25.11.1985

„Beigeschmack einer kolonialen Einstellung“

Kinder-Patenschaften in der Dritten Welt: Wohltat oder Unfug? Rund 300 000 Westdeutsche spenden jährlich 120 Millionen Mark an Organisationen, die Patenkinder aus Asien, Afrika und Lateinamerika vermitteln. Die West-Berliner „Stiftung Warentest“ ließ die Arbeit der Hilfswerke, die Verwendung der Spendengelder und das Schicksal der Patenkinder vor Ort testen. *
Aus großen dunklen Augen rinnen Kullertränchen über das niedliche Kindergesicht - ein Anblick, der zu näherem Hinsehen animiert. "Ein hungerndes Kind", fleht der "Deutsche Patenkreis" des amerikanischen "Christian Children''s Fund" (CCF) in einer Anzeige, "wartet auf Ihre Hilfe."
Auf einem anderen Werbeprospekt ermuntern fröhliche Kinder zu barmherzigen Taten: "Die drei lachen - 40 000 sterben Tag für Tag." Die drei ausgelassenen Muntermacher werden, wie der Leser erfährt, von CCF-Spenden genährt.
"Du-Ri braucht einen Paten", annonciert der US-Wohlfahrtmulti "World Vision International" unter dem Photo eines traurig dreinschauenden Filipinos. Überschrift: "Jetzt fehlen nur noch Sie."
Denn mit einer Patenschaft, versichert World Vision, "wird diesem Kind geholfen. Es bekommt, was es am dringendsten braucht. Zum Beispiel etwas zu essen oder zum Anziehen, Medikamente oder eine Ausbildung".
Wie Katalogware werden Kinder aus der Dritten Welt feilgeboten, die hübschesten sind am schnellsten vergriffen. "Bitte schreiben Sie uns Ihre Wünsche", forderte World Vision jahrelang die Spender auf, "damit wir sie beim evtl. Umtausch berücksichtigen können" - ein Text, der den Patenschaftswerbern inzwischen selber peinlich ist.
Doch die Masche zieht. Rund 300 000 Bundesbürger füllen mit monatlichen Daueraufträgen die Sammelkonten von Hilfsorganisationen, die, wie World Vision, "Hilfe direkt" versprechen oder, so CCF, "von Mensch zu Mensch" helfen wollen, "ohne Behörden und Institutionen".
Rentner zwacken es vom Sparbuch ab, Besserverdienende buchen auch schon mal zwei oder drei Patenkinder. Firmenbelegschaften geben anstelle der üblichen Weihnachtspräsente den Gegenwert in die Patenkasse, Schulklassen, Ratsversammlungen und Stammtische teilen sich die Fürsorge für einen kleinen Farbigen in einem fremden Kontinent und kaufen sich auf diese Weise die Illusion, eben jenes Kind vor dem Schlimmsten bewahrt zu haben.
Kinderpatenschaften, glaubt der Frankfurter Buchautor Gerhard Müller-Werthmann ("Markt der offenen Herzen"), der die Spendensammler seit Jahren beobachtet, "befriedigen offenbar gerade bei den Bundesdeutschen ein sozialpsychologisch motiviertes Bedürfnis. Nirgendwo sonst, in keinem anderen Land der Erde, hat sich die Strategie der Vermarktung von Einzelschicksalen als so erfolgreich erwiesen".
Zudem machen sich die Patenschaftsvermittler das offenbar tiefsitzende Mißtrauen der Deutschen zunutze, an ihren milden Gaben könnten sich irgendwelche Politbürokraten oder Kirchenfunktionäre vergreifen. Der Argwohn, meint Manfred Kohl, Deutschland-Direktor von World Vision, rühre wohl daher, daß bei den traditionellen Hilfswerken jede Spende "anonym in den großen Topf wandert".
