27.05.1985

„Es sah fast wie eine Hinrichtung aus“

SPIEGEL-Reporter Peter Schille über den gewalttätigen Rassismus in Frankreich *
Noureddine Hassan Daoudji, der letzte Name auf der Totenliste; vorläufig. Ein schmächtiger Algerierjunge. Hilfsarbeiter, was sonst? Er lächelt von allen vier Photos, die Habib, sein Vater, aufbewahrt. Aus seinen weit aufgerissenen Augen scheint heiterer Trotz. Oder hat er hinter dem Lächeln Angst versteckt?
Obwohl er "sanft wie Honig" war - Fatima, seine Mutter, weint ohne Tränen -, wurde Noureddine, 18, am 30. März um 21.30 Uhr im südfranzösischen Miramas ermordet.
Das älteste Bild der winzigen Photo-Sammlung: Noureddine auf der Schulbank, acht Jahre alt. Er lernte das Abc der Franzosen, er begriff, Wort für Wort, daß er "anders" war. Und er lernte das "Anders"-Sein als Einsamkeit kennen, die Einsamkeit des Exils: Jeder für sich und La France gegen alle.
Er entdeckte, daß er anders aussieht, Wuschelkopf und dunkle Haut, "un basane", ein Brauner, er betete zu Allah und nicht zum "weißen Gott", er sprach arabisch und sehr schlecht französisch, er war ein Fremder, in Algerien geboren und nicht in der Provence.
Algerien liege in Afrika, erklärten seine Klassenkameraden, und sie redeten ihm auch ein, daß er anders riecht als sie: "Bäh-Hammel und Knoblauch", so, wie es eben in der kargen Wohnung seiner Eltern riecht.
Er wohnte anders als sie. In den vorderen Zimmern liegen nur ein paar Kissen an den Wänden, das ist alles. Jetzt kauern Mutter, Schwester, Tanten und Schwägerinnen auf den Polstern und beklagen wortlos seinen Tod. Auf dem Wandkalender einer "Agentur für Zeitarbeit" über dem kleinen Küchentisch sind Noureddines Todestag und Todesstunde mit rosa Nagellack markiert.
Miramas, nordwestlich von Marseille, 22 000 Einwohner, 15 Prozent von ihnen Nordafrikaner, Arbeits-Immigranten aus dem Maghreb, aus Algerien, Tunesien und Marokko, von der Not aus ihren Vaterländern vertrieben. Arbeit finden sie, wenn überhaupt, in den Raffinerien am Etang de Berre oder in der Großindustrie von Fos am Mittelmeer.
Die meisten hausen in La Rousse, dem neuen Getto von Miramas. Im Argot der Straße heißt La Rousse "Polente". 3000 Schlicht-Wohnungen in vertikalen Betonsärgen oder Domino-Riegeln mit Kiesdächern. Ein Alptraum, ordentlich braun oder ocker angestrichen. Der Mistral, der scharfe Nordwind, weht Müll über den räudigen Rasen und über Spielplätze so behaglich wie Kasernenhöfe. Verzagte Pinien und Zypressen. Von den Balkonen winken da und dort Gartenzwerge. Am blauen Horizont schimmern die Kalkfelsen der Alpilles.
Dort, wo die Allee des Colchiques auf die Avenue du Levant stößt, erhebt sich ein monumentales Bauwerk aus braunen Balken und getönten Plastikscheiben, so hoch wie ein Haus: die Bushaltestelle. Vor dieser Pagode des Nahverkehrs wurde Noureddine erschossen.
Habib kniet nieder und küßt den fleckigen Asphalt. Er preßt sein erschöpftes Gesicht in den Staub, "um noch einmal das Blut meines Sohnes zu riechen".
Hat er den Verstand verloren, der kleine grauhaarige Mann, um dessen zahnlosen Mund ein Schnurrbart wuchert? Jetzt zeichnet er mit roter Kreide, geborgt von Tochter Yasmina, viereinhalb, den Umriß eines Körpers auf die Straße. "Noureddine lag auf dem Rücken, die Arme wie ein Kreuz ausgestreckt", sagt er. "Ich legte meine Hand auf sein Herz, es schlug nicht mehr. Aus seinem Kopf sprudelte Blut."
