16.09.1985

SCHWARZ-SCHILLINGToll, woll

Nirgendwo wird Bonns Postminister Schwarz-Schilling so heftig attackiert wie ausgerechnet in seinem Lieblingsmedium Bildschirmtext. *
Zum Abschluß der Berliner Funkausstellung überraschte Postminister Christian Schwarz-Schilling die Bundesbürger mal wieder mit Unerfreulichem. Demnächst, kündigte der Christdemokrat an, sollten die Postgebühren für Kabelfernseh-Einzelanschlüsse erhöht werden.
Schneller und schärfer als irgendwo sonst wurde die Botschaft aus Bonn in einem Medium kritisiert, das dem Minister, neben dem Kabelfernsehen, besonders am Herzen liegt: über Bildschirmtext, kurz Btx.
Jene rund 33 000 Bundesbürger, die derzeit in der Lage sind, mit Hilfe des Telephonanschlusses auf ihrem Fernseh-Bildschirm auch Texte und Standbilder zu empfangen, konnten, wenn sie die Nummer * 69 999 621 # wählten, letzte Woche auf der Mattscheibe lesen: "Herr Minister Schwarz-Schilling, Sie sind ein infamer Lügner!!!!!!"
Ein in Darmstadt produziertes elektronisches "Btx-Magazin" erinnerte das Publikum aus aktuellem Anlaß an ein Versprechen des Ministers: "Im Januar sagte Black Penny, es würden keine Postgebühren in 1985 erhöht werden. Das Jahr ist noch nicht am Ende, und schon kommen weitere Erhöhungen."
Die rüde Minister-Beschimpfung, verbreitet ausgerechnet über des Ministers Lieblingsmedium, ist kein Einzelfall. Von niemandem wird der christdemokratische Postpolitiker derzeit so heftig attackiert wie von einem Teil jener Konsumpioniere, die auf ihrem Bildschirm nicht nur Videofilme und TV-Programme sehen, sondern per Tastendruck auch Waren bestellen, Banküberweisungen veranlassen und Mitteilungen empfangen oder versenden können.
Gerade die "souveränen Medienbürger", wie der Minister diese Leute zu preisen pflegt, scheinen allesamt sauer auf die Bundespost. Magere Programme, technische Tücken und hohe Kosten haben dazu geführt, daß die Btx-Teilnehmerzahl kaum zunimmt und mancher Textanbieter ans Abspringen denkt.
Selbst Firmen, die zu den "Bildschirmtext-Pionieren" zählten, meldet das Fachblatt "Btx", zeigten nun "Ermüdungserscheinungen". Großunternehmen wie etwa der Axel Springer Verlag haben bereits, in aller Stille, ihr Btx-Programm drastisch eingeschränkt.
Kleinanbieter dagegen, häufig Hobbyisten, die nach Feierabend bunte Gratis-Programme produzieren, bringen ihren Ärger über die Post mehr und mehr auf Btx-Seiten zum Ausdruck, die jeder Bildschirmtext-Teilnehmer auf seine Mattscheibe abrufen kann.
Während die Post in großangelegten Werbekampagnen (Budgetansatz 1986: acht Millionen Mark) die Btx-Zukunft in den höchsten Tönen preist und vor kurzem noch einen "mittleren Erwartungswert von drei Millionen Teilnehmern" für das Jahr 1990 nannte, konterkariert ein Berliner "UHF-Studio" die "wahnwitzig anmutenden Postprognosen" und kritisiert die Werbeargumente des Ministeriums, "die man bei einem Privatunternehmer schlichtweg als unlauter bezeichnen würde". Hochempfindlich reagieren die Bildschirmtext-Fans auf jede _(Mit Btx-Geräten, auf der Funkausstellung ) _(1985. )
sich anbahnende Gebührenerhöhung. Schon jetzt zahlen sie für Btx-Fernseher, -Tastatur und -Anschlußbox sowie eine zweite Telephonnummer an die 4000 Mark. Obendrein kostet sie ihr Hobby monatlich oft mehr als 50 Mark an zusätzlichen Telephongebühren sowie an "Vergütungen" zwischen 0,01 und 9,99 Mark pro abgerufene Btx-Seite.
