11.11.1985

Mit 007 ins mittelalterliche Krimi-Kloster

Umberto Ecos Welt-Bestseller „Der Name der Rose“ wird verfilmt In altdeutschen Gemäuern, in den Klöstern Eberbach und Maulbronn, vor Kolossal-Kulissen in Rom entsteht der Film zum Buch. Die deutsch-italienisch-französische Koproduktion wird für 16 Millionen Dollar von Jean-Jacques Annaud inszeniert, den Detektiv in der Mönchskutte spielt der Ur-Bond Sean Connery. *
Wo edle Detektivromane zu enden pflegen, in einer Bibliothek, geht, in einer stürmischen Novembernacht des Jahres 1327, auch ein gelehrter Kloster-Krimi ins Finale: Mönche wurden gemeuchelt, verwirrende Spuren gelegt, Folianten vergiftet - wer war''s?
Die Bibliothek liegt hoch oben im türmebewehrten Herzstück ("Aedificium") eines italienischen Cluniazenser-Klosters, irgendwo an den Hängen des Apennin. Ein blinder Eiferer Gottes bewacht ihre gefährlichen Schätze; labyrinthisches Gefüge und schwarzmagische Vorkehrungen verriegeln sie zur hermetischen Zitadelle.
Am Rande Roms, auf einem Freigelände in Prima Porta, ist der Aedificium-Koloß nun neu aufgetürmt, 30 Meter hoch, im Inneren durchzogen von schwindelnden Fluchten und Perspektiven, erfüllt von den "Carceri"-Schrecken Piranesis. Dante Ferretti, der Filmbaumeister (auch Fellinis), hat hier Hand angelegt, im "Namen der Rose".
Es entsteht, unabänderliches Schicksal, der Film zum Buch: zu jenem theologisch-politisch-historisch-kriminalistischen Gesamtkunst-Wälzer (656 Seiten) des Bologneser Semiotik-Professors Umberto Eco, 53, der, zum Erstaunen der Welt, ein Welt-Bestseller wurde (SPIEGEL 48/1982). "Der Name der Rose" ist mittlerweile in über einem Dutzend Sprachen geläufig, die Gesamtauflage schwebt bei drei Millionen, die deutsche bei 450 000.
Gedreht wird auch in Deutschland. Wo einst, um 1135, ein schnaubender Eber Kreise wühlte und dies Erzbischof Adalbert I. von Mainz und Abt Bernhard von Clairvaux zum Zeichen nahmen, ein Kloster zu bauen - im Kloster Eberbach im Rheingau heben in dieser Woche stilgerechte Innenaufnahmen an.
In den mächtigen Gewölben des romanisch-frühgotischen Prunkstücks (um 1900 diente es als Frauengefängnis und Irrenanstalt, heute kellert es Wein) soll nun der Buch-Held des Semiotik-Professors Eco seine "stolzen Denkwege der natürlichen Vernunft" durch mönchischen Morast antreten: William von Baskerville, Franziskaner aus dem nebligen Britannien, Ex-Inquisitor und Umberto _(Vor Filmbauten für "Der Name der Rose" ) _(in Rom. )
Ecos Alter-Eco. Denn der urbane, streng rationalistische Gottesmann geht vor, wie die Semiotik (die Lehre von den Zeichen, mit denen Lebewesen kommunizieren) es befiehlt. William von Baskerville spielt Detektiv. Er deduziert und kombiniert wie Sherlock Holmes ("Der Hund von Baskerville" heißt ein Holmes-Abenteuer), und seinem Dr. Watson gibt Eco, der Literatur-Spieler, den Namen Adson.
"Ungefähr fünfzig Lenze" zählt William bei Eco, er hat "scharfe, durchdringende Augen", sein Kinn verrät "einen starken Willen", er ist von "lebhafter Wachsamkeit" und "unerschöpflicher Energie" - ein Part für James Bond, den 007-Agenten? Logo. Sean Connery, 55, der Ur-Bond aus Schottland, hält die William-Rolle für die "aufregendste meiner Karriere".
Kleine Brötchen werden in diesem Krimi-Kloster nämlich nicht gebacken. Auf 16 Millionen Dollar ist die deutschitalienisch-französische Großproduktion angelegt, der "Amadeus"-Salieri F. Murray Abraham spielt einen Inquisitor, Helmut Qualtinger den Bruder Kellermeister, Regie führt der französische Oscar-Preisträger Jean-Jacques Annaud, 42 ("Am Anfang war das Feuer").
Der Weg zur "Rose" war freilich mit Dornen gespickt - ein moderner Krimi ging dem mittelalterlichen voran.
Auf einem Flug nach Haiti hatte Annaud, ein wuscheliger Energiebolzen, am Eco-Roman Feuer gefangen. Er nahm die nächste Maschine zurück nach Paris und steuerte sofort sein Ziel an: die Filmrechte der "Rose". Die waren schon vergeben, ans italienische Fernsehen (RAI).