Ein Putzwagen der Stadtreinigung fährt vorbei und wischt mit kreiselnden Bürsten Habibs Zeichnung weg. Der Fahrer, Algerier, hält an und flüstert in rauhem, gebrochenem Französisch: "Wir sind bloß Hasen für die. Die halten uns für Hasen, die man abknallen darf."
Noureddine und sein Freund Reli Aissaoui sind an jenem Abend mit dem
Bus 1 aus dem Zentrum von Miramas heimgefahren. Nervös schwatzen sie über die Schlägerei in ihrer Stammkneipe O Mistral, von dessen Besitzer Reli sich betrogen wähnte. Noureddine wollte schlichten, er warf sich dazwischen, als Freunde des Wirts über Reli herfielen.
Bei der Flucht aus der Bar beobachtete er aus den Augenwinkeln, wie einer der Gäste drei grüne Gewehrpatronen aus der Hosentasche klaubte und schweigend hochhielt. Oder hat Noureddine sich das eingebildet? Waren das wieder seine Todesahnungen?
"Sie bringen mich um", hatte er eine Woche vorher zu seinem Vater gesagt.
Noureddine und Reli haben Angst. Sie empfinden die heraufziehende Nacht wie eine Bedrohung. Auf der anderen Straßenseite plaudern Noureddines Eltern mit Verwandten. Schwesterchen Yasmina schlummert im Gras.
Habib, 47, sieht einem Simca zu, der ohne Licht heranrollt und hält. Der Beifahrer ruft: "Noureddine, viens ici!" Herrisch, wie man Hunde ruft: Komm her!
Ein Schuß fällt. Der Simca fährt an, Fatima, die Mutter, stürzt sich auf ihn. Sie schreit, wie Kabylenfrauen schreien, wenn Schmerz oder Haß sie überwältigt. Schrill. Panisch. Habib reißt sie zurück, zu spät, sie prallt gegen das Auto, und noch einen Monat später zeigt sie zwei tellergroße blaue Blutergüsse auf ihrem dicken weißen Oberschenkel - Stigmen der Mutterliebe.
Im Büro der Police nationale führt Kommissar Christian Eck ein kleines Schauspiel auf: "Die Ermordung von Noureddine". Der Kommissar spielt den Mörder. Energisch reißt er ein Lineal vom Schreibtisch und legt an. Der kleine Algerier versuchte zwar noch, "dem Täter die Waffe aus den Händen zu winden", doch da hatte sich deren Mündung schon unter seine Kinnlade geschoben.
"Voila", sagt Eck, "der Schuß durchschlug den Schädel von links unten nach rechts oben." Der Mörder benutzte ein doppelläufiges Jagdgewehr, in der Provence schießt man damit Wildschweine.
Ja, es war mit grünen Patronen geladen. Die adretten älteren Herren der Police nationale in ihrer düsteren Amtsstube hinter dem Bahnhof von Miramas lachen herzlich. "Ja, es sieht beinahe wie eine Hinrichtung aus. Aber, wer weiß, vielleicht war es auch ein Unfall?"
Der Verdächtige ist flüchtig, die ganze Stadt kennt seinen Namen: Juan Forte Hernandez, nom de guerre: Paella, 26, Zimmermann, spanischer Gastarbeiter. Einer aus La Rousse. Flüchtig auch sein Freund und Fahrer Jean-Pierre Cusumano, 25, Metzger in einem Supermarkt. Beide sind rechtsextreme Araberfresser, behaupten die Araber aus der Avenue du Levant. Hernandez soll ein gewalttätiger Rassist sein, der Schießübungen auf die Baracken beim Friedhof veranstaltete. Dort wohnen die allerärmsten Nordafrikaner im allergrößten Elend.
Statt einer Antwort schweigen die Polizisten wortreich. Grimassen, Füßescharren, Stirnrunzeln, provencalische Pantomimen. Auch Daniel Bachasson, der Untersuchungsrichter in Aix-en-Provence, lehnt jede Auskunft ab. Der Fall sei noch nicht abgeschlossen.
Der Mörder auf der Flucht. Die Bar O Mistral aus Sorge um die öffentliche Ordnung vom Präfekten geschlossen. Und "Noureddine wird seinen 19. Geburtstag im Sarg feiern", sagt Habib. "Allah sei Dank! Wir haben ihn in algerischer Erde begraben, in Mazouna, wo wir früher gelebt haben."
