22.07.1985

BERGBAUEine Nummer zu groß

Einen Berg voller Gold und Kupfer will ein Firmenkonsortium, darunter drei deutsche Unternehmen, in Neuguinea abtragen. Es könnte ein teures Fiasko werden. *
Wieder mal war Max-Dieter von Müller die rund 15000 Kilometer von Frankfurt nach Papua-Neuguinea geflogen. Etwas erschöpft von dem feuchtheißen Tropenklima sitzt der grauhaarige Manager in der Halle des Travelodge-Hotels in der Hauptstadt Port Moresby, nippt hin und wieder an seinem Fruchtcocktail und sinniert über das Unternehmen, das er zu betreuen hat: "Wenn wir das gewußt hätten, dann hätten wir dieses Projekt gar nicht erst angefangen."
Das Projekt, das Müller so traurig und wütend macht, liegt rund 800 Kilometer nordwestlich von Port Moresby, inmitten des tropischen Regenwalds von Neuguinea, und heißt Ok Tedi. Es ist eine Gold- und Kupfermine, an der auch Max-Dieter von Müllers Firma, die Frankfurter Metallgesellschaft, beteiligt ist.
Die Investition schien zunächst auch ganz vielversprechend. Da lagen doch
tatsächlich an der Spitze eines 2100 Meter hohen Bergs, des Mount Fubilan, beachtliche Mengen Gold; auf 120 Tonnen schätzen Geologen die Vorräte. Darunter machten die Experten ein mit dem gelben Metall vermengtes umfangreiches Kupfervorkommen aus; eines der größten in der Welt, wie es heißt.
Ein Dorado in den Bergen von Neuguinea schien dieser edle Berg zu sein. Und so hatte die australische Broken Hill Proprietary (BHP) keine Mühe, Partner für das Anzapfen dieser reichen Rohstoffquelle zu finden.
So wurde, benannt nach dem Hauptfluß der Gegend, die Ok Tedi Mining Limited (OTML) gegründet. Neben der BHP, die sich einen 30-Prozent-Anteil sicherte, waren die amerikanische Amoco Minerals (30 Prozent), eine Tochter des Öl-Multis Standard Oil of Indiana, und der Staat Papua-Neuguinea (20 Prozent) dabei.
Mit von der Partie waren auch drei deutsche Firmen, die insgesamt 20 Prozent Kapital zeichneten: die Rohstoff-Unternehmen Degussa und Metallgesellschaft sowie die bundeseigene Deutsche Finanzierungsgesellschaft für Beteiligungen in Entwicklungsländern (DEG).
Ok Tedi mit seinen reichen Kupfervorräten paßte bestens in die Bonner Strategie, mit Engagements deutscher Unternehmen den Rohstoffnachschub in die Bundesrepublik zu sichern. Bonn half den Firmen mit billigen Krediten und einer Bürgschaft bei der Finanzierung des gewaltigen Vorhabens.
Ob das Geld, das die Firmen und Bonn für Ok Tedi ausgaben, gut angelegt ist, scheint inzwischen höchst ungewiß.
Rund 900 Millionen Dollar haben die Ok-Tedi-Gesellschafter inzwischen in den Urwald gesetzt, mindestens 300 Millionen mehr als ursprünglich geplant. Einen Gewinn gab es bisher noch nicht; für dieses Jahr wird ein Verlust von 30 Millionen Dollar erwartet.
Ok Tedi, räumt Metallgesellschaft-Chef Dietrich Natus heute ein, sei für seine Firma "einfach eine Nummer zu groß".
Offenkundig haben die Deutschen und ihre Partner unterschätzt, was es heißt, tief im Urwald des Pazifik-Eilands Neuguinea einen ganzen Berg abzutragen.
Zunächst, als die ersten Bautrupps sich am Mount Fubilan niedergelassen hatten, sorgte eine in dieser Gegend ganz ungewöhnliche Dürreperiode dafür, daß der Fly River, der Haupttransportweg ins erzreiche Hinterland, fast völlig austrocknete. Danach goß es wie selten zuvor. Die Fluten brachten einen Damm ins Rutschen, hinter dem die bei der Goldgewinnung auflaufenden Abwässer gesammelt werden sollten. Der neue Damm, zehn Kilometer flußabwärts, soll 280 Millionen Dollar kosten.
"Wozu brauchen wir noch einen Damm?" fragt von Müller resigniert.
Schwierigkeiten gab es mit dem amerikanischen Baukonzern Bechtel, der etliche Jahre fast ohne Kontrolle in den Bergen buddelte. Hinterher wunderten sich die OTML-Eigner über die Rechnung von 520 Millionen Dollar.
