26.08.1985

„Unter uns gesagt, ich bin ein Klassiker“

Sigrid Löffler über Thomas Bernhards Stück „Der Theatermacher“ in Salzburg Sigrid Löffler ist Redakteurin beim Wiener Nachrichtenmagazin „Profil“. *
Dienstag ist. Blutwursttag im "Schwarzen Hirschen", der Gastwirtschaft und Fleischhauerei in Utzbach an der Donau. Der ungünstigste Tag, naturgemäß, für den Staatsschauspieler Bruscon und seine Sippschaft, die im vergammelten Tanzsaal, hinten zwischen Schweinestall und Misthaufen, Bruscons selbstverfaßte Menschheitskomödie "Das Rad der Geschichte" den Utzbachern darbieten wollen. Der Misthaufen wird, bei geöffneter Saaltür, einmal kurz sichtbar.
In irgendeinem Probenstadium des neuen Thomas-Bernhard-Stücks "Der Theatermacher", so hatte man vorher lesen können, sollten 800 wirkliche Fliegen den Haufen umschwirren, worauf der Amtsarzt dem Geschmeiß das Haus verbot. Bei der Premiere hat der Mist nur gedampft. Auch dies ein sinniges Bild für diese jüngste Bernhard-Uraufführung.
Der Staatsschauspieler auf Tournee in Wirtshaus-Sälen - das ist in der Regel weder eine Tragödie noch eine Komödie, sondern ein Geschäft. Da rafft ein pragmatisierter Staatsmime auf die schnelle ein paar verschämte Tausender, indem er vor glotz-seligen Provinzlern das Flair des Namens verhökert, den er sich in den Metropolen gemacht hat.
Anders bei Thomas Bernhard. Der arrangiert das Zusammentreffen von österreichischer Provinz-Dumpfheit und dem Kunst- und Bildungsdünkel eines abgestunkenen Wanderschmiere-Prinzipals, dem zum Striese jede Tingel-Könnerschaft fehlt, eigens und einzig zu dem Zweck, der Situation die gröbsten Lacheffekte abzukitzeln. Bernhards menschenverachtende Bosheit versagt sich keinem, auch nicht dem jämmerlichsten Kalauer: Um einen Lacher verrät er seine Figuren, um so lieber, wenn er das lachende Publikum gleich mit bloßstellen kann. So läßt er etwa seinen Theatermacher Bruscon das tuberkulöse Gespenst von Eheweib anherrschen: "Der einzige Reiz an dir ist der Husten."
Bruscon darf als Bernhards Sprachrohr herhalten. Für die Dumpfheit haben die Wirtsfamilie sowie Bruscons Frau, Sohn und Tochter einzustehen. Bernhard macht sich gar nicht erst die Mühe, diese Hintergrundfiguren kunstvoll zu verschandeln. Meistens tut's schon eine kleine Verkrüppelung, ein gebrochener und geschienter Arm, ein Dauerhusten, ein bißchen Dorfdodelschwachsinn, halt irgendein grober Defekt, um dieses subalterne Stückpersonal als Kretins verächtlich zu machen, die nichts zu reden haben und von Bernhard auch kaum etwas zu sagen kriegen. Sie sind die mundtot gemachten Statisten für die Quasselarien des Titelhelden.
Es bleibt dem Regisseur, also wieder einmal Claus Peymann, überlassen, diesen Spottfiguren außer Debilität irgendwelche Menschlichkeiten zuzumessen. Peymann hilft sich, indem er einerseits hoch besetzt (Kirsten Dene, Josefin Platt und Martin Schwab als Mutter und Kinder Bruscon), andererseits die von Natur aus lachhafte Gesichtslandschaft des Hugo Lindinger (in der Rolle des Wirtes) für sich arbeiten läßt.
Ein riskanter Ausweg, wie sich alsbald zeigt. Denn Peymanns Spielergarde, unterfordert, wie sie ist, legt sich mit einem solchen mimischen Furor ins Zeug, als gelte es einen Wettbewerb im Grimassenschneiden fürs "Guinness Book of Records".
Da wird jeder Satz aus des Despoten Bruscon Munde vom intensiven Mimik-Geprassel seiner Vasallenschar begleitet und jedes Wort aufs beredteste von stummem Mienenspiel kommentiert, um die Reaktionsbandbreite auch bei Textlosigkeit unter Beweis zu stellen. Da wird unentwegt in allen Varianten gegrinst (speichelleckerisch, pfiffig, abgefeimt) und gerunzelt (scheel, devot, höhnisch) sowie variabel geäugt - aufsässig, gleisnerisch, tölpelschlau oder tumb.
Einzig Kirsten Dene, aus früheren Bernhard-Stücken wie "Vor dem Ruhestand" und "Am Ziel" versiert als stummer Widerpart, vermag die Strategie der aggressiven Schweigsamkeit bedrängend und bedrohlich auszuspielen. Sie gibt der lungenkranken Theatermacherin, die sich hinter ihrem Gatten-Scheusal her gastspielend über die Dörfer zwischen Gaspoltshofen und Ried im Innkreis schleppt, eine beklemmendere Kontur, als Thomas Bernhard der Rolle überhaupt zugestanden hat. Die Dene behält ihr Geheimnis: Sie spielt den Machtkampf zwischen dem Alles-Niederredner und der wortlosen Opposition und läßt erahnen, daß dieser Machtkampf bei Stück-Ende noch offen ist.
