermarkt eine erotische Epidemie ausgebrochen, werden nach Masters und Johnson 50 Prozent aller Menschen im Lauf ihres Lebens sexuelle Schwierigkeiten bekommen.
In einem Land, wo sich schöne Menschen beim Auftragen eines Parfüms im Taumel der Leidenschaft verlieren und zu einer Softdrink-Suada von Julio Iglesias im Gleichklang perfekter Tanzbewegungen wiegen, fühlt sich eine jugendliche Fernsehkonsumentin schon schuldig, weil ihr die Brustwarzen steif wurden, als der Vater beim Abschalten des Gerätes zufällig ihre Bluse berührte.
Im Land der aufgeheizten Versprechungen und abgeschlafften Ideale entspricht die schnelle Telephonsprechstunde der Dr. Ruth dem Quickie der Prä-Aids-Singles-Beziehungen: anonym, klipp und klar, sicher und gesellschaftlich durchaus akzeptabel. "Was mir passiert ist, konnte nur in Amerika passieren", sagt denn auch unsere liebe Frau von der Fernsprechmuschel zu ihrem Coast-to-Coast-Ruhm.
Immerhin tritt sie dem immer größer werdenden Klüngel altkonservativer Puritaner und wiedergeborener Christen mutig mit einem Talmud-Spruch entgegen: "Dich erlaubter Freuden zu enthalten, macht keinen Heiligen aus Dir, eher einen Sünder."
Von Barry Graves

DER SPIEGEL 42/1985
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