09.12.1985

„Ich denke nie an die Zukunft“

SPIEGEL-Interview mit dem aus Amerika ausgewiesenen Sektenführer Bhagwan Shree Rajneesh *
SPIEGEL: Bhagwan, Sie sind endlich wieder in Ihre alte Heimat zurückgekehrt. Wollen Sie sich jetzt hier niederlassen?
BHAGWAN: Da bin ich noch nicht so sicher. Meine Leute suchen auf der ganzen Welt nach einem geeigneten Platz für mich. Vielleicht wissen wir in zwei Wochen mehr. Außerdem ist Indien nicht meine Heimat. Ich gehöre zu keiner Nation, mein Heim ist die ganze Erde.
SPIEGEL: Ihre Bewegung allerdings bricht jetzt auseinander, die Jünger verlassen Sie.
BHAGWAN: Nein, die Sanyasin-Bewegung ist noch stärker geworden durch die Vorgänge der letzten Monate. Diejenigen, die mich verlassen haben, sind wieder zurückgekommen. Sie haben wieder angefangen, mich zu lieben.
SPIEGEL: Sind Sie sehr betrübt über die Vorgänge der jüngsten Vergangenheit, über die "entwürdigende, schandbare Behandlung" in den amerikanischen Gefängnissen, wie Sie es nannten?
BHAGWAN: Von Schande habe ich nichts gesagt. Wenn es eine Schande gewesen wäre, dann hätte die Kreuzigung Christi tausendmal eine Schande sein müssen. Es war für mich die natürliche Konsequenz daraus, daß ich Widerstand geübt habe und intelligent gewesen bin, daß ich in die Welt von Sokrates und Buddha gehöre.
SPIEGEL: Die haben ihr Schicksal gelassen hingenommen.
BHAGWAN: Auch ich lasse alles gelassen über mich ergehen. Es war für mich eine große Erfahrung, und ich habe viel daraus gelernt. Die Amerikaner haben mit mir das Schlimmste vorgehabt, aber ich habe für mich das Beste daraus gemacht. Diese Affäre hat mir das wahre Gesicht der Amerikaner gezeigt. Die haben doch nur eine Farce von Demokratie. Hinter Gefängnismauern wechseln die Leute sofort ihre Gesichter und benehmen sich wie Faschisten. Ich habe im Gefängnis aber auch die Schönheit und die Menschlichkeit jener Leute gesehen, die dort als Verbrecher festgehalten werden. Die amerikanische Idee von Demokratie existiert für mich nicht mehr, es ist alles nur Heuchelei.
SPIEGEL: Sie haben nach Ihrer Ankunft hier gesagt, Sie hätten geholfen, Amerika schöner zu machen. Durch welche Ihrer Taten wohl?
BHAGWAN: Wir haben ihre Wüste grün gemacht, wir haben Staudämme und Seen angelegt, einen autarken Lebensraum für 5000 Menschen geschaffen, wir haben das ganze Angesicht der Wüste verändert. Wir haben Straßen und Häuser gebaut, und alles mit unserer eigenen Hände Arbeit. Rajneeshpuram war einer der schönsten Orte im Land.
SPIEGEL: Sie haben immer behauptet, es sei auch einer der sittlichsten Orte gewesen. Angeblich gab es unter Ihren Anhängern keine Kriminalität.
BHAGWAN: Richtig. In vier Jahren haben wir kein einziges Verbrechen erlebt, keine Vergewaltigung, keinen Mord, keinen Selbstmord. Niemand ist verrückt geworden. Und was ist dagegen der American Way of Life? Ich will es Ihnen sagen: Vergewaltigung, Mord, Wahnsinn. Bei uns war unter 5000 Einwohnern kein einziger Bettler. Amerika hat 30 Millionen Penner.
SPIEGEL: Sie haben gesagt, man habe Sie im Gefängnis umbringen wollen.
BHAGWAN: Ja, diese Leute wußten, daß ich Bandscheibenprobleme habe. Sie haben mich deshalb in rüder Art herumkutschiert, nur um meinen kranken Rücken noch kranker zu machen - ruckartig anfahren, ganz plötzlich anhalten, Sie wissen, was ich meine. Ich war angekettet und konnte mich nicht mal wehren. Sie haben mich zusammen mit einem Mann, der unheilbare und hochinfektiöse Herpes hatte, in eine Doppelzelle gesteckt. Der Mann war Kubaner, er konnte nicht einmal Englisch. Und dann die zwei Fernsehapparate, die von sechs Uhr früh bis Mitternacht liefen. Ich konnte auch am Tage nicht schlafen. Und wenn das TV nicht lärmte, redeten die Häftlinge laut. Andere Leute als ich wären verrückt geworden.
SPIEGEL: Früher mußten sich Ihre Besucher mit Spezialseife waschen, bevor
Sie sie empfingen. Sie konnten keinen Zigarettenrauch vertragen ...
BHAGWAN: Ja. Anfangs war ich in einer Zelle mit zwölf Kettenrauchern. Ich bin furchtbar allergisch gegen Rauch. Zehn Tage habe ich immer nur geweint. Ich hatte rote Augen und konnte nicht schlafen. Zwölf Tage lang habe ich kein Auge zugetan. Keine Ruhe, die Schmerzen im Rücken. Sie gaben mir kein Kissen, keine Decke, nicht mal ein Betttuch, das die anderen alle kriegten. Nur eine dreckige Matratze.
SPIEGEL: Sie haben alle Vorwürfe, die Amerikas Justizbehörden gegen Sie erhoben haben, bestritten.
BHAGWAN: Zu Recht. Weil die Anschuldigungen nicht zu beweisen waren, konnten sie mich auch nicht festhalten. Sie haben mich nacheinander in fünf verschiedene Gefängnisse gebracht, weil sie wußten, daß sie vor Gericht nichts erreichen würden. Zum Schluß kam ich dann nach Oregon. Sie wußten, daß die zuständige Richterin auf ihre Beförderung wartete. Sie konnten sie unter Druck setzen. Sie haben ihr damit gedroht: Wenn Sie den Mann entlassen, dann ...
