16.12.1985

„Wir müssen jetzt sehr tapfer sein“

SPIEGEL-Reporter Fritz Rumler über den „Schwarzwaldklinik“-Star Klausjürgen Wussow *
Es ist, immer wieder, ein Bild für Spötter. Ein Schicksalsbändiger ficht mit Skalpell und Tupfer; ein magnetischer Menschenführer wirkt sittigend sogar auf alleinstehende Frauen; ein Sinnstifter nimmt dem Tod, ja selbst dem Leben, jedweden Schrecken.
Professor Dr. Klaus Brinkmann, Chefarzt einer bekannten Schwarzwaldklinik, leidet zweifelsfrei an Übergröße; nicht einmal Hackethal und Sauerbruch können ihm das Messer reichen. So ist es nichts als historische Gerechtigkeit, wenn jetzt die bunte "Quick" ihm letzten Lorbeer reicht - die Kandidatur zum "Mann des Jahres".
Professor Brinkmann hält auf der "Quick"-Liste einen aussichtsreichen Platz, neben Boris, Tutu, Rambo, Reagan, Gorbatschow. Qualifikation des Äther-"Lieblings der Fernsehnation": "Einen wie Dr. Brinkmann möchte jeder zum Hausarzt haben."
Mann der Stunde ist Brinkmann, bürgerlich: Klausjürgen Wussow, jedenfalls. Er wird durch die Presse geleiert, durch die Medien gedreht und als Kapazität ("Würden Sie eine Abtreibung vornehmen?") befragt.
Knapp die halbe Bundesrepublik hört jedes "Schwarzwaldklinik"-Wochenende auf sein Wort; solche Breitenwirkung hatten ehedem nur Bibelstunden und Führerreden.
Und er ist real, der Fernseh-Doktor, real wie Geißler, Glotz und das Krümelmonster (oder so irreal wie sie - das Fernsehen bringt einem alles durcheinander). Schon grassiert ein "Morbus Brinkmann" unter einem umfänglichen weiblichen Patientengut, Symptome: krankhafte Sehnsucht nach Brinkmanns heilenden Händen.
Klar: "Das ist die Rolle meines Lebens." Vier Jahrzehnte bereits stemmt sich Klausjürgen Wussow, 56, in die Speichen des Thespiskarrens, seit rund 20 Jahren wirkt er, ein geachteter Profi, in der Beletage der Bühnenkunst, im Wiener Burgtheater; in letzter Zeit allerdings saß er ein bisserl auf dem Reservebankerl.
Er hat den Carlos und den Karl Moor, Mephisto und Macbeth gespielt, war, im Film, schon einmal "Arzt aus Leidenschaft" und sprengte als fescher "Kurier der Kaiserin" durch eine Fernsehserie. Er kennt, wie jede Künstlerseele, Höhen und Tiefen; so hoch wie mit der Brinkmann-Rolle, freilich, ist er noch nie gefallen.
Bitterer Kern des Paradoxons: Die Serie hat Folgen; der Doktor der Nation ist selbst ein Leidender. "Wir müssen jetzt sehr tapfer sein", hieße es im Brinkmann-Hospital.
Fern der Schwarzwaldtannen, im Wiener Bezirk Döbling, Ballungsraum begüterter Einzelgänger, steht Wussows wahres Refugium. Kunstsinnigkeit füllt die Gemächer, schwer pocht Beethoven aus den Boxen, purpurschwellende Diwane laden zu Gesprächen über letzte Dinge. Ein Friedhof, unabänderliches Ambiente eines Chirurgen, liegt um die Ecke.
Das "Lächeln voll ausgereifter Wärme", der "Schuß jungenhaften Übermuts" in Wussows "dunkelgrünen Augen" ("Hörzu") wollen sich, an diesem Winterabend, nicht einstellen; Frau Melancholia scheint eher sein Gespons, wenn nicht der Dämon Zerrissenheit.
Kenner von Wussows umfangreichem Lyrik-OEuvre ahnten schon immer, daß hinter dem Schicksalsbändiger ein Zweifelnder steht - man erinnere sich der Verse: "Mime nur und Narr der Zeit / ich ernte nur Vergeblichkeit." Oder gar: "Es ist die Zeit des Sterbenwollens / wenn müd' der Mond / durch kranke Äste schreit."
Tragische Weltsicht prägt auch die Gemälde, die Wussow vornehmlich mit grauem Pinsel geschaffen und im Treppenhaus aufgehängt hat. Was werden erst die Memoiren entbergen, an denen der vielseitige Künstler gerade arbeitet?