Doch lebte zu der Zeit (1982) in Paris noch ein Mann, der an vielen Fäden ziehen und auch Knoten durchhauen konnte: Gerard Lebovici, Film-Großmogul, Verleger, Agent von Zelebritäten wie Romy Schneider, Jean-Paul Belmondo, Yves Montand, Simone Signoret und der Regisseure Truffaut, Resnais, Rohmer.
Lebovici, der Millionär, schillerte in vielen Farben, die Grundfarbe war Anarcho-Rot. Er stand 1968 mit auf den Barrikaden, er veröffentlichte die Memoiren des von Polizistenkugeln dahingerafften "Staatsfeindes Nummer eins", des glorifizierten Kriminellen Jacques Mesrine. Und außerdem galt Lebovici als gewaltiger Zocker in illegalen Spielhöllen.
Lebovici, der Pate, und Annaud, der Regisseur, ziehen die "Rose"-Rechte an Land und beginnen ein Techtelmechtel mit amerikanischen Filmgesellschaften. Doch am 5. März 1984, am Rosenmontag, fällt für Lebovici die letzte Klappe: Er wird in einer Pariser Tiefgarage ermordet aufgefunden.
Der Fall ist bis heute nicht geklärt, die Umstände blieben mysteriös, Spekulationen wucherten - ein Casus für William von Baskerville. Lebovicis Partner Alexandre
Mnouchkine, Vater der berühmten Theater-Chefin Ariane ("Theatre du Soleil"), trat nun in Lebovicis Schuhe und streckte die Hände nach europäischen Partnern aus.
In Italien schlug sein alter Freund Franco Cristaldi ein, einst Ehemann der Claudia Cardinale. Und aus Deutschland kam einer, der nach der "Unendlichen Geschichte" nach weiteren unendlichen Großtaten dürstet: Bernd Eichinger, Chef der Neuen Constantin, der Mann mit den Turnschuhen und der goldenen Nase.
Resultat nach langwierigen Verhandlungen und finanziellen Stütz-Aktionen: Eichinger tritt, mit 50 Prozent des 16-Millionen-Dollar-Budgets, als Chefproduzent auf, Cristaldi ist mit 30 Prozent, Mnouchkine mit 20 Prozent dabei. Sollen alle glücklich werden, muß der "Name der Rose" 50 Millionen Dollar einspielen (Film-Faustregel).
Annaud, der Regisseur, war in der Zeit auf der Suche nach dem optimalen Drehbuch - vier Autoren, darunter der Jane-Birkin-Bruder Andrew, brachten es zuwege, unter Federführung Annauds. Eco selbst hielt sich heraus: Für ihn sei "Der Name der Rose" abgeschlossen, er habe nicht die Absicht, "eine Oper oder eine Statue daraus zu machen".
Dennoch stand er Annaud hilfreich bei, geleitete ihn zu den vielen Quellen seines professoralen Thrillers (von Aristoteles bis zum mittelalterlichen Kochbuch) und fuhr mit auf Fahndung nach Motiven: Das Krimi-Kloster hatte er sich ursprünglich im Kopf erbaut.
Echt mittelalterlich wie die Klostermauern von Eberbach (später wird noch in Maulbronn gedreht) soll auch die bewegliche Habe der handelnden und händelnden Personen sein. In der römischen Cinecitta ließ Annaud eine Art Dombauhütte richten, in der im "Namen der Rose" genagelt, gewirkt, getöpfert, geschmiedet und gegossen wurde - sogar Kunstwerker aus arabischen Ländern ziselierten mit.
Annaud will "an die Grenzen des Machbaren gehen" und den Beschauer voll in die Welt des Mittelalters eintunken, einiges dramatisch anheben, wie Armut, Erotik, Inquisition, und sich bei all dem an Ecos Erkenntnis und Botschaft halten - das Mittelalter als "Modell unserer Zeit" zu begreifen, "mit allen heutigen Problemen".
Tatsächlich liest sich "Der Name der Rose", das "große Figurengedicht" (Eco), als wär''s ein Stück von heut: Throne bersten, Reiche zittern, es herrscht Weltuntergangsstimmung, Endzeit-Apostel sammeln Schäfchen, fanatische Ideologen grassieren, die, so Eco, "zur Verbesserung der Menschheit Blutbäder anrichten".
Tröstlich bleibt da, daß einer, William von Baskerville, an den "stolzen Denkwegen der natürlichen Vernunft" festhält:
"Fürchte die Wahrheitspropheten", mahnt er seinen Adson, "und fürchte vor allem jene, die bereit sind, für die Wahrheit zu sterben." Denn: "Gewöhnlich lassen sie viele andere mit sich sterben." Solchen Propheten solle er mit "Lachen" begegnen, Lachen sei "die höchste Vollendung des Menschen".
Vor Filmbauten für "Der Name der Rose" in Rom.

DER SPIEGEL 46/1985
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