15.07.1985

MEDIZINUngewisses Raunen

Da die Schulmedizin im Kampf gegen den Krebs seit Jahren auf der Stelle tritt, haben Außenseiter-Methoden Konjunktur. Der neueste Hit: ein Extrakt aus fleischfressenden Pflanzen. *
Wir brauchen dringend das Mittel", flehte in "Bild" die Mutter einer 23jährigen Leukämie-Patientin.
"Meine letzte Hoffnung", flüsterte ein an Zungenkrebs Erkrankter aus Göttingen. Ein 80jähriger mit einem Prostatakarzinom bat: "Auch ich möchte das neue Mittel."
Sieben Wochen währt bereits der makaber anmutende Rummel. Tausende von Krebspatienten bestürmten ihre Ärzte in der verzweifelten Hoffnung, ein Medikament werde sie retten, von dem "Bild" behauptet hatte, es könne todgeweihte Krebspatienten heilen: "Neues Krebsmittel, 34 vom Tumor befreit."
Mit solchen Schlagzeilen propagierte "Bild" einen Extrakt aus fleischfressenden Pflanzen mit dem klangvollen Markennamen "Carnivora". Der angeblich krebskranke Filmstar Yul Brynner sei durch den geheimnisvollen Saft schon geheilt worden. "Hätte damit", fragte das Blatt, "auch Mildred Scheel (Darmkrebs) gerettet werden können?"
Über Nacht wurde der Entdecker des "hoffnungsvollen Medikaments" ("Bild"), der Landarzt Helmut Keller, 44, aus dem fränkischen Marktflecken Nordhalben, zum Krebsarzt der Nation: Todgeweihte erbitten telephonisch und per Brief seinen Rat, noch reisefähige Krebskranke aus Deutschland, Österreich und der Schweiz fahren zur Carnivora-Kur nach Nordhalben. "Es kommen immer mehr", so Kellers Ehefrau Elga, "wie soll mein Mann das schaffen?"
Da half es nichts, daß zahlreiche deutsche Krebsspezialisten von Rang vor Carnivora warnten: "Im Augenblick nicht zu empfehlen", so Professor Rolf Sauer (Universitätsklinik Erlangen), "ein Geistermittel", so Professor Dietrich Schmähl (Deutsches Krebsforschungszentrum). Professor Gerhard Nagel (Deutsche Krebsgesellschaft) schimpfte: "Man darf nicht ein zur Zeit noch illusionäres Prinzip verkaufen und so tun, als ob es wirkt. Das ist meines Erachtens eine Lüge."
Carnivora ist freilich nur das jüngste unter einer Vielzahl von biologischen Anti-Krebs-Präparaten, die sich während der letzten Jahre in der Krebstherapie breitgemacht haben. "Da ist ganz im verborgenen", so Schmähl, "ein umsatzträchtiger Markt entstanden."
Wachsender Mißmut und Enttäuschungen über die in vielen Bereichen unbefriedigenden Heilerfolge der Schulmedizin haben den Boden bereitet, auf dem sich nun kauzige Kräuterdoktoren, obskure Einzelgänger und häufig auch schlimme Quacksalber tummeln.
"Viele biologische Mittel zur Krebsbekämpfung", so postulieren viele von ihnen, hätten sich "gegenüber der Chemotherapie, Chirurgie und Strahlenbehandlung als überlegen" erwiesen - ein Therapiekonzept, das häufig zum vorzeitigen Exitus des Patienten führt.
Angesichts der frustrierenden Stagnation in der Krebsforschung schielen freilich auch zahlreiche Schulmediziner, zu denen sich auch Carnivora-Entdecker Keller zählt, auf die biologischen Anti-Krebsmittel - gleichsam als "vierte Säule" neben den klassischen Krebstherapien mit Stahl, Strahl und Zellgiften. Doch "ob durch eine biologische Zusatztherapie das Leben verlängert werden kann, ist noch nicht entschieden", so Professor Albert Landsberger, Präsident der Gesellschaft für Biologische Krebsabwehr,
einer Vereinigung biologisch orientierter Schulmediziner.
Auf ihrem "Ersten Wissenschaftlichen Kongreß" Ende April in Heidelberg boten die Mediziner aus dem Reiche der Natur ("die Apotheke Gottes") unter anderem Mistel, Pestwurz und Blütenpollen auf - als "Aktivatoren" für den tumorbefallenen Organismus. Als krebsfördernd angeschwärzt wurden hingegen Mineralwasser ("Energiestau!"), durch Wasseradern hervorgerufene "geopathogene Zonen" sowie schlechte Verdauung: "Der Tod sitzt im Darm."
"Nur etwas Wesentliches", kritisierte das Fachblatt "Medical Tribune", fehlte in "nahezu allen Statements der Referenten - harte Fakten: An die Stelle von Belegen tritt das Raunen".
