16.09.1985

ATTENTATEUnentwirrbares Dickicht

Nachrecherchen eines Buchautors zum Bombenanschlag auf dem Münchner Oktoberfest erschüttern die Einzeltäterthese der Bundesanwaltschaft. *
Im September 1980, als der Sprengstoffanschlag auf dem Münchner Oktoberfest verübt wurde, gab es im bayrischen Innenministerium noch den Ministerialdirigenten Hans Langemann. Das Attentat brachte Abwechslung in den eintönigen Schreibtischdienst des Staatsschutz-Chefs. Von Langemann durften die Fahnder einen fachkundigen Beitrag zur Aufklärung des Verbrechens erwarten.
Der Jurist Langemann hatte 1956 in Bonn mit einer Doktorarbeit über "Das Attentat" promoviert, die sogleich in die Fachliteratur eingegangen war. Er befaßte sich darin unter anderem mit dem "echten" und dem "vorgeschobenen Einzeltäter" und befand: Im Unterschied zum - seltenen - Einzelgänger begleiteten den vermeintlichen Solisten stets "Beistandshandlungen", die sich "über eine weite Skala von Möglichkeiten erstrecken, angefangen von der mehr oder minder verbindlichen Äußerung eines politischen Führers oder radikalen Theoretikers bis zur Erteilung eines direkten Mordbefehls".
Am Morgen nach dem Wies''n-Attentat, bei dem 13 Menschen getötet und über 200 verletzt wurden, erhielt Langemann einen ersten Hinweis, der derlei "Beistandshandlungen" zumindest als möglich erscheinen ließ: Der mutmaßliche Bombenleger Gundolf Köhler, 21, dessen Personalausweis unweit seiner zerfetzten Leiche gefunden wurde, war "aktiver Anhänger" der Anfang 1980 verbotenen rechtsextremistischen Wehrsportgruppe (WSG) Hoffmann.
Doch Langemann, der "Herr mit dem Dachschaden", wie Franz Josef Strauß ihn nannte, begnügte sich nicht mit behutsamer Umfeld-Aufklärung. Er entschied sich für "positiven Verfassungsschutz", wie er seine gezielte "Öffentlichkeitsarbeit" stets nannte. Kaum waren Personalien und erste Erkenntnisse über den tatverdächtigen Geologie-Studenten Köhler aus Donaueschingen gewonnen, gab sie der Staatsschützer umgehend an die Illustrierte. "Quick" weiter. Den Namen einer Köhler-Freundin reichte er nach.
Damit aber ruinierte der geschwätzige Spitzenbeamte, der 1980 auch Geheimdienstoperationen ausplauderte, 1982 vom Dienst suspendiert und 1984 zu acht Monaten Freiheitsstrafe verurteilt wurde, womöglich den "einzigen greifbaren Ermittlungsansatz in den Hintergrund der Tat". Zu diesem Schluß kommt jedenfalls der Münchner Journalist und Buchautor Ulrich Chaussy in einer Untersuchung zum Wies''n-Anschlag, die er jetzt nach mehrjährigen akribischen Nachforschungen in Akten und bei Zeugen als eine Art Recherchenchronik veröffentlicht. Langemanns fixe Öffentlichkeitsarbeit - er hielt die "Quick" auch weiter auf dem laufenden - richtete, so Chaussy, "weit größeren Schaden an als das Aufwirbeln angestaubter Agentenstories aus den sechziger Jahren". _(Ulrich Chaussy: "Oktoberfest. Ein ) _(Attentat". Luchterhand Verlag, Darmstadt ) _(und Neuwied; 268 Seiten; 26,80 Mark. )
Wie sich die gesteuerten "Quick"-Kontakte nach dem Münchner Bombenattentat auswirkten, recherchierte Chaussy, der auch eine Dutschke-Biographie geschrieben hat, vor Ort in Donaueschingen nach. Stunden bevor auch nur erste vage Informationen über den Tatverdächtigen an die Öffentlichkeit gelangt waren, schwärmten bereits Mitarbeiter der Illustrierten in Köhlers Heimatstädtchen aus und klapperten seinen Bekanntenkreis ab. Ein "Quick"-Mann, der zufällig auch Köhler hieß, gab sich ungeniert als Bruder des angeblichen Bombenlegers aus.
