16.12.1985

„Es ischt a Wahnsinn“

SPIEGEL-Redakteur Wolfgang Becker über Wallfahrten zur „Schwarzwaldklinik“ *
Die richtige Zeit für den Schwarzwald ist das jetzt nun wirklich nicht. Aber obwohl es regnet und alles grau in grau ist, kommen immer neue Scharen den Viehhüttenweg hinab und den Apfelbaumweg herauf, bleiben wie angewurzelt am Waldrand stehen und staunen, daß es, was sie da erblicken, also tatsächlich gibt.
Aus Bad Dürrheim, das eine ganze Ecke weg ist, wo sie aber sowieso gerade mal wieder kuren, sind zum Beispiel drei Herren angereist, die sich vor dem Ziel ihrer Wünsche in Positur stellen und einander zu photographieren beginnen: "Kannst ruhig noch ein Stück nach vorne kommen", sagt einer, "dann sieht man es größer." "Es" ist die großformatig im Schwarzwaldstil errichtete Kurklinik Glotterbad der Landesversicherungsanstalt (LVA) Württemberg mit 153 Betten, vorwiegend für Kreislaufgeschädigte, und zwar die Klinik II mit den Stationen 4, 5 und 6 sowie der "Ärztl. Leitung". Da müssen die Touristen aufpassen, sonst drehen sie in diesem schönsten Wiesengrunde enttäuscht schon unterhalb an der Klinik I um, die nicht nach Schwarzwald, sondern nach Kaserne aussieht und keinen interessiert.
Gefragt, was sie denn bloß davon haben, daß sie sich, in abwechselnden Stellungen, da oben vor der Klinik dauernd photographieren, antworten die drei Herren, die in Mönchengladbach zu Hause sind, völlig übereinstimmend: "Wir dürfen gar nicht nach Hause kommen ohne so''n Bild." Das haben sich die Ehefrauen so ausbedungen.
Die Glotterbad-Klinik II in 431 Meter Höhe am Fuße von Bergen, die Kranzkopf und Gullerkopf heißen, gilt den Touristen nämlich als zentraler Ort der Handlung des Fernsehspektakels "Die Schwarzwaldklinik", das happenweise wöchentlich vom ZDF gesendet wird, Dallas und Denver, Arztroman und Heimatromanze in einem ist und daher monströse Einschaltquoten verzeichnet - 28,2 Millionen saßen neulich vor der Röhre, das halbe Deutschland muß es sein.
Und wer es nicht mitansehen kann, wird mit dem telegenen Tal, das bei Kilometer 18,2 der Bahnbuslinie von Freiburg am "Gasthof zur Sonne" vom Glottertal nach Norden abzweigt, unterdes regelmäßig auch gedruckt bedient.
Nicht nur "Bild" und "Hörzu" haben sich, ständig aus dem Schwarzwald berichterstattend, an den Boom gehängt. "Das Goldene Blatt" wußte zu melden, als Sanatorium sei die Schwarzwaldklinik "schon vor 30 Jahren ... weltberühmt" gewesen und König Ibn Saud habe dortselbst "die Rettung seiner Tochter" gefeiert, die sich bei einem Feuerwerk "schwerste Verbrennungen zugezogen" hatte. Ins Gästebuch schrieb der Herrscher Arabisches: "Im Namen Allahs, des Barmherzigen."
"Komet her zu mir alle" heißt es an einem Kruzifix in der Gemeinde Glottertal, katholisch, 2600 Einwohner, 900 Gästebetten, zu der Glotterbad samt Klinik gehört. Nun hat der biblische Wunsch sich erfüllt, denn derart turbulent ist es noch nie dort zugegangen, obwohl "die reizende Erholungslandschaft", so ein Prospekt, "das wärmste Klima" aller Schwarzwaldtäler und mit "Eichberger" und "Roter Bur" zudem "die höchstgelegenen Reben Mitteleuropas" ihr eigen nennt.
Freilich, schon "während des Dreißigjährigen Krieges waren Truppendurchmärsche und Belagerungen keine Seltenheit", wie in einem "kleinen Porträt" der Gegend zwischen Denzlingen und St. Peter zu lesen ist. Aber mehr als drei Zeilen haben solche Zwischenfälle in der Heimatchronik nicht hinterlassen.
Nun aber hat sich auf einmal "eine gewisse Euphorie" über das Tal gelegt, wie Hanspeter Prögel, Leiter des Verkehrsamts in Glottertal, sagt. "Hier haben wir", freut er sich, "eine Werbung, die wir in Jahrzehnten nicht bezahlen könnten", und Bürgermeister August Strecker fügt hinzu: "Eine Werbung, die uns in den Schoß fällt."
Weither, aus Köln, Bonn und Hamburg, kommen die Omnibusse ins Glottertal gefahren und machen "''ne halbe Stunde, ''ne Stunde", so Prögel, Station auf einem hurtig zum Parkplatz deklarierten Areal. "Es ischt a Wahnsinn", findet das Personal der Gasthäuser, wo plötzlich "alles zu knapp" wird, Tassen und Kaffeelöffel und Kirschtorte.
Die Wende im Glottertal: Die Nachfrage nach Prospekten hat sich nach amtlicher Auskunft versechsfacht, seit Ende Oktober die Serie angelaufen ist. Ein neuer Slogan soll her: "Heimat der
Schwarzwaldklinik". Für 1986 rechnet man mit einer Zunahme von zehntausend Übernachtungen, "die können wir gut gebrauchen", wie Prögel findet.