Die Patenschaftsmakler hingegen vermitteln den Spendern das Gefühl, mit _(Bei Schluckimpfung. )
dem ihnen anvertrauten Geld sorgsam und sachgerecht umzugehen. Als Beleg bieten sie ein Photo des Kindes mit Lebenslauf ("Kinderkarte"), regelmäßige Berichte über die schulische Entwicklung und die Möglichkeit, mit den Beschenkten auch Briefe auszutauschen.
Die Dankeszeichen helfen, den Geldfluß zu sichern. World Vision, seit 1979 in der Bundesrepublik etabliert, hat sein Spendenaufkommen zwischen 1980 und 1985 mehr als verzehnfacht - von rund zwei auf 21 Millionen Mark. CCF, ein Jahr länger auf dem Markt der Nächstenliebe, steigerte seinen Umsatz von 400 000 Mark im ersten Bilanzjahr auf nunmehr zwölf Millionen Mark.
Als unangefochtener Marktführer mit 52,7 Millionen Mark Patenschaftseinnahmen behauptete sich im vergangenen Jahr, auch ohne lauten Reklame-Rummel, ein rein deutsches Unternehmen: die 1959 gegründete "Kindernothilfe" in Duisburg, die, obschon Mitglied im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche im Rheinland, von dem offiziellen kirchlichen Hilfswerk "Brot für die Welt" wegen ihrer Kindermakelei angefeindet wird.
Noch rund ein Dutzend weiterer Organisationen führt Patenschaften in seiner karitativen Angebotspalette - darunter der Münchner "Hermann-Gmeiner-Fonds" für seine "SOS-Kinderdörfer" (Patenschaftsanteil: 9,7 Millionen Mark, das sind etwa elf Prozent der gesamten Spendeneinnahmen), die konservativ-religiöse "Inter-Mission" in Hannover (2,1 Millionen Mark) und der Bonner Kleinstverein "Deutsch-Indisches Kinderhilfswerk", dem voriges Jahr gerade noch 180 000 Mark vermacht wurden.
Unterm Strich jedenfalls haben die Patenvereine kräftig expandiert. Während 1979 erst rund 35 Millionen Mark zusammenkamen, hat sich die Summe mittlerweile fast vervierfacht - auf nunmehr etwa 120 Millionen.
Auch das "Deutsche Zentralinstitut für Soziale Fragen" (DZI) in Berlin, eine überwiegend vom Berliner Senat und vom Bundesfamilienministerium finanzierte Informationsstelle, die auch die Seriosität von Hilfsorganisationen einzuschätzen weiß, verzeichnet einen wahren Patenschaftsboom: Von 12 340 Spendenanfragen, die das DZI im vorigen Jahr registrierte, betrafen 2604 eine Patenschaft.
Trotz kritischer DZI-Informationen, die vor "gefühlsmäßiger Überladung der Sinninhalte von Patenschaften" warnen, wähnen Spender ihr Geld bei den Patenschaftsmaklern gut aufgehoben. "Beim CCF", bekundet Ursula Maucher aus dem schwäbischen Erbach-Ringingen ihr Vertrauen, "bin ich mir ganz sicher, daß der Zweck erreicht wird."
Die Geldgeber, denen, wie ein Insider formuliert, "das Bewußtsein der eigenen Mildtätigkeit genügt", vertrauen darauf, daß der überwiesene Betrag mit möglichst geringem Verwaltungskosten-Abzug bei dem namentlich bekannten Empfänger ankommt. Entwicklungshilfe-Experten ziehen indes in Zweifel, ob derlei Individualgeschenke, die nichts an den Einkommensstrukturen und Lebensverhältnissen der betroffenen Völker ändern, überhaupt sinnvoll sind.
Einzelpatenschaften, beanstandete beispielsweise der Deutsche Katholische Missionsrat, förderten "leicht eine passive Haltung" und machten es dem Patenkind "schwer, wenn nicht gar unmöglich, eigene Initiativen zur Verbesserung seiner Lebensbedingungen zu entwickeln".