SPIEGEL: Ihre derzeit in der Bundesrepublik inhaftierte ehemalige Generalbevollmächtigte, Ma Anand Sheela, hat behauptet, sie nähmen jeden Tag 60 Milligramm Valium, um ruhig zu bleiben, und Lachgas, um glücklich auszusehen.
BHAGWAN: Fragen Sie doch meinen Leibarzt. Er ist einer der besten Ärzte Englands und Mitglied der Royal Society of Physicians. Sheela konnte überhaupt nicht wissen, welche Medikamente ich nahm. Einmal, auf dem Flug von Indien nach Amerika, habe ich Schlaftabletten genommen. Das hat sie gesehen.
SPIEGEL: Sheela sagt auch, sie hätte mit Ihnen gebrochen, weil Sie ständig neue Ansprüche stellten, weil Sie zum Schluß eine Diamantuhr für zweieinhalb Millionen Dollar haben wollten.
BHAGWAN: Die fängt an zu spinnen. Ich besitze gar nichts. Mir gehören nicht mal meine Kleider. Sie gehören der Kommune, und ich trage nur Uhren, die von meinen eigenen Leuten hergestellt werden. Schauen Sie diese hier an, das sind keine richtigen Diamanten, nur ganz simple Steine. Die 93 Rolls-Royces gehörten auch nicht mir. Was soll ich damit? 93 Rolls sind einfach Schwachsinn. Das waren Geschenke, mehr nicht. Ich bin so nackt, wie ich geboren wurde, und so nackt, wie ich jetzt bin, werde ich sterben.
SPIEGEL: Sheela war wohl nicht besonders spirituell veranlagt?
BHAGWAN: Überhaupt nicht. Sie hatte kein Interesse an Meditation und keinen Sinn für höhere Werte. Sie wollte nicht, daß ich rede, weil das meiner Gesundheit schaden würde. Dreieinhalb Jahre war ich isoliert. Sie hatte die Macht, sie vertrat mich. Als ich wieder
redete, war sie wieder das, was sie vorher war - ein Niemand. Aber sie hatte ein Ego entwickelt, fühlte sich wohl in ihrer Rolle als Star. Was war sie denn? Eine Sekretärin. Eine andere Beziehung haben wir nicht unterhalten. Aber ich brauchte für meine Kommune damals solche Typen, ungeschliffene Steine sozusagen. Ich weiß, daß ich früher oder später etwas tun muß, um aus ihr noch was zu machen. Sie ist absolut materialistisch veranlagt.
SPIEGEL: Letztes Jahr haben Sie Ihre Jünger aufgefordert, vom Sex zu lassen. Jetzt ist zu hören, daß Sie ihnen auch noch das Küssen verbieten wollen.
BHAGWAN: Meine Ärzte haben mir gesagt, daß sich Aids immer schneller ausbreitet und daß die Krankheit den größten Teil der Menschheit ausrotten wird, bevor die Atombombe es tun kann. Nach ihren Forschungen kann Aids sogar durch Küsse übertragen werden. Deswegen sollte man das Küssen besser unterlassen.
SPIEGEL: Was soll man statt dessen tun, Nasen reiben vielleicht wie die Eskimos?
BHAGWAN: Ja, warum nicht? Als die Eskimos zum erstenmal christlichen Missionaren beim Küssen zusahen, wollten sie es einfach nicht glauben. Und wenn Sie darüber nachdenken, werden Sie zugeben, daß Küssen unhygienisch, ungesund und dumm ist. Die Nase sieht viel sauberer aus.
SPIEGEL: Haben Sie sonst noch Alternativen?
BHAGWAN: Das älteste indische Buch über Sexualität, die 5000 Jahre alten Sutras von Watsajana, zeigt noch viel mehr Methoden auf. Es lehrt zum Beispiel, daß das Reiben von Ohrläppchen erotischer ist als Küssen.
SPIEGEL: Sie haben mit Ihren Ideen zur Sexualität nicht eben Verständnis und Sympathie geweckt.
BHAGWAN: Mein Buch "Vom Sex zum Superbewußtsein" wurde bemerkenswerterweise sowohl von religiösen Führern als auch von Pornographie-Verlegern verdammt. Das hat gute Gründe: Wenn ich nämlich recht habe mit meinen Thesen, dann gibt es weder eine Existenzberechtigung für Pornographie noch für Mönche und Nonnen.
SPIEGEL: Weil die dann ihre Geschäftsgrundlage verlieren?
BHAGWAN: Genau. Die Pornographie und die sogenannten religiösen Führer sind in einer subtilen, unterbewußten Verschwörung gegen die gesamte Menschheit miteinander verbunden.
SPIEGEL: Was sind Ihre nächsten Zukunftspläne?
BHAGWAN: Ich habe niemals Pläne gehabt. Ich lebe von Augenblick zu Augenblick. Ich denke nie an die Vergangenheit und nie an die Zukunft, weil die Vergangenheit nicht mehr ist und die Zukunft noch nicht ist. Für mich existiert nur der Augenblick.
*KASTEN
Bhagwan Shree Rajneesh *
wurde vor dreieinhalb Wochen in Portland im US-Staat Oregon zu einer hohen Gefängnisstrafe mit Bewährung verurteilt und anschließend nach Indien abgeschoben. Der Gründervater der Rajneesh-Bewegung hat fürs erste mit zwölf Getreuen in einem Motel im Himalaja-Tal von Kulu-Manali, 555 Kilometer nördlich von Delhi, Quartier bezogen. Seine Ranch in Oregon soll Mitte des Monats versteigert werden, seine 93 Rolls-Royces wurden bereits veräußert. Obgleich die US-Kommune unter Finanzproblemen leidet, scheint der Guru nicht zu darben: Er reiste im privaten Charter-Jet an und plant nun Landkäufe im nordindischen Bundesstaat "Himatschal Pradesch".
Von Sri Prakash Sinha