Im Gemeinderat ist schon bemängelt worden, daß es in Kliniknähe leider keine Toilette gibt, allenfalls im "Cafe und Frisiersalon Schill", wo, eingangs des Klinik-Tals, Ansichtskarten mit Stempel "Drehort der Fernsehserie" als "Souveniers", so steht es angeschlagen, verkauft werden. Aber auf Massenbedürfnisse sind die Örtlichkeiten dort nicht ausgelegt. Die möchten die Touristen am liebsten in der Klinik erledigen, dort, wo auch der Professor Brinkmann, nach dem alle suchen und fragen, zu Fuß hingeht. Unter dem Vorwand, müssen zu müssen, sind Fremde bereits in die Heilstätte eingedrungen und haben die Türen aufgerissen, hinter denen sie den Operationssaal wähnten. Aber den gibt es da gar nicht. So ist Verwaltungschef Ulrich Radtke sein Haus manchmal schon vorgekommen "wie eine öffentliche Bedürfnisanstalt", zumindest "wie ein Wallfahrtsort".
Die Leute machen aber auch vor nichts halt, nicht vor den gelben Lettern "Langsam" auf dem Asphalt der Zufahrt, nicht vor der Hinweistafel, daß die Straße "frei" nur für Dienstfahrzeuge, Krankentransporte und Lieferanten ist. Die Warnung vor "Dachlawinen" hält sie so wenig zurück wie die vor "Glatteis" am Hang, und die "Wanderschuh-Reinigung" lassen sie eh links liegen.
Hermann Strecker, "Hirschen"-Wirt im Dorf, erklärt sich alles so, "daß die also alles das fiktiv erleben, was es in der Wirklichkeit nicht mehr gibt für sie", "heile Welt" will er "es gar nicht mal nennen". Mit seiner Philosophie käme er aber schlecht an bei den Glottertal-Pilgern. Fiktiv? Die Touristen kommen doch nicht wegen der Klinikfassade, die ihnen im Vorspann auf dem Bildschirm entgegenfliegt und so ziemlich die einzige Glottertaler Realität ist, die das Fernsehspiel zu bieten hat.
Denn der Titisee, der aus der Vogelperspektive auch jedesmal zu sehen ist, liegt auf der anderen Seite der Berge, das heimelige Haus des Professors noch dahinter in Grafenhausen, und die "Höhle am Kranichberg", in der jüngst so große Teile des Ensembles verschwanden, daß schon mit dem jähen Ende der Serie gerechnet werden mußte, gibt es überhaupt nicht im Schwarzwald - bei dem Unglücksort handelte es sich um die Kalkberghöhle im schleswig-holsteinischen Bad Segeberg.
Nein, über solche Fiktionen sehen die ins Glottertal wallfahrenden Fernseher hinweg. Für sie besteht kein Zweifel, daß die LVA-Klinik eben die Schwarzwaldklinik ist, in der Professor Klaus Brinkmann am Tropf hantiert, daß dessen Sohn Udo in seinem weißen Kabrio gleich die Badstraße heraufkurven wird und daß es nur die Schwester Christa sein kann, die ins Freie tritt, wenn sich nächstes Mal das Klinikportal öffnet.
Die schizophrene Verwechslung von Sein und Schein fängt schon bei den Kleinen an. Im "Hirschen" wurde ein Hotelgast aus Hannover von seinem Enkel, einem Martin, 7, telephonisch beauftragt, "den Sohn zu grüßen, wenn du ihn siehst", und daß sich samstags das Tal schon frühzeitig leert, hängt womöglich damit zusammen, daß man keinesfalls versäumen will, im Fernsehen bestätigt zu sehen, was man soeben live erblickt hat.
Das Phänomen, "daß die als ''fiction'' gemeinten Vorgänge" auf ein großes Publikum "so wirken, als wären sie wirklich", hat der Publizist Günther Anders ("Die Antiquiertheit des Menschen") schon vor fast dreißig Jahren beschrieben: Die Identifikation mit den "nicht existenten Wesen" von TV-Fortsetzungsromanen, so beobachtete Anders damals in Amerika, geht so weit, daß die Zuschauer "um ihren Schlaf gebracht sind", sobald eines ihrer "Phantomfamilienmitglieder stirbt oder eines sich gar verlobt", und im Winter werden Handschuhe für die Phantome gestrickt.
Da steht dem Glottertalwald noch einiges bevor. Neben der touristischen Begeisterung, die nach Befürchtungen von Verkehrsamtsleiter Prögel leicht dahin führen kann, daß aus der Talstraße seiner Gemeinde eine "Drosselgasse" mit "Juxbuden" entsteht, wird sich auch viel Freud und Leid ausbreiten. Freud zum Beispiel, daß Brinkmann-Sohn Udo nun wirklich die Anästhesistin Dr. Katharina Gessner heiraten wird, Leid, wenn die beiden, in der nächsten Staffel der "Schwarzwaldklinik", kommendes Jahr sich, wie das Leben so spielt, wieder trennen. _(Klausjürgen Wussow als Professor ) _(Brinkmann und Sascha Hehn als dessen ) _(Sohn Udo. )
Klausjürgen Wussow als Professor Brinkmann und Sascha Hehn als dessen Sohn Udo.
Von Wolfgang Becker

DER SPIEGEL 51/1985
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