Auf der imaginären Totenliste trägt Noureddine irgendeine Nummer, 567 oder 671 oder 1254 - das Verzeichnis aller Opfer des Rassismus in Frankreich ist so lückenhaft wie die Statistik der Behörden. Alle Dokumentationen der ethnischen Minderheiten wie der antirassistischen Organisationen sind unvollständig. Allein in der Erinnerung ihrer Familien sind die Erschossenen und Ertränkten, die Erstochenen und Erschlagenen sorgfältig aufbewahrt.
Die "Vereinigung der Algerier", sie vertritt fast 800 000 Menschen, hat die Mord-und-Totschlag-Werke der Franzosen zu sammeln versucht, ihr Vorhaben aber 1984 entnervt abgebrochen. Der Katalog der Schandtaten wurde jeden Tag dicker und unübersichtlicher.
Seit einem Attentat auf das Konsulat in Marseille, das 1974 vier Algerierleben kostete, sind "etwa 120 Algerier Opfer rassistischer Attentate geworden". Ein Mord pro Monat. Die Geschichte der Algerier in Frankreich ist die Geschichte ihrer Verfolgung und Unterdrückung. Bereits 1973 mußte das französische Innenministerium gestehen, daß Anschläge auf nordafrikanische Immigranten "besonders während des Sommers nichts Ungewöhnliches" seien.
Noureddine wurde am 30. März ermordet. Ist neuerdings das ganze Jahr Saison?
Der Rassismus in Frankreich ist "eindeutig mörderisch" geworden, sagt Ali Zaidi, Repräsentant der Algerier von La Courneuve bei Paris.
In seiner nächsten Nachbarschaft, im Hochhaus-Getto der "Cite des 4000", deren schwarze, braune und weiße Mieter im Belagerungszustand gegen Armut, Trunksucht, Drogensucht, Vandalismus und Hoffnungslosigkeit leben, in einem der Wohnblocks von La Courneuve, erschoß 1983, tatsächlich an einem Sommertag, "ein weißer Franzose"
den zehnjährigen Toufik Ouannes, weil er beim Spielen Krach gemacht hatte.
11. November 1984: In Chateaubriant erschießt ein arbeitsloser Franzose, 22, zwei Türken und gibt anschließend zu Protokoll: "Ich kann Fremde nicht leiden, die keine Europäer sind."
1. Dezember 1984: In Annonay foltert der Polizeikommissar Gille Ambrosi den Algerier Karim Ramdani, 23, mit einem elektrischen Polizeistock so brutal, daß das Opfer, bei einem Einbruch ertappt, schwere Verbrennungen erleidet.
21. Dezember 1984: Eine junge Frau aus Kamerun wird vom Patron eines Pariser Bistros, der "keine Schwarzen mag", aus dem Lokal geworfen, mißhandelt und vom Schäferhund des Wirts angefallen.
23. Dezember 1984: Die Algerier Habib Thonil und Rachid Abidi betreten eine Bar in Perreux. Plötzlich bricht Habib zusammen, von einer Kugel, Kaliber 38, ins Herz getroffen. Der Mörder ist unbekannt.
19. Februar 1985: Im normannischen Notre-Dame-de-Gravenchon überfallen vier Gymnasiasten einen Marokkaner mit Messer, Hundekette und Eisenstange. Ihre Erklärung: "Es gibt zu viele Araber bei uns."
21. März 1985: Menton an der Cote d''Azur: Erbost über zwei Farbige, die sich nachts mit einer "weißen Europäerin" unterhalten, eröffnen zwei junge Franzosen mit einem Gewehr das Feuer: Der Marokkaner Aziz Madak stirbt bald darauf im Krankenhaus. Seinem Freund aus Martinique müssen drei Kugeln aus den Beinen operiert werden. Die Täter, einer bewarb sich um die Mitgliedschaft in der rechtsextremen Nationalen Front: "Wir mögen keine Araber!"
Und so weiter. Und so weiter?
"Schluß mit dem Wahnsinn: Es lebe das Leben!" riefen eine Woche nach dem Mord von La Rousse Scharen junger Leute im Chor. Erst in Marseille und dann in Miramas waren sie zu Tausenden auf die Straße gegangen, um "Gerechtigkeit für Noureddine" zu fordern. Organisiert hatte die Demonstrationen "S.O.S. Racisme", eine neue Truppe sanftentschlossener Antirassisten.