Und Theodor Schober, der ehemalige Vorsitzende der evangelischen Arbeitsgemeinschaft Kirchlicher Entwicklungsdienst, redete schon vor Jahren der Kindernothilfe ins Gewissen: Die guten Werke, mahnte er, müßten den "tatsächlichen Bedürfnissen der Zielgruppe" dienen und nicht der "Befriedigung der Spenderwünsche".
Doch die verschnulzte Werbung suggeriert eine scheinbar persönliche Beziehung zu den Hilfsbedürftigen aus der Dritten Welt, und das rührt ans Gemüt. "Bei seinem ersten Brief", berichtet eine Hausfrau aus dem rheinischen Overath, Patin eines 13jährigen Jungen aus Lateinamerika, "habe ich vor Freude geweint."
"Beeindruckt" war Kristel Struck-Paun aus Hamburg, als ihr der Brasilianer Olmick, 9, liebevoll ein Bild malte, und CCF-Spender Heinrich Greve aus Lennestadt in Westfalen, der seinem thailändischen Patenkind Panarat gelegentlich eines Besuchs einen Jogging-Anzug schenkte, hat "selten ein so glückliches Mädchen gesehen".
Ralf Lisch aus Berlin hingegen ist mit kritischerer Einstellung heimgekehrt. Er hat nicht nur sein Patenkind Elsa in dem bolivianischen Andendorf Cachualla besucht, sondern auch die World-Vision-Niederlassung in der Hauptstadt, "ein sehr gut ausgestattetes Büro in einem der modernsten Hochhäuser von La Paz".
Lisch war auch nicht nur im Waisenhaus der Inter-Mission im indischen Usilampati, wo sein Patenjunge Karunanithi Pandian lebt, sondern auch in der Filiale des Hilfswerks in Madras, "in einer der besten Wohngegenden", wo man ihm "stolz" erzählte, daß für das Büro umgerechnet 900 Mark Monatsmiete bezahlt werden, während die Mutter eines Patenkindes als Hausmädchen noch nicht einmal zehn Mark im Monat verdient.
Ralf Lisch ist freilich kein gewöhnlicher Pate, zumal er Patenschaften gleich im Dutzend abgeschlossen und seine Patenkinder reihum besucht hat. Lisch leitet die Abteilung Dienstleistungen bei der "Stiftung Warentest", für die er, unerkannt unter seiner Privatanschrift, ein Jahr lang Patenschaftsbeiträge bezahlte, mit den Kindern korrespondierte und schließlich unangemeldet bei ihnen vor der Tür stand. In der Dezember-Ausgabe der Zeitschrift "Test", die in dieser Woche erscheint, berichtet Lisch von seinen Erfahrungen.
So hängt es, nach den Reiseeindrücken des Testers Lisch, "ganz entscheidend von den Vertretern einer Organisation in dem jeweiligen Entwicklungsland und ihrem Engagement ab, ob das Geld der Paten die Hilfsbedürftigen erreicht und auch etwas bewirkt". Weder ließen sich die Hilfswerke noch einzelne Länder "einfach in gute und schlechte einteilen", jedenfalls bleibe dem einzelnen
Spender "nur eine geringe Chance zur Kontrolle".
Besonders kraß empfand der Warentester die Diskrepanz zwischen den Renommier-Geschäftsstellen der Hilfswerke und den Elendsquartieren der Unterstützungsempfänger. Bei Inter-Mission etwa zahlen die Paten für jedes Kind monatlich 40 Mark, doch in Madras, so Lisch, "steht davon gerade noch die Hälfte zur Verfügung".
Für Lisch bleibt es auch "ein Rätsel", was mit den 3500 Mark geschieht, die monatlich an World Vision für siebzig Patenkinder in Cachualla überwiesen werden - die Unterhaltung einer Hühnerfarm mit 130 Tieren sowie Lernmittel, Saatgut und Baumaterial für Häuser kann unmöglich soviel kosten.
