09.12.1985

KONKURSEBeschämendes Ergebnis

Kalkhoff ist am Ende. Übernehmen Bulgaren die Zweiradfabrik? *
Klaus Weigmann geht seit drei Wochen einer ungewohnten Tätigkeit nach. Der Rechtsanwalt aus Oldenburg spielt Fremdenführer für Fahrradfabrikanten.
Die Herren reisen von weither an, aus den Niederlanden, aus Bulgarien und sogar aus China. Sie interessieren sich für den einstmals größten Fahrradhersteller der Bundesrepublik, die Kalkhoff-Werke GmbH in Cloppenburg.
Die Brüder Karl, Heinz und Berthold Kalkhoff mußten Mitte November Konkurs anmelden, obwohl ihnen eine der modernsten Fahrradfabriken Deutschlands gehört. Ihr Mißgeschick lockt nun aus nah und fern die Konkurrenten an. Sie wollen die "einmalige Gelegenheit" nutzen, "billigst", wie der vorläufige Konkursverwalter Weigmann meint, an eine Fahrradfabrik zu kommen.
Das Interesse ist nicht ganz unverständlich. Die Kalkhoffs haben schließlich viel Geld in ihre Firma gesteckt, um nur ja die Größten in der Zweirad-Branche zu werden.
Nur wählten sie dafür just den Zeitpunkt aus, als die goldenen siebziger Jahre, in denen die Bundesbürger das Rad als Freizeit-Vehikel entdeckten, vorbei waren und es für die Fahrradindustrie schwerer wurde. Während sich Konkurrenten wie Kynast stärker auf andere Produkte wie Rasenmäher oder Campingartikel verlegten, steigerten die Kalkhoffs ihre Kapazitäten auf über eine Million Räder im Jahr.
Sie waren beim besten Willen nicht zu verkaufen. Auch klingende Namen wie "Weltkrone", "Präzision" oder "Rekord" schafften keinen Massenabsatz. Zeitweise versuchten die Rad-Manager, sich mit einem roten Punkt am Rahmen von der Konkurrenz abzusetzen, alles vergeblich.
Als es schon zu spät war, holten sich die Kalkhoffs die Unternehmensberatung Roland Berger ins Haus. Deren Experten fanden schnell heraus, was jeder Buchhalter im Hause wußte: Die Firma hat ihre Räder zu billig verkauft, um überhaupt noch im Geschäft zu bleiben. Räder, deren Herstellung 110 Mark pro Stück gekostet hatte, gingen für 95 Mark an Metro oder Neckermann.
Das konnte nicht lange gutgehen. Die Kalkhoffs machten jeden Monat 1,5 Millionen Mark Verlust. Die Schulden wuchsen auf fast 45 Millionen bei etwa 100 Millionen Mark Umsatz im Jahr.
"Das vorhandene Vermögen reicht wahrscheinlich nicht mal mehr für einen ordentlichen Konkurs", meint Rechtsanwalt Weigmann. "Eine Katastrophe", fürchtet Cloppenburgs Bürgermeister Bernd Thonemann. Schon jetzt liegt die Arbeitslosenquote in seiner Stadt über 18 Prozent. Die meisten der über 600 Kalkhoff-Beschäftigten kämen noch hinzu, wenn die Firma dichtmacht.
Die öffentliche Hand und die Gläubigerbanken beteiligen sich deshalb an einer Rettungsaktion. Wer die Kalkhoff-Werke übernehmen will, braucht nicht mal die Hälfte der Schulden abzuzahlen. Er müßte nur versprechen, die Arbeitsplätze zu erhalten.
So jemand findet sich nicht leicht. Die Chinesen verloren schnell das Interesse. Sie wollten die Produktionsanlagen in Container verpacken und abtransportieren, wie sie es beim Münchner Moped-Hersteller Zündapp gemacht haben.
Von den ausländischen Interessenten sind allein noch die Bulgaren im Rennen. Sie haben 17 Millionen Mark geboten. Ihre Garantie für die Erhaltung der Kalkhoff-Jobs ist allerdings, so Weigmann, "noch ein wenig schwammig".
Die Bulgaren haben zumindest erreicht, daß die anderen bundesdeutschen Fahrradhersteller unruhig wurden. Sie fürchten, daß die Bulgaren mit billigen Zulieferteilen aus dem Ostblock die deutschen Hersteller unterbieten könnten und noch mehr Betriebe Konkurs anmelden müssen.
Auch die Kommunalpolitiker und die Gläubiger haben Vorbehalte gegen die sozialistischen Manager vom Balkan. Sie glauben, die Bulgaren wollten nur die Subventionen kassieren und nach einigen Jahren das Werk doch stillegen.
Mit offenen Armen begrüßten die Cloppenburger deshalb die Abgesandten der Firma Julius Sprick aus Gütersloh und der Pantherwerke AG aus Bad Wildungen. Beide Firmen wären bereit, Kalkhoff zu übernehmen und mit reduzierter Mannschaft weiterzuarbeiten.
Die Mitarbeiter von Kalkhoff verfolgen den Schacher mit Argwohn. Monat für Monat haben sie auf die Tariflöhne verzichtet, die in der Metallbranche vereinbarte 38,5-Stunden-Woche unterlaufen und statt dessen Überstunden gemacht. Sie glaubten, damit ihren Betrieb retten zu können.
Ein Sozialplan sei für sie bislang nicht vorgesehen, moniert Rolf Marx von der IG Metall. Das wäre wohl auch zwecklos. Denn wenn mangels Masse noch nicht mal ein Konkurs zustande käme, dann könne ein Sozialplan für die Beschäftigten, so meint Marx, "eh nur ein beschämendes Ergebnis bringen".

DER SPIEGEL 50/1985
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