"S.O.S. Racisme", sagt ihr Präsident Harlem Desir, 25, selbstbewußt, "ist die größte Jugendbewegung seit dem Studentenaufstand im Mai 1968."
Die Geschichte von "S.O.S. Racisme" beginnt mit einem Fall von Rassismus, Tatort: die Pariser Metro.
Ein regnerischer Oktoberabend. Diego, Student aus dem Senegal, fährt zu einem Pizza-Essen ins Araberviertel Belleville. Plötzlich kreischt die Frau neben ihm auf. "Mein Portemonnaie ist weg! Gestohlen. Ein Dieb!" Die Fahrgäste schrecken aus ihren Wachträumen auf.
Diego ist nicht der einzige Farbige im Waggon, doch nur er steht dicht neben der keifenden Frau. Alle Blicke richten sich auf ihn, nicht auf die Weißen in der Nähe der Bestohlenen. Feindselige Augen. Der Verdacht murmelt sich durch die Reihen. Diego ist schwarz, also muß er der Dieb sein. So einfach ist das: Diebe sind schwarz.
Als zwei Stationen später die Frau ihr Portemonnaie plötzlich wiederfindet, sprechen die Blicke der Fahrgäste Diego nur widerwillig frei.
Seinen Freunden, Gymnasiasten oder Studenten wie er, keiner älter als 25, von schwarzer, brauner oder gelber Hautfarbe, sind solche schweigenden Kriegserklärungen vertraut. Während sie Pizza kauen und ihre Erfahrungen diskutieren, ruft Rocky, einer von ihnen: "Touche pas a mon pote!" - "Rühr meinen Kumpel nicht an!"
Die 15-Personen-Clique ist auf ihren Slogan gestoßen, er klingt wie ein Aufschrei. Ob man ihn als Button unter die Franzosen bringen soll?
"Le badge", das Abzeichen, erhält die Form einer offenen rechten Hand, im Handteller der Slogan. Es soll Halt gebieten, "aber auch Freundschaft und Brüderlichkeit" verheißen, so Gründungsmitglied Thaima Samman. Nachempfunden ist es der "Hand der Fatima" - Fatima war Mohammeds Tochter -, einem islamischen Amulett, bewährt gegen Dämonen und bösen Blick.
Über eine Million Plastik-Hände in vielen Farben hat S.O.S. Racisme bis heute an seine Anhänger verkauft - für fünf Franc das Stück, etwa 1,60 Mark. Es ist gesetzlich geschütztes Markenzeichen.
Der Schrecklichste der Dämonen fühlte sich als erster herausgefordert: Jean-Marie Le Pen, Führer der Nationalen Front, schlug wuchtig zurück - und daneben. Eine derbe Faust und die Warnung: "Rühr mein Volk nicht an!" - mit diesem Kontrast-Abzeichen geben sich nun seine Parteigänger zu erkennen.
Le Pen, 56, reaktionärster unter Frankreichs führenden Rechtsextremen, schürt mit seinen Appellen an den Fremdenhaß die dumpfen Gefühle von verbitterten Kleinbürgern, Arbeitslosen und Sozialistenhassern. Bei den Europawahlen 1984 eroberte er zum Entsetzen des liberalen, aufgeklärten Frankreich elf Prozent der Stimmen - soviel wie die Kommunisten.
S.O.S. Racisme war nicht aufzuhalten. Aus der Pizza-Diskussion von Belleville entwickelte sich eine nationale Kampagne gegen den Rassismus. Harlem Desir, sein Vater stammt aus Martinique, seine Mutter aus dem Elsaß; Harlem, der Geschichte und Philosophie studiert, und wenn das nicht reicht, demnächst noch Geographie; dieser gutgelaunte, kraushaarige und braunhäutige Widerstandsgeist ist zum Heros der Gymnasiasten aufgestiegen. In den Lycees wird mit der offenen Hand, nicht mit erhobenem Zeigefinger, wie einst im Mai, für das "wahre Frankreich" geworben.