Auch bei der Kindernothilfe stehe für die Patenkinder in Indien "nur ein geringer Teil von den Spendengeldern zur Verfügung": Die Paten zahlen 50 Mark, aufgewendet wurden nach Lischs Recherchen jedoch "weniger als 30 Mark". Davon gibt es Schulkleidung und dreimal täglich Essen. Eine "geringfügige Abwechslung" biete der Speiseplan allerdings nur beim Frühstück, "mittags gibt es immer Reis mit Curry".
Immerhin kann Lisch "die Befürchtung" zerstreuen, "daß Paten in Deutschland für Phantomkinder zahlen". Selbst Spender, die jahrelang mit Patenkindern Briefe austauschen, zweifeln bisweilen an deren Existenz - zu unpersönlich und vorgestanzt erscheinen ihnen die postalischen Grüße, oft wechseln die Schriften, weil angeblich verschiedene Betreuer die Feder führen. Oder sie wundern sich, wie Roland Zwiesele aus Bernstadt bei Ulm, dessen mittlerweile elf Jahre altes Patenkind Floridalma aus Guatemala "immer nur Blümchen malt", obwohl das Mädchen doch eigentlich längst schreiben können müßte.
Neben den ausgekundschafteten Organisationen, die Lisch vor Ort überprüfte, tummeln sich auf dem Markt auch noch Spendenhaie wie der Hamburger Günter Tesch, von dem frühere Mitarbeiter bezeugen, daß er für seinen "Internationalen Missions-Hilfsdienst" mit Kinderbildern warb, die er aus Illustrierten ausgeschnitten oder von Photoagenturen gekauft hatte.
Selbst der dubiose Hamburger Verein "Pro Humanitate", der seit Jahren im Verdacht steht, in großem Umfang Spendengelder veruntreut zu haben, bekommt nach eigenen Angaben noch immer rund eine Million Mark im Jahr für 1500 Patenkinder. Nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft fand in der Vergangenheit "von den eingegangenen Geldern ungefähr ein Drittel bereits für Verwaltungsaufgaben im Inland Verwendung"; ein weiteres Drittel sei "zwar in die Dritte Welt gegangen, aber dort nicht den Kindern zugute gekommen, zumindest nur in ganz verschwindendem Maß", und unklar ist den Ermittlern, wo das letzte Drittel geblieben ist (SPIEGEL 39/1985).
Die seriös wirtschaftenden Organisationen veröffentlichen regelmäßig ihre Bilanzen, in denen sie ihre Einnahmequellen und Ausgabenposten offenlegen. Doch die pauschalen Haushaltstitel besagen nichts über Verbleib und Verwendung der einzelnen Patenschaftsbeiträge. Vor allem beim CCF, dessen "Deutscher Patenkreis" alle Einnahmen erst einmal über die Konzernmutter in Richmond (US-Bundesstaat Virginia) schleust, ist laut DZI von Deutschland aus "nicht nachprüfbar, in welcher Höhe die eingezahlten
Spendenbeträge dem jeweiligen Kind zugute kommen". Aber auch bei den anderen Patenschaftsvermittlern, stellt DZI-Geschäftsführer Lutz Worch fest, sei die "Zuwendungspraxis relativ unübersichtlich".
Es sind nicht allein die vermuteten Schiebereien, die gegen Einzelpatenschaften sprechen. Entwicklungshelfer erheben vielmehr moralisch-ethische Bedenken, wenden sich gegen den Mißbrauch von Gefühlen in der Werbung und verweisen darauf, daß das Geld langfristig wirksamer angelegt werden kann.
So haben Organisationen wie "Terre des Hommes" oder die "Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt", die früher selbst Patenschaften vermittelten, inzwischen diesem Konzept abgeschworen. Das Osnabrücker Kinderhilfswerk und der kirchennahe Berliner Verein berichten in einer Informationsbroschüre, sie hätten "die Erfahrung machen müssen, daß zwischen der guten Absicht und dem tatsächlichen Wert der Kinderpatenschaften eine große Lücke klafft".
