Zwischen den rauhen und grauen Schalen der Muschel lockt schimmerndes Gold. Perlen quellen hervor - Sinnbild des edlen Produkts, das die Gen-Köche in den molekularbiologischen Labors zusammenbrauen.
Die perlenschwangere Auster dient als Blickfang auf der Anzeige einer Gentechnik-Firma. Geworben wird für einen biochemischen Botenstoff, der im menschlichen Organismus eine Schlüsselrolle spielt: "Interleukin-2".
Seit letzter Woche richten sich die Hoffnungen Tausender von Medizinern und Patienten auf diese Substanz. Ein US-Forscherteam, geleitet von dem Krebsspezialisten Steven A. Rosenberg, gab in der jüngsten Ausgabe des "New England Journal of Medicine" bekannt, Interleukin-2 (IL-2) sei mit Erfolg bei einer Gruppe von "schon aussichtslos Krebskranken" eingesetzt worden. Die Behandlungsmethode, "adaptive Immuntherapie" genannt, erbrachte auch bei Krebsformen, die bisher chemotherapeutischer Behandlung unzugänglich waren, ermutigende Resultate.
Zwar suchte Rosenberg - er war Chef des Teams, das im vergangenen Juli dem US-Präsidenten Reagan eine Krebsgeschwulst aus dem Darm entfernte - allzu hochgespannte Erwartungen sogleich zu dämpfen. "Dies ist nicht das Krebsheilmittel des Jahres 1985", erklärte er, aber es sei "ein vielversprechender Schritt in eine neue Richtung". Die Forschergruppe um Rosenberg ist nicht irgendeine, sondern gehört zum Nationalen Krebsforschungsinstitut der USA. Und obwohl die jetzt veröffentlichten Resultate ausdrücklich als "vorläufig" klassifiziert wurden, entschloß sich das "New England Journal of Medicine", sie in einem "Special report" herauszustellen.
Die Aktivierung der körpereigenen Abwehr gegen Krebszellen -
Wunschtraum aller modernen Krebsforschung - ist auch das Ziel des
Rosenberg-Teams. Es wird erreicht in einem Doppelschritt:
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Dem Patienten werden etwa zehn Prozent seiner weißen
Blutkörperchen entnommen und außerhalb des Körpers mit
Interleukin-2 vermischt. Das Interleukin-2 stimuliert
das Wachstum der Lymphozyten und verwandelt sie in eine
aktivierte Form, die den Krebs angreift.
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Diese sogenannten "Lymphokin-aktivierten Killer-Zellen"
werden dem Patienten, zusammen mit einer größeren Dosis
Interleukin-2, wieder eingespritzt. Die Substanz
aktiviert im Organismus weitere Lymphozyten.
Der jetzt veröffentlichte Zwischenbericht bezieht sich auf eine Gruppe von 25
mit IL-2 behandelten Patienten, bei denen herkömmliche Krebstherapien - Bestrahlung oder zelltötende Medikamente - nichts mehr vermocht hatten.
Bei 11 der 25 Patienten schrumpfte die Krebsgeschwulst während der Behandlung um mehr als 50 Prozent. Bei einem der Patienten mit einer besonders schweren Form von Hautkrebs, einem malignen Melanom, kam es zur vollständigen Remission, die nunmehr zehn Monate anhält. Die übrigen zehn Patienten zeigten Teilremissionen, unter anderem bei Nieren-, Dickdarm- und Lungenkrebs.
Ohne Nebenwirkungen ist auch die Behandlung mit der ursprünglich körpereigenen Substanz Interleukin-2 nicht: Fieber, Schüttelfrost, Übelkeit und gelegentlich ein Anschwellen der Milz wurden beobachtet, aber auch - bei jeweils zwei von drei Patienten - Gewichtszunahme, zurückzuführen auf einen gestörten Flüssigkeitshaushalt. Diese Nebenwirkungen erscheinen jedoch erträglich, verglichen mit den Belastungen durch konventionelle Chemotherapie.
Beschäftigt haben sich Rosenberg und seine Mitarbeiter, aber auch andere Forschergruppen, schon seit Jahren mit den Interleukinen. Wissenschaftler-Teams in aller Welt experimentierten mit der vielversprechenden Stoffgruppe; in der Bundesrepublik haben sich unter anderem Forscher der FU Berlin, des Hamburger Tropeninstituts und der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung in Braunschweig damit befaßt.