Harlem, der farbige Verführer: Im Fernsehen strahlt er Charisma aus, Intelligenz und Würde. Er ist eloquent, tatendurstig und einfallsreich. "Was er sagt", schwärmt Isabelle vom Lycee Montaigne, "berührt mich emotionell und im Kopf. Es ist poetisch und politisch."
"Die Jungen" beten ihn an, weil er einen "fröhlichen Antirassismus" predigt, sagt der Schriftsteller und Neue
Philosoph Bernard-Henri Levy, einer der Paten der Bewegung.
Die neuen Philosophen, wie Andre Glucksmann oder Levy, die sich aus allen revolutionären Engagements zurückgezogen haben, weil der Marxismus und die Utopie der Revolte nach ihrer Theorie doch nur im Gulag enden, die weder links noch rechts sein und sich nur noch grämen wollen, diese ratlosen Schreibtischtäter scheinen in S.O.S. Racisme eine neue politische Heimat gefunden zu haben.
S.O.S. Racisme vertritt "positive Werte" und verabscheut "die Sprache der Gewalt" (Levy), das macht die Bewegung so anziehend. Der Kampf gegen Rassismus, "dieses alte Elend des Denkens", so der Essayist Maurice Blanchot, "hat seit der Affäre Dreyfus das Selbstverständnis der Intellektuellen in Frankreich entscheidend bestimmt".
Das leuchtet den Gymnasiasten ein, mobilisiert ihre Zivilcourage, weckt Widerstandskraft - die sie auch nötig haben: Nicht nur im Pariser Lycee Montaigne reißen rassistische Pennäler-Kampftrupps "le badge" von Jacken und Pullovern. Es gehört Mut dazu, Mitglied der Rühr-meinen-Kumpel-nicht-an-Gesellschaft zu sein. Aus vielen Schulen und Betrieben in der Provinz wurde die Hand bereits verbannt.
Das alte und gewalttätige, das geliebte und süße Frankreich; das Land Descartes'', der Revolution und der Erklärung der Menschenrechte ist auch das Land, von dem Kreuzritter aufbrachen, um Muselmanen und Juden zu morden.
Rue d''Assas, Universität Paris-II, Sitz der juristischen Fakultät. Ein eleganter Jura-Student sagt: "Wir müssen an unsere Zukunft denken. Die Immigranten stören uns doch nur." Seine hübsche, mit Büchern beladene Freundin fügt todernst hinzu: "Unsere Familien und Kinder sind in Gefahr. Wir müssen uns wehren, damit wir wieder stolz auf Frankreich sein können!" Rassismus? Sie meint, was sie sagt, ihr Gesicht ist flammend rot geworden.
Jeden Montag um 17 Uhr empfängt Maitre Irene Kraut, eine junge temperamentvolle Anwältin, in ihrer Kanzlei im Faubourg Saint-Germain die Erniedrigten und Beleidigten. Gedemütigte Menschen, welche die Antirassismus-Organisation Licra um Beistand gebeten haben. Menschen aus den schäbigen Vororten und den armen Pariser Quartiers, aus Arnouville-Les-Gonesse und La Courneuve, aus Belleville und Bagnolet. Menschen, denen man Schimpfwörter wie Steine hinterhergeworfen hat.
Seit neun Jahren müht sich Irene Kraut, all den "dreckigen Juden" und den "stinkenden Arabern" zu ihrem Recht zu verhelfen. Meist vergebens. Auch in Frankreich gibt es ein Gesetz gegen Rassen-Diskriminierung: Nachzuweisen sind die Schandtaten der Rassisten allerdings nur selten.
Soeben hat Maitre Kraut in Pontoise für einen schwarzen Arzt einen Prozeß gewonnen. Dessen Nachbar hatte zu oft und zu öffentlich "sale negre", dreckiger Nigger, geknurrt. Urteil gegen den Rassisten: 5000 Franc Strafe, 1600 Mark.
Sucht ein Araber eine Wohnung und der Vermieter sagt ihm am Telephon zu, von Angesicht zu Angesicht aber ab, was dann? Solche Niederlagen hat auch Harlem Desir schon hinter sich. Doch die Richter fordern Beweise, Zeugen.
Irene Krauts aufregendster Fall ist noch nicht entschieden. Ein Dentist in der Provinz hatte übers Telephon eine Sprechstundenhilfe engagiert, entzückt von ihrem klaren Französisch und ohne zu ahnen, daß sie aus Senegal stammt. Als sie sich vorstellte, fiel dem Zahnarzt fast der Himmel auf den Kopf.