Patenschaftsprogramme seien "oftmals nicht nur nicht geeignet, Not in den Entwicklungsländern zu beseitigen", sondern schüfen obendrein "für die betroffenen Kinder neue Probleme". Zusammen mit der "Arbeitsgemeinschaft Kinder in der Dritten Welt" listen die beiden entwicklungspolitisch engagierten Organisationen einige Punkte auf, die potentielle Paten zum Nachdenken anregen sollen: *___Persönliche Patenschaften sind die aufwendigste Art zu ____helfen, mit dem gleichen Betrag kann auch ein ganzes ____Dorf gefördert werden; *___intakte Familien werden auseinandergerissen, weil die ____Patenvermittler oftmals darauf bestehen, daß die Kinder ____Heimschulen besuchen; *___die Kinder werden auf Industrieberufe vorbereitet und ____fallen, ohne Aussicht auf Arbeit, bei Rückkehr ins Dorf ____ihren Familien stärker zur Last als vorher; *___Patenschaften isolieren die Begünstigten, schaffen Neid ____und Mißgunst bei denen, die nicht beschenkt werden; *___nach Abschluß des Patenschaftsprogramms werden die ____Kinder in ihre alte Umwelt entlassen, wo weiterhin ____Unterdrückung und Armut herrschen, denn die Ursachen ____der Not werden nicht beseitigt.
"Jedes Kinderfürsorgeprogramm, das keine entwicklungspolitische Perspektive hat", kritisierte die "Bombay Urban Industrial League for Development" (BUILD) voriges Jahr in einer Studie, "ist ein sinnloses Unterfangen, das vielleicht das Gewissen der privilegierten Spender erleichtert, aber nicht wirklich den Menschen hilft."
Entwicklungshilfe, die "Kinder aus ihrer Umgebung reißt", um sie zu erziehen, habe, so beklagen die Autoren, den "Beigeschmack einer kolonialen Einstellung" und einer "missionarischen Zivilisationskampagne". Und speziell auf die Heime der Kindernothilfe gemünzt, urteilte BUILD, "daß hier die Therapie schlimmer als die Krankheit ist".
Der wohlmeinende deutsche Pate weiß ja nicht, wie sein Schützling ausgewählt wurde. Zwar beteuert die Kindernothilfe ebenso wie die "christlich-humanitäre Organisation" World Vision, daß die Aufnahme ausschließlich nach Bedürftigkeit erfolge, Religion, Rasse und Geschlecht keine Rolle spielten. Aber vor Ort weisen Eingeweihte darauf hin, daß jene, die gefördert werden wollen, schon gut daran tun, sich ein paar Bibelsprüche zuzulegen und in der Sonntagsschule angenehm aufzufallen. Das gefällt den christlichen Herren, deren Auswahlverfahren allerdings Hindus und Angehörige anderer Religionen zur Selbstverleugnung drängt.
So berichtete ein Dorfentwicklungshelfer aus Haiderabad, welche negativen Folgen die von fern gesponserte Vorzugsbehandlung eines Patenkindes hat, das aus einer armen Familie mit vier Geschwistern stammt und im Heim aufgezogen wurde: "Wenn es in den Ferien nach Hause kommt, schmeckt ihm das einfache Essen nicht mehr. Die Mutter kocht ihm etwas Besonderes, kauft ihm eine eigene Bettmatte und versucht, seine Ansprüche, die die Hälfte des Familieneinkommens verschlingen, zu erfüllen."
So entfremdet der ahnungslose Wohltäter das Kind seiner einheimischen Gesellschaft, macht es entweder zum gehätschelten Ernährer der Sippe oder zum verpönten Gernegroß.
