19.08.1985

ITALIENKahl und schwarz

Durch den Frosteinbruch des vergangenen Winters sind die Olivenbauern der Toskana nun in ihrer Existenz bedroht, das klassische Landschaftsbild ist womöglich auf Dauer verändert. *
Die silbergrünen Olivenhaine der Toskana brachten Dichter und Denker aller Zeiten zum Schwärmen. Poeten und Maler fühlten sich von den "perlenhaften Silberkronen der Ölgehänge", wie Theodor Däubler dichtete, inspiriert. Goethe beschrieb in seinen "Tagebüchern der italienischen Reise" die "herrliche Plaine" bei Arezzo mit ihren Ölbäumen, diesen "wunderlichen Pflanzen", die "alt fast wie Weiden" aussehen.
Auch heute noch verfallen die Nordeuropäer dem Zauber der weichen Hügellandschaft zwischen Lucca, Siena und Orvieto. Zahlreiche Deutsche, Holländer und Briten kaufen sich Ferien- oder Alterssitze in der Toskana - ein Weinberg oder ein Olivenhain, in dem sie mit eigenen Händen arbeiten können, muß immer dabei sein.
Jäh hat der letzte Winter das Traumbild von der uralten Kulturlandschaft mit ihrem milden Klima zerstört. Die eisige Kälte vom Januar und Februar 1985 - mit Temperaturen bis 20 Grad unter Null - vernichtete oder schädigte 90 Prozent der Olivenkulturen. Durch die Kälte riß bei den meisten Bäumen die schützende Rinde auf. Folge: Der empfindliche Stamm des immergrünen Baumes, in dem auch im Winter die Pflanzensäfte zirkulieren, barst und starb ab.
17 Millionen Bäume, die nun kahl und schwarz in der rotbraunen Landschaft der Toskana stehen, müssen bis kurz über dem Boden zurückgestutzt werden. "Es ist die einzige Möglichkeit, die oft noch lebenden Wurzeln des Baumes zu retten", riet der italienische Bauernverband den Ölbauern.
Die Preise für das rar gewordene Speiseöl schossen in diesem Sommer gewaltig nach oben: Statt wie bisher 6 Mark pro Liter verlangen die Bauern jetzt bis zu 45 Mark für die Spitzenklasse "extra vergine", das besonders aromatische kalt gepreßte Öl erster Qualität.
Oft genug ist gar nichts mehr zu retten: Wenn auch die Wurzeln erfroren sind, müssen die Stümpfe aus der Erde herausgerissen und neue Bäumchen gesetzt werden. Das volle Ausmaß der Schäden läßt sich erst jetzt erkennen. Denn bis zum Frühsommer - wenn die Blüte einsetzt - bestand noch Hoffnung, daß ein Teil der Bäume sich erholen würde. Doch die lieblichen Hügel sehen heute aus wie nach einem Waldbrand.
In ganz Italien wird der Schaden, den die Winterkatastrophe an den Ölbaumpflanzungen angerichtet hat, auf 2,2 Milliarden Mark geschätzt. Die Bauern in der Toskana - mit 190000 Hektar das viertgrößte landwirtschaftliche Anbaugebiet Italiens - müssen allein knapp 950 Millionen Mark Verluste verkraften.
Die italienische Regierung versucht, die Not mit einem SOS-Fonds zu lindern. Als erste Hilfe kann jeder Geschädigte bis zu 7500 Mark bekommen. Für die Pflege und Behandlung von Ölpflanzungen, die noch zu retten sind, gibt es zinsgünstige Kredite. Mit einem Sondergesetz will Rom zusätzliche Mittel bereitstellen, um den Neuanbau nach modernsten Methoden zu fördern.
Schon wittert der italienische Bauernverband die Chance, aus dem "großen Unglück" Kapital zu schlagen. "Die Frostkatastrophe gibt endlich Gelegenheit, die Olivenkultur neu anzulegen", erklärt Marco Taddei, Sprecher der römischen Confagricoltura. Wenn die Olivenhaine Profit abwerfen sollen, so der Agronom, müßten sie von vornherein für eine "mechanisierte Bewirtschaftung" angelegt werden, mit der Möglichkeit maschineller Pflege und Ernte.
70 Prozent der Anbaufläche gehören zur Zeit noch Kleinbauern. Sie bearbeiten ihre durchschnittlich fünf bis sechs Hektar großen Haine wie eh und je mit der Hand: Bei der Ernte werden Bettücher unter den Baum gelegt und die Oliven Zweig für Zweig abgestreift. "Das ist Folklore ohne Zukunft", sagt Taddei, "alle Zuschüsse für diese Art Bewirtschaftung sind hinausgeworfenes Geld."
Doch viele Landwirte scheuen einstweilen die Investitionen für die Neupflanzung. Denn bis die Bäume so viel abwerfen, daß die Bauern ihre Kosten wieder hereingeholt haben, dauert es 15 Jahre - eine Durststrecke, die viele trotz der angebotenen Sonderhilfen nicht durchstehen können. Wenn die Bauern nicht wieder nachpflanzen, wird sich die Landschaft der Toskana - mit einer durchschnittlichen Höhe von 500 Metern über dem Meeresspiegel die ideale Lage für den Anbau guttragender "Silberbäume" - für immer verändern.
Es wäre nicht nur eine ökologische Katastrophe. Mit den Olivenhainen würde Italien ein nationales Kulturgut verlieren. "Ohne seinen Oliveto", sagt die 73jährige Wein- und Olivenbäuerin Anna Boschi, "ist ein toskanischer Bauer einfach kein Mensch."

DER SPIEGEL 34/1985
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