23.09.1985

Betr.: Seuchen-Serie

Datum: 23. September 1985 Betr.: Seuchen-Serie Der Tod spielt auf. Er bittet seine Opfer zu einem letzten Tanz. Auf dem Holzschnitt von Alfred Rethel (1816 bis 1859), den die Bildredaktion für das Titelblatt verwendete, sind es die Pestkranken, die der Knochenmann heimführt in sein Reich. Der Seuche erlagen, 1348/49, rund 20 Millionen Europäer, jeder dritte. Mancher ging abends gesund zu Bett und starb vor Tagesanbruch.
"Sterben, bevor der Morgen graut" heißt die neue SPIEGEL-Serie über die großen Seuchen der Menschheit. Pocken, Pest und Cholera, Syphilis und Tuberkulose, Fleckfieber, Typhus, Malaria - die Liste ist lang. Seuchen töteten Abermillionen, zerstörten Weltreiche, entschieden Kriege, entvölkerten ganze Länder. Mikroben machen Geschichte, immer noch.
Das neueste Kapitel heißt "Aids". Diese heimtückische Seuche läßt ihren Opfern viel Zeit zum Sterben. Allein in der Bundesrepublik sind mindestens 100 000 Menschen jetzt schon mit Aids infiziert, weltweit sind es Millionen, und dabei fängt es gerade erst an. Die Infizierten, sagen die Ärzte, seien Tote auf Urlaub.
"Schreck von drüben" hieß der erste SPIEGEL-Bericht (22/1982) über die "geheimnisvolle, nicht selten tödliche Krankheit". Damals war in Deutschland noch kein Aids-Fall sicher diagnostiziert, die medizinische Fachpresse schwieg. Im SPIEGEL stand, wo sich die Seuche die ersten Opfer holen würde: unter den Homosexuellen in West-Berlin. So kam es. "Eine Epidemie, die erst beginnt" lautete die Überschrift des ersten SPIEGEL-Titels über Aids (23/1983).
Er eröffnete die allgemeine Diskussion über die tödliche Abwehrschwäche - und trug dem SPIEGEL massive Kritik von prominenten Homosexuellen ("Schwulenhatz") und einigen Professoren ("Panikmache") ein. Die glaubten damals fest daran, daß die Gefahr nicht vom Virus, sondern von der Berichterstattung über ihn ausgehe.
Mancher, der damals schon für sich Konsequenzen zog, entging der tödlichen Infektion. Einige haben sich inzwischen dafür bedankt. Sie leben, anderen graut vor dem Morgen.

DER SPIEGEL 39/1985
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