Er war zwar kein Rassist, das las die Senegalesin aus seinem entsetzten Bleichgesicht, aber Schwarze mochte er einfach nicht um sich haben. In seiner Verwirrung vertraute er sich seiner Assistentin an. Die Anwältin: "Das ist die Zeugin, die wir brauchen!"
Ein mühseliges Geschäft. Freiwillige, unentgeltliche Arbeit für die Menschenrechte. Sisyphusarbeit: seit neun Jahren nimmt die Zahl der Beschwerden zu;
Irene Kraut: "Früher schämten sich die Angeklagten, das sah ich ihnen an. Nun werden sie dreister. Sie wagen es, sich offen zu bekennen."
Aus welchen schmutzigen Quellen der Rassismus aufsteigt, darüber macht sich die Anwältin ihre bitteren Gedanken. "Es ist wahrscheinlich leichter, zu hassen als zu verstehen."
Ist der Rassismus bereits ein Element der französischen Gesellschaft? Ein Gift, das in die Seelen eingedrungen ist und ihr Denken verdorben hat?
Auf die Licra-Umfrage: Gibt es zu viele Nordafrikaner in Frankreich? antworteten mit Ja 1968: 62 Prozent; 1977: 63 Prozent; 1984: 66 Prozent.
Jacques Chirac, Bürgermeister von Paris, ehemaliger Premierminister: "Wenn es weniger Immigranten gäbe, gäbe es auch weniger Arbeitslosigkeit, weniger Spannungen in bestimmten Städten und Vierteln. Hätten wir geringere Sozialkosten."
Schon ist von der "Afrikanisierung" Frankreichs die Rede. Die Franzosen wollen mit Gewalt vergessen, daß sie zu mehr als einem Drittel in erster, zweiter oder dritter Generation von Immigranten abstammen. Voller Vertrauen waren ihre Vorfahren - Italiener, Spanier, Tunesier, Chinesen, Russen, Polen, Menschen mit schwarzer, brauner, gelber oder weißer Haut - in die Heimat der Menschenrechte eingewandert.
Schmelztiegel Frankreich: Die Polen schufteten in den Kohlegruben, wo sie inzwischen von Algeriern und Marokkanern abgelöst wurden. Die Portugiesen verdingten sich als Hausmeister, die Spanier als Portiers, die Italiener eröffneten Cafes und, so will es die Legende, alle vor den Bolschewiken geflohenen Großfürsten wurden Taxifahrer.
Die Pariser Metro ist eine mobile Weltausstellung der Völker namens Frankreich. In allen Farben spricht die Metro - französisch. Laut Innenministerium lebten Ende 1983 in Frankreich 4,5 Millionen Fremde; 630 000 stammten aus EG-Ländern. Der Ausländeranteil liegt bei 8 Prozent.
Französische Wirtschaftskrise minus Ausländerberg gleich Ende der Misere?
"Zwei Millionen Arbeitslose sind zwei Millionen Gastarbeiter zuviel!" Diese Rechnung der Nationalen Front, die als Plakat von vielen Hauswänden lügt, ist "unredlich und irreführend", klagt S.O.S. Racisme.
Die Maghrebiner sind "ein notwendiges Übel", weil sie den Franzosen Drecksarbeit ersparen. Die gefahrvollsten, also die unbeliebtesten, die ungesündesten und die am schlechtesten bezahlten Jobs sind die Arbeitsplätze der nordafrikanischen Immigranten.
Eine Statistik der Menschenrechtsbewegung MRAP macht deutlich, daß die Verbindung von Arbeitslosigkeit und Immigration auch rechnerisch "unredlich und irreführend" ist.
Im Juli 1974, als die Regierung einen Einwanderungsstopp verhängte, gab es in Frankreich 378 000 Arbeitslose. Ende 1982 waren es bereits zwei Millionen. Die Zahl der Gastarbeiter war jedoch annähernd gleich geblieben.
"Frankreich den Franzosen!" fordert Le Pen. Wem sonst? Die Franzosen nicken mit den Charakterköpfen: Er hat recht. Was meinen sie damit?