Anton Franke, _(Alle Namen der befragten ) _(Köhler-Bekannten und der Zeugen des ) _(Ermittlungsverfahrens sind von Buchautor ) _(Chaussy geändert worden. )
ein ehemaliger Mitschüler Gundolf Köhlers, schilderte Chaussy, wie er am Tag nach der Tat in einem Cafe bestürmt worden war: _____" Da kam eine Bekannte von Gundolf, erzählte mir, daß " _____" in München eine Bombe hochgegangen sei und er dabei " _____" umgekommen " _____" ist. Sie wußte das von einem Reporter, den sie im " _____" Schlepptau hatte. Und der hat mich dann auch gleich " _____" ausgefragt, ob ich Leute kenne, mit denen er zusammen " _____" war. Da wußte ich im ersten Moment nur den Peter Wiegand. " _____" Dann bohrte der weiter, und ich kam auf die " _____" verschiedensten Sachen und Leute. Wollte wissen, wo der " _____" Max Gärtner wohnt. Ich sagte, das wüßte ich ... "
Peter Wiegand und Max Gärtner, die zwei engsten Freunde Köhlers, waren damit schon eingeweiht, bevor die Polizei mit ihren Ermittlungen in Donaueschingen begann. Als vermutlich wichtigste Zeugen für mögliche Tathintergründe hatten sie viel Zeit, sich auf den Besuch der Kripo vorzubereiten. Sie verabredeten beispielsweise, wie Chaussy herausfand, der Polizei nichts von ihren gemeinsamen "Gesprächen" mit Köhler zu erzählen. Das waren Diskussionen über "Anschläge" und "Explosionen", bei denen Freund Gundolf gelegentlich den WSG-Chef Karl-Heinz Hoffmann zitiert hatte.
Erst sechs Tage nach dem Attentat nahmen sich die Ermittler den Studenten Wiegand vor, obwohl er als rechtsradikaler Sympathisant galt und Köhler wenige Wochen vor der Tat zum Einkauf von Schießbaumwolle nach Zürich begleitet hatte. Einen weiteren Tag später suchten sie den Praktikanten Gärtner auf, der mit Köhler auch mal auf den Schlachtfeldern von Verdun nach alten Handgranaten gebuddelt hatte.
Zwar brachen die Köhler-Vertrauten nach stundenlangen Verhören bald beide ihre Schweigevereinbarung, und jeder beschrieb ausführlich, was er von Köhler gehört und von dessen Absichten gehalten habe. Doch in entscheidenden Punkten wichen die Darstellungen derart kraß voneinander ab, daß die Ermittler nach Chaussys Eindruck vor einem "unentwirrbaren Dickicht schwer bewertbarer Informationen" gestanden haben müssen.
Gärtner erzählte, Gundolf Köhler habe über "Wahlbeeinflussung durch Anschläge" und "andere spektakuläre Geschehnisse" schwadroniert, die man "den Linken in die Schuhe schieben" könne. Von "Umsturz" und "Revolution" sei die Rede gewesen, konkret aber auch von einem "Anschlag auf die Wies''n", den einer allein "aus körperlichen und aus geistig-seelischen Gründen nicht" durchführen könne. Köhler habe sie jedoch nicht zum Mitmachen aufgefordert und auch keine "anderen Personen"
erwähnt. Gärtner gab an, er habe das alles "damals nicht ernst genommen".
Wiegands Version lautete, nie sei konkret über Anschläge gesprochen worden; Köhler habe "mit Sicherheit kein politisches Motiv" gehabt. Der Zeuge schilderte dagegen eine Reihe persönlicher Rückschläge Köhlers - eine unglückliche Liebesgeschichte, eine gescheiterte Diplom-Vorprüfung an der Uni, Geldsorgen -, die bei dem Freund einen "großen Umbruch zum Negativen" bewirkt habe. Köhler habe sich schließlich in einen "Universal-Haß" gesteigert, gab Wiegand an, der den Bombenanschlag als "Fazit einer persönlichen Katastrophe" wertete.
Den fundamentalen Widerspruch der beiden Aussagen beseitigten die Strafverfolger jedoch dadurch, daß sie die Darstellung Gärtners einfach verwarfen. Der Zeuge habe, begründete die Bundesanwaltschaft in ihrem Schlußbericht, nach Auskunft eines Nervenarztes möglicherweise unter einer psychischen Erkrankung gelitten und nur eine eingeschränkte Wahrnehmungsfähigkeit besessen.
Die Katastrophen-These des Zeugen Wiegand wirkte auf die Ermittler offenbar derart bestechend, daß ihr, wie Autor Chaussy urteilt, "nahezu der Rang eines psychologischen Fachgutachtens" zugemessen wurde. Kein weiteres Ermittlungsergebnis, lediglich Wiegands Einlassung, stützt die abschließende Wertung der Bundesanwaltschaft: Köhler, der mutmaßliche Einzeltäter, habe wahrscheinlich "aus einer schweren persönlichen Krise und/oder aus übersteigertem Geltungsbedürfnis" gehandelt.