Für das Geld bekam das neue Unternehmen alles, was gut und teuer ist. Die hellen Holzhäuschen der OTML in dem Dorf Tabubil, alle nach dem gleichen Schnittmuster, kamen mit ihren spärlichen 45 Quadratmetern auf 120000 Dollar das Stück. Der Tennisplatz erhielt eine bundesligareife Flutlichtanlage.
Jeder Meter der Schotterstraße, die sich von Tabubil zur Mine hinaufwindet, ist auf eine Nylonfolie gebettet. Das reicht offenbar nicht. Mit Kippern und Schaufeln werden täglich die Löcher gestopft, die Tropengüsse in die Straße reißen; in Neuguinea regnet es schließlich mehr als in Deutschland.
Für Waldemar Hannak, Ingenieur der Metallgesellschaft, sind Unfälle auf dieser Straße nichts Ungewöhnliches mehr. Unlängst mußte er einen Zwanzig-Tonnen-Kran abschreiben, der zerdeppert im Straßengraben lag. "Das ist nun schon der vierte Unfall in den letzten vier Wochen", stöhnte Hannak.
Schwierigkeiten gab es auch mit dem Personal. Die Einheimischen, gewöhnt an ihr dörfliches Steinzeitleben, taten sich anfangs mit der Arbeit in der Mine schwer. "Die Leute wollen zurück zu ihrem Clan", sagt John Wallace von der Ausbildungsabteilung der OTML. In der Bauphase ließen 2000 von den insgesamt 5200 Arbeitern eines Tages einfach die Schippen fallen und gingen heim. Das alles kostete Zeit und Geld, viel Geld.
Dabei geht die Umweltzerstörung, die mit der Mine über die Region kam, noch nicht mal in die Kostenrechnung ein, bislang jedenfalls nicht. Vor einem Jahr gingen vor der Küste 2700 Fässer mit hochgiftigem Natriumzyanid über Bord. 10000 Eingeborene an der Mangrovenküste im Süden Neuguineas sind seither von dem todbringenden Stoff bedroht, der für die Goldaufbereitung benötigt wird.
Hoch oben im Schürfgebiet wird die Hälfte der mit Zyanid versetzten Erde, die beim Goldwaschen übrigbleibt, in einem Bergeteich abgelagert. Der Rest geht, mit Wasserstoffsuperoxid neutralisiert, in den Ok Tedi. Trotz seiner reißenden Strömung kann der Fluß soviel Dreck nicht verarbeiten. In der braunen Brühe sterben die Fische; die Anwohner, die sich von dem Flußgetier
nähren, verlieren allmählich ihre Lebensgrundlage.
Böse erwischte es auch die Ok-Tedi-Gesellschafter: Ärger noch als der Ausgabenplan geriet die Kalkulation der Einnahmen aus dem Lot.
Ende der Siebziger, als die Konzernplaner in Australien, in den USA und in der Bundesrepublik das Projekt Ok Tedi rechneten, stieg der Goldpreis auf über 600 Dollar pro Unze. Inzwischen ist er auf rund 320 Dollar gefallen - zu wenig, um bei den hohen Kapital- und Betriebskosten einen Gewinn einzufahren.
Der Kupferpreis ist seit Ende der Siebziger um ein Drittel abgesackt. Am liebsten hätten die OTML-Gesellschafter daher vorerst auf die Kupfer-Gewinnung verzichtet. Das jedoch paßte der Regierung von Papua-Neuguinea ganz und gar nicht. Erpicht auf die Deviseneinnahmen aus dem Kupferbergbau, bestand sie auf Vertragserfüllung.
Die Degussa-Manager haben bei alledem noch am wenigsten zu klagen. Das Frankfurter Edelmetall-Unternehmen, das mit 7,5 Prozent dabei ist, bezieht zu günstigen Bedingungen die Hälfte des am Ok Tedi gewonnenen Goldes. Und es verkauft jährlich für 25 Millionen Mark Zyanide und Wasserstoffsuperoxid an die OTML. Unterm Strich zahlt allerdings auch die Degussa mächtig drauf. Sicherheitshalber hat ihr Finanzchef Robert Ehrt kräftige Rückstellungen gebildet.
Auch bei der Metallgesellschaft minderten Rückstellungen für Ok Tedi den Gewinn des Jahres 1984. Seinen Kapitalanteil an der Gold-Gesellschaft von 60 Millionen Mark hat das Unternehmen in der Bilanz 1984, wie Firmen-Chef Dietrich Natus unlängst kundtat, "auf Null gestellt". Zu deutsch: Das Geld wurde abgeschrieben.
[Grafiktext]
WEST-IRIAN (Indonesien) PAPUA-NEUGUINEA Goldmine der Ok Tedi Mining Ltd. Hier verloren Leichter Zyanid-Fässer Golf von Papua AUSTRALIEN Darwin Karten-Ausschnitt 500 Kilometer
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 30/1985
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