Kein Wunder, denn auf kaum einem Gebiet der Pharmakologie wird so schlecht und so schlampig gearbeitet wie bei den biologischen Krebsmitteln. So stieß etwa eine Expertenkommission, die im Auftrag der Deutschen Krebsgesellschaft die Belegstudien für den Wirksamkeitsnachweis von 59 biologischen Krebsmedikamenten prüfte, auf haarsträubende Nachlässigkeiten. _(Gerhard Nagel, Dietrich Schmähl (Hg.): ) _("Krebsmedikamente mit fraglicher ) _(Wirksamkeit". W. Zuckschwerdt Verlag, ) _(München; 166 Seiten; 40 Mark. )
Häufig fehlte in den Studien die statistische Auswertung des Zahlenmaterials, oft waren "Basis- und Verlaufsdokumentation nicht ausreichend"; mal stießen die Prüfer auf "Spekulationen aus unkontrollierten Labordaten", nicht selten fanden sie gelenkige Zahlendeuter am Werk: "Folgerungen aus dem Test nicht nachvollziehbar". Nur ganz wenige unkonventionelle Krebsmedikamente, resümierte Nagel, seien "einer nach dem heutigen Standard der Krebsforschung angemessenen Prüfung unterzogen worden".
Ähnlich oberflächlich und wenig aussagekräftig ist die Studie, mit der Landarzt Keller die angebliche Wirksamkeit seiner Carnivora-Therapie zu belegen versucht. Danach zeigten von den 210 Krebspatienten, deren Krankheitsverlauf Keller in den letzten fünf Jahren beobachtet hat, "34 nach der Carnivora-Therapie Remissionen" (Rückbildungen der Tumoren), bei 14 Kranken seien die Geschwulste völlig verschwunden. "Bei weiteren 84 Patienten konnte das Tumorgeschehen zum Stillstand gebracht werden", 63 der von ihm behandelten Krebskranken seien gestorben.
Kellers Studie fehle, kritisierten Experten wie Professor Gerd Schönhöfer vom Zentralkrankenhaus Bremen, jeglicher naturwissenschaftliche Ansatz (der sich an überprüfbaren und reproduzierbaren Ergebnissen orientiert) und damit auch jegliche Beweiskraft. Es handele sich um nicht mehr als eine Beschreibung der Schicksale von Krebspatienten, die "in der Regel vorbehandelt waren, so daß der Effekt von Carnivora überhaupt nicht überprüfbar ist".
Noch im September 1983 hatte das Bundesgesundheitsamt Carnivora den Marktzutritt verwehrt, weil weder die "therapeutische Wirksamkeit" noch die "Unbedenklichkeit" des Mittels gesichert schienen.
Im zweiten Anlauf erhielt Carnivora drei Monate später dann doch die Zulassung - freilich nur als Mittel zur Schmerzlinderung und nur für Patienten, "bei denen konventionelle Tumortherapien nicht mehr anwendbar sind". Den Ausschlag gegeben hatte eine "Expertise" von Professor Julius Hackethal ("Vorsicht Arzt!"), der das Mittel in seiner Klinik eingesetzt hatte.
In Onkologen-Kreisen freilich erfreut sich, wie der Berliner Arznei-Fachmann Dr. Ulrich Moebius es formuliert, "die etwa 30prozentige Alkohol-Lösung Carnivora VF bestenfalls des Rufs als Deutschlands teuerster Kräuterschnaps". Ein Liter kostet über 3000 Mark, eine Sechs-Wochen-Kur rund 15000 Mark - teurer Unfug auch für die ohnehin strapazierten Krankenkassen.
Doch erst mit der "Bild"-Kampagne kam das Geschäft mit dem Pflanzenextrakt, hergestellt von der Carnivora Deutschland GmbH im württembergischen Jagsthausen, so richtig ins Rollen: "Wir haben genügend fleischfressende Pflanzen", beruhigte Geschäftsführer Müller besorgte "Bild"-Leser, "um die Produktion zu erhöhen."
Auch der Krebs-Doktor Keller kann über mangelnden Umsatz nicht klagen: Jeden Tag ist der eilends von der Gemeinde angelegte, 40 Autos fassende Parkplatz vor seiner Praxis überfüllt. Damit ein jeder den Weg dorthin finde, ließ die Kommune am Ortseingang ein Hinweisschild anbringen - "Praxis Dr. Keller".
Schon plant Bürgermeister Lothar Persicker den Bau einer Kurklinik, "welche dem Krebskranken Heilung und Gesundung für die Zukunft schaffen soll". Schließlich will er aus seinem Nordhalben, einem der gottverlassensten Nester der Republik, "ein Lourdes im Frankenwald" machen.
Gerhard Nagel, Dietrich Schmähl (Hg.): "Krebsmedikamente mit fraglicher Wirksamkeit". W. Zuckschwerdt Verlag, München; 166 Seiten; 40 Mark.

DER SPIEGEL 29/1985
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