"Erregend" nennt US-Mediziner Rosenberg das neue Forschungsfeld: "Zum erstenmal können wir das Immunsystem eines Patienten hernehmen, es verändern und es benutzen, um einen Tumor zum Schrumpfen zu bringen."
Das "Faszinierende an Interleukin-2 ist", so erläutert Roland Mertelsmann, Leiter eines großen IL-2-Projekts am Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York, "daß alles einer gewissen Logik folgt". Endlich habe man es beim Kampf gegen Krebs "mit einer Substanz zu tun, bei der wir zu wissen glauben, wie sie funktioniert".
Das Interleukin-2 gehört zur Stoffgruppe der Lymphokine, einer Gruppe von Signalstoffen, welche die Zellaktivität des Immunsystems ein-, aus- und umschalten. Lymphokine werden in winzigen Mengen von weißen Blutkörperchen produziert, sobald Gefahr droht, zum Beispiel von eindringenden Viren oder von Krebszellen. Die Signalgeber wandern von Zelle zu Zelle und setzen das Abwehrsystem instand, mit der Bedrohung fertig zu werden.
Zur Gruppe der Lymphokine zählen auch einige Formen des Interferons, jener Substanz, die Ende der 50er Jahre entdeckt und alsbald als mögliche Wunderdroge gegen Krebs betrachtet wurde. Interferon enttäuschte solche Hoffnungen großenteils, nur noch bescheidene Erfolge bei der Behandlung einzelner,
seltener Krebsarten sind zu verzeichnen - nicht zu vergleichen mit den Resultaten, wie sie jetzt Rosenberg und sein Team mit IL-2 erzielt haben.
Eine andere Spielart der Lymphokine ist das Interleukin-1, das bei zahlreichen Steuerprozessen im Körper eine Rolle spielt. IL-1 wirkt mit bei der Produktion von Antikörpern und bei der Vermehrung von Hautzellen (was bei der Behandlung von schweren Brandwunden eine Rolle spielen könnte), aber es kann auch Zahnfleischbluten stoppen.
Verstört noch durch die bei Interferon so gröblich enttäuschten Hoffnungen, halten sich die an IL-2-Projekten beteiligten Wissenschaftler diesmal mit allzu optimistischen Äußerungen zurück. Als Ende letzter Woche Rosenberg und seine Mitarbeiter einem wahren Sturm von Anfragen standzuhalten hatten, beeilten sie sich, die "Vorläufigkeit der Resultate" zu betonen und die Schwierigkeiten deutlich zu machen, die einer breiten Anwendung von IL-2 bei der Krebstherapie noch entgegenstehen.
Maximal acht Krebspatienten pro Monat können Rosenberg und sein Team derzeit mit IL-2 therapieren. Der Stoff, obwohl schon gentechnisch produziert, ist noch knapp und teuer, die Behandlungsmethode umständlich und zeitraubend.
Der Patient ist dabei an eine Blutpumpe angeschlossen, deren Filtersystem weiße Blutkörperchen aussondert. Danach werden die Lymphozyten einige Tage lang in Brutkästen mit IL-2-Lösung vermengt und für ihre Attacke gegen Krebszellen im Körper scharf gemacht. Mehrere Forschergruppen suchen nach Wegen, die Rosenberg-Methode einfacher und billiger zu machen.
Eine "große Zukunft für die Stoffgruppe der Lymphokine" sehen, wie jüngst das amerikanische Wirtschaftsmagazin "Fortune" berichtete, schon jetzt die Gentechnik-Firmen voraus. Der Kampf um Patente und Verfahren zwischen Firmen wie Cetus, Hoffmann-La Roche, Genentech und Du Pont ist heftig im Gange. Für das Jahr 1988 wird mit der Zulassung von Interleukin-2 durch die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA gerechnet.
Wie ängstlich und eifersüchtig die konkurrierenden Bio-Firmen und nun auch die Universitätsforscher über ihren jeweiligen Forschungsvorsprung wachen, zeigte eine Episode beim vierten Lymphokin-Workshop, der im Oktober letzten Jahres auf Schloß Elmau in Bayern abgehalten wurde.
Ein Forscher der amerikanischen Tufts University weigerte sich, ein Dia von der Aminosäuren-Sequenz des Interleukin-1 an die Leinwand zu werfen, solange nicht sichergestellt sei, daß keiner der anwesenden Industrievertreter die Kamera zückt und das Schaubild photographiert.
DER SPIEGEL 50/1985
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