Am 24. März, drei Tage nach dem Mord in Menton, sechs Tage vor dem Mord in Miramas, sagte Kardinal Jean-Marie Lustiger im Ersten Programm des Französischen Fernsehens: "Ich habe Angst, mich für mein Vaterland schämen zu müssen. Ich fühle, daß der Respekt vor den anderen zu schwinden beginnt." Seine Hände zitterten dabei, sein Unterkiefer wirkte verkrampft, aber die Stimme des Erzbischofs von Paris klang fest.
Auf Kosten eines dritten - des "anderen", der beispielsweise afrikanische Gesichtszüge trägt - werden Haß, aufgestaute Verbitterung und Enttäuschung entladen. "Der Rassismus", sagt Abder Rahmane im Pariser Araberviertel Belleville, "ist die Fortsetzung des Algerienkrieges mit anderen Mitteln."
Unter den 55 Millionen Einwohnern Frankreichs leben etwa 800 000 Algerier, viel weniger als vor zehn Jahren. Nach den Portugiesen bilden sie die größte Immigranten-Kolonie: Von ihnen und ihren nordafrikanischen Brüdern fühlt sich das Land bedroht. Von einer Minorität islamischer Maghrebiner?
Die Schwierigkeiten Frankreichs mit den Einwanderern aus seiner ehemaligen Kolonie sind das Ergebnis einer "kolonialen Mesalliance", so der englische Autor Bruce Chatwin. Als der Krieg 1962 zu Ende war, gewährten die Franzosen den Algeriern begrenzten Eintritt nach Frankreich.
Sie schlichen sich nicht heimlich ein, sie wurden gerufen: Frankreich bot ihnen Arbeit an. Frankreich benötigte Arbeiter, gleich welcher Hautfarbe, für seine ruinierte Industrie.
Nach Kriegsende zogen nicht nur ausgehungerte algerische Männer übers Meer, "fellaghas", Bauern und Freiheitskämpfer, deren steinige Äcker zu Schlachtfeldern verkommen waren und die in ihren Städten keine Arbeit fanden. Auch die "pieds-noirs", die Schwarzfüße,
wie die Algerien-Franzosen genannt werden, verließen das Land: eine Million Siedler.
Obwohl nicht alle "richtige Franzosen" waren, suchten sie Zuflucht in Frankreich. Ein Regierungsbericht hatte 1912 festgestellt, daß nur ein Fünftel dieser "colons" französischer Abstammung war. Not hatte sie aus ganz Südeuropa nach Nordafrika vertrieben. Ihr Exodus aus Algerien war keine Heimkehr, sondern ihre zweite Vertreibung.
Es krachte, als die verbitterten "piedsnoirs" auf die "fellaghas" stießen: Aus Feinden waren über Nacht keine Kollegen geworden. Der Krieg war noch längst nicht zu Ende.
Die entwurzelten Siedler mit der ungewissen Herkunft verteidigen ihre fragwürdige Identität gegen die "anderen", als gehe der Krieg noch immer weiter.
Die Schwarzfüße litten heftig unter der Ablehnung der Franzosen: Die mochten sie ebensowenig, wie sie sich selber mochten. Solche Seelenzustände schaffen böses Blut.
Arbeiterheime für Nordafrikaner werden überwiegend von Schwarzfuß-Verwaltern geleitet. Die Insassen, ausschließlich Männer, bekommen Tag und Nacht deren Gewaltherrschaft zu spüren. Sie hocken in ihren Neun-Quadratmeter-Stuben, Totenkammern genannt, mit Wänden so dünn wie Zeltbahn, und verfluchen das Einmaleins der Schikanen: Das Ausmaß der Demütigungen, das ihnen der Verwalter zufügt, bestimmt seine Macht.
Dabei wollen die Immigranten nur überleben; eine schwierige Aufgabe: Genügend Geld verdienen. Sparen. Die Familie nach Frankreich holen, was Staatspräsident Francois Mitterrand inzwischen erschwert hat. Die Kinder daheim versorgen. Die Algerier in Frankreich hungern für Algerien. Und sie träumen von der Heimkehr. Heimkehr, der große Mythos, er steckt unversehrt in ihren Köpfen.