DER SPIEGEL 50/1985
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 50/1985
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Ich denke nie an die Zukunft“

Video 00:54

Ägypten Archäologen finden Katzen-Mumien

  • Video "Brände in Kalifornien: Promi-Ort Malibu evakuiert" Video 01:24
    Brände in Kalifornien: Promi-Ort Malibu evakuiert
  • Video "100 Jahre Frauenwahlrecht: Gleichstellung haben wir trotzdem nicht" Video 02:06
    100 Jahre Frauenwahlrecht: "Gleichstellung haben wir trotzdem nicht"
  • Video "Vor Norwegen: Kriegsschiff kollidiert mit Tanker" Video 01:03
    Vor Norwegen: Kriegsschiff kollidiert mit Tanker
  • Video "Die Sache mit dem Aschedünger: Bill Gates' wasserlose Toilette" Video 01:18
    Die Sache mit dem Aschedünger: Bill Gates' wasserlose Toilette
  • Video "Webvideos der Woche: Das ist doch die Höhe" Video 02:10
    Webvideos der Woche: Das ist doch die Höhe
  • Video "Wir drehen eine Runde: Lada Vesta SW Cross" Video 06:21
    Wir drehen eine Runde: Lada Vesta SW Cross
  • Video "Schach-Videoanalyse: Carlsen hatte die Qual der Wahl" Video 03:35
    Schach-Videoanalyse: "Carlsen hatte die Qual der Wahl"
  • Video "Projekt Jeder hilft Jedem: Wie 17 Flüchtlinge den Deutschen danken wollen" Video 02:51
    Projekt "Jeder hilft Jedem": Wie 17 Flüchtlinge den Deutschen danken wollen
  • Video "Filmstarts der Woche: Auf den Mond geschossen" Video 08:58
    Filmstarts der Woche: Auf den Mond geschossen
  • Video "Eklat bei Trumps Pressekonferenz: Wurde das Eklat-Video manipuliert?" Video 01:51
    Eklat bei Trumps Pressekonferenz: Wurde das Eklat-Video manipuliert?
  • Video "Schach WM 2018: Man spürt die Kampfeslust" Video 04:06
    Schach WM 2018: "Man spürt die Kampfeslust"
  • Video "Suchoi Su-57: Video zeigt Russlands neuen Tarnkappenjet" Video 00:57
    Suchoi Su-57: Video zeigt Russlands neuen Tarnkappenjet
  • Video "Mit Hand und Fuß: Chinese löst drei Zauberwürfel gleichzeitig" Video 01:14
    Mit Hand und Fuß: Chinese löst drei Zauberwürfel gleichzeitig
  • Video "US-Präsident gegen CNN-Reporter: Ist Trump zu aggressiv - oder Acosta?" Video 04:03
    US-Präsident gegen CNN-Reporter: Ist Trump zu aggressiv - oder Acosta?
  • Video "Ägypten: Archäologen finden Katzen-Mumien" Video 00:54
    Ägypten: Archäologen finden Katzen-Mumien