Bernhard, der Übertreibungskünstler, ist bekanntlich ein unbremsbarer Theaterschwätzer. Seine Stücke sind oft monologisch gebaut, um eine egomanische Dauerrednerfigur herum, die mit Filibuster-Taktik das Stückzentrum besetzt hält und Trabanten-Spieler wie Publikum gleichermaßen mit weitausholendem Geschwafel tyrannisiert.
So auch hier. Der sich den Wirt und die eigene Familie zum Zuhören abrichtet und seiner Logorrhöe ungeniert frönen darf, ist der Mime Bruscon: "Unter uns gesagt, ich bin ein Klassiker."
Traugott Buhre braucht bloß herrscherlich hereinzustolzieren - mit Strohhut, Staubmantel und Spazierstock -, er braucht nur einen angewiderten Entrüstungsblick schweifen lassen über den verlotterten Tanzsaal mit dem grünlich heraufmodernden Schimmel und dem Fliegenschiß an den abblätternden Wänden, er braucht nur empörungssatt loszutremolieren "Was, hier, in dieser muffigen Atmosphäre - Schtaaz-Schau-Schpiela!": Schon ist der Wirt ins Unrecht
gesetzt und der Inszenierungsduktus vorgegeben.
Dieser zielt ohne viel Umschweife auf die genüßliche Demontage eines selbstbesoffenen Theaterscheusals, was um so behaglicher vonstatten gehen kann, als die Zerrbildhaftigkeit des Schmierenkomödianten und Verfassers einer dramatischen "Geschichtsstandpauke" keinerlei Lebenswirklichkeit verpflichtet ist. Da wird lustvoll ins Blaue oder ins Aschgraue hinein karikiert.
Nein, Oskar Werner ist nicht, wie spekulativ verbreitet wurde, das Vorbild für den "Theatermacher". Ein paar äußerliche Lebensumstände des kaputten Stars mag Thomas Bernhard, seit jeher ein schlampiger Fiktionalisierer seiner Bekannten, allenfalls bei Oskar Werners letzter Sauftournee durch die Wachau gestiebitzt haben. Aber sonst hat dieser Bruscon mit Oskar Werner so wenig zu tun wie mit irgendeinem leibhaftigen Staatsschauspieler.
Dieser Bruscon benimmt sich genauso scheusälig wie die einundelfzig Bernhardschen Bühnenmonster vor ihm. Wie oft hat man diese Ressentiment-Arien, diese Haßkataloge und Ekellitaneien schon gehört, wie oft diese Ex-cathedra-Verkündungen der eigenen Widersprüche schon vernommen, wie oft diese Erniedrigungsrituale und Demütigungszeremonien schon mit angeschaut, wie oft als erwarteten Bodensatz dieses Seelen-Unflats jämmerliche Angst und Selbsthaß zu sehen gekriegt.
Gewiß, die Monotonie ist beabsichtigt. Gewiß war zu erwarten, daß in Utzbach "Das Rad der Geschichte" wegen Publikumsflucht letztendlich nicht gespielt werden wird. Woran liegt's, daß die einst aufreizend großmäuligen Pauschalverdammungen mittlerweile so flau und fade klingen? Dieser Bruscon überzieht die Frauen, das Land Österreich, die Schauspieler oder sonst ein Abstraktum oder Kollektivum, dem das wurscht sein kann, mit seiner Galle - und keinerlei Erregung ist die Folge.
Kann sein, daß mit Bernhards Verluderungstiraden den phantastischen Schuftereien der österreichischen Wirklichkeit nicht mehr beizukommen ist: Vielleicht kann es die Wortmacht des Ohlsdorfer Misanthropen weder mit dem Witz noch mit der würzigen Bosheit der Aktualitäten im Skandalland Österreich aufnehmen.
So grundsätzlich ist Bernhards Kritik an den Verhältnissen ohnehin nie gewesen, daß sie nicht von der Salzburger Festspiel-Kundschaft als Kunst-Appetizer vor dem Diner konsumiert werden konnte. Kann sein, daß der Skandal-Appetit der Klientel inzwischen Bernhards Skandalisierungskraft übersteigt.
Mag sein, Bernhards Universalhaß ist nur mehr Behauptung. Dann tönen Bruscons Denunziationen gleich nicht mehr gefährlich, sondern kleinlich, wirken seine Borniertheiten nicht mehr provokant, sondern dumm.
Mag sein, daß der zage Respekt der Uraufführungskünstler dem Werk nicht bekommt. Claus Peymann (der die Inszenierung am 20. September nach Bochum übernimmt), loyal bis zur Selbstvergessenheit, macht hier sein Prestige einer Sache dienstbar, die seinem Kunstverstand nicht ebenbürtig ist. Und Buhre investiert seine beträchtlichen Vorräte an Virtuosität lieber in die Erbärmlichkeit des Philisters und Tragödiengockels auf dem Misthaufen, als jene obsessiven Finsternisse auszukundschaften, hinter denen Minetti-Land liegt.
Bernhard Minetti hätte ursprünglich den "Theatermacher" spielen sollen. Dem Vernehmen nach saß er bei der Premiere im Parkett und lachte. Er hatte gut lachen.
Von Sigrid löffler

