09.12.1985

KANADA

Luft aus dem Reifen

Ende einer Ära: Quebecs Separatistenpartei, die nahezu ein Jahrzehnt Kanadas nationale Einheit bedrohte, erlitt eine katastrophale Wahlniederlage. *

Pierre Marc Johnson, 39, Premier der franko-kanadischen Provinz Quebec, ermunterte zu Beginn des von ihm selbst anberaumten Wahlkampfes seine Parteifreunde mit der Aufforderung, sich einzusetzen wie der Vietcong, der einst in kleinen Zellen gegen die US-Armee angekämpft habe.

Die Parteikrieger rückten vergangenen Montag im Norden der Provinz sogar mit Schneemobilen aus, um trotz eines heftigen Wintersturms ein paar zusätzliche Anhänger an die Wahlurnen zu befördern.

Stunden später signalisierten die Hochrechnungscomputer, daß solcher Kampfgeist vergeblich geblieben war: Quebecs 4,5 Millionen wahlberechtigte Bürger stimmten mit überwältigender Mehrheit für einen Regierungswechsel.

Johnsons Partei, der "Parti quebecois", der sich in Artikel 1 seines Programms "zum fundamentalen Ziel der Quebecer Souveränität" bekennt und neun Jahre lang die Regierungsmacht innehatte, verlor 38 Sitze und bildet künftig mit 23 Abgeordneten die Opposition. Die 99 übrigen Mandate gewann die Liberale Partei - nicht ohne einen Schönheitsfehler: Ihr Chef, Quebecs designierter Premier Robert Bourassa, 52, verlor im eigenen Wahlkreis gegen den Kandidaten des Parti quebecois.

Mit dem Erdrutsch ging eine Ära für Kanadas flächenmäßig größte Provinz zu Ende. Ein Vierteljahrhundert lang hatte der Quebecer Nationalismus die gesamte Politik des Landes beeinflußt. Charles de Gaulles Schlachtruf "Vive le Quebec libre" machte 1967 den nationalen Selbstbehauptungswillen der Provinz in der ganzen Welt bekannt.

Die Möglichkeit einer eigenständigen, eigenwilligen, vielleicht gar Nato-feindlichen Republik im nördlichen Amerika schreckte Anglo-Kanadier und US-Bürger gleichermaßen. 1970 mußte der damalige Premierminister Pierre Trudeau den Ausnahmezustand über seine Heimatprovinz verhängen, weil die radikale Quebecer Befreiungsfront - gänzlich unkanadisch - Bomben legte, Menschen entführte und den Quebecer Arbeitsminister Pierre Laporte ermordete.

Gleichzeitig begannen aber auch Versuche, dem Separatismus gewaltlos zum Sieg zu verhelfen. Acht Jahre nach der Gründung der Separatisten-Partei übernahm ihr Führer, der Ex-Liberale Rene Levesque, 1976 die Macht in der französischsprachigen Provinz.

Von Unabhängigkeit träumten seine Parteifreunde, unabhängig vom verhaßten Anglo-Kanada wollten sie sein, frei von amerikanischer Vorherrschaft. Nach der Wahlkatastrophe heißt es nun Abschied nehmen vom Traum von der eigenen Republik.

Die Souveränität der Provinz ist kein Thema mehr. "Statt der flaggenschwingenden Konfrontation von Föderalisten und Souveränitäts-Anhängern vergangener Wahlkämpfe", bemerkte Kanadas Nachrichtenmagazin "MacLean's", beherrschten "Brot-und-Butter-Themen" die Wahl.

Bereits 1980, im vierten Amtsjahr des Premiers Levesque, zeichnete sich der Niedergang seiner Partei ab. Durch ein Referendum wollte er sich ein Mandat

geben lassen, mit der Bundesregierung über politische Souveränität bei gleichzeitiger wirtschaftlicher Assoziierung mit Rest-Kanada zu verhandeln. Doch 59,6 Prozent der Wähler lehnten ab.

"Es war, als ob man die Luft aus einem Reifen gelassen hätte", beschrieb Föderalist Bourassa die damalige Atmosphäre. Doch Levesque schaffte noch einmal ein Wunder: Im Jahr darauf wählten ihn die unberechenbaren Quebecer erneut zum Premier.

Es war sein letzter Triumph. Rezession, Ärger mit den Gewerkschaften, steigende Arbeitslosigkeit ließen die Fortüne der Regierung sinken. Im vorigen Jahr folgte schließlich die ideologische Spaltung. Gedrängt von Justizminister Johnson, schwächte die Parteiführung ihr Bekenntnis zum Separatismus von einer aktuellen Forderung zu einem Wunsch für die ferne Zukunft ab. Ein Viertel des Kabinetts und Hunderttausende überzeugter Nationalisten traten daraufhin aus der Partei aus. Die Mitgliederzahl schrumpfte von 300000 auf 87000.

Im Juni gab Levesque auf, die Partei suchte Rettung bei Pierre Marc Johnson, Sohn eines früheren Premiers, der sofort Neuwahlen ausrief. Der neue Separatistenchef erwähnte Separatismus nur, wenn es unbedingt nötig war. Ideologisch trennten den Pragmatiker nach eigenem Bekenntnis "nur Nuancen" von Gegner Bourassa.

Doch der Wunsch des Wahlvolks nach einem Wechsel erwies sich als stärker. Man nahm dafür sogar jenen Robert Bourassa in Kauf, der bereits von 1970 bis 1976 die Regierungsgeschäfte der Provinz geführt hatte. Die Antipathie der Wähler gegen den gelernten Wirtschaftler und Steueranwalt legte allerdings auch die Grundlage für den ersten Wahltriumph der Separatisten. Bourassa, beschimpft von den eigenen Hinterbänklern als "meistgehaßter Mann in Quebec", entfloh vorübergehend zu Studien und Lehrvorträgen nach Europa.

1983 zahlte sich seine unermüdliche Arbeit an der Parteibasis aus: Bourassa wurde erneut Chef der Liberalen. Sein Wahlsieg, so notierten Kanadas Gazetten, sei nichts anderes als eine "wundersame Wiedergeburt".

Vorerst wird der neue Premier die Regierungsgeschäfte von der Besuchertribüne der Nationalversammlung aus führen müssen - so lange, bis einer der 99 siegreichen liberalen Abgeordneten seinen Platz für den Premier opfert, der sich dann in einem sicheren Wahlkreis nachwählen lassen kann.


DER SPIEGEL 50/1985
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