16.12.1985

„Das Fernsehen bedroht die Demokratie“

Albrecht Müller über Neil Postmans „Wir amüsieren uns zu Tode“ Der Sozialwissenschaftler Neil Postman, 54, ist Professor an der New York University. - Albrecht Müller, 47, leitete von 1973 bis 1982 die Planungsabteilung des Kanzleramtes unter den Regierungschefs Willy Brandt und Helmut Schmidt. *
Präsident Ronald Reagan nach dem Genfer Gipfel, vor beiden Häusern des amerikanischen Kongresses: Jubel, Applaus, Küsse. In der Bundesrepublik feierte die "Bild"-Zeitung den "Helden von Genf".
Wer zuvor in den Blättern die Berichte über das Treffen gelesen hatte, der wußte nicht zu sagen, ob Reagan oder KPdSU-Chef Michail Gorbatschow mehr Punkte sammeln konnte, der saß staunend vor den Bildern, die aus Washington in sein Wohnzimmer flimmerten. Neil Postman könnte das alles bestens zum Beleg für die Thesen seines Bestsellers hernehmen.
Da ist auch in der Politik die Show, die das Nachdenken, das Gespräch und die Diskussion ersetzt. Da ist auch in der Politik der bewußt geplante Amüsierbetrieb, der Eindrücke und Meinungen prägt. Da ist das Medium Fernsehen, das bei der Mehrheit in den westlichen Gesellschaften einen weit nachhaltigeren Eindruck hinterläßt als das gedruckte Medium.
Da wird sichtbar: Meinungen, die sich am Bild bilden, brauchen offenbar keinerlei Begründung. Meinung entsteht nicht durch die Darstellung von Argumenten und Gegenargumenten. Bilder machen die Meinung - unter Beachtung der Bedürfnisse des Zuschauers.
In der totalen Fernsehgesellschaft des heutigen Amerika, so Postmans zentrale These, ist die Demokratie am Ende und damit auch die Gesellschaft: Wir amüsieren uns zu Tode.
Postman: "Wenn ein Volk sich von Trivialitäten ablenken läßt, wenn das kulturelle Leben neu bestimmt wird als eine endlose Reihe von Unterhaltungsveranstaltungen, als gigantischer Amüsierbetrieb, wenn der öffentliche Diskurs zum unterschiedslosen Geplapper wird, kurz, wenn aus Bürgern Zuschauer werden und ihre öffentlichen Angelegenheiten zur Variete-Nummer herunterkommen, dann ist die Nation in Gefahr - das Absterben der Kultur wird zur realen Bedrohung." Postmans Fazit: "Orwells Prophezeiungen haben für Amerika kaum Bedeutung, diejenigen Huxleys freilich sind nahe daran, Wirklichkeit zu werden."
George Orwell fürchtete den Staat, der als Großer Bruder Bücher verbrennt, als Wahrheitsministerium die Wahrheit unterdrückt. Aldous Huxley dagegen beschrieb die "Schöne neue Welt", in der die Menschen mit "Fühlfilmen" und "Zentrifugalbrummball" die Zeit totschlagen, eine Gesellschaft, der das Bücherlesen nicht verboten werden muß, weil sie keine Bücher mehr liest.
Postman: "An Huxley und nicht an Orwell sollten wir uns deshalb halten, wenn wir verstehen wollen, auf welche Weise das Fernsehen und andere Bildformen die Grundlage der freiheitlichen Demokratie, nämlich die Informationsfreiheit, bedrohen." Und er fragt: "Wer ist bereit, sich gegen den Ansturm der Zerstreuungen aufzulehnen? Bei wem führen wir Klage - wann? Und in welchem Tonfall, wenn sich der ernsthafte Diskurs in Gekicher auflöst? Welche Gegenmittel soll man einer Kultur verschreiben, die vom Gelächter aufgezehrt wird?"
Postmans Buch ist spannend. Auch für jemanden, der die fortschreitende Bedrohung demokratischer Entscheidungsprozesse durch die Ausbreitung der Fernsehgesellschaft, durch Programmvermehrung und Kommerzialisierung für die Bundesrepublik vorhergesehen und beschrieben hat.
Es ist auch spannend für jene, die einige Thesen aus Helmut Schmidts "Plädoyer für einen fernsehfreien Tag" wiederfinden. Postmans Buch hilft zu erkennen und einzuordnen, was hierzulande derzeit ins Werk gesetzt wird. Und es erhellt, was die Deutschen nach dieser mit Steuer- und Telephongeld subventionierten Zerstörung der ohnehin wackeligen Medienbalance zu erwarten haben.
Der Autor verzichtet allerdings darauf, die geläufige These von der Bedrohung demokratischer Willensbildung durch das totale Fernsehen mit Tabellen, statistischen oder empirischen Belegen zu untermauern. Er begnügt sich mit schlüssiger Ableitung und Begründung. Und auf die Frage "Was ist zu tun?" gibt er eine enttäuschende Antwort.
