Rechtzeitig zum 50. Jahrestag von Kurt Tucholskys Selbstmord wartet die "taz" mit einem Sakrileg auf: Im Jahre 1920 sei Tucholsky Redakteur eines "Witzblatts" gewesen, dessen einziges Anliegen antipolnische Hetze war. "Pieron" (Blitz) hieß die Zeitschrift, die, im Auftrag des preußischen Innenministeriums, die Volksabstimmung über die Zukunft Oberschlesiens in die rechten Bahnen leiten sollte. Der Sozialist Tucholsky, gleichzeitig auch Mitarbeiter linker und linksradikaler Blätter, soll da zum Beispiel gereimt haben: "Wir polnischen Hexen, wir speien auf Frieden / wir säen die Hetze, wir sind nie zufrieden / wir haben das Land in Aufruhr gebracht / wir Hexen / wann sinken wir einmal zurück in die Nacht / wir polnischen, polnischen Hexen." Daß auch Linke, etwa der Zeichner Heinrich Zille, am "Pieron" mitgearbeitet haben, scheint festzustehen - aber Tucholsky selbst ein Rassist im Sold der bürgerlichen Reaktion? Enthüller dieser unbekannten Aktivitäten ist der West-Berliner Historiker Hans Dieter Heilmann. Beweise, unter anderem aus dem Koblenzer Bundesarchiv, will er allerdings erst präsentieren, wenn gegen seine Behauptungen vor Gericht geklagt wird.
DER SPIEGEL 43/1985
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