18.11.1985

BELGIENIrre Mörder

Neben den „Kämpfenden Kommunistischen Zellen“ morden jetzt auch unpolitische Banditen. *
Nur vier Minuten dauerte der Überfall, dann jagte der anthrazitfarbene Golf GTI davon. Aus der geöffneten Heckklappe gab ein maskierter Gangster Gewehrsalven auf die nachsetzenden Polizeiwagen ab.
Am Tatort, einem Supermarkt im flandrischen Ort Aalst, blieben an diesem Samstagabend acht Tote zurück. Eine ganze Familie wurde von den blindwütig um sich schießenden Banditen niedergestreckt, die Eltern und die 14jährige Tochter starben, der 12jährige Sohn wurde lebensgefährlich verletzt.
Auf dem Weg nach draußen hatten die drei Maskierten auf alles geschossen, was sich nur rührte: auf eine Werbetafel, die sich im Wind bewegte, auf einen Mann und seine kleine Tochter, die im Auto auf dem Parkplatz warteten. Die magere Beute der Täter: 10 000 Mark.
Nahezu das gleiche schreckliche Szenario war sechs Wochen zuvor abgelaufen. Kurz vor Ladenschluß an einem Freitagabend überfielen binnen zwanzig Minuten die Gangster zwei Supermärkte der Ladenkette Delhaize in den Orten Overijse und Braine-l'Alleud.
Die fast militärisch geplante Wahnsinnstat, für eine Beute von 30 000 Mark, kostete auch acht Menschen das Leben: Eine Kassiererin wurde durch Kopfschuß getötet, weil sie die Kasse nicht schnell genug öffnen konnte. Ein vierzehnjähriger Junge starb. Er war auf seinem Fahrrad vor dem Supermarkt ins Schußfeld der Verbrecher geraten.
Hauptfigur in diesem Brutalo-Stück ist ein mindestens 1,90 Meter großer Mann in dunkler Lederjacke. "Le geant", der Riese, nennen ihn belgische Zeitungen und vermuten in ihm einen ehemaligen Fremdenlegionär.
"Unser Land", stellte vergangene Woche Justizminister Jean Gol fest, "ist in den Kreislauf der Gewalt eingetreten." Die Täter, so der Minister, seien keine Kriminellen, die das große Geld machen wollen und dabei auch den Tod Unbeteiligter in Kauf nehmen. Sie seien auch keine Linksterroristen; die hätten niemals gezielt auf Frauen und Kinder geschossen.
Allenfalls in dem vermuteten Ziel, den Rechtsstaat zu verunsichern, erkennt der Justizminister eine Verbindung zu linken Terroristen, die in Belgien seit einem Jahr rund zwanzigmal gegen militärische, politische und wirtschaftliche Ziele bombten.
Die "irren Mörder von Brabant" und die Stadtguerilla der "Kämpfenden Kommunistischen Zellen" (CCC) haben noch einiges mehr gemeinsam: Beide planen ihre Schläge exakt.
Die Kämpfenden Kommunistischen Zellen mit dem roten Stern als Markenzeichen gehen immer nach demselben Muster vor: Sie placieren eine Bombe auf dem Fenstersims oder in einem geparkten Auto und warnen per Telephon oder über ein im Wagen installiertes Tonband die Anwohner vor der Explosion. Anders als die Gangster versuchen sie zu verhindern, daß Unbeteiligte verletzt werden.
Wie die Banditen werden auch die Terroristen kaltblütiger und führen den Bürgern eine hilflose Polizei vor. Unmaskiert zeigten sich Anfang November zwei Untergrundkämpfer vor laufenden Videokameras in einer Bank in Löwen, brachten ihre Bombe an, verteilten Flugblätter und forderten Kunden und Angestellte auf, das Gebäude zu verlassen, weil in dreißig Minuten die Explosion zu erwarten sei. Auf den Videoaufnahmen waren nur zwei verschwommene Gestalten zu erkennen.
Längst haben Terroristen und Gangster erreicht, daß die Bürger sich unsicher fühlen und dem Staat die Schuld geben.
Diese Destabilisierung trifft ein Land, das in den siebziger Jahren verschont blieb, als politische Gewalttäter in Deutschland, Frankreich und Italien zuschlugen. Noch vor zwei Jahren fand ein Sprecher von Premierminister Wilfried Martens es "erstaunlich - aber Angst vor Terroristen brauchen wir nicht zu haben".
Deshalb waren Polizei und Regierung bislang nicht vorbereitet. Besonders empört die Belgier, daß es immer erst einer Reihe von Gewaltaktionen bedarf, bis die Politiker aktiv werden. So gibt es einen einheitlichen telephonischen Notruf erst seit dem Frühsommer, nachdem zwei Feuerwehrmänner bei einem Bombenanschlag starben.
Da Belgiens Kommunen sehr selbständig sind, ist auch die Sicherheit dezentralisiert. Die staatliche Gendarmerie gilt als schwerfällig und zu hierarchisch. Zudem sind die Polizisten schlecht ausgerüstet und ausgebildet: Sie üben zu selten am Schießstand, weil, so ein Polizeikommissar, eine einzige Kugel teure 60 Pfennig kostet.
Um so intensiver haben sich offensichtlich die "irren Mörder" auf den Überfall vorbereiten können. Denn in Belgien kann sich nicht nur jedermann ein Jagdgewehr kaufen. Auch das sogenannte "riot gun", das die Banditen benutzten, ist in Waffenhandlungen für etwa 1000 Mark zu haben. Und üben kann jeder Interessierte in den privaten Schießklubs, die im Lande florieren.
Weit weist Innenminister Charles-Ferdinand Nothomb den Vorwurf von sich, die Polizei habe versagt. Als nach den Überfällen auf die beiden Delhaize-Filialen allerdings durchsickerte, daß sich die Behörden noch nicht einmal darüber einigen konnten, wer die Untersuchungen gegen die Gewaltverbrecher aufnehmen soll, machten die Angehörigen der Opfer ihrer Empörung Luft.
Justizminister Gol hatte 1982 nach den ersten Übergriffen der Banditen in Brabant eine Spezialeinheit Polizei versprochen und 1984 nach den ersten Bombenanschlägen der CCC abermals eine schlagkräftige Anti-Terror-Truppe in Aussicht gestellt. Doch die Sondergruppe wurde niemals gegründet.
Eine Kommission, die 1983 Nachforschungen über die Gangster anstellen sollte, löste sich nach drei Monaten mangels Erkenntnissen auf.
Dieselben müden Rechercheure sind jetzt wieder mit dem Fall der "irren Mörder" beauftragt.

DER SPIEGEL 47/1985
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