Ihm muß zugute gehalten werden, daß die amerikanische Gesellschaft, die er analysiert, den verheerenden Wandel der Kommunikationsmedien schon vollzogen hat. Deshalb bleibt ihm anscheinend kein anderer Rat als der Ruf nach den Erziehern.
Er setzt darauf, daß jungen Menschen in den Schulen beigebracht wird, wie sie von den dominierenden Informationsformen ihrer Kultur Abstand gewinnen können. Und er fordert, daß diese Anleitung in den Lehrplan aufgenommen wird.
Das erinnert fatal an die Hoffnungen, die auch in der Bundesrepublik an die Medienpädagogik geknüpft werden. Dabei haben Heerscharen von Professoren und Anwärtern hierzulande ein freundlich Lied auf Kabel- und Satellitenfernsehen gesungen, in der Erwartung, ein neues Berufs-, Arbeits- und Gutachtenfeld zu finden. Krank machen und dann gesundbeten, verletzen und dann heilen, das ist ein beliebtes politisches Spiel: beim Umgang mit der Natur und den Menschen am Arbeitsplatz wie beim Umgang mit Kabel und Satellit.
Auch davon handelt das Buch. Postman beschreibt den Weg von der Blüte des Buchdrucks über den Telegraphen und die Photographie bis zum totalen Fernsehen. Er zeigt, wie Medien die Wahrnehmung, das Denken und Fühlen der Menschen bestimmen.
Die Kapitel über das Amerika im Zeitalter des Buchdrucks stecken voller Zahlen über die weite Verbreitung des Lesens im 17., 18. und 19. Jahrhundert, voller Hochrufe auf das gesprochene und geschriebene Wort. Gedrucktes zu lesen und zu verstehen setzt, so Postman,
die Fähigkeit voraus, zu klassifizieren, Schlüsse zu ziehen, "Lügen, Irrtümer und übermäßige Verallgemeinerungen zu erkennen oder eine mißbräuchliche Verwendung der Logik und des gesunden Menschenverstandes aufzudecken". Und das sind Voraussetzungen für demokratisches Leben und Entscheiden.
Im Übergang von diesem "Zeitalter der Erörterung" zum "Zeitalter des Showbusiness" spielen Telegraph und Photographie bei Postman eine wichtige Rolle. Auf die Menschen stürmten plötzlich Bilder und Nachrichten ein, die als interessant empfunden werden, aber kein sinnvolles Handeln auslösen.
Und auch nicht auslösen können: Das proportionale Verhältnis zwischen Information und Aktionsmöglichkeit hat sich drastisch verändert. Die Relevanz der Informationen für den Menschen ist gesunken. Und damit sind seine Gleichgültigkeit und Ohnmacht gewachsen.
Das Fernsehen - es muß Unterhaltungsfernsehen sein, sonst bringt es nicht die notwendigen Einschaltquoten - steht laut Postman in unversöhnlicher Gegnerschaft zum Buchdruck. Der Autor beklagt nicht, daß das Fernsehen unterhaltsam ist. Er kritisiert, daß es die Unterhaltung zum Rahmen jeglicher Darstellung macht, daß es minimale Anforderungen an die Auffassungsgabe stellt, daß es vor allem Gefühle wecken und befriedigen will.
Es kommt dann eben nicht mehr darauf an, was einer sagt und denkt, sondern, wie er sich gibt. Postmans Beispiel: das TV-Duell zwischen dem Republikaner Reagan und seinem demokratischen Herausforderer Walter Mondale. Nach der Debatte meldeten die Zeitungen zutreffend, Reagan habe Mondale mit einer schlagfertigen Replik zu Anspielungen auf sein Alter k. o. geschlagen.
Sicher: Auch früher gab es Brot und Spiele, die Verführung durch Bildhaftes, die Demonstration von Macht und Herrschaft durch Kathedralen, Schlösser und Schlachten. Doch die Erfindung des Buchdrucks brachte eine Zäsur.
Erst das gedruckte Wort bot, zusammen mit Alphabetisierung und Aufklärung, eine Chance für die Demokratie. Es war vor allem die Chance der Arbeiter, insgesamt der Mittel- und Unterschichten, sich auch mit Hilfe von Bildung und Ausbildung von der Gängelung durch die Obrigkeit zu befreien. Mündigkeit hatte so in der Frühzeit der Arbeiterbewegung auch immer etwas mit Wissen zu tun.
Die Zeit, da die Mehrheit sich durch Wissen dazu aufschwingen kann, demokratisch Herrschaft über sich selbst auszuüben, geht in der totalen Fernsehgesellschaft wahrscheinlich endgültig dem Ende entgegen. Die Unterhaltung auf allen Kanälen zaubert die schöne, heile Welt des Friedens zwischen oben und unten in die Köpfe der Leute. Kein Wunder, daß die Konjunktur für zeitkritische Literatur insgesamt vorbei ist, Günter Wallraffs Erfolg mit dem Buch "Ganz unten" ist die Ausnahme.