Immer teurer wird Btx auch für die knapp 4000 Programmanbieter; für 1986 und 1987 sind Gebührenerhöhungen bereits angekündigt. Unverfroren, kritisiert ein aus Berlin kommendes "rs-Magazin", kassiere die Post selbst noch für das Kassieren von Btx-Geldern eine Gebühr: "Da will sie klingenden Schilling sehen."
Die unter Schwarz-Schilling - trotz der Milliardenüberschüsse der Post im Telephonbereich - betriebene Geldschneiderei, schimpfen die Btx-Fans, treffe vor allem die nichtkommerziellen, alternativen Programm-Macher, die frische Szene-Nachrichten und muntere Kommentare verbreiten.
Gerade diese Programme seien, so das "rs-magazin", "die eigentliche Würze in der oft so faden Btx-Suppe" aus Werbung und Schleichwerbung von Verbänden, Versicherungen und Versandhäusern.
Wann immer solche Postkritik geäußert wird, können Btx-Teilnehmer die speziellen Möglichkeiten ihres Mediums nutzen, Zustimmung zu signalisieren - mit Hilfe der heimischen Tastatur tippen sie zumeist gepfefferte Leserbriefe. Im elektronischen Briefteil des "rs-Magazins" etwa wird Schwarz-Schillings Gebührenpolitik gleich dutzendfach "Sauerei" und "Schweinerei" genannt, "mieser Stil" und "Raubritterei".
"Mann, bin ick sauer", schreibt einer, der "schon immer was gegen Schnorrer, Blutsauger, Trittbrettfahrer und Monopolgesellschaften" hatte. Ein anderer will nicht "die Melkkuh für den Gilb" sein, wie die Post unter Btxern bisweilen genannt wird. Ein dritter gibt zu bedenken, wohin es führen könnte, wenn die "Gebührenkeule" der Post die Zahl der privaten Hobby-Teilnehmer schrumpfen läßt und nur noch die kommerziellen Großanbieter mit ihren "Beweihräucherungsprogrammen" übrigbleiben: "Dann können die Großen ja untereinander Werbung gucken. Toll, woll."
Ebenso unerbittlich wie die "von ahnungsloser Raffgier" (Leserbrief) geprägte Gebührenpolitik kritisieren die vielfach technisch versierten Elektronik-Freunde die Schwerfälligkeit des Btx-Systems. Der "Schrott" in der Btx-Software des Fernmeldetechnischen Zentralamtes (FTZ) der Post, urteilt fachkundig ein "Mozartturm-Magazin" (Slogan: "Eine freie Stimme in schwerer Zeit"), lasse einem "die Haare zu Berge stehen". Dieser "Supermurks" gehöre "dem FTZ um die Ohren" gehauen.
Nicht eben zur Freude des Postministeriums wird Btx mittlerweile auch von einer Vereinigung genutzt, die mehr als andere dazu beigetragen hat, daß das Medium noch immer unter "mangelnder Akzeptanz" (Bundespost) zu leiden hat: Per Btx meldet sich auch der "Chaos Computer Club" (CCC), dessen Mitglieder Herwart ("Wau") Holland und Steffen Wernery letztes Jahr mit ein paar Hacker-Tricks die Hamburger Sparkasse um 134 694,70 Mark erleichtert und damit auf spektakuläre Weise die Datenschutzdefizite des Btx-Systems demonstriert hatten (SPIEGEL 48/1984).
Während sich Schwarz-Schillings Ministerium seither bemüht, den elektronischen Bankraub als einmalige Panne und Btx als "sicher" hinzustellen, nutzt das Chaos-Team ebendieses Medium, um die Post auf Dutzenden von Bildschirmtext-Seiten Lügen zu strafen.
Über Btx, Leitseite * 655 321 #, wirbt der Verein nicht nur für sein postkritisches Verbandsblatt "Die Datenschleuder" (Slogan: "Der sechswöchentliche Herzinfarkt der DBP") und für eine gerade erschienene "Hacker-Bibel" für 33,33 Mark, die Kapitel wie "Computer für Nicaragua", "Schnöde Neue Welt" oder "List und Lust der Hacker" sowie Basteltips für ein "Datenklo" enthält.