DER SPIEGEL 35/1985
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 35/1985
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Unter uns gesagt, ich bin ein Klassiker“

Video 00:57

Amateurvideo von Teneriffa Gigantische Wellen reißen Balkone weg

  • Video "Mays höchst ehrenvoller Mäusefänger: Lass mich bitte rein" Video 00:51
    Mays höchst ehrenvoller Mäusefänger: "Lass mich bitte rein"
  • Video "Drogenhandel und Zuhälterei in Kanada: Indigene Gangs von Regina" Video 12:04
    Drogenhandel und Zuhälterei in Kanada: Indigene Gangs von Regina
  • Video "Indien: Baby gerät unter einen Zug - und überlebt" Video 00:51
    Indien: Baby gerät unter einen Zug - und überlebt
  • Video "Möglicher Felssturz im Allgäu: Ein Berg bricht auseinander" Video 02:58
    Möglicher Felssturz im Allgäu: Ein Berg bricht auseinander
  • Video "Wintersport-Gadget: Skifahren - nur ohne Ski" Video 01:08
    Wintersport-Gadget: Skifahren - nur ohne Ski
  • Video "Zwei Kopftuchträgerinnen: Dann sind alle Klischees zusammengebrochen" Video 04:14
    Zwei Kopftuchträgerinnen: "Dann sind alle Klischees zusammengebrochen"
  • Video "Schach-WM-Videoanalyse: Carlsen hatte Angst vor Caruanas Läufern" Video 05:35
    Schach-WM-Videoanalyse: "Carlsen hatte Angst vor Caruanas Läufern"
  • Video "Verblüffende Verwandlung: Junge Asiatin wird zu Einstein" Video 00:42
    Verblüffende Verwandlung: Junge Asiatin wird zu Einstein
  • Video "Videoblog Altes Hirn vs. neue Welt: Warum Langweile gut tut" Video 02:18
    Videoblog "Altes Hirn vs. neue Welt": Warum Langweile gut tut
  • Video "Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!" Video 02:24
    Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!
  • Video "Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau" Video 01:09
    Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau
  • Video "Wir drehen eine Runde: Wie fährt sich ein Hybrid-Kompaktauto?" Video 07:34
    Wir drehen eine Runde: Wie fährt sich ein Hybrid-Kompaktauto?
  • Video "SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau" Video 11:44
    SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau
  • Video "Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt" Video 01:57
    Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt
  • Video "Amateurvideo von Teneriffa: Gigantische Wellen reißen Balkone weg" Video 00:57
    Amateurvideo von Teneriffa: Gigantische Wellen reißen Balkone weg