1973 brachte ein geisteskranker Algerier in Marseille einen französischen Busfahrer um. Das hastig gegründete "Komitee zur Verteidigung von Marseille", ein Klub wutschnaubender Ehrenmänner, unterstützt von "piedsnoirs", rächte ihn furchtbar. In einer Woche wurden elf Algerier ermordet, nicht nur in Marseille, auch in Paris, sogar im fernen lothringischen Metz.
In den südfranzösischen Zeitungen brach der Krieg wieder aus. Leitartikler verfaßten blutgetränkte Kommentare. "Le Meridional", die zweitgrößte Zeitung von Marseille, griff mit einem rassistischen Pamphlet in die Schlacht ein: "Wir haben genug! Genug von algerischen Dieben. Genug von algerischen Vandalen. Genug von algerischen Störenfrieden. Genug von algerischer Syphilis. Genug von algerischer Notzucht. Genug von algerischen Zuhältern. Genug von algerischen Irren. Genug von algerischen Killern."
Kein Zweifel: Der Teufel war ein Algerier!
Tief verstört über die Morde untersagte der algerische Staatspräsident Houari Boumedienne am 19. September 1973 "jedwede algerische Emigration nach Frankreich". Er drohte, all seine Landsleute zurückzuholen, falls ihre "Sicherheit und Würde" nicht entschlossener geschützt würden.
Unterdessen kamen seine Landsleute in Särgen zurück, Opfer von Mördern, deren Spuren die französische Kriminalpolizei angeblich aus den Augen verloren hatte. Die Beamten hätten häufig genug unter ihresgleichen fahnden müssen: Viele "pieds-noirs" waren in den Polizeidienst eingetreten, in Marseille sind fast die Hälfte der Polizisten Schwarzfüße.
La Courneuve, im Norden von Paris. Am Rand eines staubgrauen Vorortes mit Einfamilienhäuschen, die wie Festungen gesichert sind, ragt ein Betongebirge in den verräucherten Himmel. Die "Cite des 4000", die Stadt der 4000.
4000 Wohnungen in zwei Dutzend Wohnmaschinen, 15 Stockwerke hoch. An ihren eitrigen Wänden wirken die Graffiti wie Schmuck. Hundegebell von den Balkonen. Eingetretene Türen. Geborstene Fensterscheiben. Aufgebrochene Briefkästen. Der ratlose Briefträger überreicht seine Sendungen der ratlosen Hausmeisterin, die sie schnell - vor den Mietern? - in Sicherheit bringt.
Vor der Bank Credit Lyonnais marschiert ein algerischer Wachmann auf und ab und blickt jedem Fremden furchtsam ins Gesicht; er hat Angst vor einem neuen Überfall. In der Bar "La Baraka", einer wartesaalweiten Halle, prügeln sich junge Algerier um Zigaretten. Ältere Männer kauern auf den Gehsteigen. Sie reden arabisch miteinander. Die Franzosen, die hier auch hausen, wirken fremd wie Einwanderer. 17 Prozent von ihnen gaben Le Pen ihre Stimme. Die Immigranten durften freilich nicht wählen.
An der Rue Claude Debussy haben die weißen und braunen Mieter einen ganzen Wohnblock zum Kriegsschauplatz erklärt und unbewohnbar gemacht. Der Regen regnet in Wohnungen, aus denen die Mieter geflohen sind. Bald wird Rue Claude Debussy 2 bis 12 abgerissen werden.
Abdel, ein junger Algerier mit hungrigen Augen, will bis zum Schluß aushalten. Die Stadt der 4000 ist seine Heimat, er "fühlt sich wohl" in dieser Ruinenlandschaft. "Ich will auch an der Zivilisation teilhaben", sagt er. "Hier ist es zwar nicht einfach, das ist ein Leben zwischen Tür und Angel, aber zu Hause ist es noch schwieriger."
Sein Freund Moulay, heimgekehrt nach einer Jugend in Frankreich, hat ihm aus Algerien geschrieben. Abdel hält den Brief hoch, wie ein Beweisstück vor Gericht. Ein Beweis der Verteidigung. Moulay schreibt: "Ich fühle mich in Algerien noch fremder als in Paris." _(Inschrift vorn: "Araber in Menton, Juden ) _(in Paris, immer werden unsere Kumpel ) _(ermordet." )
Inschrift vorn: "Araber in Menton, Juden in Paris, immer werden unsere Kumpel ermordet."
Von Peter Schille

DER SPIEGEL 22/1985
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