Doch noch ist nicht aller Tage Abend, noch gibt es Unglück, das näher liegt. Wussow schmerzen vor allem zwei Dinge: Daß die "Schwarzwaldklinik", hinter der er "voll" steht, von Kritikern mit Hohn begossen wird; und daß die Welt, so wie sie ist, nicht so ist wie in der heilen "Schwarzwaldklinik". An beidem, freilich, trägt er keine Schuld.
Er hat weder die ranzigen Dialoge noch die verschnarchten Begebenheiten ersonnen, die das Heimholungswerk des ZDF so mümmelig postmodern machen. Und die Welt, wie sie nun ist, nämlich ohne Liebe, Brinkmann und Schwester Christa, geht auch nicht auf sein Konto; die Verantwortung für diesen Terrorakt hat schon ein anderer übernommen.
Goethe irrte also: Über allen Gipfeln ist nicht Ruh', auch auf dem Parnaß klopfen wunde Herzen. Das mag zum Teil an jenen beiden Wasseradern liegen, die sich störend unter Wussows Haus hinziehen. Doch sein Weltschmerz speist sich auch aus gesellschaftspolitischen Widrigkeiten.
Wussow ist argwöhnisch gegenüber Pressebengels geworden. Manch ein wohlmeinend hingesagter Satz hat sich, vom Leser mißlaunig interpretiert, als Rohrkrepierer erwiesen. Es trifft sich günstig, daß er die düsteren Gedanken, die ihn bewegen, in einem Essay niederlegte. Titel: "Der Schauspieler als Freiwild".
"Wahrhaftigkeit", so führt er darin aus, sei das eigentliche Movens des
Schauspielers. Diese Wahrhaftigkeit aber "ist heute kaum noch gefragt: Die Scharlatanerie überwiegt, die Masche ist Trumpf, das Kunstgewerbe siegt". Auf diesem Wege wurde der Schauspieler zum Freiwild "mancher gewissenloser Regisseure" wie auch "mancher Direktoren und Intendanten".
Aber wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch: "Wissend zu bewahren, um Neues zu beginnen" - den "letzten Kindern des großen Krieges" sei dies Erbe auferlegt, der "Generation ohne Kindheit, ohne Vergangenheit, ohne Anerkennung", der "Generation ohne Abschied, die trotzdem kommen wird - einmal!"
In den letzten Tagen des großen Kriegs, erzählt Wussow, habe er als junger Soldat den Tod gesucht, verzweifelt über das Regime, dem er diente. Sein Vater, ein pommerscher Lehrer und Kantor, war im Krieg gefallen, und Pommerland ist abgebrannt.
Im Mecklenburgischen drückte er dann die Schulbank mit einem, der damals schon zu kurze Stücke schrieb - dem nachmaligen DDR-Dramatiker Heiner Müller. Und ihn selbst drängte es damals schon zur Rolle seines Lebens, dem Arztberuf. Widriger politischer Umstände wegen mußte er das Studium abbrechen, die Bühne war frei für Klausjürgen Wussow.
Dem Lehrmeister Hippokrates blieb er trotzdem verbunden. In einer Art zweiten Bildungswegs vertiefte er sich in Medizin-Literatur, und wenn ein Blatt schrieb, er habe "heilende Hände", so kann Wussow nicht widersprechen.
Im nächsten Sommer wird er wieder den Dienst in der "Schwarzwaldklinik" antreten, der Jammer soll weitergehen. Und am kommenden Wochenende wird er in einem Großklinikum den Samariter spielen - Hamlets treuen Freund und Sterbehelfer Horatio, in einer Hollmann-Inszenierung an der Wiener Burg.
Den Hamlet gibt ein Bekannter, den die Wiener mittlerweile Jessas Maria Brandauer nennen; aber nach all dem, was wir nun schon über Klausjürgen Wussow wissen, ist eigentlich ihm die Prinzenrolle auf den Leib geschrieben:
Grübeln nicht beide über "Sein oder Nichtsein", wissen nicht beide, es "gibt mehr Ding im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumt?" Und leiden sie nicht beide unter "der Zeiten Spott und Geißel", dem "Übermut der Ämter", der "Schmach, die Unwert schweigendem Verdienst erweist"?
Und irgendwie hat auch der "Schwarzwaldklinik"-Professor Brinkmann die Bürde geschultert, unter der Hamlet zerbrach: "Die Zeit ist aus den Fugen; Schmach und Gram, daß ich zur Welt, sie einzurichten kam." Der Rest ist Schweigen.
Von Fritz Rumler

DER SPIEGEL 51/1985
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