29.07.1985

OPECMager genug

Die Saudis, die einst die Opec dirigierten, haben die Kontrolle über das Kartell verloren. *
Mana Said el-Uteiba, Ölminister der Vereinigten Arabischen Emirate, ist im Berufsalltag damit beschäftigt, seinem Land zu möglichst hohen Öleinnahmen zu verhelfen. Der Petro-Politiker aus dem Opec-Staat am Arabisch-Persischen Golf hat aber auch schöngeistige Ambitionen: Er dichtet.
Quellen der Inspiration für Poet Uteiba sind vor allem Opec-Konferenzen. Und so verfaßte er auch anläßlich der Kartell-Versammlung in der vergangenen Woche wieder ein Öl-Gedicht.
Erstmals klagte er darin nicht nur über die Uneinigkeit innerhalb der Opec. Er packte auch gezielte Kritik an einem Kartell-Kollegen in seine Verse.
Preissenkungen seien "der Schritt des Schwächlings, der sich ergebe", zürnte Uteiba. Alle, die das Gedicht des Mannes vom Golf lasen, wußten, wer gemeint war: Saudi-Arabiens Ölminister Ahmed Saki el-Jamani. Der hatte vorige Woche in Genf erneut für niedrigere Ölpreise plädiert, um so mehr von dem Stoff verkaufen zu können.
Uteibas poetische Attacke auf seinen ehemals engsten Opec-Verbündeten zeigt, daß die Risse in der Ölexport-Organisation immer tiefer werden. Insbesondere aber ist sie ein Indiz dafür, daß die Autorität der einst hochangesehenen Saudis arg angegriffen ist.
Erst nach einer gescheiterten Vorkonferenz Anfang Juli in Wien und nach fast vier Tagen hitziger Auseinandersetzungen in Genf gelang es Jamani, die Mehrheit der 13 Opec-Mitglieder zu einem Beschluß zu bewegen. Der fiel mager genug aus: Gegen die Stimmen der Abgesandten aus Algerien, Libyen und dem Iran, die grundsätzlich gegen jede Preissenkung opponieren, entschied die Opec-Mehrheit, die Preise für schweres Rohöl um 0,50 Dollar und für mittlere Qualitäten um 0,20 Dollar je Barrel (159 Liter) zurückzunehmen.
Jamani hatte eine weit deutlichere Preissenkung gefordert. Denn der geringe Preisschnitt wird die Absatzsorgen des Saudis kaum beheben können. Auf den freien Märkten ist schweres Rohöl, wie es vor allem in Saudi-Arabien und Kuweit gefördert wird, immer noch rund einen Dollar billiger als der zum neuen Opec-Preis von 26 Dollar je Barrel angebotene Stoff.
Daß sich fast alle Opec-Mitglieder weigern, realistischere Preise zu beschließen, hat einen simplen Grund: Diese Länder verkaufen einen großen Teil ihres Öls ohnehin nicht zu den offiziellen Tarifen, sondern schlagen es heimlich zu den niedrigeren freien Weltmarktpreisen los.
Allein Saudi-Arabien, das als Opec-Land mit den weitaus höchsten Reserven das größte Interesse an einem langfristigen Bestand des Öl-Klubs hat, hielt sich bislang an die Kartell-Beschlüsse. Zu hohe offizielle Preise waren daher nur für die Saudis von Nachteil: Sie mußten ihre Produktion weit drastischer drosseln als die Kartell-Genossen. Durch ihre Billig-Verkäufe konnten sich die kleineren Produzenten Marktanteile auf Saudi-Kosten sichern.
Die Saudis spielten dieses Spielchen lange geduldig mit. Denn auch ihnen war klar, daß sie als Opec-Mitglied mit der höchsten Förderung die Hauptlast der Anpassung an eine niedrigere Nachfrage nach Opec-Öl zu tragen hatten. Noch im Januar nahmen sie sogar hin, daß der offizielle Preis für das vornehmlich von ihnen angebotene schwere Rohöl um 0,50 Dollar angehoben wurde.
Im Juni aber ließ Saudi-König Fahd den anderen Opec-Regenten mitteilen, er sei nicht länger gewillt, Absatzeinbußen hinzunehmen. Für den Fall, daß Saudi-Arabien durch die irregulären Verkäufe der anderen Opec-Mitglieder weiterhin Marktanteile verliere, drohte der erboste Öl-Monarch den Partnern einen offenen Preiskrieg an.
Mit einer Tagesleistung von etwa 2,2 Millionen Barrel ist die Saudi-Förderung so tief gesunken, daß das Land nicht länger fähig ist, der sogenannte Swing-Produzent der Opec zu sein. Der Swing-Produzent muß in Zeiten der Ölschwemme wie der Ölknappheit seine Förderung so senken oder anheben können, daß allzu heftige Preis-Ausschläge nach oben oder unten vermieden werden.
Macht und Einfluß der Saudis innerhalb der Opec waren in der Vergangenheit darauf gegründet, daß sie allein in der Lage waren, diesen Part zu übernehmen. In Phasen steigender Nachfrage verfügten sie über genügend freie Förderkapazitäten, um schlimme Versorgungsengpässe zu verhindern; in Zeiten der Flaute hatten sie ausreichende finanzielle Polster, um auch starke Absatzverluste hinnehmen zu können.
So fuhren die Saudis Ende der siebziger Jahre ihre Produktion hoch, um nach einem Ausfall persischer Öllieferungen Preis-Exzesse anderer Opec-Exporteure zu unterbinden. Mit neun bis zehn Millionen Barrel täglich förderten sie damals über 40 Prozent des gesamten Opec-Öls. Ihre Petrodollar-Einnahmen stiegen auf 120 Milliarden jährlich.
In der anschließenden Öl-Baisse erklärten sich die Saudis bereit, ihre Förderung bis auf 4,35 Millionen Barrel pro Tag zurückzufahren. Und für das laufende Haushaltsjahr planten sie in ihrem Budget nur noch eine Tagesleistung von 3,85 Millionen Barrel ein.
Mit seinen 2,2 Millionen Barrel täglich fördert Saudi-Arabien, der einst weitaus größte Ölexporteur der Welt, derzeit jedoch nicht einmal soviel wie Großbritannien. Das Nahost-Land, das früher einen Devisenschatz von 160 Milliarden Dollar horten konnte, hat heute das zweitgrößte Leistungsbilanz-Defizit der Welt (hinter den USA).
Um das Defizit im Staatsetat zu begrenzen, sind bereits die Subventionen für Wasser, Strom und Benzin gekürzt worden. Die Gehälter der öffentlich Bediensteten sollen um bis zu 30 Prozent beschnitten werden.
Vertreter ärmerer Opec-Länder sind von solchen Sparanstrengungen wenig beeindruckt. Sie weisen darauf hin, daß die Saudis immer noch weit mehr Öl pro Kopf der Bevölkerung fördern als die meisten anderen Opec-Partner.
"Es ist nicht leicht für eine Familie, gemeinsame Interessen zu haben", erläutert Algeriens Ölminister Belkacem Nabi den Opec-Zwist, "wenn einige Mitglieder 20000 Dollar pro Kopf verdienen und andere nur 600 Dollar."
[Grafiktext]
REICHE UND ARME Pro-Kopf-Einkommen in den OPEC-Ländern in Dollar, 1983 Vereinigte Arab. Emirate Katar Kuweit Saudi-Arabien Libyen Gabun Venezuela Irak Algerien Ecuador Nigeria Indonesien Zahlen für den Iran nicht verfügbar zum Vergleich: Bundesrepublik Quelle: Weltbank
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 31/1985
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