Mit Vorliebe widmet sich der Chaos-Club (Motto: "Nach uns die Zukunft") auf seinen Btx-Seiten auch dem "Thema, das von Post und Postpresse gerne verschwiegen wird": den Risiken der Btx-Nutzung, über die Schwarz-Schillings Ministerium die Postkunden noch immer "nicht oder falsch" unterrichte. Solches Verhalten sei "gegenüber den Teilnehmern grob fahrlässig".
Detailliert informiert der Computer-Club per Btx darüber, wie sich Btx sabotieren läßt. Da könne zum Beispiel der elektronische Briefkasten des Axel-Springer-Verlages mit endlosen Leserbriefen verstopft werden ("Die heutige ''Bild-Zeitung'' war so toll, ich kann das gar nicht oft genug wiederholen, so toll war sie"), da ließen sich fremde Btx-Bankkonten räumen ("Geheimzahl
durch Wanze im Telephon zu erfahren") und elektronisch versandte Briefe nachträglich manipulieren ("kein Problem, anderen Teilnehmern nach Belieben in der Mailbox herumzumischen").
Vor Fangschaltungen brauchten Btx-Piraten keine Angst zu haben: "Soweit bekannt, wurde noch niemand bei Verwendung fremder Kennungen und Paßwörter geschnappt, der in einer Telephonzelle stand und nicht länger als 5 Minuten wirkte. Wenn die Telephonzelle nicht gerade im Hauptpostamt steht, sondern im ''Nahbereich'', kostet allein eine Fangschaltung mehrere Minuten."
Genüßlich plaudern Chaos-Autoren aus, wie sich "mit einem Lötkolben, einem Schraubenzieher und ein wenig Draht" Posttelephone für Hacker-Zwecke umfrisieren lassen. Nicht einmal die geheimen Anschlußnummern des Postprüfdienstes sind vor dem CCC sicher. Der Btx-Gemeinde werden solche und andere Interna in einer ständigen Rubrik präsentiert - Titel, ironisch gemeint: "Postbildungswerk".
Nebenbei erfährt das staunende Btx-Publikum dank CCC (Eigenbezeichnung: "Bildschirmpest"), daß die Post "für den V-Fall, auf deutsch: Krieg", für die Bundeswehr "reservierte Leitungen" bereithält: "Private Telephonanschlüsse werden mit Ausnahme einiger weniger (z. B. Ärzte) abgeschaltet. Zur Erleichterung sind die Anschlüsse in den Schaltzentralen der Post entsprechend farblich gekennzeichnet."
Selbstverständlich war der locker organisierte CCC ("eine galaktische Vereinigung ohne feste Strukturen") auch auf der Berliner Funkausstellung präsent. Solche Messen mit ihren Gerätedemonstrationen seien "ausgezeichnete Veranstaltungen, auf denen mensch an Nummern und Paßwörter kommt".
Per Bildschirmtext hatte der CCC alle deutschen Computer-Freaks anläßlich der "Furunkelaustellung" zwecks "Kontaktaufnahme und Erfahrungsaustausch" zu einer großen "Hackerparty" nach Berlin eingeladen - sinnvollerweise an den "Poststand in Halle 20".
Mit einer Btx-Botschaft hatten die Chaos-Leute auch den Btx-Fan Schwarz-Schilling an den Poststand gebeten: "Wir würden uns freuen", konnten die Bildschirmtext-Teilnehmer vorletzte Woche auf ihrer Mattscheibe lesen, den Minister "als Gast auf unserer Hacker-Party mit Faßbrause zu bewirten und ihm unsere Postpolitik nahezulegen". Ob es daran lag, daß der CCC den Minister und Batteriefabrikanten per Btx respektlos "Dr. Bleifuß" tituliert und befürchtet hatte, daß bei seinem Auftritt "die Sonne versmogt", steht dahin - zu der gewünschten Kontaktaufnahme jedenfalls kam es nicht. Die Freaks mußten ihre Faßbrause alleine trinken.
Ein anonymer Vertreter des Gilb hatte den Hackern schon vor ein paar Wochen die Meinung gesagt. Über Btx schrieb er dem CCC: "Ihr seid alle Verbrecher!!!" Gekennzeichnet: "Ein Postler".
Mit Btx-Geräten, auf der Funkausstellung 1985.

DER SPIEGEL 38/1985
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