Mit derlei Problemen werden die Paten nicht behelligt. Über die innenpolitischen Verhältnisse in den Empfängerländern gibt es in den Spenderzeitschriften kaum je Informationen, schon gar nicht über unterdrückte Minderheiten und oppositionelle Bestrebungen in den oftmals autoritär regierten Staaten. Und die Nabelschau der noblen Wohltäter lenkt davon ab, sich mit den Ursachen der Armut zu beschäftigen.
Die einzigen Probleme, so scheint es, liegen in der rechten Selbstdarstellung des jeweiligen Vereins, in den sprachlichen und postalischen Hemmnissen beim Briefverkehr und allenfalls noch in dem Bemühen, den Anteil vom Patenschaftsbeitrag für Verwaltung und Öffentlichkeitsarbeit nach außen möglichst gering zu halten.
Über ihre Finanzen geben alle, vom Multi- bis zum Miniverein, bereitwillig Auskunft, was offenkundig einem zentralen Bedürfnis der Spender entspricht. Die Organisationen verheimlichen nicht, daß Patenschaften teurer sind als die herkömmliche Armenhilfe. Während die Wohlfahrtsvereine im Schnitt drei bis sieben Prozent ihres Etats für Verwaltungs- und Werbekosten ansetzen, beziffert
die Kindernothilfe den Anteil auf 11,9 Prozent, World Vision nennt dreizehn und CCF gar knapp 20 Prozent.
Das sei eben, erläutert World-Vision-Chef Kohl, der Preis für "persönliche Kontakte zu den Menschen in der Dritten Welt". Den Spendern "und auch uns", versichert Kohl, sei das "den Mehraufwand wert".
Der ist nötig, um das Herzstück des Patenschaftswesens, den Briefaustausch zwischen Spendern und Beschenkten, in Gang zu halten: Porto, Übersetzung, Überwachung des Brief- und Spendeneingangs verschlingen viel Geld. Denn die Paten erwarten, daß die Kinder regelmäßig, zumindest zu den hohen Feiertagen, sich mit ein paar Zeilen erkenntlich zeigen.
So beschwerte sich ein Pate beim CCF, "seit acht Wochen" habe er "keine Nachricht mehr von Fortaleza", dem brasilianischen Heimatdorf seines Patenkindes, "keinen Dank, keine Anerkennung für Weihnachtsgratulation, für Weihnachtsgeld, für Geburtstagsgeld". Darüber sei er "traurig und aufgeregt". Er kündigt deshalb Konsequenzen an: "Ich will meine Freigebigkeit stark reduzieren." Denn, fragt er, "was sind das für seltsam rauhe Sitten"?
Um den Vorstellungen der Paten zu entsprechen, hat die Kindernothilfe den Betreuern in indischen Heimen eine Anleitung ("Manual") an die Hand gegeben, die penibel festlegt, wie die Korrespondenz abzuwickeln ist, welche Termine einzuhalten sind und was in den Briefen von Ton und Inhalt her nicht drinstehen soll.
"Bitte sehen Sie zu", heißt es da, "daß in den Briefen der Kinder keine Betteleien enthalten sind." Den Kindern, die noch nicht schreiben können, "sollte die Gelegenheit gegeben werden, ein kleines Bild zu zeichnen oder irgendwelche Kritzeleien auf einem Blatt Papier mit Buntstiften zu machen". Denn: "So etwas freut die Pateneltern."
Jedes Jahr sollen den Paten außerdem neue Photos geschickt werden, "die die Kinder in einer natürlichen Pose zeigen" und nicht "in einem Studio vor einem künstlichen Hintergrund aufgenommen" sein sollen. Und die Kinder sollen "natürlich lächeln und nicht in die Kamera schauen, als wären sie bestraft worden".