Chaussy irritierte, daß ein "dilettantischer Charakterentwurf" zur "offiziell anerkannten Version" erhoben wurde, obwohl gerade der Zeuge Wiegand Anlaß zu skeptischer Beurteilung gab. Bei ihm, der Köhler politisch am nächsten stand, wurde bei einer Hausdurchsuchung immerhin ein Gesetzestext gefunden - Paragraph 138 des Strafgesetzbuches ("Nichtanzeige geplanter Straftaten"), und der war unterstrichen.
Weder klärten die Ermittler Wiegands politischen Standort näher ab, noch überprüften sie das düstere Bild von Köhlers persönlicher Katastrophe, die das mörderische Bombenattentat als Verzweiflungstat plausibel zu machen schien. Gerade das Krisengemälde aber, das sich gut in das Bild vom irregeleiteten Einzeltäter fügte, war, wie Recherchen Chaussys ergaben, leicht zu erschüttern.
Köhler, der sich in einer ausweglosen Situation und in Geldnöten befunden haben soll, schloß im Sommer 1980 einen Bausparvertrag ab, zahlte für seine Tübinger Studentenbude ordentlich die Miete und konnte sich auch noch eine Reise nach Griechenland und Jugoslawien leisten. Der angeblich "Lustlose" und von "Universalhaß" Getriebene sammelte Heimatsagen und gründete kurz
vor dem Oktoberfest eine Band. Einen Tag vor dem Attentat besuchte der politisch angeblich nicht motivierte Köhler einen Volkshochschul-Vortrag - über "Konzentrationslager in Baden-Württemberg".
Die Katastrophen-Version vernebelte auch Spuren, die vom mutmaßlichen Einzeltäter wegführten, von den Ermittlern aber auch ohnehin "nur halbherzig" (Chaussy) verfolgt wurden. So soll sich nach Aussage eines Barkeepers in Damaskus der WSG-Mann Walter Behle mit dem Wies''n-Anschlag gebrüstet haben ("Das waren wir selbst"). Den Vorgang schätzte die Bundesanwaltschaft jedoch als "alkoholbedingte Aufschneiderei" ein - gestützt allein auf ein Dementi des später festgenommenen Behle.
Ein einwandfreies Alibi bescheinigte die Bundesanwaltschaft auch dem WSG-Mann Stefan Wagner, der sich im August 1982 bei Frankfurt nach einer Flucht vor der Polizei selbst erschoß. Er hatte kurz zuvor einem Zeugen seine Fluchtabsicht mitgeteilt: "Lebend bekommen die mich nicht ... Ich war bei der Aktion gegen das Oktoberfest in München dabei." Wagners Alibi, behauptet im Gegensatz zur Bundesanwaltschaft ein Ermittler des Bundeskriminalamtes, sei "aus taktischen Gründen" nie überprüft worden.
Um Alibi-Fragen ging es auch bei den Bekundungen einer Zeugin namens Nana Holzapfel, die das Täterfahrzeug Köhlers fünf Tage vor der Tat in der Nähe der Wies''n beobachtet hatte. Der Wagen war ihr aufgefallen, weil sie ihn für das Auto von Bekannten hielt. Als sie hineinschaute, habe sie, so die Zeugin, vier unbekannte junge Männer und eine Frau wahrgenommen, die sie "unwahrscheinlich entsetzt anstarrten". Eine der von ihr gefertigten Personalbeschreibungen stimmte auffällig mit Gundolf Köhler überein.
Die Hinweise der Zeugin wurden fallengelassen, als erste Ermittlungen ergaben, daß sich Köhler zur fraglichen Zeit in Donaueschingen und nicht in München aufgehalten habe. Das Alibi bezeugte seine Mutter.
Bei Nachermittlungen stellte sich zwar heraus, daß Mutter und Vater Köhler an dem Tag gar nicht zu Hause, sondern selber in München unterwegs waren. Doch Gundolf Köhlers Alibi bestätigten, entgegen den Wahrnehmungen der Zeugin Holzapfel, statt dessen "andere Zeugen" (so der Schlußbericht der Bundesanwaltschaft).
Attentatsautor Chaussy fand heraus, wer diese Alibi-Zeugen waren: Peter Wiegand und dessen Mutter. Außerdem, so Chaussy: "Die ''Quick''-Reporter haben ja bewiesen, daß man zwischen Donaueschingen und München schon mal an einem Tag hin- und herfahren" kann.
Ulrich Chaussy: "Oktoberfest. Ein Attentat". Luchterhand Verlag, Darmstadt und Neuwied; 268 Seiten; 26,80 Mark. Alle Namen der befragten Köhler-Bekannten und der Zeugen des Ermittlungsverfahrens sind von Buchautor Chaussy geändert worden.

DER SPIEGEL 38/1985
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