Der Wunsch des niedersächsischen CDU-Ministerpräsidenten Ernst Albrecht, den "gesellschaftspolitischen Quark" vom Bildschirm zu verbannen und ihn gegen lockere Kost auszutauschen, geht langsam in Erfüllung. Das wird sich für jene politischen Kräfte in der Bundesrepublik auszahlen, die eine "bildbestimmte Kultur" zur Stabilisierung ihrer Herrschaft brauchen.
Die Gesellschaft in der Bundesrepublik hat noch nicht die "Vollkommenheit" der amerikanischen Fernsehgesellschaft erreicht. Sie ist jedoch in Riesenschritten auf dem Weg dahin. Die Programme werden unterhaltender. Die Unterhaltung wird anspruchsloser, oft ärgerlich blöde, so etwa, wenn ein Entertainer den anderen in seiner Show besucht - ein bald üblicher Stundenfüller.
Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten begeben sich im Kampf um Einschaltquoten auf das Niveau der erwarteten kommerziellen. Die von Postman beschriebene totale Fernsehgesellschaft ist auch hierzulande greifbar nahe.
Seine Analysen lassen verstehen, weshalb letztlich nicht die Frage nach der Organisation des Rundfunks entscheidend ist, sondern die Frage: Wollen wir wirklich mehr Programme? Wenn die Antwort darauf endgültig ja heißt, dann ist die Schlacht geschlagen.
Die Agonie demokratischen Lebens folgt daraus, daß die unterhaltende Bilderkultur eines Fernsehens mit vielen Programmen rund um die Uhr die Menschen total in Anspruch nimmt. Wer die Programme macht, ist dann vergleichsweise unerheblich. Die Menschen sind als mitdenkende und wissende Staatsbürger mehrheitlich ohnehin weggetreten, _(Szene aus der Serie "Denver-Clan", mit ) _(Linda Evans und Joan Collins. )
das Mitmachen, um mitzugestalten, diese neue Formel auch früherer Skeptiker der Medienpolitik, wird sich, so Postman, als trügerische Hoffnung erweisen.
Auch für die Analyse einzelner irritierender Erscheinungen der politischen Wirklichkeit gibt Postmans Buch einiges her: Schnelligkeit und Diskontinuität der Bilder, Nachrichten und Meldungen führen zu Sättigung, Gleichgültigkeit und Gedankenlosigkeit. Die Relevanz einzelner Nachrichten wird nicht mehr vertieft. Selbst gut recherchierte Geschichten über gravierende Verletzungen des Steuerrechts und der politischen Sitten wie im Falle des Flick-Skandals finden in der Öffentlichkeit keinen anhaltenden Widerhall mehr.
Das Interesse schwindet. Die Eindrücke sind flüchtig, so flüchtig wie die wechselnden Bilder bei einer durchschnittlichen Länge von 3,5 Sekunden pro Kameraeinstellung. Die Sättigung mindert die Erinnerungsfähigkeit. Die medienpolitische Debatte selbst ist ein Musterbeispiel dafür: *___Gestern noch versprachen die Medienpolitiker - um ____öffentliches Geld für Kabel- und Satellitenfernsehen zu ____ergattern - den offenen Kanal. Heute ist er in den ____meisten Mediengesetzen allenfalls ein Alibi. *___Gestern versprachen die Medienpolitiker, Kabelfernsehen ____solle eine publizistische Gegenmacht zu lokalen und ____regionalen Zeitungsmonopolen werden. Heute macht sich ____ziemlich ungeniert die Interessentenmeinung breit, den ____Verlegern gehöre auch das neue Rundfunkprogramm. *___Gestern versprachen die Medienpolitiker, ____Binnenpluralität sei eine Bedingung für die Öffnung zum ____kommerziellen Programm. Heute verabreichen sie weiße ____Salbe.
Nachdenken, Rückerinnern - das ist die Basis für Sanktionen des Wählers, für Wieder-Wählen oder Nicht-mehr-Wählen. Die Basis schwindet, wir amüsieren auch unsere Demokratie zu Tode. Wenn aber die Demokratie in Gefahr ist, warum ruft dann keiner "Halt!"?
Die heute in der Medienpolitik Tätigen und Entscheidenden nehmen kaum Notiz von den Warnungen eines Neil Postman. Ihnen geht es um Geld und allenfalls um Standortfragen für die Medienwirtschaft. Zugegeben, am Rande auch um Arbeitsplätze.
Und Demokratie? Die steht im Grundgesetz. Das reicht. Wie weggeblasen ist die Einsicht, daß demokratische Willensbildung Mitdenken und Mitwissen voraussetzt. Keine Bundestagsdebatte zum Thema, keine Mahnung einer hochgestellten Persönlichkeit, kein Votum eines Verfassungsrichters, keine Warnung der politischen Wissenschaft.
Die Diskussion über die Bedrohung einer der Säulen unserer Verfassung wird nicht geführt. Demokratie ist offenbar kein Wert an sich.
Szene aus der Serie "Denver-Clan", mit Linda Evans und Joan Collins.
Von Müller, Albrecht

DER SPIEGEL 51/1985
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.