Trotz dringender Ermahnung ("Bitte, achten Sie darauf, daß Briefe der Kinder nicht stereotypisiert sind") bewirkt das 65seitige Regelwerk gerade das Gegenteil:
Die Briefe klingen alle schablonenhaft - was wiederum die Paten mißtrauisch macht, insbesondere wenn - wie es Tester Lisch widerfuhr - "an einem Tag zwei Briefe aus demselben Projekt mit identischem Text" eingehen. Der eine kam "vom eigenen Patenkind, der zweite von einem anderen Kind und war nur falsch adressiert".
Stutzig machen auch die religiösen Phrasen, die das Geschriebene aufgesetzt erscheinen lassen: "Akoele wünscht", so ein Gruß an Lisch, "daß Gott der Allmächtige Dir ein langes Leben gibt, so daß Du ihr zu einer besseren Zukunft verhelfen kannst und sie nützlich für die Menschheit, ihre Familie und ihr Land wird." Der Empfänger
fragt sich: "Schreiben so Kinder?"
Auf derlei rührselige Briefe verzichten muß allerdings, wer Lischs Empfehlung folgt, statt einer Kinderpatenschaft lieber eine Projektpartnerschaft in der Dritten Welt zu übernehmen.
Solche Projekte können ein Kinderdorf sein (der Hermann-Gmeiner-Fonds offeriert neben Einzel- auch Dorfpatenschaften), Gesundheitsstationen der Deutschen Welthungerhilfe etwa in Burkina Faso (früher Obervolta) oder der Andheri-Hilfe in Indien, eine von Terre des Hommes unterstützte Fischereigenossenschaft auf den Philippinen, Bewässerungsmaßnahmen des Weltfriedensdienstes in Mosambik oder Bildungseinrichtungen des katholischen "Missio Projekt-Dienstes" in Südamerika.
Lisch, der vergleichshalber auch solche Projektpartnerschaften übernommen und vor Ort besichtigt hat, kommt zu dem Schluß: "Wer all das besucht hat, sieht sein Geld gut angelegt."
Doch kein Zweifel: Für Projekte, die auf Kinder ausgerichtet sind, "gibt es", wie die Stiftung Warentest bei einer Umfrage ermittelte, "eher Geld". Vor die Wahl gestellt, eines von acht ausgesuchten Projekten zu unterstützen, entschieden sich 26 Prozent für eine Kinderkrankenstation in Obervolta und 15 Prozent für ein Waisenhaus in Burma, aber nur fünf Prozent zugunsten einer Ausbildungsförderung für die Landbevölkerung in Kolumbien und vier Prozent für ein landwirtschaftliches Bewässerungsprojekt auf den Kapverdischen Inseln.
Kinderpatenschaften sind die Renner. "Bisher", resümiert Lisch, "fließt das Geld für ein einzelnes Kind, das einen womöglich noch aus dunklen, traurigen Augen anschaut, leichter als für ein anonymes Projekt."
Deshalb mögen World Vision und CCF auch nicht offen zugeben, daß sie die Einzelkindförderung, die sie propagieren, teilweise abgewandelt haben: CCF hat die "Familienhilfe" entdeckt, "Community Development" heißt die Devise bei World Vision. Oder wie deren Deutschland-Direktor Kohl sagt: "Wir lassen die Kinder im Dorf."
Aber nur im Kleingedruckten enthalten die Anzeigen von World Vision neuerdings den Hinweis, daß eine Patenschaft nicht allein einem Kind, sondern auch "seiner Familie und seinem Dorf" zugute komme. Auf die großflächige Werbung mit Kinderköpfen will Kohl, auch wenn sie irreführend ist, nicht verzichten: "Das Kind ist für uns ein Fenster ins Projekt."
Die Unlauterkeit zahlt sich aus. Von der Fachzeitschrift "Horizont Advertising Age" wurde die umstrittene World-Vision-Reklame unlängst prämiert - für "hervorragende Leistungen im Bereich des Sozial-Marketing, insbesondere für die beispielhafte Umsetzung gesellschaftspolitischer Probleme in bewußtseinsbildende Kommunikation".
Bei Schluckimpfung.

DER SPIEGEL 48/1985
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