11.11.1985

POPMUSIK

Herz pinseln

Während Popstars wie Nena und Udo Lindenberg vor nur noch halbvollen Konzertsälen singen, macht das Duo "Modern Talking" Kasse im deutschen Musikgeschäft. *

Also sang Nena: "Im Sturz durch Zeit und Raum, erwacht aus einem Traum."

Dieser Pop-Reim aus dem nebulösen Schlager "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" füllte sich in diesem Herbst für Deutschlands beliebtesten Teenie-Star des Jahres 1984 mit konkreter Bedeutung. Bei ihrer Tournee, gebucht waren die größten Hallen, mußte Nena meist gegen gähnende Leere ansingen.

Statt 12 000 waren beispielsweise nur 2500 Fans in München auf Nenas neue, von Produkten der Sponsor-Firma "Wella" in Form gehaltene Frisur neugierig. Auch die neue pompöse Bühnendekoration und eine verschwenderische Disco-Lightshow sowie zwei echt schwarze Sängerinnen vermochten die Teenager-Heere nicht wie sonst in Nenas Dunstkreis zu locken. Münchens "Abendzeitung": "Klappe zu, Äffchen tot."

Nicht nur Nena mit ihrem einst überraschenden Dilettanten-Charme, sondern auch andere Größen des Popgewerbes mußten jetzt erkennen, daß die Gunst des Publikums irgendwann, irgendwie mal flau werden kann.

Dem Berufsjugendlichen Udo Lindenberg, 39, waren bei seiner Herbsttournee ebenfalls nicht die Erfolge früherer Jahre beschieden. Kein Honecker stand ihm wie 1983, als er medienwirksam Lindenberg im Ost-Berliner Palast der Republik singen ließ, hilfreich mit kostenloser Promotion zur Seite.

Einen regelrechten Superflop erlebte die Minimal-Combo "Trio", als nur eine kleine Minderheit die mit 150 Kopien in die Kinos gedrückte Klamotte "Drei gegen Drei" sehen wollte.

Während die Denkmäler der alten und der neuen deutschen Welle bröckeln, hat sich ein Männerduo nach vorn gesäuselt, das sich unter dem Markennamen "Modern Talking" zu einem Pop-Phänomen mit Abba-Dimensionen entwickeln konnte.

Zwei verträumt guckende junge Herren, der blonde Dieter Bohlen, 31, und der dunkle, auf der Sonnenbank gebräunte Thomas Anders, 22, greifen zur Zeit mit immensem Erfolg einem meist weiblichen Millionenpublikum ans Herz und an den Geldbeutel - ihre in Watte gepackten, in Falsett-Chöre gebetteten Disco-Synthesizerstückchen verkaufen sich in einem Tempo, das im bundesdeutschen Musikgeschäft sensationell ist.

Dabei erweist sich als überaus barmherzige Geste des "Modern Talking"-Texters, -Komponisten, -Sängers und -Produzenten Bohlen, daß die schlichte Lyrik seines Pop-Schaumgebäcks im fremden Englisch verfaßt ist. Drei Singles mit den Titeln "You're My Heart, You're My Soul", "You Can Win If You Want" und "Cheri, Cheri Lady" wurden bisher weltweit in mehr als zehn Millionen Exemplaren losgeschlagen.

Über eine Million Stück der ersten, in diesem Jahr veröffentlichten "Modern Talking"-LP, "The 1st Album", wurden bereits verkauft, und eine zweite LP "Let's Talk About Love" ging schon in 250 000 Exemplaren über deutsche Ladentische. In Skandinavien gab es für das Album die höchsten Vorbestellungen, seit dort Abba zuletzt aktiv war.

Daß nun plötzlich die halbe Welt, von Norwegen bis Venezuela, von Israel bis Mexiko, von Frankreich bis Namibia vom sanften Singsang dieser beiden hübschen deutschen Männer betört ist (Bohlen: "In Oslo holen uns 3000 Leute vom Flughafen ab"), gehört zu den ewigen Rätseln und Ungereimtheiten des Popgeschäfts. Bohlens Kompositionen sind zuckrig (und sonst nichts). Bewegung kommt in die kitschigen Klanggebilde nur durch den international genormten Disco-Beat: 120mal Bumm pro Minute.

Der alerte Musikmacher und Diplomkaufmann Bohlen aus Hamburg, der schon 1000 Songs geschrieben und 130 Platten produziert hat, früher mit mäßigem Erfolg als Schlagersänger auftrat und die Schnulzen-Kollegen Roland Kaiser, Bernhard Brink, Bernd Clüver oder

Ricky King mit Gesangsmaterial belieferte, befolgt ein schlichtes Erfolgsrezept: "Geile Melodien" schreibt der Mann, "gefühlsmäßige Sachen", die der Kundschaft "das Herz" pinseln.

Aber schon sitzt dem Hamburger die Konkurrenz in der Gestalt des Münchner Produzenten Michael Cretu im Nacken. Dessen Geschöpf, eine Sängerin namens Sandra, belegte mit "Maria Magdalena" wochenlang den ersten Platz in der bundesdeutschen Single-Bestsellerliste, bevor Bohlen sie mit "Cheri, Cheri Lady" auf den zweiten Rang verwies.

Während Bohlen sein Geld mit einer Klang-Kreuzung aus den Vorbildern Bee Gees und Abba scheffelt, setzt Cretu auf die Erfolgsschiene, die in den USA von Madonna befahren wird. Und im gegenwärtigen deutschen Pop-Goldrausch zieht die Sandra-Plattenfirma "Virgin" schon eine weitere Madonna-Kopie aus dem Ärmel. Der neue Artikel heißt "My Favourite Toys".


DER SPIEGEL 46/1985
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